Jeden Nachmittag stand sie hier und beobachtete die Menschen im Spiegelkabinett. Es sah lustig aus, wie sie sich orientierungslos durch die verspiegelten Gänge bewegten und mit den Händen die Spiegel abtasteten. Einige winkten Tilla fröhlich zu und sie erwiderte lächelnd den Gruß. Andere schienen verstört zu sein und aus manchen Augen sprach blankes Entsetzen. Dann verzog Tilla höhnisch ihren Mund. Das Spiegelkabinett war eher klein und wirkte nicht kompliziert. Manche Leute kamen schon nach zehn Minuten wieder heraus. Zugegeben, es waren wenige so fix. In der Regel Kinder. Wahrscheinlich weil sie nicht so kompliziert denken, vermutete Tilla. Im Schnitt dauerte es eine halbe Stunde, manchmal auch länger. Obwohl sie genau aufpasste, hatte sie wohl doch auch Leute übersehen. Den großen Mann mit dem Vollbart zum Beispiel. Die Dame mit dem grünen Strohhut sah sie auch nicht herauskommen. Vermutlich war sie da gerade abgelenkt.
Nun wollte auch Tilla hinein und stellte sich an der Kasse an. Sie bezahlte und betrat das Reich der Spiegel. Von allen Seiten begaffte sie ihr Spiegelbild. Tilla schnitt ihm Grimassen und amüsierte sich dabei prächtig. Als sie in einer Sackgasse landete, legte sie damit richtig los. Doch plötzlich stutzte sie. Ihr Spiegelgesicht war eine hässliche Fratze. Zögerlich hob Tilla die Mundwinkel und lächelte - die Fratze blieb. Tilla betastete ihr Gesicht, doch ihr Gegenüber hatte die Arme verschränkt. "Das ist bestimmt ein Trick", mutmaßte Tilla, drehte sich trotzig um und ging den Weg zurück. Dabei vermied sie es, in die Spiegel zu schauen. Rechter Hand bog ein Weg ab und Tilla folgte ihm. Er führte sie an die Außenspiegel. Tilla sah dort Zuschauer stehen, die ihr zuwinkten. Sie winkte zurück. Gegenüber erblickte sie die Losbude. Aha, ich muss mich links halten, dachte Tilla und fand auch bald eine Abzweigung. Doch die vielen Kurven raubten ihr bald erneut die Orientierung. Vor ihr tauchte wieder eine Spiegelwand auf. Ihr Gesicht war noch immer fratzenhaft. Auch hatte sie das Gefühl, dass ihre Haare länger waren. Tilla griff an ihren Kopf und fasste eine Strähne. Sie hatte noch immer einen Pagenkopf. Ein leichtes Unbehagen beschlich die junge Frau. Aus dem Gang neben ihr stolperte die Dame mit dem grünen Strohhut und verschwand dort, wo Tilla her gekommen war. "Himmel, die Frau ist ja immer noch hier drin. Das müssen jetzt ja schon vier Stunden sein!" rief sie erschrocken aus. Tilla bekämpfte energisch ihre aufsteigende Panik. "Das ist doch alles Quatsch. Ich habe den Ausgang doch selbst gesehen", beruhigte sie sich und bog in den Gang ein, den die Frau gerade verlassen hatte, und wandte sich dort gleich scharf nach links. Dieser Weg schien schmaler zu sein. Energisch schritt Tilla voran, nur um erneut in einer Sackgasse zu stehen. Die junge Frau sah auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass sie bereits neunzig Minuten hier drin war. Wie war es möglich, dass sie den Ausgang nicht fand? Schließlich besaß sie einen exzellenten Orientierungssinn und hatte sich das Spiegelkabinett gründlich von außen betrachtet.
Nanu, da war ja ein Spalt zwischen den Spiegeln. Tilla quetschte sich hindurch und stand in einer kleinen Kammer. Überall waren Spiegel. Erneut besah sie sich ihr Spiegelbild: Fratze, grimmiger Blick, verschränkte Arme, schulterlanges verfilztes Haar.
"Hinter den Trick komme ich", flüsterte Tilla, wickelte sich ihr Seidentuch um die Faust und durchschlug den Spiegel. Die Dame mit dem grünen Strohhut sah sie erschrocken an. "Entschuldigung", murmelte Tilla und hastete an der Frau vorbei.
Als sie wieder an die Außenspiegel kam war es bereits dunkel und ihr Blick fiel erneut auf die Losbude. Tilla versuchte auf sich aufmerksam zu machen, doch die Leute draußen amüsierten sich nur königlich über die wild gestikulierende Frau, lachten oder verzogen lediglich spöttisch ihren Mund.
Tilla gab nicht auf. Sie lief und lief. Stundenlang stolperte sie durch das Labyrinth aus Spiegeln. Keine Menschenseele schien mehr hier drin zu sein. Auch die Strohhutfrau war verschwunden. Sie war allein.
Plötzlich erlosch das Licht und auch die Musik auf dem Rummelplatz verstummte. Erschöpft sank Tilla zu Boden. Was sollte sie nur tun? Sie durfte nicht einschlafen. Schnell stand sie auf und wankte weiter. Die Dunkelheit war ein Segen, ihr Spiegelbild war ausgelöscht. "Es gibt nur einen Weg", überlegte Tilla. "Ich laufe jetzt stur geradeaus und schlage jeden Spiegel entzwei, der sich mir in den Weg stellt". Genau das tat Tilla.
Das Zerbersten der Scheiben rief jedoch den Sicherheitsdienst zum Spiegelkabinett. Als die junge Frau mit einem triumphierenden Schrei ins Freie stolperte, wurde sie sofort festgenommen. Tilla schrie und heulte wie ein in die Enge getriebenes Tier und schlug wild um sich. Sie blickte gehetzt und schien niemanden wahrzunehmen. Schließlich wurde sie von den Sicherheitsbeamten niedergerungen, die auch einen Notarzt anforderten. Dieser gab ihr eine Beruhigungsspritze und veranlasste ihre Einlieferung in die Psychiatrie.


© Sabine Axnick


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