Lucia kam nicht als Heldin ins Tal. Eher wie jemand, der unterwegs zu viel Wind geschluckt hat und trotzdem noch steht. Auf den letzten Metern merkte sie: Dieser Ort riecht nicht nach „Ende Winter“. Er riecht nach „Winter hat Risse“. Nach nassem Stein, nach Salz, nach Holzrauch aus Kaminen. Die Kamine liefen aus Gewohnheit weiter, obwohl die Kälte nicht mehr so entschlossen war wie noch vor Wochen.
An den Nordseiten lagen Schneereste wie vergessene Tücher, grau an den Kanten, hart dort, wo niemand hinkommt. Dazwischen zog sich Tauwasser durch die Spurrillen, schmal und glitzernd, als würde es heimlich üben, wieder ein Bach zu sein. Lucia grinste kurz, obwohl ihr alles weh tat. Wasser tut immer so, als hätte es Zeit. Und am Ende gewinnt es trotzdem.
Sie mochte dieses stille Gesetz der Natur. Nichts muss dramatisch sein, um unaufhaltsam zu werden. Wenn irgendwo ein Tropfen fällt, ist das keine Musik. Aber es ist eine Entscheidung.
Der Weg führte sie an Hecken vorbei. Noch kahl, aber schon mit diesen winzigen Knospen. Sie sehen aus wie schlechte Ausreden, bis man merkt, was daraus wird. Lucia blieb stehen und strich mit der Fingerspitze über so einen Knubbel.
Er war hart. Kalt. Unspektakulär. Und trotzdem zog es ihr kurz den Brustkorb eng zusammen. Nicht traurig. Eher dieses innere: „Guck. Es geht weiter.“
In ihrer Tasche klackerte die Dose. Metall auf Metall. Immer an derselben Stelle. Sie hasste das Geräusch, weil es sie verriet. Und sie liebte es, weil es ihr bewies: Sie war nicht nur wegen einer Idee gelaufen. Man kann sich vieles einbilden. Wärme nicht. Wärme ist unverschämt konkret.
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### Das Gewächshaus
Als sie das Gewächshaus sah, blieb sie nicht stehen, weil es schön war. Sie blieb stehen, weil es standhielt. Dicke Scheiben, schwere Streben. Kein dekoratives Glasding, das im ersten Sturm klirrt und dann romantisch kaputt ist. Eher ein Kasten, gebaut wie ein Versprechen, das niemand laut ausspricht. Drinnen brannte gelbliches Licht. Stumpf. Zuverlässig. Und Lucia spürte, wie die Wut hochkam. Nicht aufs Gewächshaus. Auf die Idee, dass Licht selbstverständlich sein könnte.
Sie klopfte einmal und wartete, bis ihr Atem nicht mehr so laut klang. Dann klopfte sie ein zweites Mal. Flacher. Kürzer. Als würde sie die Tür nicht stören wollen. Und stört sie doch.
Drinnen passierte lange nichts. Nur das Summen ihrer eigenen Ohren. Dann dieses leise Scharren, als würde jemand am Türbereich etwas wegziehen. Nicht für Besuch. Für einen besseren Winkel. Als die Tür sich endlich einen Spalt öffnete, kam zuerst die Wärme. Nicht die Stimme. Wärme, wie ein vorsichtiger Atem. Und dazu dieser Erdgeruch, der sofort in den Kopf geht. Weil er nichts verlangt und trotzdem alles erinnert.
Ein Gesicht im Schatten. Augen wach, müde, präzise. Der Blick glitt über Lucias Hände, über die Tasche, über den Schnee in ihren Haaren und die rote Nase. Lucia hob die Hand. Nicht zum Winken. Eher: Ich bin da. Aber ich greife nicht.
„Du tropfst“, sagte die Frau, und es war kein Vorwurf, mehr ein trockenes Feststellen, wie man den Wetterbericht liest.
Lucia sah an sich runter, die Nähte ihrer Jacke dunkel, der Saum schwer vom Schmelz. „Ja.“
Die Frau ließ den Blick kurz nach links und rechts in die Gasse wandern, als würde sie prüfen, ob Lucia allein ist. Ihre Hand blieb am Türblatt. Bereit, alles in einer Bewegung wieder zu beenden.
Floras Blick blieb an Lucias nassen Nähten hängen, an den Händen, die sich kaum noch entscheiden konnten zwischen Zittern und Festhalten. Einen Moment stand die Tür wie festgenagelt, dann gab sie nach.
„Rein. Komm“, sagte sie, und es klang nach Werkstatt, nicht nach Willkommen. „Du kippst mir sonst gleich um.“
Sie deutete auf die Schwelle. „Schuhe abklopfen. Setz dich auf den Hocker. Ich hol dir was Warmes. Und bevor du dich entschuldigst: spar’s dir.“
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### Warm. Kaffee.
Lucia trat ein, und das Erste war die Wärme. Direkt. Schwer. Als würde der Körper sich erinnern: ach so, so fühlt sich das an.
Das Zweite war der Geruch: feuchte Erde, Holz, ein Hauch bitterer Kaffee. Und darunter etwas Grünes. Noch nicht da, aber schon wie eine Idee in der Luft.
Hinter ihr schob Flora den Riegel vor. Klick. Lucia zuckte, weil der Ton so endgültig war. Und gleichzeitig war da dieser kleine, beschämend erleichterte Teil in ihr, der dachte: Wind bleibt draußen.
„Ich sperr dich nicht ein“, sagte Flora, als hätte sie das Zucken gesehen und keine Lust auf falsche Geschichten. „Ich sperr den Zug aus. Sonst hab ich hier drin gleich wieder Winter, und darauf kann ich verzichten.“
Lucia klopfte die Stiefel ab. Zweimal. Dann ein drittes Mal, weil ihr Kopf nicht wusste, wann „genug“ ist.
Flora hob kurz die Augenbraue. Nicht böse. Nur dieses trockene: Aha, du bist so eine.
Lucia mochte dieses Mikro-Urteil fast. Es war normal. Sozial. Es sagte nicht „bist du gefährlich“. Es sagte „bist du nervig“.
Sie setzte sich auf den Hocker, hart, unbequem, gerade richtig, um nicht einzuschlafen. Ihre Hände brannten, als das Blut zurückkam, und sie rieb die Finger gegeneinander, langsam, wie jemand, der ein Feuer aus Reibung kennt, aber nicht aus Zunder.
Flora ging los. Zwei Schritte. Dann drei. Als hätte sie beschlossen: Nähe dosiert man wie Salz.
Sie schnappte ein Handtuch vom Haken und warf es Lucia hin. Das Ding roch nach Waschmittel und Erde. Nach einem Alltag, der nie geschniegelt ist, aber funktioniert.
„Hier. Sonst machst du mir eine Pfütze, und ich rutsch nachher aus und brech mir was. Dann hab ich richtig Spaß.“
Lucia fing es und rieb sich durch die Haare. Der Stoff war rau genug, dass er sich ehrlich anfühlte.
„Danke“, sagte sie automatisch. Und merkte sofort, wie groß das Wort hier klingt. Wie ein Paket, das man jemandem in die Arme drückt.
„Mhm“, machte Flora, und das war kein „gern“, eher ein „ich hab’s gehört, aber mach daraus jetzt keinen Film“.
Dieses zu große „Danke“ hing einen Moment in der Luft. Wie feuchte Kleidung.
Flora tat das, was Menschen tun, wenn Nähe plötzlich Platz nimmt, den sie nicht geplant haben: Sie gab den Händen Arbeit.
Sie schob den Lappen auf dem Tisch einen Tick zu weit zur Seite. Merkte es. Zog ihn wieder zurück, als hätte der Zentimeter eine Meinung.
Dann wischte sie über eine Stelle, die gar nicht dreckig war. Nur nass vom Kondenswasser.
In der Schublade suchte sie nach einem Löffel. Der erste klebte. Sie machte ein genervtes Geräusch und nahm den nächsten.
Das leise Klacken von Metall auf Holz war plötzlich das Gespräch, das keiner führen wollte.
Lucia versuchte das Handtuch ordentlich zu falten, als wäre Ordnung ein Eintrittsticket, aber ihre Finger machten nicht mit, sie knickten, sie rutschten, sie wurden rot, und am Ende lag das Ding einfach auf ihrem Knie. Fertig. Flora sah das, sagte nichts Dramatisches, nur ein trockenes: „Lass. Wenn du da jetzt rumwringst, tropfst es erst recht.“
Dann griff sie nach der Kanne. Der Deckel saß schief. Sie setzte ihn korrekt drauf, als müsste sie dem Alltag beweisen, dass er noch funktioniert. Dann stellte sie zwei Tassen hin. Erst die eine, dann die andere. Die zweite hatte einen Sprung am Rand. Flora drehte sie kommentarlos so, dass der Sprung nicht direkt ins Gesicht sprang. Das war ihre Art, nett zu sein, ohne nett zu wirken.
„Zucker hab ich nicht“, sagte sie, obwohl niemand gefragt hatte, und schob gleich hinterher, als wäre das die vernünftige Ergänzung: „Und Milch auch nicht. Ist hier kein Café.“
Sie stellte die Kanne auf den Tisch. Zwei Tassen. Als sie einschenkte, stieg Dampf auf. Lucia wurde kurz schwindelig, weil es nach Morgen roch. Nicht nach Frühling. Nicht nach Glück. Nur nach dem simplen Fakt: warm.
„Vorsicht, heiß“, sagte Flora, und das war so banal, so normal, dass Lucia beinahe lachen musste, weil es das erste Wort war, das nicht nach Grenze klang.
Lucia nahm die Tasse mit beiden Händen, trank zu schnell, verbrannte sich die Zunge, verzog das Gesicht.
Floras Mundwinkel zuckten. Ein Mini-Sieg, fast liebevoll, sofort wieder versteckt. „Ja. Genau so. Willkommen im Club der Ungeduldigen.“
Lucia atmete kurz aus, lachte heiser. „Mir war einfach…“ Sie suchte das Wort und merkte, wie lächerlich es ist, in einem Gewächshaus mit brennender Zunge nach dem richtigen Begriff zu suchen. „…kalt.“
„Sieht man“, sagte Flora, und jetzt war da Smalltalk, aber auf ihre Art: trocken, praktisch. „Von wo kommst du?“
„Von… da oben“, sagte Lucia vage und schob mit dem Daumen über die Tasse, als müsste sie sich festhalten. „Ein Stück.“
„Ein Stück ist alles zwischen fünf Minuten und ‚ich will nie wieder‘“, meinte Flora, und sie sagte es so, als wäre es ein Satz, den sie schon tausend Mal gedacht hat, nur eben nie laut. Sie lehnte sich mit der Hüfte gegen den Tisch, nicht ganz entspannt, eher bereit, jederzeit wieder auf Abstand zu gehen.
Lucia nickte, weil sie genau das fühlte: zwischen fünf Minuten und nie wieder.
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### Tropfen. Diva-Wasser.
Draußen klang ein Tropfen. Dann noch einer. Kein Lied. Nur dieses kleine Geräusch, das sagt: Die Welt arbeitet weiter.
Lucia hörte ihn, und ihr Blick wanderte kurz zu den Scheiben, wo Kondenswasser in langsamen Fäden nach unten zog.
„Das tropft hier drin sogar“, murmelte sie, mehr zu sich.
„Ja“, sagte Flora, und da war in dem einen Ja Naturbegeisterung, aber nicht kitschig, eher so, wie Leute sprechen, die wirklich jeden Tag hinschauen. „Wenn die Sonne nur kurz auf die Scheibe kommt, reicht’s. Zwei Grad mehr, und zack, alles wird weich. Wasser ist eine Diva. Will immer Bühne.“
Lucia ließ den Satz einen Moment in sich stehen, und irgendwo in ihrem Brustkorb wurde es einen Tick leichter, weil sie merkte: Flora sieht das auch. Nicht nur Probleme. Auch Tropfen. Auch Licht.
Sie hielt die Tasse noch fest, als wäre das gerade das Einzige, woran sie sich ohne Scham festhalten durfte, und ihr Daumen strich über den warmen Henkel, einmal, zweimal, einfach damit die Hände was zu tun hatten. Sie wollte etwas sagen, irgendeinen banalen Satz, der das Ganze wieder normal macht, aber es blieb stecken, und plötzlich wusste sie kurz nicht, wohin mit sich.
Flora tat in der Sekunde auch nichts Großes. Sie schob nur ein Glas im Regal einen Fingerbreit weiter, richtete die Ecke vom Lappen auf dem Tisch, als müsste irgendwo Ordnung sein, damit hier drin nicht alles kippt, und das leise Schieben war wie ein Ersatz für Worte.
Lucia atmete aus, stellte die Tasse ab, langsam, damit es nicht klirrt, ließ die Finger einen Moment am Rand liegen, und wischte dann die Handflächen an der Hose ab, als könnte man Nervosität einfach abreiben. Erst danach griff sie in die Tasche.
Der Reißverschluss hakte kurz. Lucia zog einmal zu fest. Dann wieder zu vorsichtig.
Erst dann gab er nach. Die Dose klackte einmal, als sie sie herauszog, und Lucia fluchte leise: „Scheiße.“ Nicht über den Klang. Über sich. Über alles.
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### Die Dose
Floras Blick ging sofort dahin. Nicht gierig, nicht neugierig. Er blieb einfach hängen, als wäre da plötzlich etwas im Raum, das man nicht wegignorieren kann.
„Das ist also deine berühmte Dose“, sagte Flora trocken, und es klang locker, aber da war eine Kante drin. „Ich hab schon befürchtet, da ist ein lebender Hamster drin oder so.“
„Wär wenigstens warm“, murmelte Lucia.
Flora schnaubte, und das war, ganz kurz, echtes Lachen. Dann fing sie sich wieder, stellte die eigene Tasse ab, als würde sie sich mit der Bewegung sagen: Okay. Konzentration.
Aber der Satz saß nicht sofort. Sie stand einen Moment da, als müsste sie das Lachen wieder einsammeln, damit es nicht im Raum hängen bleibt. Ihr Daumen strich einmal über den Tassenrand, dann nochmal, als hätte sie plötzlich keine Ahnung, wohin mit den Händen, und sie schob die Tasse einen Zentimeter vor und wieder zurück, völlig sinnlos, aber beruhigend. Ihr Blick ging kurz zur Tür, zum Riegel, als würde sie prüfen, ob alles noch so ist wie eben, und sie räusperte sich leise, nicht elegant, eher: Mensch.
„Sekunde“, murmelte sie, obwohl niemand drängelte, und griff nach dem Löffel, nur um ihn wieder hinzulegen, als hätte sie vergessen, wofür sie ihn überhaupt genommen hat. Dann sah sie zur Dose, sah zu Lucias Gesicht, sah wieder zur Dose, und ihre Finger tippten einmal gegen das Metall, ganz vorsichtig, als würde sie testen, ob das Ding wirklich da ist.
„Mach auf“, sagte sie dann, und es klang weniger wie ein Befehl als wie ein Schritt, den sie jetzt eben machen muss. Gleich darauf zog sie die Stirn zusammen, als hätte sie sich wieder zu schnell gefühlt, und schob hinterher: „Langsam. Ich mag keine Überraschungen, erinnerst du dich.“
Lucia klappte den Deckel auf. Das Metall klang zu laut. Lucia zuckte, als hätte sie jemanden angeschrien.
In der Dose lag das Korn. Klein, dunkel, unscheinbar. Kein Glanz, keine Show. Nur ein Punkt.
Flora beugte sich nicht sofort vor. Sie blieb erst stehen, starrte hinein, als könnte man aus dem Anblick schon ableiten, ob man nachher bereut, dass man überhaupt geguckt hat.
„Samen“, sagte sie schließlich, und diesmal klang es nicht wie Spott, eher wie ein Wort, das man vorsichtig in den Mund nimmt, weil es schwerer ist, als es aussieht. „Du meinst das ernst.“
Lucia nickte. Ihre Kehle war eng, nicht vom Weinen, eher von diesem Druck, wenn man etwas hergibt, das man selbst gebraucht hätte. „Einer.“
„Einer“, wiederholte Flora, und ihre Stirn zog sich minimal zusammen. „Du läufst hier hoch mit einem Korn wie mit einem…“ Sie brach ab, als würde sie das Bild nicht aussprechen wollen, weil es zu nah wäre.
Lucia hob die Schultern, klein. „Ja.“
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### Korn in der Erde
Flora griff nach dem Korn. Nicht wie jemand, der etwas nimmt, sondern wie jemand, der testet, ob etwas beißt. Ihre Fingerspitzen berührten es, und man sah in dem winzigen Zucken ihres Gesichts, dass sie die Wärme spürte, bevor sie sie zulassen wollte.
„Warm“, sagte Flora sofort, genervt, als wäre Wärme hier unhöflich. „Das ist doch Quatsch.“
Lucia atmete aus. „Ich weiß nicht, wie man das erklärt, ohne dass du mich auslachst.“
„Ich lach selten“, sagte Flora, und ihre Stimme war trocken, aber nicht mehr so scharf. „Ich schnaube höchstens. Das ist mein Charme.“
Lucia musste wieder dieses heisere Mini-Lachen lassen, und es tat weh, weil es so lange nicht mehr einfach passiert war. „Es bleibt warm“, sagte sie dann leise. „Egal wie kalt. Ich hab’s… bei mir gehabt. Zu lange. Ich will nur nicht, dass es irgendwo rumliegt, bis es tot ist.“
Bei „tot“ zuckte Floras Blick, ganz klein, als hätte das Wort an einer Stelle gekratzt, wo sonst ein Schutz sitzt. Sie sah kurz weg, nicht dramatisch, eher reflexhaft, zum Beet, zur dunklen Erde, die bereit lag wie ein offener Mund.
„Du willst, dass ich’s pflanze“, sagte Flora, und das war keine Frage, das war ein Satz, der eine Grenze zieht, damit man nicht zu weit geht.
Lucia schüttelte den Kopf. „Ich will, dass du’s nicht vergisst. Mehr nicht.“
Flora sah sie an, lange genug, dass Lucia kurz Angst bekam, sie hätte zu viel gesagt, und dann kam dieses trockene, fast genervte: „‚Mehr nicht‘ sagst du gerne.“
„Weil mehr gerade nicht geht“, murmelte Lucia.
Flora nickte langsam. Dann tat sie etwas, das nicht wie Hoffnung aussah: Sie nahm die Schaufel. Kein Ankündigen. Kein Pathos. Nur Arbeit.
Sie stach in die Erde, dumpf. Einmal. Dann nochmal. Erde gab nach. Nicht viel. Aber sie gab nach.
Und genau da, im letzten Drittel, wurde es fast still.
So still, dass Lucia plötzlich Dinge hörte, die vorher unter ihrem eigenen Puls verschwunden waren. Das Summen der Lampe. Ein Tropfen, der irgendwo von einer Leitung fiel. Dieses ganz leise Rascheln von etwas, obwohl draußen eigentlich noch nichts rascheln sollte.
Und sie roch die Erde so stark, dass sie kurz dachte, sie wäre wieder ein Kind. Irgendwo im Frühling. Hände voller Dreck. Ohne irgendein „egal“ im Kopf.
Flora machte eine kleine Mulde. Hielt das Korn drüber. Zögerte. Nicht weil sie nicht wusste wie, sondern weil sie wusste, was es bedeutet, überhaupt wieder anzufangen.
„Nicht, weil ich dir glaube“, sagte Flora leise, fast nebenbei, und die Worte klangen wie ein Schutz, den sie sich schnell überzieht.
Lucia nickte nur. Sie sagte nichts. Das war ihr Beitrag: nicht drücken, nicht betteln, nicht klatschen.
Flora ließ das Korn fallen. Erde drüber. Festklopfen, einmal zu fest, als müsste sie das Ganze runterdrücken, damit es nicht gleich wieder wehtut. Dann wischte sie sich die Hände an der Hose ab, länger als nötig.
Sie griff nach der kleinen Gießkanne unter dem Tisch. Als hätte sie da schon immer hingehört.
Flora schüttelte sie einmal. Prüfte das Gewicht.
Dann ließ sie einen kurzen, dünnen Strahl über die Stelle laufen. Die Erde dunkelte nach.
Der Geruch wurde sofort schwerer. Echter. Und irgendwo klackte ein Tropfen auf Metall.
„So“, sagte Flora und zog ihre Stimme zurück in Richtung Alltag. „Mehr ist es nicht.“
„Mehr ist es nicht“, wiederholte Lucia, und es klang nicht wie ein Spruch, eher wie eine Abmachung, die man nicht anfassen darf.
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### Der Reflex:
Sie blieb noch einen Moment hocken. Aufstehen wäre gerade zu schnell.
Dann griff sie nach der leeren Dose und klappte den Deckel zu. Langsam, als würde sie damit auch den Moment zuklappen.
Sie wischte mit dem Daumen einmal über das Metall und schob die Dose zurück in die Tasche.
Der Riemen lag schon wieder über ihrer Schulter, bevor sie es richtig merkte.
Nicht weil sie es hier schlimm fand. Gerade deshalb.
Sie war hergekommen, um abzugeben, nicht um zu bleiben, und sie kannte sich: Wenn sie jetzt noch drei Minuten länger saß, würde ihr Körper so tun, als wäre das hier normal. Als wäre das Licht plötzlich auch für sie. Als dürfte sie sich ausruhen. Und dann müsste sie später gehen, mit etwas, das sich wie Verlust anfühlt.
Oben tropfte Wasser. Einmal. Dann nochmal. Irgendwo klackte es auf Metall, klein, aber hartnäckig.
Flora hielt einen Moment inne, als hätte jemand an die Scheibe getippt. Ihr Blick ging für einen Atemzug zu der feuchten Spur am Glas und sofort wieder runter zur Erde, als dürfte sie sich beim Hoffen nicht erwischen lassen.
Lucia hatte in der Zeit schon den Riemen über die Schulter gezogen.
„Du bleibst nicht“, sagte Flora dann, wieder sozial, wieder Grenze, wieder Ordnung, und Lucia nickte schon, weil Nicken in solchen Momenten leichter ist als bitten.
Sie nickte auch, weil sie merkte, wie schnell ihr Körper hier drin anfing, sich fallen zu lassen: die Schultern ein bisschen runter, der Atem nicht mehr so hoch, die Finger wieder beweglich. Und genau das machte ihr Angst, dieses winzige Ankommen, als könnte Wärme plötzlich ein Recht werden. Zu viel. Zu schnell.
Sie zog den Riemen fester, bis es fast wehtat, drückte die Tasche kurz gegen die Seite, als müsste sie prüfen, ob alles noch da ist, und strich einmal über den Stoff, schnell, als wäre das nur Ordnung. Eine Tasse, eine Decke, ein Hocker, und schon fühlte es sich an, als hätte sie sich irgendwo eingerichtet, als würde sie Platz nehmen, den sie nicht verdient hatte. Also packte sie sich wieder zusammen, bevor daraus etwas wird, das bleibt.
Sie war sogar schon halb aufgestanden, als hätte ihr Körper den Satz ernst genommen, und ihre Hand wanderte Richtung Tür, nicht dramatisch, eher reflexhaft, wie man nach einem Geländer greift. Dann blieb sie hängen, mitten in der Bewegung, weil sich im Raum auf einmal so eine kleine, peinliche Stille ausbreitete, die nicht nach Streit roch, sondern nach: Was machen wir jetzt mit dem, was gerade gesagt wurde.
Floras Augen blieben an Lucias Händen hängen, an dem Rot an den Knöcheln, an dem Zittern, das Lucia so tat, als wäre es nicht da. Flora atmete einmal durch die Nase aus, kurz, genervt über irgendwas, das nicht Lucia war, und griff nach dem Löffel, als müsste sie ihn irgendwohin retten, bevor er plötzlich Bedeutung bekommt. Sie legte ihn wieder hin. Unnütz. Beruhigend.
„Quatsch“, sagte sie schließlich, als würde sie sich über den eigenen Satz ärgern. „Du gehst nicht.“
Lucia blinzelte, stand immer noch halb zwischen Hocker und Tür, und ein ganz kurzer, dummer Impuls schoss ihr hoch: erklären, rechtfertigen, wegmachen. Sie schluckte ihn runter.
„Bitte was.“
„Ich hab gesagt: du gehst nicht“, wiederholte Flora, und jetzt war es nicht freundlich, eher wie eine Entscheidung, die man nicht diskutiert, weil Diskussion wieder Energie kostet. „Draußen ist’s glitschig, du bist halb wieder aufgetaut und gleich wieder fest, und dann hab ich dich doch im Schnee liegen. Darauf hab ich keine Lust.“
Lucia öffnete den Mund, um „ich will dir nicht zur Last fallen“ zu sagen, und merkte im selben Moment, wie erbärmlich das klingt, wenn man es ausspricht. Sie machte den Mund wieder zu, räusperte sich, als wäre das geplant gewesen.
„Ich kann… ich kann auch einfach still sein“, sagte sie stattdessen, als wäre das das einzige, was sie anbieten darf.
Flora schnaubte, und der Laut war halb Spott, halb Erleichterung, weil es wenigstens nicht dieses große Entschuldigungs-Theater war. „Still sein kannst du später. Erstmal setzt du dich da hin.“
Sie deutete auf die schmale Bank an der Wand, dort wo es nicht zieht, und Lucia blieb noch einen Moment stehen, als müsste sie die Erlaubnis erst glauben. Flora klopfte einmal mit den Fingern auf das Holz, kurz, trocken, völlig unnötig.
„Da“, sagte sie nochmal, als wäre das jetzt die gesamte Diskussion. „Und wenn du das Bedürfnis hast, dich zu entschuldigen, beiß dir auf die Zunge. Ich krieg Ausschlag von Entschuldigungen.“
Lucia rutschte von dem Hocker zur Bank. Das Holz war warm angehaucht, nicht gemütlich, aber weniger hart. Sie zog die Hände in die Ärmel, als wären die Ärmel ein Versteck.
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### Das Licht bleibt
Flora nahm die Kanne, goss nach, schob Lucia die Tasse wieder hin, als wäre Flüssigkeit das Einzige, das hier ohne Diskussion erlaubt ist. Der Dampf stieg auf, und in dem gelben Licht sah er aus wie etwas, das kurz sichtbar wird und dann wieder verschwindet, wie ein Gedanke, dem man nicht hinterherläuft.
„Das Licht bleibt“, sagte Flora, als hätte sie Lucias Blick zu den Lampen bemerkt, und ihre Stimme klang dabei so, als würde sie einem widersprechen, der gar nichts gesagt hat. „Die Pflanzen brauchen’s. Und ich brauch’s auch, sonst werd ich irre. Dunkelheit ist… na ja. Nicht mein Hobby.“
Lucia nickte. „Es ist ein gutes Licht“, sagte sie leise.
Flora verzog den Mund. „Gutes Licht gibt’s nicht. Es gibt nur Licht, das funktioniert.“
„Genau das mein ich“, murmelte Lucia, und diesmal war da ein kleines, echtes Lächeln, weil es sich nicht wie Hoffnung anfühlte, sondern wie Alltag.
Flora stand noch einen Moment beim Beet, als müsste sie kontrollieren, ob sie das Korn wirklich gesetzt hat, ob die Erde wirklich drauf liegt, ob das Ganze nicht gleich wieder lächerlich wird. Dann strich sie mit der flachen Hand einmal über die Stelle, nicht zärtlich, eher wie man etwas glatt streicht, das sonst ausfranst.
„Du kannst“, begann Flora, stoppte, als würde sie sich ärgern, dass sie überhaupt fragt, und setzte neu an: „Wenn du deine Finger wieder hast, kannst du mir nachher helfen, die Kannen zu tragen. Wenn nicht, sitzt du da und atmest. Beides ist okay.“
Lucia stellte die Tasse ab, so leise, dass es kaum klackte. „Ich kann helfen“, sagte sie. „Ich kann auch fegen. Oder still sein. Oder beides.“
Flora sah sie an, lange genug, dass Lucia kurz wieder dieses alte Misstrauen im Bauch spürte, und dann kam nur ein trockenes: „Du bist anstrengend.“ Ihre Mundwinkel zuckten, kaum mehr als ein Versehen, als würde sie das Lächeln sofort wieder zurück in den Alltag schieben. Sie hielt den Blick einen Hauch länger. „Lass dir das nicht abgewöhnen.“ Sie schob Lucia die Tasse ein Stück näher. „Aber trink erst mal.“
„Ich weiß“, sagte Lucia, und diesmal war es nicht Selbsthass, eher Ehrlichkeit.
Draußen rieb der Wind an der Scheibe, als wolle er rein, und drinnen tropfte es irgendwo, regelmäßig, als würde die Welt eine Uhr bauen, die nicht aus Zahnrädern besteht, sondern aus Wasser und Geduld. Über den Beeten hing die Wärme, und unter der Erde lag ein winziger Punkt, der sich weigerte, kalt zu werden.
Flora ging zum Regal, nahm eine Decke, warf sie Lucia hin, als würde sie auch damit keine Bedeutung zulassen wollen. „Nur damit du mir nicht wieder so rumzitterst. Ich kann das nicht sehen, das macht mich nervös.“
Lucia fing die Decke, zog sie über die Schultern, und für einen Moment saß sie einfach da, in diesem stumpfen, zuverlässigen Licht, das nicht tröstete und genau deshalb trug.
„Ich war da draußen und hab den Winter erlebt“, sagte sie leise, mehr zu sich als zu Flora.
Flora stellte die Kanne ab, ohne hinzusehen. „Ja“, sagte sie. „Und du bist noch da und jetzt hier. Das ist der Punkt.“
Das Licht blieb.
Die Dose war leer.
Draußen war es noch Winter, klar. Aber der Winter klang schon anders. Weniger wie ein Schloss. Mehr wie eine Tür, die sich langsam nicht mehr ganz schließen lässt.
Von der Dachrinne fiel ein Tropfen. Und er blieb flüssig.
Noch hielt mich nicht der erste äußre Drang,
der mich beständig vorwärts treiben hieß;
im Takt der Pflicht verging mein früher Gang,
dem fremden Maß ich folgte, [ ... ]
Der Treppe fehlt eine Stufe.
Die eine Stufe zum Leben. Die
eine Stufe zur Erkenntnis. Die
eine Stufe zur Kunst. Die eine
Stufe zur Liebe. Morgens
war die Stufe einfach weg.
Und keiner weiss [ ... ]
Wenn Lebenslinien sich kreuzen
Fallen Sterne in einen tiefen süßen Schlaf
Hand in Hand gemeinsam sein, solange beide Herzen brennen
Glück ist nicht planbar
Unglück auch nicht
Das Selbst [ ... ]
Der Wonnemonat Mai kommt nunmehr an die Reihe,
durch zugig Tür hinweg, der launische April.
Die Wetterkapriolen gnädig man verzeihe,
wenn laues Lüftchen sanft mit Knospen spielen [ ... ]
Ein Wort – ein Stein, ins Wasser gesetzt,
kaum fällt er, zieht er flüchtige Ringe,
die Zeit verwischt, was er verletzt,
verliert sich leise im Grund der Dinge.
Seit ich eine Brille brauche, achte ich sehr auf mein Sehvermögen...die Augen nicht überanstrengen, gutes Licht, am besten bei Tageslicht lesen.
Aber ich achte auch darauf, wie gut mein Umfeld [ ... ]
Der Garten der Lieder. Er lebt als
Engel und Traum. Er sieht als
Reise und Leben. Er redet als
Hafen und Insel. Steht am
Fenster. Sitzt im Cafe. Kennt die
Welt. Das gute im Blick. Der [ ... ]