Leseprobe zum Roman bei neobooks als e-book erschienen
1. Kapitel Der Kindheit entwachsen
Maximiliane fühlt sich seit frühester Kindheit nicht als Mädchen. Nach klärenden Gesprächen mit Fachärzten und Psychotherapeuten geben die Eltern nach. Maximilian von Wildenstein’s größter Wunsch erfüllt sich. Der Zwölfjährige darf als Junge auftreten. Die Pubertät wird medikamentös ausgesetzt, eine regelmäßige Begleitung durch den Endokrinologen Dr. Reimers findet ebenso statt, wie turnusmäßiger Kontakt zur Psychotherapeutin Frau Michelsen. Max ist überglücklich ein Junge sein zu dürfen und schießt mit seinen Streichen gehörig übers Ziel hinaus. Er freut sich auf seinen siebzehnten Geburtstag: Dann kann er selbst entscheiden, ob er männliche Hormone einnehmen und sein Geschlecht im Anschluss auch operativ angleichen lassen will.
Die Geschichte spielt in der Übergangszeit zwischen altem und neuem Melderecht.
Max ist inzwischen im siebzehnten Lebensjahr. Er wurde von Dr. Reimers zu einem Wochenendseminar eingeladen um andere transidentische Jugendliche kennenzulernen.
Es geht weiter Teil 2
Unser Hotel lag in Hamburgs City an der Alster. Wir konnten von unserem Zimmer aufs Wasser sehen. Ich war begeistert. Wenn man, wie ich, aus einem kleinen bayerischen Dorf kam, ist eine Großstadt wie Hamburg der absolute Wahnsinn. Rene lebte in Norderstedt, einem Vorort, und kannte sich dementsprechend gut aus. Wir waren am Freitagnachmittag angereist. Mein Flieger nach Hause sollte am Sonntagnachmittag starten.
Und Samstag spielte der HSV gegen Dortmund. Rene war Fußballfan wie ich. Das erste, was wir taten, war, Dr. Reimers zu fragen, ob wir das Spiel sehen durften. Er hatte schließlich die Aufsicht und organisierte unsere Freizeit an diesem Wochenende. Er lachte verständnisvoll. Es war sechs Uhr abends und wir saßen im Essensraum des Hotels. Er bat uns auf seine Ansprache zu warten.
„Einen schönen guten Abend, meine jungen Damen und Herren.“ Freudig schaute der Doc von einem zum anderen.
„Ich freue mich, dass ihr alle es geschafft habt, heute an unserem ersten Treffen teilzunehmen. Ich sehe diesen Kontakt als sehr wichtig und bedeutsam für euch an, denn ihr lernt auf diese Weise das erste Mal andere Kinder und Jugendliche kennen, denen es genauso geht wie euch. Nutzt die Zeit für private Gespräche. Tauscht eure Handynummern aus und versucht später in Kontakt zu bleiben, wenn ihr erwachsen seid. Nicht alle von euch werden den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen. Aber gerade für diejenigen, die es tun, ist es wichtig, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, um von den Erfahrungen der anderen zu profitieren.“ Eines der Mädchen meldete sich.
„Ja, Caro, was gibt es?“
„Warum sind nur zwei Jungen dabei, hatten die anderen keine Lust?“
„Nein, das sind im Augenblick die einzigen Herren, die wir in dieser Altersklasse haben. Es kommen sehr viel mehr Mädchen zu mir in die Sprechstunde als Jungen. Ich rätsle selbst über die Gründe. Bei Rene und Max trat die transsexuelle Prägung schon sehr früh im Kleinkindalter auf. Beide wussten, dass sie keine Mädchen, sondern Jungen waren. Ich denke, es liegt an der Gesellschaft und an den Eltern. Wenn sich ein Mädchen wie ein Junge verhält, hat es weniger Probleme mit der Umwelt, als umgekehrt. Es wird toleriert, wenn ein Mädchen keine Kleider tragen will. Für die Eltern läuten zunächst keine Alarmglocken. Sie glauben an ihrer Tochter sei nur ein Junge verloren gegangen und denken, sie wird sicher eine emanzipierte Frau werden, was den Eltern in der Regel recht ist. So bleiben die Jungen zunächst unerkannt und unbehandelt.
Das war eine sehr gute Frage. Wir sind deshalb zusammen gekommen, damit ihr Fragen stellen könnt. Transsexualität ist kein Kinderspiel. Ihr habt es etwas besser als eure erwachsenen ‚Kollegen‘, weil ihr frühzeitig die Gelegenheit erhaltet, euch zu dem Geschlecht zu bekennen, dass ihr in euch fühlt.“ Ich meldete mich.
„Meine Mutter hat mal unserem Pfarrer den Marsch geblasen und gesagt, dass unser Gehirn bestimmt, wer oder was wir sind.“
„Ja, das ist richtig. Davon gehe ich auch aus. Ohne die Leistung unserer Gehirne ist der menschliche Körper nur ein Klumpen Fleisch. Wenn das Gehirn nicht richtig funktioniert, benötigen wir Hilfe bei den einfachsten Aufgaben. So wie es bei geistig Behinderten der Fall ist. Ein schwer behinderter Mensch kann nur in der Gemeinschaft mit Gesunden überleben und wäre allein nicht in der Lage, sich gegen wilde Tiere zu wehren oder sich Nahrung zu suchen. Das Gehirn ist somit unser Motor. Und es entscheidet, wenn wir zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr die Frage beantworten müssen, ob wir Junge oder Mädchen sind.“
Wir waren bereits mitten in der Diskussion. Alle sprachen durcheinander.
„Bitte nehmt die Namensschildchen, die ich euch vorhin gegeben habe, und befestigt sie an euch. So könnt ihr einander schneller kennen lernen. Ich habe mein Zimmer hier im Hotel und bleibe bei euch, damit wir uns gegenseitig Löcher in den Bauch fragen können. Allerdings soll der Spaß nicht zu kurz kommen und Hamburg bietet Einiges. Ich wurde schon auf das Fußballspiel morgen angesprochen. Wer hat außer Rene und Max Interesse am Volksparkstadion? Es besteht die Möglichkeit im Nebengebäude Schlittschuhe auszuleihen, während eine Gruppe Fußball schaut. Es gibt dort nämlich eine Sommereisbahn.“
Drei Mädchen wollten spontan zum Fußball, der Rest entschied sich für die Eishalle. Rene und ich schauten uns an. Arschkarte. Beides ging wohl nicht. Der Doc telefonierte mit einer seiner Sprechstundenhilfen. Sie wollte kommen und die Eisgruppe begleiten. Am nächsten Morgen sollte eine Psychologin einen Vortrag bei uns halten und hinterher mit uns diskutieren.
„Schreibt euch in die Liste ein, die ich jetzt rumgebe. Für Sonntagvormittag habe ich eine Hafenrundfahrt geplant. Zu Planten un Blomen oder Hagenbeck reicht leider die Zeit nicht aus. Aber wenn euch das Seminar gefallen hat, versuchen wir es im nächsten Jahr zu wiederholen und dann steht Hagenbeck auf dem Programm.“
Alicia, die jüngste mit dreizehn Jahren, hob ihren Arm. „Dürfen wir nicht morgen Abend zum König der Löwen? Ich freue mich schon so sehr darauf.“
„Dafür habe ich dreizehn Karten bestellt, elf Kids und zwei erwachsene Begleitpersonen. Wir fahren gemeinsam mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und ich bitte euch auf jeden Fall bei der Gruppe zu bleiben. Bitte auch die beiden siebzehn- bzw. achtzehnjährigen Damen. Ich trage während dieser drei Tage die Verantwortung für euch und möchte alle wieder heil und gesund bei den Eltern abliefern. So wie ich sehe, gibt es Abendbrot. Wir treffen uns um halb acht Uhr im Seminarraum zum weiteren Kennenlernen und Quatschen und versuchen eine gemütliche Sofarunde aufzubauen.“
Ich spürte Hunger. Das Essen war reichlich und schmeckte gut. Es gab Würstchen, Kartoffelsalat und Brot mit Aufschnitt. Rene und ich langten ordentlich zu. Die Mädchen an unserem Tisch staunten Bauklötze, was wir in uns hinein futterten. Aber Rene spielte Tennis im Verein und manchmal Eishockey. Er traf sich mit ein paar Kumpels jeden Tag zum Skateboarden. Wir brauchten beide viele Kalorien für unsere sportlichen Aktivitäten.
„Ich warte schon sehnsüchtig auf meine Hormone“, sagte ich zu ihm und nahm mir das sechste Würstchen.
„Ich auch. Meine Kumpels haben alle mit dem Stimmbruch angefangen.“ Ich nickte traurig.
„Ja, mein bester Freund Andy hat mir gezeigt, was für Kunststücke sein bestes Stück kann und ich saß wie Pik Sieben daneben. Es ist schon ein Kreuz. Die Mädels haben, was wir so gerne hätten.“ Melanie und Kerrin hörten uns aufmerksam zu. Kerrin schüttelte genervt den Kopf.
„Ich hatte schon befürchtet, dieses Gespräch würde nie enden. Wie appetitanregend, mit euch zweien am Tisch zu sitzen. Wir können gerne tauschen.“ Melanie gab ihr Recht.
„Mein komisches Teil da unten könnt ihr liebend gern bekommen. Es gehört da nicht hin und ist total umsonst. Schade, eigentlich bräuchten die Chirurgen doch nur unsere Teile abnehmen und bei euch anbauen. Das würde die Operation sehr vereinfachen.“
Keine schlechte Idee, dachte ich bei mir.
„Das will ich aber erst sehen. Nicht, dass ich etwas zu Kleines kriege.“ Melanie schüttelte den Kopf.
„Wenn du dich als Frau fühlen und so wie ich aussehen würdest, wärst du garantiert nicht zufrieden. Wir können froh sein, dass es den Doc und sein Team gibt.“ Oh, das hörte sich nicht gut an. Ich spürte ein schlechtes Gewissen.
„Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Bist ‘n sehr nettes Mädel.“ Sie verzog ihren Mund. Kerrin brachte es geschickt und diplomatisch auf den von beiden beabsichtigten Punkt.
„Deine Freundin kann sich glücklich schätzen. Ein junger Graf, mit Schloss und Manieren. Das gibt es heute nicht oft.“ Hach, das ging runter wie Öl. Ich überlegte, bevor ich die Katze aus dem Sack ließ, ob ich das letzte Würstchen noch essen sollte und drehte mich zu Rene. Der hatte es bereits selbst in Augenschein genommen.
„Wollen wir teilen?“, meinte er. Im nächsten Moment stachen unsere beiden Gabeln zu und machten der Wurst erst mal den Garaus. Melanies Blicke ruhten auf mir. Ja, Süße, ich muss dich leider enttäuschen. Du willst wissen, ob ich noch frei bin. Nein, bin ich nicht. Jenny hat gewisse Vorrechte. Erst einmal war sie vor dir da, zweitens ritt sie gut und… ihr Vater trug einen Titel. Zwar nur ein einfacher Freiherr von Regitz, aber immerhin. Ich begann wie meine Eltern standesgemäß zu denken. Es gab so wenige von uns, dass wir versuchen mussten, ein paar Adelsgeschlechter zu erhalten.
„Ich habe eine Freundin, sie heißt Jenny von Regitz und reitet im Landeskader von Schleswig-Holstein. Wir haben uns in Warendorf beim Sichtungslehrgang kennengelernt. Aber ich denke, sie hat nichts dagegen, wenn ich nett zu euch bin, solange es nicht in zu wilde Knutschereien ausartet und sie sich Sorgen machen muss. Sie weiß von mir und findet nichts dabei. Wenn ich erst Hormone bekomme, werde ich männlicher aussehen und nach der OP besteht die Möglichkeit eine Pumpe in den Penis einzusetzen, so dass ich mit einem Mädchen schlafen kann.“
Melanie sah mich mit verklärtem Blick an.
„Verloben heißt: Festhalten und Weitersuchen.“
„Also, unsere OP ist ebenfalls nicht ohne. Der Schniedel wird weggeschnitten und nach innen gestülpt, so dass eine Vagina daraus wird. Wichtig ist die Harnröhrenverkürzung. Da darf nichts schief gehen, sonst trägt Frau Windeln. Aber es gibt inzwischen sehr gute Ärzte und Kliniken, die das machen. Ich weiß nur noch nicht, ob ich mir Silikon in die Brust einsetzen lassen will“, meinte Kerrin und machte ihrem Herzen ungeniert Luft.
„Was sagt denn der Doc dazu?“, meldete sich Rene.
„Ich hab dank ihm keine Regel mehr gekriegt, sonst wäre ich wohl total durch geknallt. Die erste Blutung war so schrecklich, dass ich dachte, mein letztes Stündlein hat geschlagen und ich war erst knapp Zwölf gewesen.“
„Ja“, antwortete ich. „Mir ging es genauso. Und was das Silikon angeht, da wäre ich vorsichtig. Nicht auszudenken, wenn das ausläuft! Das gibt doch bestimmt genug Sachen für euch zum Unterstopfen. Meine Klassenkameradinnen tragen alle so besondere BH‘s, wo es mehr scheint, als tatsächlich da ist.“
Rene grinste und meinte: „Stell dir vor, du bist so weit, dass du ihr in die Oberweite greifen darfst und da ist nur Stoff. So’n Shit, das wird die totale Verarsche für dich.“
Die Mädchen kicherten. Unser Doc löste den Abendbrottisch auf, wir durften auf unsere Zimmer gehen. Melanie nahm mich besitzergreifend in den Arm. Geiles Gefühl, als Junge so angebaggert zu werden.
Rene zog die Gardinen vor und knipste seine Nachttischlampe an. Es wurde gemütlich. Ich schaltete meinen Laptop ein.
„Sind da auch Lesben dabei?“, fragte Melanie, als ich den anderen meine Lieblingsseiten zeigte.
Die Bilder lösten spontane Erregung bei mir aus. Inzwischen wusste ich, dass die Klitoris für meinen Lustgewinn verantwortlich war und es immer bleiben musste. Einen richtigen Penis mit Schwellkörper, so wie ihn Andy besaß, werde ich nie haben können und somit war mir ein Orgasmus als Mann verwehrt. Ich schluckte traurig, als ich daran dachte. Da werde ich endlich irgendwann ein Mann sein und das Wichtigste, den Orgasmus, kann ich nur wie eine Frau erleben. Irre. Und irgendwie ungerecht. Es war fies, gemein, was mit uns geschah. Wir hatten doch niemandem etwas getan. Warum mussten wir so leiden? Missgeburt, da war es wieder. Das Wort, das mir eine leise Stimme in meinen ersten jungen Kinderjahren immer zuflüsterte, wenn ich über mich nachdachte und mich damit oft bis an den Rand des Wahnsinns brachte.
„Ich glaube, wir werden alle bisexuell“, erklärte ich den anderen und versuchte mich damit aus der Lethargie zu holen.
„Das ist irgendwie logisch. Allerdings ein Vorteil bei der Partnersuche. Man hat mehr Möglichkeiten, den oder die Richtige zu finden.“ Melanie schmiegte sich wie ein Kätzchen an mich.
„Wenn deine Jenny keine Lust mehr auf dich hat, ziehe ich gerne zu dir aufs Schloss und werde Gräfin. Ansonsten werde ich nach der OP Lesbe.“
Rene platzte heraus: „Vielleicht eine lesbische Gräfin.“
Ich sah auf die Zeit. Es war gleich halb acht Uhr und wir sollten in den Seminarraum gehen. Ich wollte mir noch etwas zu trinken besorgen. Wobei, ein paar Bier hatte ich schon im Rucksack. Die gehörten Rene und mir heute am späten Abend. Der Gutenachttrunk für echte Männer!
Die Mädchen wollten sich frisch machen. Mit Cola, Schokolade und Gummibärchen betraten wir Jungen den Gruppenraum. Dort lernten wir die anderen Mädels kennen. Wir waren beide heißbegehrt. Alle wollten neben uns sitzen und sich an uns kuscheln. Ich legte meinen Arm mal um die eine und mal um eine andere.
„Was ist bei uns eigentlich normal, Doc. Werden wir hetero oder schwul-lesbisch oder alles davon?“, fragte ich Herrn Reimers.
„Wieder so eine gute Frage. Max, wenn ich das wüsste, wäre ich vielleicht schon reich. Ich denke, dass ihr bereits viel weiter seid und eure ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt habt, stimmt’s?“
Ich grinste. „Ich habe eine Freundin, mit der ich aber außer Knutschen noch nicht viel anfangen kann. Auch mit meinem Freund war es schön.“
„Und jetzt kommt meine Gretchenfrage: Max, als was hast du dich dabei gefühlt und gesehen? Als Mädchen oder als Junge?“
Ich sah den Doktor an, trank einen Schluck Cola und antwortete selbstsicher: „Als Junge. Ausschließlich. Ich bin wahrhaftig kein Mädchen.“
„Ist es denn normal, wenn ich mich als Mädchen fühle und mit Mädchen schmusen will, obwohl ich biologisch ein Junge bin?“, fragte Meike und schien sehr verunsichert und ängstlich zu sein.
„Es ist alles normal, Meike. Wichtig ist dein Gefühl. Wenn es dir dabei gut geht, kannst du jeden Partner wählen. Deine sexuelle Ausrichtung und deine transidentische Prägung haben nichts miteinander zu tun. Du musst dir nur sicher sein, dass du wirklich als Mädchen leben willst und kannst. Wenn du nur leichte Zweifel spürst, warte mit der Hormoneinnahme. Dein Gehirn entwickelt sich noch und es kann dir plötzlich signalisieren, dass du doch ein Junge bist. Ihr reift in einem unterschiedlichen Tempo. Niemand kann vorhersehen, was in ein, zwei oder drei Jahren sein wird. Deshalb sind wir Ärzte vorsichtig. Kollegen von mir gehen noch viel weiter und sagen, dass unsere Methode falsch ist, weil laut ihrer Studien ein großer Teil Jugendlicher sich mit seinem Geschlecht aussöhnt und schwul oder lesbisch wird“, erklärte Herr Reimers.
Katharina war bereits achtzehn Jahre alt und hatte die ersten weiblichen Hormone eingenommen. Sie empörte sich heftig.
„Hört bloß auf mit diesem Idiotenverein. Die nennen das standards of care und sind Ärzte ohne eigene persönliche transsexuelle Erfahrung. Man muss selbst betroffen sein, um das verstehen zu können. Die Behandlung, die wir hier erhalten, ist die einzig Vernünftige. Bei Herrn Reimers steht der Mensch, der einzelne Mensch im Vordergrund. Nicht das Profilierungsdenken von Ärzten, die vielleicht nur auf eine Professur hoffen und bereit sind, dafür über unsere Leichen zu gehen. Ich konnte nur deshalb anständig meine Schule weitermachen, weil ich wusste, dass mir der Doc mit spätestens Achtzehn helfen würde. Meine Eltern erlaubten mir mit sieben Jahren als Mädchen zur Schule zu gehen. Sie halfen mir, wo sie nur konnten. Ich verdanke ihnen und Doktor Reimers mein Leben. Und das tut ihr in gewisser Hinsicht alle.“
Das waren ehrliche Worte. Ich hatte schon viele Lebensgeschichten von Transsexuellen im Internet und in Büchern gelesen. Mein Bücherschrank glich fast der Schlossbibliothek meines Vaters. Die meisten bekamen die Unterstützung erst als Erwachsene und so lange gab es das Transsexuellengesetz auch noch nicht. Die Medizin machte in den letzten Jahren große Fortschritte, die an uns nicht spurlos vorüber gingen. Gerade die OP Frau zu Mann war sehr schwierig, weil ein Penis aufgebaut werden musste. Es gab einige Ärzte in Deutschland, die das in unterschiedlichen Zeiten konnten. Die Angleichung bestand aus mehreren Eingriffen, die jeder für sich recht umfangreich waren. Oder es gab eine einzige große OP, die allerdings sehr viel kostete und nicht immer von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wurde.
Für mich konnte ich mir diese Lösung vorstellen. Das Ganze fand in einer Privatklinik statt. Es gab dabei kaum Komplikationen und darauf kam es doch an. Man musste an den Menschen denken und das Beste für jeden Einzelnen tun. Ich hatte Glück, denn meine Eltern konnten die Kosten bezahlen, wobei mein Vater einen großen Teil von unserer privaten Krankenversicherung zurückbekam. Das war inzwischen wohl von jemandem gerichtlich durchgesetzt worden. Die bezahlten auch die Behandlung bei Doktor Reimers vollständig. Ich erzählte den anderen, was ich wusste.
„Du bist sehr weit für dein Alter, Max. Aber das liegt sicher an deiner besonderen Erziehung als Adelsspross“, meinte Herr Reimers.
Ich lachte. „Wir liegen in Bayern in Pisa nicht umsonst so weit vorn. Es wird am Gymnasium bei uns viel verlangt und ohne freiwilliges Lernen und Büffeln ist das nicht zu schaffen. Aber ich bin in gewisser Weise sehr streng, beziehungsweise standesbewusst erzogen worden. Mein Vater meint immer: Adel verpflichtet. Das hörte ich mitunter täglich und es prägte sich irgendwann ein. Die Religion ist bei uns ebenso nachhaltig. Bei unserem alten Pfarrer hatte ich es sehr schwer gehabt, aber meine Mutter hat dem ordentlich die Meinung gesagt. Der Neue ist da toleranter. Und ich hab ihm übel mitgespielt, aber das gehört hier nicht her.“
Erschrocken schwieg ich. Das Erlebnis mit dreizehn Jahren belastete meine Seele, trotz fleißiger Gartenarbeit, immer noch. Es schlich sich stets in meine Gedanken und meine momentane Erlebenswelt hinein, wenn ich das Gefühl hatte richtig glücklich zu sein.
Ich spürte plötzlich Müdigkeit und musste gähnen. Einige andere reagierten darauf und wollten ins Bett. Dr. Reimers löste die Gruppe auf.
„Ich wünsche euch allen eine gute Nacht. Wir treffen uns morgen früh um acht Uhr im Frühstücksraum.“
Rene und ich putzten nach dem Duschen die Zähne und schlüpften zusammen mit meinem Laptop unter seine Bettdecke.
Beschreibung des Autors zu "Vom Mädchen zum Mann Teil 2 Jugendjahre auf Burg Wildenstein"
Der Roman ist erschienen auf neobooks als e- book, ISBN: 978-3-8190-1531-1 am 26.04,2026
Die Geschichte wird in Ich-Form erzählt. Maximiliane ist zwölf Jahre alt und als Tochter des bayerischen Markgrafen Ernst von Wildenstein und dessen Gattin Gräfin Adelheid eine Prinzessin. Sie fühlt sich seit frühester Kindheit als Junge und benimmt sich alles andere als damenhaft. Als die Regel einsetzt, kommt es zu einem impulsiven Gespräch mit der Mutter. Die Eltern sind sich einig, dass sie medizinische Hilfe benötigen.
Der Hamburger Endokrinologe Dr. Reimers wird ebenso zum Begleiter, wie die Münchner Kindertherapeutin Frau Michelsen. Max erhält die Erlaubnis als Junge in die Schule zu gehen. Er freut sich unendlich und wird zu einem richtigen Lausejungen, der nur Streiche und Flausen im Kopf hat. Sowohl in der Kirche, auf dem Reitturnier als auch im Schwimmbad begegnet er Irritationen und Ansichten vonseiten Erwachsener, die als Mobbing angesehen werden müssen.
Max kann aber auf die Hilfe und Unterstützung seiner Eltern vertrauen. Er erlebt herrliche Kinderjahre im Kreise seiner adligen Familie. Cousin Hubertus und Cousine Beatrix gehören zu seinem Umfeld, genau wie sein Schulfreund Andy und die Söhne des Försters, mit denen er aufgewachsen ist. Das alte Bootshaus der Familie hütet viele Geheimnisse.
Hier endet der erste Teil
Der zweite Teil Jugendjahre auf Burg Wildenstein
Sein Arzt möchte seine jungen transidentischen Patient/Innen zusammen führen und lädt Max nach Hamburg zu einem „Transkidstreffen“ ein. Es wird ein voller Erfolg. Rene ist wie Max sechzehn Jahre alt und beide beschließen den transsexuellen Weg durch die medizinische und rechtliche Geschlechts- angleichung gemeinsam zu gehen. Für Max enthält der Wechsel ins männliche Geschlecht ein Novum: Laut Hausgesetz des uralten Grafengeschlechts darf nur der älteste Sohn Schloss und Titel erben, was bei Vater Ernst von Wildenstein und dessen Bruder bereits Diskussionen hervorrief. Nun wird Max als Junge Erbe. Wie wird das Adelsregister darauf reagieren?
Max beginnt seine ersten eigenen Streifzüge durch die Großstadt Hamburg. Er verläuft sich und lernt Conny kennen, der eigentlich Conrad heißt. Der Siebzehnjährige lebt auf St. Pauli und ist mit dem Milieu dort vertraut. Max staunt, als ihn Conny über den Kiez führt.
Rene und Andy werden zu treuen Gefährten und verhelfen dem einsamen Conny, der keine Schulausbildung hat und sich für Geld verkauft, zu einem neuen Leben. Die drei werden dickste Freunde. Mit siebzehn beginnt die Hormonbehandlung für Max und Rene, die gespannt und ungeduldig auf ihren Stimmbruch warten. Nach Max‘ achtzehntem Geburtstag und dem bestandenen Abitur werden Rene und Max gemeinsam in Berlin operiert. Spritzige und freche Dialoge über das Operationsergebnis führen dazu, dass Mutter Adelheid fluchtartig die Klinik verlässt, nachdem die OP gut verlaufen ist.
Im Herbst beginnt für beide der Ernst des Lebens. Rene studiert in Hamburg. Max zieht mit Andy und Jacob nach München. Er ist weiterhin mit seiner norddeutschen Reiterfreundin Jenny liiert, die, wenn es nach den Eltern ginge, die künftige Gräfin Wildenstein werden sollte. Eizellenentnahme und künstliche Befruchtung sollen später für den Erhalt des Grafengeschlechts sorgen.
Rene hat ebenfalls eine Freundin: Kerrin, die mit männlichem Geschlecht zur Welt kam und eines der Mädchen war, die dem ersten Transkidtreffen beiwohnten. Ihre Freundin Melanie hat sich mit Conny zusammen getan. Einzig Andy, der mit Mädchen nichts anfangen kann, ist noch nicht unter der Haube.
Das zweite Transkidtreffen bei Dr. Reimers verläuft dramatischer als das Erste. Es sind nur Jungen anwesend. Der elfjährige afghanische Junge Sami löst Mitgefühl bei den beiden Großen aus, sein Schicksal rührt in besonderer Weise.
Neben genuiner, also angeborener Transidentität wird auf diese Weise auch auf die Möglichkeit der sekundären, also anerzogenen Transidentität hingewiesen.
In der Zwischenzeit ergeht nach dem altrechtlich notwendigen Gutachterverfahren der Gerichtsbeschluss zur Vornamen-und Personenstandänderung. Dieser Roman spielt noch in der Zeit vor dem neuen Meldegesetz.
Im Frühjahr endet für alle Jungs das erste Semester. Max und Rene fahren noch einmal nach Berlin. Die Penispumpe wird eingesetzt und der Hodenersatz geformt.
Die beiden verlassen die Klinik nicht nur seelisch, sondern endlich auch äußerlich als Männer. Ein Neues Leben beginnt.
Niemals werde ich dich hassen,
oder dir an die Gurgel fassen,
du,Neger,Edeljude oder Ultrachrist,
weil du mein ewiger Bruder bist;
Sie wollen,dass wir uns bekriegen,
und das wir für sie mordend [ ... ]
Die Poesie des Summ! Summ!
Summ der Bienen. Das Tralalala
als die Wahrheit der Welt. Der
Urschrei der Wolken als Weckruf
für den Kaffee. Die Sonne, die „Alle
meine Entchen“ singt. Und [ ... ]