Ab und zu begegnet er mir auf dem Weg zur Arbeit. Wir kennen uns nicht. Er ist immer alleine unterwegs, bleibt manchmal stehen, stützt sich auf seinen Gehstöcken ab und liest die Schilder an den Wegkreuzungen. Ich vermute, dass der alte Mann in seiner Wohnung alleine lebt und nur draussen auf seinen Spaziergängen auf Menschen wie mich trifft, die ihn grüssen oder mit ihm sprechen. Er grüsst immer zurück, höflich, korrekt, etwas mechanisch, mit ein wenig Stolz. Ich vermute, dass er sich innerlich sogar ein wenig freut, wenn er mich grüssen darf. Würde ich seinen Weg nicht kreuzen, würde er einer Person weniger "guten Tag" sagen können. So bin ich ein Teil eines Puzzles, das sich "Beziehungsnetz" nennt, auch wenn ich mit dem alten Mann eigentlich in keiner richtigen Beziehung stehe. Wenn er mich gegrüsst hat, geht der alte Mann langsam weiter, vermutlich wird er in diesen frühen Morgenstunden nicht weit kommen. Er wird einige Pausen machen, die seien ihm gegönnt. Ich spüre, dass sein Weg an diesem Tag und an anderen Tagen kein leichter sein wird. Und trotzdem hält er an seinen Runden in seiner kleinen Welt fest und grüsst Menschen wie mich, denen er gerne einmal "danke" sagen würde. Der alte Mann wirkt verloren, jetzt im Winter, aber auch im Sommer, im Frühling und im Herbst. Ich frage nie, wie es ihm geht, noch was er den ganzen Tag macht. Ich gehe einfach meinen Weg weiter.


© René Oberholzer


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