Wege gehen

Die Wege, die wir gehen sind recht unterschiedlich, aber Eines haben sie gemein. Meist sind es immer die Gleichen. Es gibt viele Gründe, warum wir das tun. Der Plausibelste ist wohl der, das sie uns vertraut sind, das wir wissen, wo der Weg hinführt, wo wir ankommen und wie wir wieder zurückkommen. Jeden Tag haben wir die Möglichkeit uns aufs Neue zu entscheiden, ob wir den Weg gehen, den wir kennen oder ob wir etwas ganz Anderes machen. Und obwohl viele einen Leidensweg gehen, getrauen sie sich nicht, etwas Anderes zu tun als das, was sie gewohnt sind.
Elias, einer meiner spirituellen Berater sagte einmal zu mir "hört endlich auf zu leiden!" Als er meinen verstörten Gesichtsausdruck sah, sprach er: "hört auf die Dämonen zu füttern. Je mehr ihr ihnen von euch hingebt, desto hungriger werden sie. Sie werden euch auffressen bis nichts mehr von euch da ist." Und wie soll das gehen dachte ich bei mir.
Das ist nun schon viele Jahre her. Aber gerade jetzt habe ich einen neuen Weg begonnen. Das ist auch der Grund warum ich mich dafür entschieden habe, den Brief an meinen Vermieter zu veröffentlichen, etwas das ich mich vor einiger Zeit nicht getraut hätte, geschweige denn, solch einen Brief zu schreiben.
Diese Veränderung war nun aber kein Akt der Verzweiflung sondern eine logische Konsequenz aus dem, was vorher war. Eine ganze Weile schon 'spielen' wir so etwas wie paradoxes Mensch ärgere dich nicht. Und das geht so. Ich versuche meiner Lebensgefährtin einen Weg aus ihrem Leiden aufzuzeigen und sie sagt "geht nicht". Wenn ich ihr aber Wege zeige, dann muss ich sie auch selber gehen. Also bin ich zu der Überzeugung gekommen, die Dinge, die ich vorschlage selber zu tun. Damit habe ich nun begonnen und verändere mein Leben grundsätzlich. Während meine Lebensgefährtin eine fatalistische Lebenshaltung einnimmt, versuche ich den Weg zurück ins Leben.
Allerdings gab es erst kürzlich eine Situation, bei der ich mich frage, wie weit kann und darf ich beim Coaching gehen. Meine Reaktion war in erster Linie vollkommen egoistisch muss ich zugeben, aber ich konnte es nicht ertragen, zumal ich einen Tag zuvor einen Traum hatte, der mich noch immer nicht loslässt. In diesem Traum war ich wieder in einem Schlachthof (in dieser Wohnung träume ich öfter von Schlachthöfen). Ich hörte eine Stimme aus dem Off wie sie sagte: "wir haben jetzt eine neue Methode, wie wir die Kühe töten." Dann sah ich, wie jemand einer Kuh, die aus einem schmalen Gang in ein Gestell getrieben wurde, eine kleine gelbe Tablette ins Maul legte und ihr einen Klaps auf ihr Hinterteil gab, damit sie loslaufen sollte. Das arme Tier gab ein klägliches Muhen von sich und lief los. Was dann passierte, wollte Ich nicht sehen und drehte mich weg, doch es half mir nichts. Ich hörte ihre Hufe auf dem gefliesten Boden und dann ein Geräusch, wie ich es mir schlimmer nicht vorstellen konnte. Es war das Geräusch eines platzenden Wassersacks. Es war so grauenhaft, das ich einfach nur schreien konnte. Es war der gleiche Schrei, wie den Tag als mein großer Hund mit Gift getötet wurde. Und dann erscholl dieses Gelächter um mich herum. Als ich aufsah, bemerkte ich die Theaterränge und die Menschen, die sich offenbar köstlich amüsierten. Meine Partnerin weckte mich, weil ich im Schlaf komische Geräusche machte, wie sie sagte.
Da sass sie nun auf ihrem Stuhl, auf dem sie letzte Zeit immer saß, den Kopf nach hinten gebogen, der Mund halb offen. Ihre Nieren hatten seit drei Tagen nicht mehr gearbeitet. Das Fatale war zudem, das es sie glaubte, das sie mehr trinken müsse damit sie wieder pinkeln könne. Dabei konnte man sehen, wie sie sich langsam selber ertränkte. Es war ein eigenartiger Zustand in dem sie sich befand. Angst vorm Sterben aber es fehlte ihr der Lebenswille. Sie war um Jahre gealtert, sah älter aus aus ihre eigene Mutter. Hätte sie nicht geatmet, ich hätte sie für tot gehalten. Das war ein Moment in meinem Leben in dem ich hysterisch wurde. Ich habe die ganze Nacht geheult und in mir steckte ein innerer Aufschrei, der mir die Luft nahm. Ich fasste der Entschluss sie nicht gehen zu lassen. In dieser Nacht bat ich meine spirituellen Berater sie ins Leben zurück zu holen, etwas das ich gemeinhin nicht tue.
Am nächsten Morgen begannen ihre Nieren wieder zu arbeiten.
Sie war zurück im Leben, doch damit auch in ihrem Leiden. Und das sie wieder da war, hörte man. Die Tage der Kleinlauthaftigkeit waren vorbei. Alles war wieder Scheiße, sie wollte dies nicht und jenes, sagte immer wieder "Ich kann nicht mehr" und überhaupt schien alles wie immer. Ich dachte bei mir, wenn du so weitermachst, bist du bald wieder an der gleichen Stelle wie zuvor. Aber ich werde die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie diese Chance, zurück im Leben zu sein, für sich nutzen wird.

Nachtrag:
Es ist ihr nicht gelungen, ins Leben zurückzukehren. Der Point of no return war schon längst überschritten. Ich weiß nicht ob damals, als ich sie überredet hatte zum Arzt zu gehen, noch Zeit gewesen wäre, etwas zu unternehmen aber andererseits ist diese Überlegung auch irrelevant. Sie ist den Weg gegangen, der offenbar der Einzige war, den sie gehen konnte und sie hat sich da niemals dreinreden lassen, im Gegenteil hat sie mir noch Vorwürfe gemacht, das ich sie zum Arzt geschickt hatte, weil die Ärztin sie gleich ins Krankenhaus überwiesen hatte, und Krankenhaus war einfach etwas, das nicht ging aufgrund ihrer Geschichte. Ich weiß nicht ob sie durch meine Intervention für eine kurze Zeit zurück im Leben war oder ob es auch so gekommen wäre. Es ging dann plötzlich Alles sehr schnell, wie ein Ball der einen Berg hinab rollt und immer mehr Fahrt aufnimmt. Bis zum letzten Moment wusste sie Nichts von ihrer Krankheit, hat es komplett beiseite geschoben und vielleicht ist es auch besser so, das sie nicht in dem Bewusstsein gegangen ist unheilbar krank zu sein. Sie hat es einfach so hingenommen. Oft habe ich mich über diese fatalistische Haltung echauffiert, aber es änderte ja Nichts. Die letzten Wochen waren geprägt von einer Harmonie, die wir in nur wenigen Momenten in unserem Leben hatten und ich habe mich gefragt, warum wir das nicht auch sonst gekonnt hätten. Andererseits haben wir Beide die letzten Tage in dem Bewusstsein erlebt, das es ganz schnell vorbei sein kann, und auch wenn wir nicht darüber redeten, so war uns doch die Todesnähe bewusst. Sie hatte nicht mehr den Willen aufzubegehren gegen das was da auf sie zukam und auch nicht gegen mich, egal was ich tat, nur ein paar mal machte sie Bemerkungen, aber es waren schon eher Feststellungen, das ich so dominant geworden wäre. Wenn man aber eine vierundzwanzig Stunden Pflege übernimmt, bleibt einem auch nichts mehr weiter übrig als den Verlauf und die Organisation zu bestimmen. Und auch wenn ihr sonst Alles zu viel war, die Momente, in denen ich sie umsetzte vom Stuhl in ihren Rollstuhl oder zurück, wenn ich sie zu Bett brachte, was immer öfter wurde, weil sie keine Kraft mehr hatte. wo sie dann stundenweise schlief bis sie voller Panik wieder aufwachte, diese Momente nutzte sie in voller Wachheit mir nahe zu sein. Eine seltsam verhaltene Zärtlichkeit, für einen kurzen Moment oft nur, aber voller Intensität. Danach zurückfallen in einen abwesenden Zustand, in dem ich das Gefühl hatte, sie sei nicht bei Verstand, zumal sie dann oft Wünsche äußerte, die ich ihr nicht erfüllen konnte, absurd teilweise. Und eben so ein Wunsch war es dann auch, der ihr Schiff untergehen ließ. Sie wollte unbedingt in ihren Rollstuhl obwohl sie ihr eines Bein nicht anwinkeln konnte. Ich versuchte ihr klarzumachen, das es unweigerlich zur Katastrophe kommen müsse, wenn wir das machen würden. Ich hatte diesen Morgen auch keine Kraft mehr, völlig ausgelaugt, nicht geschlafen, keine Energie. Sie redete solange auf mich ein, schimpfte, bettelte, bis ich wider besseres Wissen das tat, was sie wollte. Ich hatte mir Alles ganz genau überlegt, jeden Handgriff jede Bewegung hatte sie ganz genau und eindringlich instruiert, sie es wieder und noch einmal widerholen lassen, was sie machen solle, aber es geschah genau das was ich befürchtete. Und auch wenn sie der Meinung war, sie sei über meinen Fuß gestolpert, so spielte es doch keine Rolle mehr. Sie hatte einfach keine Kraft mehr, schon seit Tagen nichts mehr gegessen, auch wenn sie der Meinung war, das wäre genug, sackte einfach in sich zusammen auf den Boden. Ich hatte nicht die Kraft sie zurück in ihren Rollstuhl zu heben oder aufs Bett. Über eine Stunde versuchte ich sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien, dann entschied ich, gegen ihren Willen, die Feuerwehr zu holen. Vorher musste ich ihr aber versprechen, dass die Männer sie nur in ihre Rollstuhl heben würden und dann wieder gehen. Der Arzt, der hinzugerufen wurde, machte ihr klar, das sie nicht zu Haus bleiben könne und eine weitere Stunde auf dem Boden bedeuten würde, dass sie qualvoll ersticken müsse. Sie bekam jetzt schon keine Luft mehr, und es wurde immer schlimmer. Als sie merkte, das ihr nichts weiter übrig blieb, als sich in ihr Schicksal zu fügen, gab sie endgültig auf. ich sah es in ihren Augen, und auch wenn ich immer noch die Hoffnung hegte, sie würde zurückkommen und Alles würde gut werden, wusste ich doch eigentlich, das ich sie zum letzten Mal bei Bewusstsein erlebte. Den Tag darauf riefen mich die Ärzte zu sich um mit mir zu sprechen und mir zu sagen, was ich eigentlich schon wusste, das sie nicht mehr lange zu leben hätte. Die Nacht darauf erhielt ich um zwei Uhr Morgens einen Anruf vom Krankenhaus und ich wusste, was der Arzt sagen würde. Ich war seltsam gefasst. Eigentlich hatte ich erwartet von mir, das ich weinen würde, schreien vielleicht, aber eine eigenartige Ruhe kam über mich, und es war auch nicht Betäubung. Sicher war es schmerzhaft. Es tat mir im Herzen weh, aber das war mein Schmerz. Ich ertrug ihn in dem, Bewusstsein, das sie von ihren Schmerzen, ihren Ängsten, die an ihr fraßen wie gierige Raubtiere, von der Dunkelheit, die sie immer mehr umhüllte nun endlich befreit war. Ich weiß, das sie nicht mehr leben wollte und die Ärzte haben mir das Gleiche auch noch einmal erzählt, wie sie jegliche Hilfe abgelehnt hat, ihre Beatmungsmaske abnahm. Das Einzige was sie zuließ war, das man sie von ihren Schmerzen befreite, so das sie in Ruhe einschlafen konnte.


© Karl Maria Sprachlos


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Kommentare zu "Wege gehen"

Re: Wege gehen

Autor: Monika Lipke   Datum: 28.05.2021 23:53 Uhr

Kommentar: Du hast Recht...Jeder Mensch empfindet anders...das innere Gefühl lässt vieles nicht zu...Da nützt keine Vernunft...

Alles liebe...Mona...

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