Es war Sonntagvormittag und er lag allein auf seinem Bett. Müde und verwirrt. Die Erinnerung an die vergangene Nacht war noch allzu gegenwärtig. Einerseits machte sie ihm im Nachhinein noch Angst, andererseits aber schützte sie ihn auch vor der Kälte, die bereits wieder in seine Seele kroch. Die Frau, die er in seinen Armen gehalten hatte, war wie ein Wirbelwind gewesen. Sie hatte seine innere Distanz und seine Kontrolle einfach hinweggefegt und ihn mit Liebe überschüttet. Das war kein Spiel gewesen und es hatte sein Selbstverständnis tief erschüttert.

In den zwei Jahren ihrer Zusammenarbeit hatte er ihr niemals Anlass gegeben, zu glauben, dass jemals mehr, zwischen ihnen sein könnte, als der Job. Auch sie war immer kühl und distanziert gewesen. Er hatte sie auch nie für attraktiv gehalten. Sie war klein, hatte einen kurzen Schopf voller Locken, die nach allen Seiten abstanden, und… sie trug eine große Brille. Diese Brille hatte er gehasst. In seinen Augen sah sie aus wie eine Eule. Als Frau war sie damit für ihn disqualifiziert.
Erst nachdem sie schon ein Jahr lang seine Assistentin gewesen war, hatte er festgestellt, dass sie diese Brille gar nicht brauchte, dass sie sie nur aufsetzte, um sich zu schützen. Und um ihn auf Abstand zu halten.

Nach dieser Erkenntnis war er anders mit ihr umgegangen. Er war freundlicher geworden, hatte ihr mitunter die Tür aufgehalten und einmal hatte er ihr sogar einen Kaffee angeboten. Denn dass eine Frau ihm eine Grenze setzte, konnte er nicht zulassen. Sie hatte seine Bemühungen mit einem leichten Lächeln quittiert, sonst aber kein Entgegenkommen gezeigt. Danach war er so weit gegangen, sie zu einer Partie Schach zu sich nach Hause einzuladen. Heimlich hatte er gehofft, sie würde ablehnen, aber sie hatte ihre Brille abgenommen, ihn angelächelt und genickt.

Königsgambit. Er hatte das Spiel schnell und aggressiv eröffnet. e4 geopfert, um ein freies Feld zu haben, dann f2, um sie unter Druck zu setzen. Und um ihr zu zeigen, wer das Sagen hatte. Lächelnd hatte sie das akzeptiert, und mit wenigen Zügen sein Gambit zunichte gemacht, Schach. Später hatte er versucht, sich einzureden, er hätte sie aus Höflichkeit gewinnen lassen, aber selbst gewusst, dass es nicht stimmte.
„Schach ist ein intuitives Spiel, du sollst dabei nicht so viel nachdenken…“ das vergnügte Funkeln in ihren Augen hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht.

War Sex auch ein intuitives Spiel? Hatten sie beide nicht nachgedacht? Er sicher nicht, denn sonst hätte er nicht auch dieses Spiel verloren. Wie beim Königsgambit hatte sie ihn um die Kontrolle gebracht. Mit ihrer Umarmung seine Aggression gestoppt, mit ihrem Mund ihn gefügig gemacht. Sie hatte gespürt, was er wollte, was er brauchte, und ihm gegeben, wonach sein Körper lechzte. Doch sie hatte auch erkannt, was er vor jeder anderen Frau hatte verbergen können. Die Angst, sich fallen zu lassen. Diese tiefsitzende Urangst, nicht genug zu sein, nicht als Sieger aus jedem Spiel hervorzugehen. Und sie war für ihn da gewesen, hatte ihn gehalten, seinen Schlaf bewacht, war Geliebte und Mutter zur gleichen Zeit gewesen.

Jetzt lag er auf seinem Bett und verstand nicht, was mit ihm geschehen war. Er schämte sich und wusste nicht wofür. Verzweifelt raffte er seine Bettdecke zusammen und begrubt sie unter seinem Körper. Er hatte das Sagen. Er war der beste Schachspieler der Firma gewesen. Bis gestern. Da war diese kleine Frau gekommen, hatte ihre Brille abgenommen und ihn das Fürchten gelehrt. Auf dem Schachbrett und auch im Bett. Sie hatte ihn durchschaut, hatte ihm die Maske weggerissen, seinen Schutz. Und den zerrütteten Mann, den sie dahinter gefunden hatte, in ihre Arme genommen. Und genau das machte ihm Angst. Diese Gefühle, die sie in ihm geweckt hatte - er verstand sie nicht. Und er verstand auch nicht, wieso er ihr so viel Raum hatte geben können. Nie hatte er ein Spiel verloren, das er mit dem Königsgambit eröffnet hatte. Und nie hatte er sich im Bett einer Frau bedingungslos anvertraut. Wie sollte er ihr morgen wieder als ihr Vorgesetzter entgegentreten?

Und wie sollte er ihr sagen, dass er Revanche wollte?


© Susanna-Ka


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Kommentare zu "Königsgambit"

Re: Königsgambit

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 05.07.2026 22:18 Uhr

Kommentar: Wunderbar, Susanne,
wieder einmal eine Geschichte, die etwas hat, was du vorzüglich beherrschst. Da ich sehr intuitiv bin, also so schreibe, so lebe und aber auch lese, werde ich keinen analytischen Kommentar abgeben können.
Die Sache mit der Brille ist wirklich herrlich. Zunächst einmal, dass sie eine Brille trägt, um ihn auf Abstand zu halten, aber auch die Fortführung des Themas, als sie ihre Brille abnimmt und bei ihm eine Tür öffnet, die er immer ganz bewusst vor anderen, aber auch vor sich selbst verschlossen gehalten hat                   ich fands einfach wunderbar.
Und über den Satz, dass er nach einem Jahr feststellt, dass sie ihre Brille gar nicht braucht, habe ich herzlich gelacht. Und gleich folgt das Nächste, die Einladung zum Schach, seine heimliche Hoffnung, sie würde ablehnen                 und sie nimmt die Brille ab und nickt.
Wunderbares Kopfkino. Ich konnte es mir so gut vorstellen. So eine Situation, wo man einmal Mäuschen sein möchte.
In deiner Geschichte kann man es. ;-))

Re: Königsgambit

Autor: Regina Wey   Datum: 06.07.2026 0:20 Uhr

Kommentar: Hallo Susanne,
ein starker, beeindruckender Text, den ich Zeile für Zeile sehr gerne gelesen habe.
Man kann ihm eigentlich nur wünschen, dass er seine Revanche bekommt, aber nicht um Stärke zu demonstrieren, sondern ihn erkennen zu lassen, dass man auch als Mann Schwäche zeigen und loslassen darf.

Liebe Grüße
Regina

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