Gemeinsame Überstunden

Spät abends nach 22:00 hocke ich noch in der Firma am Schreibtisch.
„Mach Feierabend“, raune ich mir zu. „Niemand mehr in der Firma. Nur du Idiot, Stefan. Alle Zimmer sind dunkel. Keine Telefon seit Stunden. Kein Kollege seit Stunden.“.
Doch halt, eine Etage tiefer scheint noch Betrieb. Susanne bereinigt wohl noch die letzten Unebenheiten der Quartalsbilanz. Die hat auch die Arschkarte erwischt, wie ich. Termine, Termine, Termine. Susanne ist eine attraktive Kollegin. Neulich auf dem Betriebsausflug hatten wir uns lange und gut über Gott und die Welt , wie man so sagt, unterhalten. Auch ein wenig getanzt. Ich mag sie, nenne sie aber nicht Susi, wie einige Kollegen/innen. Susanne ist ein geduldiges Schaf, denke ich. Wie ich auch. Irgendwie sind wir seelenverwandt. Immer wir sind die Termindruckgeplagten. Die ledigen, kinderlosen und vermeintlich lammfrommen Mitarbeiter, die keiner unzumutbaren Arbeitsüberlastung widersprechen. Denen man allen Mist aufbürden kann. Da sind wir Zwillinge, Susanne und ich.
In maximal einer Stunde müsste ich mit meinem Arbeitsprogramm durch sein. Dann ist endlich, endlich Feierabend. Ein erbärmlicher Rest von Feierabend. Unternehmen kann ich nichts mehr. Ein Absacker zuhause wäre noch drin. Ich bin hundemüde. Schlafen kann ich trotzdem nicht. Bin zu aufgeregt wegen der arroganten Art vom Chef. Er verlangt die vollständig ausgefüllte Steuererklärung für 2023 übermorgen früh punkt 08:00 auf seinem Schreibtisch. Als ich ein wenig protestiere, nach Übermorgen sei auch noch ein Tag, schnauzt er mich an: „ Was fällt Ihnen ein, mir zu widersprechen. Wollen Sie noch eine Abmahnung ? Können Sie haben. Übermorgen früh punkt 8:00 ! Keine Sekunde später. Das Finanzamt fackelt nicht lange, wenn wir die Abgabefrist wieder überziehen.“ Unverschämte Frechheit vom Chef ist nicht nur, daß er mit mir wie ein Hauptfeldwebel zu einen Schützen Oberarsch spricht. Viel schlimmer noch erfindet er im Beisein der halben Kollegenschaft eine nie erteilte erste Abmahnung.
„Na dann, erstmal einen Kaffee zum Wachbleiben“, schiebe ich die Erinnerung an die gestrige Philippika beiseite. Auf dem Flur beim Kaffeeautomaten höre ich Schritte von unten die Treppe herauf. Das muss Susanne sein. Außer uns beiden ist niemand mehr in der Firma. Da ist sie schon. Steuert direkt auf mich zu. Leichten Schrittes mit rhytmisch schwingenden Hüften. Turnschuhe. Weiße Bluse . Die beiden obersten Knöpfe wirken wie aufgeplatzt angesichts ihrer enormen Oberweite. Unfähig, das Busenvolumen vollständig blickneutral zu bändigen. Ihr tiefschwarzes Haar trägt sie fast immer streng nach hinten gebunden. Nur selten frei fallend mit aparten Locken, die ihr zartes Gesicht umspielen. Susanne ist schön. Sehr schön. Äußerst attraktiv. Warum ist mir das bisher nicht so deutlich aufgefallen. Vielleicht weil wir uns sonst während des Tagesbetriebes immer nur flüchtig begegnet sind ?.
Mit einem lächelnden „Hallo Stefan, auch noch so spät zum Wohle der Firma“? begrüßt sie mich sie ironisch.
„Du weißt doch. Die Steuern 2023. Übermorgen punkt 8:00 muss die Erklärung abgabefertig sein.“
Sie schaut mich ein wenig mitleidig an: „ So hat jeder sein Päckchen zu tragen. Bei mir pressiert die Quartalsbilanz.“ Sie sagt „ pressiert“. Kommt ja aus Bayern. Mit einem lächelnden „Magst meinen Kaffee ? Hier bitte sehr“, überlasse ich ihr meinen heißen Pappbecher. Sie ergreift ihn vorsichtig mit beiden Händen und verbleibt einen winzigen Moment länger als notwendig an meiner rechten Hand. Ich spüre ihre Wärme. Sichtlich verlegen verabschiedet sie sich mit einem schnellen „Danke auch. Bis dann.“ zurück in ihr Büro eine Etage tiefer.
Die kurze Begegnung mit Susanne hat gutgetan. Mich aus der lähmenden Müdigkeit und dem Frust wegen der elenden Überstunden ein wenig befreit. „ Komm, alter Junge“, feuere ich mich an. „ Noch eine Stunde. Dann ist Finito.“ Und schon hat die konzentrierte Arbeit mich wieder so sehr eingefangen, daß ich ein erstes Klopfen an meiner Bürotür nur schwach registriere. Ein zweites Klopfen erwidere ich mit einem neugierigen „ Herein“. Völlig unerwartet tritt Susanne in mein Zimmer. Eine Akte in der Hand. Sofort bin ich hellwach. Stutze. Staune. Ihr Haar trägt sie jetzt lang. Locken umschmeicheln ihr Gesicht.
Ihre offenherzige Bluse sticht mir erneut in die Augen. Ist da ein weiterer Knopf gelöst? Und vor wenigen Minuten hatte sie doch Turnschuhe an. Jetzt Stöckelschuhe. „Susanne! Was gibts?“, bemühe ich mich, dienstlich zu bleiben.
Mit einem eher schüchternen „Du, Stefan, ich hab da ein Problem“, steht sie vor meinem Schreibtisch. Die dünne Akte reicht sie über den Tisch; legt sie hin und beugt sich vor, daß ihre Brüste fast aus der Bluse kullern. Mit einem kurzen„ Ich komm mal rum zu dir“, ist sie schnell an meiner linken Seite. Ein exotisches Parfum begleitet sie. Chanel Nr. 5 ? Der Duft war doch vorhin im Flur noch nicht. Oder doch? Nein , bestimmt nicht. Ganz langsam dämmert mir, daß da eine andere Susanne neben mir steht. Nicht die geschätzte Kollegin, sondern die Privatperson Susanne. Die Verwandlung zur attraktiven Frau ist ihr perfekt gelungen. Zur Frau mit wallendem Haar, weit offener Bluse und verführerischem Duft an Haar und Körper. Und die Pose vor meinem Schreibtisch, daß und wie sie sich herabgebeugt hat. Die will dich vernaschen, schießt es mir durch den Kopf. Der Gedanke, daß Susanne mich verführen will, steigt vom Zentralnervensystem geleitet urplötzlich herab zwischen meine Schenkel. Meine Hose schwillt an.
„ Susanne“, höre ich mich laut mit gut gespielter Empörung sagen. „Du willst doch nicht ?„ „Doch“ flüstert sie. „Das wollte ich schon beim letzten Betriebsausflug. Jetzt ist die beste Gelegenheit, daß wir zusammenkommen. Niemand sonst ist im Haus. Komm mit nach nebenan. Du hast doch einen Ruheraum mit Bett.“ Schon steht sie auf und will mich mitziehen. Da ich noch zögere, lässt sie los und entfernt sich zwei Meter von mir. Beginnt zu tänzeln. Ihre Hüften schwingen lasziv links rechts.. Mit den glatten Innenflächen ihrer Hände streichelt sie sich immer wieder. Aufreizend langsam. Hüfthoch bis schenkelrunter. „Naaaa ? Was ist ? Kommst Du? “, lockt sie mich, jetzt überhaupt nicht mehr schüchtern. Ich zögere noch, obwohl der mittlerweile erwachende Stefan in meiner Hose fast rebelliert. Nicht, daß ich nicht gewollt hätte. Susannes Verführungstanz bringt mich fast zur Weißglut. Im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Skrupel richten sich nicht gegen eine heißblütige Susanne.
Was ist, wenn in der Firma bekannt wird, was wir hier vorhaben? Ist der Nachportier wirklich weg? Ist der Sicherheitsdienst schon durch? „Seit einer viertel Stunde“, beruhigt mich Susanne.
„Dessen Rundgang um 22:00 habe ich bewusst abgewartet. Gäbe es keinen Sicherheitsdienst, wäre ich schon viel früher gekommen. Ich bin rattenscharf auf dich. Seit Wochen schon. Genau seit dem Betriebsausfug. Hab mich nur nie getraut. Und die heutige Gelegenheit, mit Dir zu schlafen, werde ich nutzen. Du entkommst mir nicht.“ Ehe ich mich versehe, sitzen wir auf der Bettkante in meinem Nebenzimmer. Wie hingezaubert stehen Getränkeflaschen neben dem Bett.
„ Ich habe was zu trinken. Was magst Du außer Wasser, Milch und Saft. Die sind tabu. Die werfen uns zurück …“. Wir wählen beide den Wein. Mit dem ersten Schluck schaue ich in zwei strahlende Augen, die selbstbewusst andeuten, was gleich passieren wird. „Susanne,“ flüstere ich ihr ins Ohr. „ Ich glaube, auf diesen Moment habe ich unbewusst auch gehofft. Seit dem letzten Betriebsausflug,“.
Mittlerweile schwer beduselt von Susannes Liebreiz und leicht angetüttert vom Wein schiebe ich ihre Bluse hoch und nestele ich an ihrem BH. Der muss weg. Als das gelingt, fallen ihre Brüste kaum sichtbar nach unten. „Susanne, wie schön du bist“ stöhne ich immer wieder wie ein Vollidiot und verstecke mein Gesicht in ihrem Busen, während Susanne, in Gedanken wohl schon beim Coitus, mein Glied aus meiner Hose gefummelt hat.
So geschieht, was geschehen musste.
Noch beduselt von den letzten erregenden Minuten liegen wir schweigend nebeneinander, bis Susanne sagt; „Ist das nicht herrlich? Wir vergnügen uns hier und kriegen das noch als Überstunden bezahlt.
„Ja. So ertrage ich das. Ab jetzt kann der Chef mich täglich zusammenstauchen und zu Überstunden verdonnern. Hauptsache, Du bist dabei“


© Wolfgang Karwatzki


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Kommentare zu "Gemeinsame Überstunden"

Re: Gemeinsame Überstunden

Autor: humbalun   Datum: 10.07.2026 18:00 Uhr

Kommentar: Hallo

Du bist ein echter Schriftsteller.
Ein Künstler und Wortakrobat.
Und ein Lebenskünstler. Das
lebende Gesamtkunstwerk.
Ehrlich! Die Geschichte hat
Klasse. Da müssten mehr
Kommentare sein. Ich denke,
das liegt am Sommer. Die Leute
sind in der Natur. Und nicht
am Computer! MfG Klaus

Re: Gemeinsame Überstunden

Autor: Karwatzki,Wolfgang   Datum: 11.07.2026 11:47 Uhr

Kommentar: Guten Tag humbalun,
herzlichen Dank für die überschwängliche Kritik.
Aber hast Du mit "Lebenskünstler" und " Gesamtkunstwerk" nicht maßlos übertrieben?
Liebe Grüße
Wolfgang

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