GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT         04.11.2017

Mein Schwiegervater hat alles aufgehoben und das über mehrere Jahrzehnte, was irgendwie mit Papier zu tun hatte.Auf seinem Tisch türmten sich ständig Berge davon, alles bunt durcheinander. Zeitungen, Dokumente, Zeichnungen, Fotos, Ausweise,Briefe und Ansichtskarten gaben sich ein Stelldichein mit Rechnungen, handgeschriebenen Notizen, Kalendern aller Art, Bücher udglm. Wurde der Stoss zu gross und zu hoch, nahm er einen Teil von oben, legte ihn auf den Platz auf seinen Tisch. Den unteren Teil nahm er dann, mit Ausnahme einiger Bücher, welche er immer wieder las, legte ihn auf den Boden und verschnürrte ihn mit einer Paketschnur zu einem festen Bündel. Dieses schaffte er dann in den 1.Stock unseres Hauses, wo einige Räume noch leerstehen. Er hat mehr oder weniger ein Zimmer beschlagnahmt um sein Papier zu archivieren.
Was noch vielleicht ganz lustig ist, ist folgendes: Als wir unser Haus noch nicht hatten, lebte er in einem kleinen Häuschen aus selbstgebrannten Ziegeln und Lehm. Ausserdem befanden sich am Grundstück um´s Häusl ein ebensolcher Stall und so eine Art Vorrats - Lagerhaus. Ein Raum war fast bis zur Gänze in der Erde und diente als Weinkeller. - Aber nicht nur! Mein Schwiegervater hatte darin alle seine Papierbündel, in Reih - und Glied an der Decke aufgehängt, damit Mäuse und etwaiges andere Getier nicht daran nagen konnten.
Ich war heute allein zu Hause, hatte Zeit und so beschloss ich ein bisschen zu stöbern in den Papierbergen. Einen Grossteil wertlosen Papiers hatte ich früher schon entsorgt. Vieles muss auch mein Mann durchchecken.Es sind da zB. alte, noch mit der Hand geschriebene Kaufverträge unserer Grundstücke auf kyrillisch, welche ich beim besten Willen nicht entziffern kann, aber noch wichtig sind.
Soweit, sogut! Ich ging also stöbern. In diesem " Papierzimmer ", wie ich es nenne, steht eine alte, unbenützte Couch. Das ist sehr praktisch für mich, weil ich sitzen kann und eventuell Wichtiges oder Interesssantes neben mir ablegen kann. Ich kramte schon eine ganze Weile in irgendwelchen, in brüchigem,altem Zeitungspapier eingewickelten Fotos, alten Lichtbildausweisen sämtlicher Familienmitglieder der vorigen drei Generationen und einigen uralten Geldscheinen,als ich auf ein blaues Kuvert stiess, ebenfalls in Zeitungspapier gewickelt. Ich dachte zuerst, da wären wieder Geldscheine drinnen. Doch dann stutzte ich. Auf dem Kuvert stand mein Name. Verwundert und neugierig öffnete ich es. - Heraus fielen ein paar Blätter mit Gedichtchen, welche ich für meine, seinerzeit noch kleinen Kinder schrieb ( zw. 1982 - 85 ). Wir hatten uns damals, es gab keinen Fernseher, eine Art Spiel ausgedacht. Ein Kind sagte ein Wort, welches ihm gerade einfiel und dann dachten wir uns dazu eine Geschichte aus oder ein passendes Lied, welches sie kannten oder wenn nicht, musste ich ihnen eines vorsingen. Manchmal wollten sie auch ein Gedicht. Besonders mein " Erstgeborener " mochte die Melodie der Verse. Er meinte immer, das sei fast so wie singen, nur nicht ganz so laut.
Da sass ich nun, mit meinen seinerzeit geschriebenen Zetteln in der Hand und habe die Zeilen überflogen. Im Hinterkopf hörte ich das Geplappere und das Lachen meiner 3 kleinen Buben. Ich konnte gar nicht anders: ich musste ganz eiinfach schmunzeln.
Mein Schwiegervater, der zwar nicht verstand was auf den Zetteln stand, aber meine Handschrift erkannte und für den alles geschriebene wichtig war, hat sie in das Kuvert gesteckt, meinen Namen darauf geschrieben und dann schlichtweg in seinem Haufen Papier verloren und vegessen. So betrachtet, habe ich ihm zu verdanken, dass mich heute die Vergangenheit eingeholt hat.


© Maline


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Beschreibung des Autors zu "GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT 04.11.2017"

Wort: FAHRRAD

Mit dem Fahrrad ganz gschwind,
fährt den Berg hinab das Kind.
Die Haare flattern lustig im Wind!

Wort: 7 ZWERGE

7 Zwerge tanzten Ringelreiha.
Plötzlich schrie einer: "Au - weia!"
Sein wilder Tanz hat ihn zum hinfallen gebracht.
Schneewittchen hat herzhaft gelacht.




Kommentare zu "GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT 04.11.2017"

Re: GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT 04.11.2017

Autor: Wolfgang Sonntag   Datum: 29.07.2019 23:30 Uhr

Kommentar: Liebe Maline,
wenn man deine schöne Geschichte liest, muss man schon mal seufzen. Die Vergangenheit ist ein wichtiges Fundament. Ohne sie hätte die Gegenwart und die Zukunft keinen Halt.
Liebe Grüße Wolfgang

Re: GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT 04.11.2017

Autor: possum   Datum: 30.07.2019 1:04 Uhr

Kommentar: Liebe Maline,
och dies ist sogleich so berührend ... Danke, dass ich teilhaben durfte,
ganz lieben Gruß an dich!

Re: GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT 04.11.2017

Autor: Maline   Datum: 30.07.2019 8:33 Uhr

Kommentar: Lieber Wolfgang! --- Liebe possum!

Zuallererst einmal herzlichen Dank an euch beide. Leute wie ihr seid es, die mich immer wieder bestätigen in meinem Tun, worüber ich sehr froh bin. Ich wünsche euch kreatives Schaffen und einen wunderschönen Tag voll Freude! Maline

Re: GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT 04.11.2017

Autor: Vergissmeinnicht   Datum: 02.08.2019 12:34 Uhr

Kommentar: Hallo Maline...habe deine Geschichte gerade erst gelesen... und muß gestehen... auch mir ist so was erst kürzlich passiert... werde davon eines Tages mal berichten...
wünsche dir wie immer nur GUTES.... dein Vergissmeinnicht.

Re: GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT 04.11.2017

Autor: Maline   Datum: 02.08.2019 12:54 Uhr

Kommentar: Liebes Vergissmeinnicht!

Danke! Mach´ das! Ebenfalls alles Gute für dich! Maline

Re: GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT 04.11.2017

Autor: Erika Reinecke   Datum: 03.09.2019 19:03 Uhr

Kommentar: wunderschön, ich hatte dazu Bilder im Kopf. Wie schön das dein Schwiegervater das aufgehoben hat

Re: GRÜSSE AUS DER VERGANGENHEIT 04.11.2017

Autor: Maline   Datum: 03.09.2019 19:34 Uhr

Kommentar: Liebe Erika!

Manchmal lohnt sich Sammelleidenschaft. LG. Maline

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