Ich sitze allein in der Sandwüste . Der Wind hat alle Spuren verweht; nur feine Linien im Sand verraten, dass ich hier war. Ich weiß nicht mehr, wann ich angekommen bin, nur, dass die Schritte irgendwann aufhörten und der Horizont sich dehnte, bis er alles verschluckte. Seitdem sitze ich hier – zwischen Himmel und Sand, unter dem flachen Licht eines Schleiermondes, der am Morgen noch schwach zu sehen ist.
Früher Morgen
Die Nacht hängt noch über den Dünen, kühl und schwer. Das erste Licht sickert durch Staubschichten, legt helle Streifen über die Kämme. Die Luft riecht nach Salz und kaltem Gestein, nach der Kühle, die im Boden gespeichert ist. Der Sand unter mir ist fest, an den Rändern hart vom Wind verdichtet. Wenn ich ihn mit der Hand aufnehme, fließt er wie feiner Schutt, der jede Furche findet, rinnt durch die Finger, lässt glitzernde Spuren auf der Haut zurück.
Fern, fast unhörbar, schlägt Metall gegen Metall – vielleicht eine Ziegenglöckchen-Kette aus der Triftlinie jenseits der Ebene. Der Wind regt sich kaum, streicht einmal durch das Haar, hebt das Tuch an der Schulter, lässt es wieder fallen. Über dem Horizont erst ein Band aus Grau, dann Weiß, dann das klare Gold des Anfangs.
Später Vormittag
Die Sonne steht höher und schneidet den Himmel blank. Flimmern liegt über der Ebene; jede Düne scheint in sich zu atmen. Der Sand glitzert, als trüge er eigenes Licht. Ich lasse ihn durch die Hände laufen; er heizt sich spürbar auf, die Körner klingeln leise in den Furchen meiner Finger.
Der Wind wird wärmer, bringt den Geruch von trockenem Tamariskenholz. Zwischen zwei Rücken zieht eine Skinkspur in Zickzacklinien – scharf, frisch, kurz vor dem Verwehen. Weit hinten wandert ein heller Schleier über den Boden; Luftspiegelung oder Staub. Mein Wasserbeutel hängt am Lederriemen, die Ziegenhaut warm, fast weich geworden. Der Stoff an der Stirn klebt. Salz auf der Zunge. Der Himmel steht still.
Mittag
Das Licht fällt senkrecht. Schatten verschwinden. Die Hitze liegt wie Glas über dem Boden. Vor mir, zwischen zwei Barchandünen, eine Oase – klein, rund, eingefasst von Gestein. Die Oberfläche ist ruhig, der Spiegel scharf; der Geruch von Metall und Erde steigt flach aus dem Wasser, süß und dumpf zugleich. Am Saum stehen Schilfhalme, blassgrün, die Spitzen trocken. Palmenblätter hängen schwer, ihre Kanten zittern kaum. Ein einzelner Ruf steht in der Wärme, dünn und weit, geht nirgends hin.
Still.
Tropfen am Blatt lösen sich selten, lautlos, verschwinden im Sand. Über dem Spiegel zittert das Licht; kein Wind, nur Aufsteigen.
Nachmittag
Ein Wind setzt aus Süden ein, flach, heiß, aber beweglich. Er trägt Staub und feine Körner, die gegen die Haut schlagen. Das Weiß des Himmels weicht einem fahlen Blau; Tiefe kehrt zurück. Über dem Sand zieht ein Schwarm kleinster Käfer, ein kaum sichtbarer Faden aus Licht. Das Tuch hebt sich, legt sich wieder. Die Düne unter mir rutscht langsam; sie lebt mit jeder Böe.
Der Geruch ist mineralisch, warmes Eisen. Bitternis liegt auf den Lippen, die der Wind bringt. Alles bewegt sich langsam und beständig. Kein Stillstand, nur Wiederholung.
Abend
Das Licht wird weich. Die Sonne berührt den Horizont und zerspringt in Staub: Kupfer, Grau, Gold. Der Wind riecht jetzt nach Stein und nach etwas Kaltem, das schon Nacht heißt. Haare schlagen gegen die Wangen; Körner bleiben an den Lippen zurück, salzig, körnig, wie am Vormittag.
Ein kurzer, abreißender Ruf aus der Ferne, dann wieder Wind. Der Boden bleibt warm, nicht mehr brennend. Schräges Licht macht jede Bewegung sichtbar; für einen Moment glüht die Fläche flächig auf. Dann verlischt sie.
Nacht
Die Kälte kommt ohne Übergang. Der Sand wird hart, die Luft dünn und klar. Sterne stehen dicht und unbewegt; der Atem steigt sichtbar auf, löst sich und kehrt in Stille zurück. Unter den Handflächen hält der Boden die letzte Wärme des Tages, ein flaches Glimmen, das langsamer wird. Der Wind verebbt.
Wieder legt sich Kühle auf die Haut; sie trägt kein Licht mehr, nur den stillen Nachhall des Tages. Das Leder des Riemens ist jetzt kalt und hart, der Wasserbeutel schwer und still. Körner bleiben an den Lippen, trocken und kühl. Als die Kühle zu tief sinkt, löse ich mich vom Sand und gehe zurück.
Beschreibung des Autors zu "Im Atem der Wüste - Tagebuch einer Reisenden"
„Ein Tag in der Wüste – nur Atem, Sand und Licht. Naturbeobachtung in Echtzeit.“
Eine junge Frau verbringt einen Tag allein in der Wüste von R’Kala.
Vom ersten Licht bis zur Nacht wird nichts erzählt – nur gespürt.
Sand, Wind, Licht, Atem – Zeit vergeht im langsamsten Takt, den ein Körper kennt.
Kommentar:So kann man eine dröge Wüste nur mit Worten zum Leben erwecken! Supergut geschrieben. Sehr gute Beobachtungsgabe bzw. Erzählstil! Da wird nix langweilig, selbst ein Sandkörnchen bekommt Chance für eine Nebenrolle in der Geschichte. Was will man mehr an Erzählstil? Ich finde es einfach hervorragend gelöst! So wird nix langweilig. Selbst diese würde zum aktiven Baustein und würde eine Rolle in solch einer Geschichte spielen! Gut gemacht!
du hast einen fantastisch guten Stil, Dinge, Beobachtungen zu beschreiben. Das ist Kopfkino erster Güte. Eine Frage gestatte ich mir aber. Ist das Vorstellungsvermögen, oder warst du schon einmal in der oder einer Wüste? Aber egal, ob wirklich oder in der Vorstellung, du hast ein wundervolles Einfühlungsvermögen und bringst es auch genauso rüber, dass man mitten drin und dabei ist. Das ist mir bei anderen Geschichten, wie "Staub" zum Beispiel schon aufgefallen.
Das ist pure Wortmagie und solche Dichte kann kein Kino bringen. So etwas geht nur in unserer Fantasie.
Danke für dieses Mind-Ticket. Es war eine wunderbare Reise.
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eine Stufe zur Erkenntnis. Die
eine Stufe zur Kunst. Die eine
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war die Stufe einfach weg.
Und keiner weiss [ ... ]
Wenn Lebenslinien sich kreuzen
Fallen Sterne in einen tiefen süßen Schlaf
Hand in Hand gemeinsam sein, solange beide Herzen brennen
Glück ist nicht planbar
Unglück auch nicht
Das Selbst [ ... ]
Ein Wort – ein Stein, ins Wasser gesetzt,
kaum fällt er, zieht er flüchtige Ringe,
die Zeit verwischt, was er verletzt,
verliert sich leise im Grund der Dinge.