Das andere Haus
Neben unserem Haus gab es das andere Haus. Gabi und Eddi wohnten da . Sie gehörten zu meinen Freunden.
Eddi war so alt wie ich und Gabi war ein Jahr älter und sie war die größte von uns allen, von meinen Freunden. Insgesamt waren wir zu sechst. Werner, Claudia, Brigitte ich und Gabi und Eddi.
Aber Gabi und Eddi wohnten in dem alten Sandsteinhaus direkt neben uns.
Ihre Eltern konnten nicht richtig sprechen weil sie taubstumm waren. Also eigentlich hörten sie nur nichts und deshalb konnten sie sich selber auch nicht hören wenn sie sprechen wollten. Sie fuchtelten mit den Armen herum, bewegten ihre Finger so schnell und machten damit Zeichen die nur Gabi und Eddi verstehen konnten. Sie machten mit ihren Gesichtern Grimassen, bewegten die Lippen und es kamen Laute aus ihrem Mund, meistens zu laut oder so leise wie ein kleiner Windstoß.
Gabi und Eddi verstanden was ihre Eltern da sagten, aber immer mußten sie dabei ihre Eltern anschauen, sie konnten nie etwas im vorbeigehen rufen oder so reden und dabei was anderes machen.
Ich konnte ja Mutti etwas erzählen und nebenbei malen oder kochen oder was man sonst so zu tun hatte. Das konnten Eddi und Gabi nicht, immer mußten sie aufhören mit dem Spielen und ihre Mutter oder Vater anschauen. Wenn Eddi seiner Mutter etwas sagte bewegte er die Lippen so deutlich und die Hände und Finger bewegten sich so schnell mit das ich jedesmal ganz angespannt zuguckte und versuchte zu deuten was er da sagte. Aber er meinte immer, das wäre zu mühsam, mir das beizubringen. Wir spielten auch lieber etwas anderes und seine Eltern kamen auch meistens erst spät abends nach Hause das wir ihnen gar nicht so oft begegneten.
Und weil sie nicht oft zu Hause waren spielten wir am liebsten bei Eddi und Gabi, da waren wir Kinder unter uns.
Allerdings mußten wir an dem Hund vorbei. Vor dem Haus an einer langen Kette lag Wolf, ein ganz schwarzer Teufel mit langen Haaren und wildem Gesicht. Sobald er uns sah bellte er wie verrückt und sprang umher soweit er mit der Kette kam. Eddi hielt die Kette kurz und wir rannten an Wolf vorbei ins Haus. Wenn wir uns ganz langsam bewegten und mit ihm sprachen war er manchmal friedlich, bellte nicht und legte sich an die Hausmauer, dann konnten wir ohne Eddis Hilfe ins Haus oder in die Scheunen.

In dem Haus wohnte noch die Kunni. Kunni sah aus wie eine Hexe. Sie hatte weiße lange Haare zu einem dünnen Zopf geflochten und dann den Zopf um ihren Kopf gelegt, Das Gesicht war voller Falten, überall Falten, das man den Mund kaum sah. Und sie hatte blaue leuchtende Augen, die stachen richtig, wenn man ihr auch in die Augen schaute, da schaute ich sofort weg. Ich wußte sie durchschaute mich sofort und wußte immer was ich denke. Sie konnte alle durchschauen und ich hatte immer Sorge das sie meine bösen Gedanken kannte. Aber sie tat mir nie etwas Böses oder schimpfte mit mir, eigentlich guckte sie freundlich mit ihren Falten, aber halt die Augen. Ich hatte ja auch meine schlechten Gedanken, meine Geheimnisse, zum Beispiel das ich meine Schwester haßte oder das mir lieber wäre das meine schöne Tante meine Mutter wäre. Das durfte niemand wissen.

Auch Kunni durfte das nicht wissen und so schaute ich ihr nicht gerne ins Gesicht, dann konnte sie meine Gedanken nicht lesen.
Kunni hatte ein langes blaues Dirndl an, es war aus blauem Arbeitshosenstoff. Es ging ihr bis zu den Schuhen. Das Kleid hatte lange Ärmel und vorne viele Knöpfe bis zum Hals. Dann hatte sie noch eine Schürze umgebunden, auch aus dem gleichen dunkelblauen Arbeitsstoff. Da waren große Taschen und da war alles drin was sie brauchte, Schlüssel, Bonbons, Taschentücher, das Taschenmesser. So eins wie es auch Opa oder Vati dabeihatte.
Kunni hatte keinen Mann und deshalb hatte sie auch ein Taschenmesser. Sie mußte arbeiten wie ein Mann und ihre Hände waren so schwarz und rauh wie die Bauernhände. Sie konnte sogar Traktor fahren.
Sommer wie Winter hatte sie die schwarzen Schnürstiefel an. Ganz feste schwarze Schnürstiefel mit festen Sohlen. Die zog sie auch zuhause nicht aus. Bei ihr durfte man immer mit Schuhen rein.
Ich dachte oft darüber nach wann sie sich wohl wäscht oder wann sie ihr Kleid wäscht. Sie hatte kein Bad, nur auf dem Holzofen war immer ein großer Topf mit heißem Wasser und im Ofen war eine Wanne, da wurde das Wasser auch heiß. Manchmal sah ich Wäsche im Garten hängen, aber nie ein blaues Kleid wir ihr Dirndl.
Unter dem Kleid hatte sie noch mehrere Röcke an, aber die sah man nicht, nur die selbergestricken Socken sah man noch aus den Stiefeln herausschauen. Wollsocken, solche die ich im Winter anhatte, aber Kunni hatte die auch im Sommer an.
Kunni wohnte in den rechten Zimmern in Eddi und Gabis Haus. Wenn man zur Haustür rein ging , kam man in einen dunklen Flur. Kunnis Türe ging nach rechts und zu Eddi und Gabi ging man links rein.

Mutti schickte mich oft zu Kunni ich sollte ihr helfen beim Kartoffel stecken, beim heuen, manchmal schickte sie mich mit einem Kochtopf hoch. Das Problem war nur der Hund, Wolf. Wenn Eddi nicht hörte, ging ich ganz ganz langsam in Zeitlupe auf Wolf zu und wartete bis er sich endlich hinlegte, dann konnte ich rein. Eigentlich ging ich gerne zu Kunni, ich mochte mich auf ihr weiches Sofa setzen und den Tisch mit der Plastiktischdecke und den Ofen der immer prasselte und darauf kochte immer etwas, wie bei den richtigen Hexen auch. Um den Ofen herum waren immer Körbe voller Holz.

Neben ihrem Zimmer gab es ein Schlafzimmer und von dort ging es runter in den Stall. Kunni hatte eine Kuh, aber die lebte nur im dunklen Stall, die sahen wir nie. Hinter dem Haus war die Mistgrube. Da durften wir nie hin, wollten wir auch nie, weil es fürchterlich stank, besonders im Sommer.

Kunni redete nicht viel, ich auch nicht, sie wußte ja eh alles. Wenn wir auf dem Feld arbeiteten oder auf der Wiese wußte ich was ich tun sollte oder sie zeigte es mir. Wenn ich ging bedankte sie sich kurz und griff in ihre Tasche, manchmal gab es eine Münze und manchmal Bonbons. Münzen mochte ich lieber, weil die Bonbons schon klebrig waren und voll Schmutz von ihrer Tasche, aber ich nahm sie trotzdem. Ich mochte Kunni und später wollte ich auch so wirtschaften können alleine wie sie und niemand der mir dreinredete.

Gabi und Eddi mochten die Kunni nicht weil es ihnen zu dreckig war oder eigentlich weiß ich nicht warum. Sie wollten oder mußten nie im Garten oder am Feld helfen. Mir machte es nichts aus, ich mochte es sogar gern.


© sigridkirschbaum


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