Drei Sätze

© Gunnar Buchheister

Drei Sätze

Satz 1

An diesem Tag, als meine bisherige Welt in Stücke brach, meine Welt, in der ich mühsam Mauern aufgebaut hatte, hinter denen ich all das verbarg, das mich nie wieder schmerzen sollte ...
Hinter denen ich all das verbarg, das meine Seele zerstört hatte. Die bösen Erinnerungen, die Bilder, die Gefühle der Ohnmacht und des Schmerzes, eines unerträglichen Schmerzes, den ich mit Drogen betäubte, weil er immer wieder Lücken in meinen Mauern fand, die schnell morsch wurden unter dem Ansturm dessen, das nicht zu ertragen war.
Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, dass der Damm brechen musste.
Es war aber nicht die Zeit, dass der Damm brechen durfte. Nein, er durfte nicht brechen, nicht um meinetwillen, sondern um meiner Stieftochter willen.
Was würde geschehen, wenn all das aus mir herausbrechen würde, wenn ich über all das reden würde, was mir geschehen war?
Nein, nicht mit ihr. Sie war viel zu klein, um überhaupt solche Dinge zu verstehen. Aber diejenigen, die mich finanzierten, die nur darauf warteten, dass ich etwas von mir offenbaren würde, weil man schon lange bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte mit mir.
Was würden sie tun? Würden sie auf meiner Seite stehen oder würden sie mich in die Grube werfen?
Ich konnte nicht sprechen. Nicht über Kindesmissbrauch, nicht über zerbrochene Seelen.
Ich hätte mich nicht wehren können, wenn man mich plötzlich vom Opfer zum Täter gestempelt hätte, weil „man ja weiß, dass solche auch oft selber zu Tätern werden“.
Dieses Damoklesschwert hing über mir und dieser Fluch, ausgesprochen von dem, der meine Seele mordete, als er sagte: „Wenn du auch nur ein Sterbenswörtchen sagst, bringe ich dich um.“
In dieser Situation gefangen wand ich mich, versuchte, allen Fußangeln, die man mir auslegte, auszuweichen, doch auch ich wusste, dass sie mir immer näher kamen und der Tag würde unweigerlich kommen, an dem ich eine Entscheidung auf Gedeih oder Verderb würde treffen müssen.

Und dieser Tag kam.

Er kam in Form einer mündlichen Ansage meiner Sozialarbeiterin, die mir ganz nüchtern sagte, wenn ich nicht täte, was man von mir erwartete, würde mir sämtliche Unterstützung gestrichen.
Obdachlosigkeit, auf der Straße leben, das Ende einer schon gestörten Beziehung ... das alles und noch so vieles mehr brach über mich herein.
Ratlosigkeit kann das Gefühl nicht annähernd beschreiben, das über mich kam.
Es war brachial, eine Welle, die mich fortriss, die durch das Telefon heranbrauste und mich unvermittelt hinwegfegte.
Da stand ich nun im Park an der Telefonzelle, der Hörer fiel mir aus der Hand und plötzlich spürte ich, dass ich verbrannt war. Das war ich schon lange, aber die Mauern hatten die Asche zurückgehalten. Aber hinter der Mauer schwelte der Brand und kroch immer weiter, fraß mein Seelenland, das ich mit dieser Mauer nicht vor dem Feuer schützen konnte, sondern nur vor den Blicken der anderen.
Und in diesem Moment stand ich nicht mehr vor der Mauer. Ich stand mitten im Feuer, doch ich spürte keinen Schmerz mehr. Da war nur noch diese unendliche Trauer, und ich sah auf das verbrannte Land und wusste nicht, was ich tun sollte.
Meine Füße trugen mich zurück zu dem Platz, wo meine Freundin saß. Ich würde es ihr sagen müssen, doch ich wusste nicht, wie. Eine kalte Hand griff nach meinem Herzen und wollte mir den Atem nehmen.
Als ich mich setzte, bemerkte sie es natürlich, was geschehen war. Genau das, was sie befürchtet hatte. Sie fragte gar nicht erst, sondern platzte geradewegs heraus: „Und was machen wir denn jetzt?“
Ich zuckte resigniert die Achseln, brachte kein Wort heraus.
„Aber sag doch etwas!“ Ihre Stimme war zwar leise, aber drängend, mit einem schrillen Anklang, den ich als hysterisch empfand.
Mein Mund war verschlossen, mein Hals zugeschnürt. Unfähig, mich zu bewegen, saß ich im hohen Gras und schaute irgendwohin.
Ich hätte mir gewünscht, in den Arm genommen zu werden. Oder sie in den Arm nehmen zu können, doch zwischen uns lag ein unermesslicher Abgrund. Noch nie hatte ich dies so sehr wahrgenommen.
Da saßen wir also, jeder auf seiner Seite eines unendlich tiefen Bruches.
Unfähigkeit auf beiden Seiten Auf beiden Seiten brannten Feuer, die unser Seelenland auffraßen.
Auf beiden Seiten Unfähigkeit, diesen Abgrund zu überwinden. So saßen wir da, zusammen und doch in völliger Einsamkeit, schmerzzerrissen, ein innerer Schrei, der nicht herauskommen durfte, nicht jetzt, nicht später, nie. Nie. NIE. Niemals.

Ohnmacht.

Doch in diese Ohnmacht drängte sich etwas, das ich in diesem Moment nicht verstand, nicht verstehen konnte, weil es so fern von mir war, dass ich Hilfe bekommen würde, ja dass ich überhaupt Hilfe erwarten durfte.
Und dieses Drängen war sanft, aber beständig. Es konnte alle meine Mauern durchdringen, bis ich irgendwann spürte, dass es keine Bedrohung für mich war. Wie eine sanfte Hand griff es nach mir, hob mich auf, richtete mich auf und ich stand auf. Irgendwie. Ich war mir dessen gar nicht bewusst, bis sie, die noch immer am Boden saß, mit schriller Stimme, in der dieser seltsam hysterische Anklang noch immer herauszuhören war, fragte: „Was machst du? Du kannst jetzt nicht einfach weggehen! Wo willst du denn hin?"
Ich sah mich um, als käme dieses Gefühl, aufgehoben zu werden, irgendwoher.
Doch da war niemand. Niemand, an den ich mich wenden konnte, außer einem uralten Baum, eine gewaltige Platane. Sie war so groß, dass es zehn Armeslängen ausgewachsener Männer gebraucht hätte, sie zu umspannen.
DU, dachte ich fragend bei mir, und es kam mir so seltsam vor, doch es zog mich genau dorthin.
Was hatte ich denn noch zu verlieren?
Sollte ich dem nachgeben?
Ich kam mir aber albern vor, doch es zog mich mit unsichtbarer Kraft.
Nun, so ein Baum ist schon gewaltig. Hat schon so viel erlebt, warum sollte er nicht so etwas können?
Langsam ließ ich mich ziehen, auch wenn ich mir unsicher war und blöd vorkam. Was machte ich denn hier eigentlich? Andererseits: Es war früh am Morgen und es waren kaum Menschen im Park. Und was im Übrigen sollte es mich scheren?
Unversehens stand ich vor dem Baum, der aus der Nähe noch gewaltiger aussah. Die Sonne brach durch das uralte Geäst, durch das frühsommerliche frische Grün, und ließ mich blinzeln. So wartete ich also eine Armlänge vor dem mächtigen Stamm stehend.
Und es geschah NICHTS.
Eine ganze Weile geschah gar nichts und ich kam mir dumm vor. Warum stand ich hier?
War ich einer Einbildung, nach einem Strohhalm greifend, den mein Verstand mir vorgaukelte, gefolgt? Aber es war so stark gewesen, so viel stärker als jede Einbildung, die ich mir selber hätte schaffen können.
Also wartete ich noch ein wenig. Wenigstens eine Weile wollte ich noch warten, auch wenn nichts geschehen würde. Das würde mir zumindest etwas Zeit verschaffen, Rede und Antwort über den Graben hinweg zu stehen.
Plötzlich ein Donnern. Nein, eigentlich war es kein Donnern, denn ich hörte nichts. Ich fühlte den Donner. Er erschütterte mich. Und er hörte nicht auf.
Ich stand da, unfähig, mich zu rühren.
Meine inneren Mauern begannen zu bröckeln.
Die Erschütterungen gingen durch mich hindurch.
Immer stärkere Wellen. Ein Erdbeben, die Posaunen von Jericho, solche Dinge fuhren mir durch den Kopf. Und ob andere das vielleicht auch wahrnehmen würden.
Dieser Donner war ein Sturm, der meine inneren Mauern hinwegfegte wie altes Herbstlaub. Und ich sah auf die brennenden Feuer meiner Seele.
Jedermann würde sie jetzt sehen können. Davor hatte ich mich immer gefürchtet, ein offenes Buch zu sein, in das jeder Einsicht nehmen konnte.
Aber genau das hatte ich mir von mir immer gewünscht, dass ich das sein durfte, ein offenes Buch, ohne Geheimnisse.
Irgendwann ließ der Donner nach, ließ mich los, und schwankend stand ich da, verwirrt, mein Gesicht eine einzige Frage.
Ich wollte schon zu meinem Platz zurückkehren, doch ich konnte mich nicht bewegen. Im wahrsten Sinne vom Donner gerührt stand ich da. Es ließ mich noch nicht los, bis ich begann, den Donner zu übersetzen.
Vor meinem geistigen Auge begann sich etwas zu bilden, eine Schrift. Eine leuchtende Schrift, wie eine Neonwerbung, doch ohne irgendein Format.

HABE GRENZENLOSES VERTRAUEN

So stand es vor meinem inneren Auge, und es verschlug mir die Sprache.
Plötzlich hatte ich eine Ahnung, wer oder was dieser Donner war, wer da gesprochen hatte.
Sollte es IHN doch wirklich geben?
Es war nicht der Baum. Mit einem Mal wurde mir klar, dass der Baum nur ein Mittler war, für etwas viel Größeres, für das Größte überhaupt.
ER hatte zu mir gesprochen? Konnte das sein?
Eine seltsame Euphorie breitete sich in mir aus. Und mit dieser Euphorie ging ich zurück an meinen Platz. Mit dieser Euphorie würde ich vielleicht den Abgrund zwischen uns schließen können.
„Ich war eben bei diesem Baum, dort ...“
„Ich weiß.“
„Hast du auch etwas gespürt?“
„Hm, - jaa, - da war was. - Ja, ich hab etwas gemerkt. So … ungefähr eine Minute lang. Du warst ja nicht lange weg.“
„Das ist eigenartig. Mir kam es vor wie zwanzig Minuten oder eine halbe Stunde.“
„Was kam dir so vor? Was war denn?“
„ER, Gott, ER hat zu mir gesprochen. Habe grenzenloses Vertrauen, hat er gesagt...“
„Wie? Er hat mit dir geredet? Wie denn das?“
„Aber du hast auch etwas gespürt, hast du gesagt.“
Sie versucht es wieder herunterzuspielen und ich erzähle ihr, was ich erlebt habe.
Und schon entbrennt die Diskussion darüber, wie ER das gemeint haben würde. Und ich spüre immer deutlicher, dass der Abgrund zwischen uns nicht geringer wird, nein, tiefer und breiter, mit jedem Wort, mit dem sie dieser Vision die Kraft nimmt, alles auf sich projiziert, wie sie es immer gemacht hat. Ihr Universum ist selbstzentriert. Ein allumfassender Gott hat darin keinen Platz.
Gott in ihrem Universum dient nur ihr allein.
Enttäuscht falle ich zurück in Wortkargheit, die Vision ist für diesen Moment entkräftet. Sie hätte diese Chance nutzen können, aber sie kann es einfach nicht.
Mit dieser traurigen Erkenntnis fahren wir schweigend nach Hause.
Doch in mir schwingt noch immer der Donner, diese allgewaltige Stimme Gottes, nach. Sie lässt die Enttäuschung nicht lange zu und immer noch sehe ich die Schrift, die alles andere überblendet.
HABE GRENZENLOSES VERTRAUEN.
Die einzige Frage, die in mir umgeht, ist die: Wie soll ich das machen, Herr?



Satz 2

Zwei Wochen später.

Dieses Erlebnis, ja, man kann es wirklich so sagen, prägte mich. Meine Mauern waren niedergerissen, hinweggefegt in einem gewaltigen Sturm, und mein Seelenland lag als eine weite Ebene vor mir.
Und immer noch schwelten die Feuer darin, immer wieder angefacht von Ereignissen, Bildern, Situationen, die mich an das Unaussprechliche erinnerten, was man mir, damals noch ein Kind, angetan hatte.
Immer wieder flammte das Feuer auf zu brennendem Schmerz, der mein Leben zum Stillstand brachte, der mir Chancen nahm, der jegliche Kommunikation mit der Welt um mich herum zunichtemachte, der meinen Mund verschloss, der eigentlich schreien wollte.
Dieses Feuer, das meine Sprache tötete, das meine Liebe tötete, das mich tötete, ganz langsam, immer mal wieder, Situationen, die entfernte Erinnerungen wach werden ließen, und mit diesen Erinnerungen flammte das Feuer auf und es waren keine Mauern mehr, die das Feuer vor den Augen der Welt versteckten. Man konnte sehen, wie es mich verzehrte, und es kamen Ansagen wie: „Es muss doch irgendwann einmal gut sein“ oder: „Es ist doch vorbei, hab doch einfach mal Spaß ...“
Gut gemeinte Ratschläge, doch ohne Wirkung, ohne Verständnis, ohne …
Gerade einmal zwei Wochen war es her, dass ER zu mir gesprochen hatte, und nun? Hatte sich etwas zum Besseren für mich dadurch gewandelt? Ja doch. Ich war nicht von der Liste der Unterstützungswürdigen gestrichen worden. Wir wurden nicht obdachlos und auf die Straße geworfen.
Und das, obwohl ich immer noch nicht darüber sprechen konnte, was mir widerfahren war. Ein kleines Wunder war geschehen. Diese Frau, die meine Sozialarbeiterin war, legte ihre Härte ab und wurde mitfühlend, ohne zu verstehen, was mit mir war. Sie fragte mich einmal und obwohl sie keine Antwort erhielt, blieb es dabei. Sie konnte sich dies wohl selbst nicht erklären, denn es war nicht ihre Art, und ich spürte, dass sie nach einer Lösung suchte.
Ich aber dachte, dass ER zu mir gesprochen hat, ist schon ein Wunder, aber das kann nicht alles gewesen sein. Ich spürte es, und da ich wusste, dass der Baum nur ein Mittler war, konnte ich also auch zu jedem anderen Baum gehen, oder?
Nun, ich wusste es nicht genau, aber vielleicht bevorzugte ER ja Platanen.
So ging ich also in unseren Park ganz in der Nähe, dorthin, wo die großen Platanen standen, und stellte mich erwartungsvoll vor einen dieser Bäume und wartete. Wartete auf das Donnern seiner Stimme.
Aber es kam anders. Da war kein Donner, und erst später begriff ich, warum und dass ER es in anderer Person war.
Ich vernahm, wenn man es so sagen darf, eine Stimme, die ebenso unhörbar war, wie der Donner.
Ich spürte die Stimme, und sie war weich, beruhigend, ein sanftes Brummen, das meinen ganzen Körper erfüllte, bis ich glaubte, überzulaufen, wie ein voller Krug, und es hörte nicht auf.
Überglücklich stand ich da, rührte mich nicht an diesem frühen Morgen und war froh, dass niemand weiter im Park war. Und als es dann aufhörte und ich so erfüllt war von dieser Weichheit, begann ich zu verstehen.

ÜBE DICH IN GEDULD

Aber Herr! Wie soll ich das machen?
Ich hatte keine Geduld, ebenso wenig wie ich Vertrauen hatte, geschweige denn, grenzenloses Vertrauen. Aber ich ahnte etwas. Ja, es war nur eine entfernte Ahnung, weit hinten am Horizont meines Aschelandes. Und immer noch schwelten dort die düsteren Feuer, die darauf warteten, wieder angefacht zu werden, um mich endgültig zu verbrennen, meine Seele in eine Hölle zu verwandeln, in der nur noch Hass und Dämonen regieren würden.
Und ER sagte zu mir, ich solle mich in Geduld üben?
Was für eine Aufgabe, Herr!
Ich hätte gerne mit meiner Freundin darüber gesprochen.
Ich hätte auch gerne mit jemand anderem darüber gesprochen, doch fürchtete ich, dass man mich dann für vollends verrückt halten würde, so wie es dann später auch in ähnlicher Weise bei Gesprächen mit einem jungen Psychiater geschah.
Der sagte mir, ich würde unter einer leichten Form paranoider Schizophrenie leiden, es sei aber nicht weiter gefährlich, das wäre nicht ungewöhnlich bei Menschen, die so etwas erlebt hätten wie ich, wobei er mich freundlich und mitleidig ansah.
Wunder sind in solchen Kreisen nicht akzeptabel, werden wissenschaftlich medizinisch erklärt, dachte ich bei mir.
Ich konnte das akzeptieren und ließ mich davon nicht aus der Ruhe bringen, wusste ich doch, was ich erlebt hatte. Ich konnte ganz beruhigt aus dieser Situation herausgehen, nicht ahnend, dass es sein zweiter Schritt war, mich aus der WELT herauszunehmen, nicht wissend, welche Pläne ER für mich hatte, dass ER überhaupt einen Plan mit mir hatte.
Ohne es überhaupt zu bemerken, begann der erste Satz, SEIN erster Satz, bereits zu wirken. Meine Bemühungen, mich mit meinem Verstand, der nicht verstehen konnte, nach diesem Satz zu richten, waren völlig unnötig, denn dieser Satz war so gewaltig, SEINE Stimme, die alle meine Mauern niedergerissen hatte, war so gewaltig, dass es gar nicht anders sein konnte, als dass es mich verändern würde.



Satz 3

Einige Wochen später.

Immer noch war da dieses drängende Gefühl, dass es noch nicht alles war, was ER mir sagen wollte. Da war immer noch etwas. Ich hätte darauf kommen können, aber selbst wenn, so war es doch von immenser Wirkung, wenn ER zu mir sprach.
Und so machte ich mich wieder auf zu meinem Baum.
Neugierig.
Gespannte Erwartung.
Was würde ER mir diesmal zu sagen haben?
Ich war in so freudiger Erwartung. Ich konnte es kaum erwarten, dass ER zu mir sprechen würde. Nur damit niemand auf mich aufmerksam würde, ging ich langsam, als wenn ich einen Morgenspaziergang machen würde, doch ich hätte springen können, tanzen wie ein Kind vor Freude. Meine Freundin ging stumm neben mir. Die Diskussion um den ersten Satz war noch nicht vorbei.
Und dann stand ich vor meinem Baum. Ich versuchte, ruhig zu bleiben, doch es wollte mir nicht gelingen.
Nur SEINE Stimme würde mich beruhigen können.
Und dann vernahm ich sie. Ganz leise. Sie brachte mich sofort in eine unvorstellbare Ruhe, denn sie war so fein, so kaum vernehmlich, ein lieblicher Sphärenklang, der mich entzückte. Mir liefen Tränen über das Gesicht, ich schmeckte das Salz auf meinen Lippen und einen Moment der Ewigkeit war ich nicht mehr hier. Diesen Moment war ich in einem unbeschreiblichen Licht.
Die Zeit blieb stehen, bis der Klang leiser und leiser wurde. Sanft setzte er mich dann zurück vor meinem Baum.
„Und - hat er was gesagt?“ Meine Freundin stand neben mir und riss mich brutal in diese Welt.
„Pssst!“, sagte ich. „Sei mal kurz still.“
Sie setzte sich auf eine Bank, während ich noch verweilte.
Und dann erfüllte mich dieser Satz, dieser alles verändernde Satz, den ich erst viele Jahre später in seiner Absolutheit erkennen sollte. Dennoch war es in diesem Moment schon eine Erfüllung.

LIEBE BEDINGUNGSLOS

Das war einfach unfassbar! Tränen standen mir in den Augen. Ich wusste, dass ich es ihr nicht sagen konnte, ohne dass sie es nur zu sich gezogen hätte. Sie und nichts und niemand anderes.
„Ich weiß nicht … Ich habe nichts gemerkt...“
Diese Lüge versetzte mir einen Stich ins Herz und ich spürte es so sehr in aller Deutlichkeit, dass etwas, ja, dass garnichts zwischen uns stimmte. Was hatten wir denn? Dass wir Bedingungen an unsere Liebe knüpften.
Ich liebe dich, wenn...
Es gab einen ganzen Katalog von Bedingungen auf beiden Seiten.
Einen „Ich liebe dich, wenn …“-Katalog.
Und genau dies war eine so schmerzhafte Erkenntnis und dass ER uns bedingungslos liebt. Doch wirklich bewusst konnte ich das alles noch nicht erfassen. Es war eine Ahnung von etwas, das ich mir in jener Zeit absolut nicht vorstellen konnte.


Epilog

30 Jahre später kamen diese drei Sätze in ihrer vollen Wucht, in ihrer absoluten Tragweite in mein Leben. Die letzten drei Jahre, die letzten Monate, die letzten Wochen, die letzten Tage, die meine Freundin zu leben hatte.
Es war unabwendbar.
Ihr Weg. Sie hat jegliche Hilfe abgelehnt. Sie hat mich beschimpft, weil ich sie zum Arzt schickte.
Ich weiß nicht, ob man sagen kann, sie hat es sich so ausgewählt.
Vielleicht.
Worin ich mir aber sicher bin. ER hat mich an ihre Seite gestellt, als Begleiter, denn ohne meinen Beistand hätte sie diesen Weg mit unendlich viel mehr Leid gehen müssen.
Und er hat sie an meine Seite gestellt, weil ER einen Plan mit mir hat. Und weil ich IHN anders nie gefunden hätte. Heute, wenn ich ein letztes Mal zurückschaue, weiß ich, dass alles seine Richtigkeit hatte, auch wenn ich oft verzweifelt war, nicht verstanden habe, meine Freundin verlassen wollte, weil mir alles zu viel war, weil ich nicht verstehen konnte, wie eine Frau so sein kann. Weshalb sie mir alles zerstören konnte, nur um alles an sich zu reißen.
ER hat mich durch ein Feuer geschickt, doch es hat mich nicht verzehrt. Er hat mir drei Sätze mit auf den Weg gegeben, die mich seitdem begleiten, die mich das Feuer haben überstehen lassen, indem ich nicht hart geworden bin, sondern weich. In dem ich gelernt habe, was es bedeutet, bedingungslos zu lieben, so wie ER uns bedingungslos liebt. Und ich weiß, dass diese Liebe bleibt. Diese Liebe, die ich ihr diese letzte Zeit, die letzten Monate, die letzten Tage ihres Lebens geben konnte und die sie noch im Angesicht des Todes nur für sich haben wollte, in ihren Käfig einsperren und mit ins Grab nehmen, die sie noch immer nicht jemand anderem gönnen konnte.
Diese Liebe bleibt.
ER hat diese Liebe aus ihrem Käfig, ihrem Todesfluch, befreit und damit auch mich.
Und vielleicht auch sie, denn Wochen später hörte sie sich noch einmal. In meinem Zimmer hörte ich immer wieder leises Rascheln von Papier. Aber da war nichts, was hätte rascheln können. Und ich wusste, sie hasste Papier, sie hasste es, wenn ich schrieb. Und dann, eines Abends, hörte ich sie. Ihre Stimme war ganz nah bei mir und in ihrer Stimme war eine Liebe, die ich nie bei ihr gefunden hatte. Und sie sagte:
„Du bist frei. Ich bin nicht mehr eifersüchtig ...“
Danach verschwand sie für immer.


© Gunnar Buchheister


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Kommentare zu "Drei Sätze"

Re: Drei Sätze

Autor: Harald (Tom) Gressel   Datum: 24.12.2025 12:11 Uhr

Kommentar: ...Deine Geschichte, Dein Epilog hat mich sehr berührt...

Herzlichts Harald (Tom)

Re: Drei Sätze

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 24.12.2025 13:54 Uhr

Kommentar: Lieber Gunnar, vielen Dank, dass du „Drei Sätze“ mit uns geteilt hast. Der Text hat mich tief berührt – er ist roh, ehrlich und voller Schmerz, aber auch voller einer stillen, hart erkämpften Hoffnung. Die drei göttlichen Sätze – „Habe grenzenloses Vertrauen“, „Übe dich in Geduld“, „Liebe bedingungslos“ – wirken wie Leuchttürme in einem Sturm aus Trauma, Ohnmacht und Verlust. Dass sie erst nach 30 Jahren ihre volle Kraft entfalten, macht die Erzählung so glaubwürdig und stark. Der Epilog mit der letzten Stimme deiner Freundin („Du bist frei. Ich bin nicht mehr eifersüchtig …“) ist zart und versöhnlich – er lässt einen mit Tränen und einem leisen Lächeln zurück.Es braucht Mut, so offen über Missbrauch, zerbrochene Beziehungen und den langen Weg zur Heilung zu schreiben. Dein Text ist kein „schönes“ Märchen, sondern ein Zeugnis – und genau deshalb bleibt er hängen. Danke für diese Geschichte. Sie ist wichtig.
Herzliche Grüße
Johann

Re: Drei Sätze

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 24.12.2025 20:19 Uhr

Kommentar: Lieber Johannes,
danke für dein Feedback. Ja, ein Zeugnis, das ist es. Und bei aller Fantasie, so etwas kann ich mir nicht ausdenken. Ich kann nur später mit meiner Fantasie mehr daraus machen, oder besser, aus all meinen Erlebnissen und mit meiner Fantasie kann ich etwas Neues schaffen, den alten Kern, der mal so schrecklich war, umweben und umwerben, ein wenig liebkosen, bis etwas Neues daraus wächst, was viel schöner ist, als man es eigentlich erwarten könnte.
Ich muss ganz ehrlich sagen, die Kraft der Vergebung war mir bis vor nicht allzu langer Zeit noch etwas Fremdes, Unvorstellbares, doch diese Erfahrung, dass ich dem, der mir das Schlimmste angetan hatte, vergeben konnte, hat mich gerettet.
Die Feuer sind erloschen und aus der Asche wachsen jetzt prosaische Blumen. Und die möchte ich mit ganz vielen Menschen teilen, damit sie daran teilhaben können und sehen, dass aus dem Schlimmsten etwas anderes werden kann, als eine dunkle Hölle voller Hass und Dämonen.
Wenn ich das Refugium soweit bearbeitet habe, dass es für Schreiber-Netzwerk passt, wird sich zeigen, was ich meine. Aber ich denke, du hast ein Gespür dafür und merkst es schon jetzt an den Geschichten, die ich eingestellt habe.

Herzliche Grüße
Gunnar

Re: Drei Sätze

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 24.12.2025 21:07 Uhr

Kommentar: Lieber Gunnar,

deine Antwort hier zu lesen, nachdem ich deine Geschichte in mich aufgenommen hatte, ist wie ein zweites Geschenk. Es schließt den Kreis auf eine Weise, die mich sehr bewegt.

Als ich von den „prosaischen Blumen aus der Asche“ schrieb, war das ein vorsichtiger Versuch, in Worte zu fassen, was dein Text in mir ausgelöst hat. Und jetzt, wo du selbst genau diesen Satz aufgreifst und sagst: „Der Text ist selbst eine solche Blume“, da spüre ich diese seltene, stille Freude, die entsteht, wenn jemand versteht, was man eigentlich meinte. Du bestätigst damit genau das, was ich beim Lesen empfand: dass hier nicht über Heilung geschrieben wurde, sondern dass das Schreiben selbst ein Akt der Heilung ist.

Dass du dieses „Refugium“ weiter bearbeitest und teilen willst, finde ich wunderbar. Denn was du geschaffen hast, ist mehr als eine Erzählung – es ist ein Raum, den du öffnest. Ein Raum, in dem auch andere ihr „verbranntes Seelenland“ wiedererkennen und vielleicht, wie du, den ersten zarten Wuchs darin entdecken können.

Dein Weg, das Unsagbare nicht zu verschweigen, sondern es mit der Sorgfalt und der Fantasie des Schriftstellers zu umweben, bis etwas Neues, Tragfähiges entsteht – das ist für mich die größte Stärke deines Schreibens. Es ist nicht nur Zeugnis, es ist Verwandlung. Und du lädst uns Leser ein, daran teilzuhaben.

Ich danke dir für dieses Vertrauen und für deine Worte. Sie gehen weit über eine normale Leseerfahrung hinaus und bleiben, wie ein Samen, zurück.

Herzlich,
Johann

Re: Drei Sätze

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 25.12.2025 8:54 Uhr

Kommentar: Lieber Johann,
ich danke dir für deine Antwort. Dann weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Sicher, mein Gefühl, mein Schreibgefühl sagt mir das, aber das bestätigt zu sehen, verdoppelt es noch einmal.

Noch einmal ganz kurz etwas anderes. Ich hatte nun über die Formatierungen nachgedacht und die Übertragung ins Netzwerk hier. Aber ich glaube, es gibt dabei eine Schwierigkeit. Man kann die Schriftgröße zoomen und das Textfenster bleibt gleich groß. Ich habe festgestellt, dass man aber im gezoomten Modus keine anderen Texte aufrufen kann. Und der Text ist ein Fließtext. Offensichtlich geht solches dann schon an die Grenzen dessen, was hier möglich ist. Alles Weitere würde mehr Softwareaufwand bedeuten und damit wohl auch mehr Kosten. Also gebe ich mich mit dem zufrieden, was wir hier haben. Dafür erleben wir hier eine solche Vielfalt von Inhalten, die ich in einer Bücherei nur mit Mühe finde.
Nun muss ich also abschließend dazu sagen, der Perlentaucher findet hier eine Muschelbank und Perlen, die zwar äußerlich alle gleich scheinen, aber im innersten sooo wertvoll sind, dass man sich von Äußerlichkeiten nicht abschrecken lassen sollte.
Es ist ein wenig wie im zweiten Kapitel vom Refugium, als Lisa die Waldfrüchte aus dem Gras fischt. Äußerlich unscheinbar und für Anna sogar ein wenig unappetitlich, aber die Überraschung kommt beim Hineinbeißen. ;-))

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