Das letzte Gespräch
Der Raum war weiß. Nicht freundlich weiß. Krankenhaus weiß.
Das Licht kam von der Decke, ohne Schatten.
Die Stühle waren aus Kunststoff. Grau.
Der Tisch war aus Kunststoff. Weiß.
Auf dem Tisch lag das Diktiergerät.
Rotes Licht.
Der Mann auf dem linken Stuhl sah auf seine Hände.
Der Mann auf dem rechten Stuhl sah auf das Diktiergerät.
»Es läuft«, sagte der rechte.
»Ja.«
»Wie lange noch?«
»Die Batterie. Eine Stunde. Vielleicht weniger.«
Der linke nickte.
Draußen war Sommer. Man konnte es nicht sehen. Kein Fenster.
»Du siehst alt aus«, sagte der linke.
»Du auch.«
»Das ist nicht wahr. Ich sehe aus wie tot. Bin ich bald.«
Der rechte sagte nichts.
Das rote Licht flackerte. Einmal. Dann war es wieder stabil.
»Warum hast du das angemacht?«
Der linke zuckte mit den Schultern. »Damit es jemand hört.«
»Wer?«
»Weiß nicht. Jemand.«
Der rechte atmete aus. Langsam. Kontrolliert.
»Es ist kalt hier«, sagte er.
»Stell dir vor, es ist warm.«
»Das funktioniert nicht.«
»Nein.«
Stille.
Eine Minute. Zwei.
Das Diktiergerät tickte leise. Das Band drehte sich.
»Erinnerst du dich an den Strand?«, fragte der linke.
Der rechte sah auf. »Keine Rückblenden.«
»Das ist keine Rückblende. Das ist eine Frage.«
»Es ist eine Falle.«
»Vielleicht.«
Der linke lächelte. Es sah weh aus.
»Du hast dich nie getraut«, sagte er.
»Wozu?«
»Irgendwas. Alles.«
Der rechte stand auf. Er ging zum Tisch.
Er legte seine Hand auf das Diktiergerät.
Er ließ sie dort. Zog sie nicht weg.
»Ich war sieben Jahre lang jeden Tag am Strand«, sagte der rechte.
»Das ist nicht wahr.«
»Das ist wahr.«
»Du hasst das Meer.«
»Ich hasse nicht das Meer. Ich hasse –«
Er hielt inne.
»Was?«, sagte der linke.
»Nichts.«
»Du darfst das Wort nicht sagen. Das weiße Wort. Das verbotene.«
»Ich weiß.«
»Trotzdem.«
Der rechte setzte sich wieder.
»Ich war dort«, sagte er leise. »Jeden Tag. Von morgens bis abends. Ich habe aufs Wasser gesehen.«
»Was hast du gesucht?«
»Eine Antwort.«
»Und?«
»Das Meer gibt keine Antworten.«
Der linke lachte. Es war kein Lachen.
Es war ein Husten, der sich als Lachen verkleidet hatte.
»Das Meer gibt keine Antworten«, wiederholte er.
»Das ist gut. Das könntest du auf meinen Grabstein schreiben.«
»Du kriegst keinen Grabstein.«
»Nein. Asche.«
»Ja.«
Das rote Licht flackerte wieder. Länger diesmal.
Der linke sah darauf.
»Gleich ist es aus«, sagte er.
»Dann red schneller.«
»Worüber?«
Der rechte beugte sich vor.
Seine Ellbogen auf dem Tisch. Seine Hände gefaltet.
»Warum hast du mich nicht angerufen?«
»Warum hast du nicht?«
»Ich frage zuerst.«
»Das ist kein Gespräch. Das ist ein Wettkampf.«
»War es das immer?«
Der linke sah weg. Zur Wand. Zur Decke. Zum Diktiergerät.
»Ja«, sagte er. »Vielleicht.«
»Das ist traurig.«
»Nein. Das ist einfach wahr.«
Der rechte rieb sich das Gesicht. Mit beiden Händen. Langsam.
»Was soll ich jetzt tun?«, fragte er.
Seine Stimme klang anders. Dünner.
»Das weiß ich nicht.«
»Du weißt immer alles.«
»Ich weiß gar nichts. Deswegen sterbe ich.«
»Das ist nicht fair.«
»Was ist fair?«
Der rechte schüttelte den Kopf. Er sagte nichts.
Der linke hob seine Hand. Er streckte sie aus. Über den Tisch.
Die Finger zitterten.
Der rechte sah auf die Hand.
Er nahm sie nicht.
Der linke ließ sie sinken.
»Sieben Jahre«, sagte er.
»Du hast sieben Jahre gebraucht, um hierherzukommen. Und jetzt kannst du meine Hand nicht nehmen.«
»Das ist nicht fair.«
»Das hast du schon gesagt.«
»Weil es stimmt.«
Der linke atmete. Tief. Mühsam.
»Ich hab einen Brief geschrieben«, sagte er. »Vor drei Wochen.«
»Den habe ich nicht bekommen.«
»Ich habe ihn nicht geschickt.«
»Warum nicht?«
»Ich wusste nicht, was ich schreiben sollte.«
Der rechte brach ab.
Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Das Diktiergerät hüpfte. Das rote Licht flackerte heftig.
Dann wurde es wieder ruhig.
»Du wusstest nicht, was du schreiben sollst?«, sagte der rechte.
Die Stimme laut jetzt. Nicht schreiend. Aber nah dran.
»Sieben Jahre. Sieben Jahre hast du mich nicht angerufen. Sieben Jahre habe ich dich nicht angerufen. Und dann weißt du nicht, was du schreiben sollst?«
»Ich wusste es.«
»Was?«
»Alles. Aber ich konnte es nicht schreiben.«
»Warum?«
»Das weißt du.«
Der rechte stand auf. Er ging zur Wand.
Er lehnte seine Stirn gegen die weiße Fläche.
»Nein«, sagte er. »Das weiß ich nicht.«
Der linke sah ihm zu.
»Du weißt es«, sagte er leise.
Der rechte drehte sich um.
»Sag es.«
»Nein.«
»Sag es oder ich gehe.«
»Du gehst nicht.«
»Versuch es.«
Der linke schüttelte den Kopf. Ganz langsam.
»Du gehst nicht«, wiederholte er.
»Du bist hier. Nach sieben Jahren. Du gehst nicht mehr.«
Der rechte stand an der Wand. Atmete.
Das Diktiergerät tickte.
»Warum bin ich hier?«, fragte der rechte.
»Weil ich sterbe.«
»Das ist der Grund. Aber nicht der Grund.«
»Was ist der Unterschied?«
Der rechte kam zurück zum Tisch. Er setzte sich nicht.
Er stand. Seine Hände auf der Tischplatte.
»Der Unterschied ist«, sagte er,
»dass ich die Wahrheit hören will. Nicht deine Krankheit.«
»Meine Krankheit ist die Wahrheit.«
»Nein. Deine Krankheit ist ein Datum. Die Wahrheit ist etwas anderes.«
Der linke sah auf. Ihre Blicke trafen sich.
»Ich hab dich vermisst«, sagte der linke.
Der rechte schloss die Augen.
»Das ist zu spät.«
»Das ist immer zu spät. Deswegen sagt man es.«
»Man sagt es vorher. Nicht wenn man in drei Stunden stirbt.«
»Man sagt es, wenn man es fühlt. Nicht vorher. Nicht nachher. Jetzt.«
Der rechte öffnete die Augen. Sie waren rot. Nicht geweint. Nur müde.
»Du bist ein Feigling«, sagte er.
»Ja.«
»Du warst immer ein Feigling.«
»Ja.«
»Und ich bin einer, weil ich trotzdem hier bin.«
»Ja.«
Der rechte lachte.
Es klang nicht wie ein Lachen.
Es klang wie ein Schluchzen, das sich nicht traute.
»Wir sind erbärmlich«, sagte er.
»Ja.«
Das rote Licht flackerte.
Der linke sah auf das Diktiergerät.
»Gleich ist es aus«, sagte er.
»Dann sag es jetzt.«
»Was?«
»Das Ding. Das du nicht schreiben konntest.«
Der linke schwieg.
Die Sekunden gingen.
Zehn. Zwanzig. Dreißig.
»Es gab keinen Brief«, sagte der linke.
Der rechte erstarrte.
»Was?«
»Es gab keinen Brief. Ich hab gelogen.«
»Warum?«
»Weil ich dich hier haben wollte. Und ich wusste, wenn ich die Wahrheit sage, kommst du nicht.«
»Was ist die Wahrheit?«
Der linke atmete. Langsam. Jeder Atemzug kostete.
»Die Wahrheit ist«, sagte er,
»dass ich nicht wusste, dass du mich vermisst hast.«
»Was?«
»Am Strand. Jeden Tag. Ich wusste das nicht.«
»Niemand wusste das. Ich hab es niemandem gesagt.«
»Genau.«
Der rechte setzte sich. Langsam.
Als ob seine Beine ihn nicht mehr tragen wollten.
»Du hast es mir nicht gesagt«, sagte der linke.
»Sieben Jahre. Du warst jeden Tag am Strand. Und du hast nicht einmal –«
Er hielt inne.
»Was?«, sagte der rechte.
»Du hast nicht einmal eine Nachricht hinterlassen. Eine Flasche. Einen Zettel. Irgendwas.«
»Das ist sentimental.«
»Das ist nicht sentimental. Das ist feige.«
Der rechte sah ihn an. Lang. Sehr lang.
»Ja«, sagte er dann. »Vielleicht.«
»Kein vielleicht.«
»Ja.«
Stille.
Das Diktiergerät tickte.
»Wir haben uns nie gestritten«, sagte der linke.
»Weißt du das noch? Wir haben nie gestritten.«
»Wir haben einfach aufgehört zu reden.«
»Ja.«
»Eines Tages. Einfach so.«
»Ja.«
»Kein Grund.«
»Kein Grund, den wir ausgesprochen haben.«
Der rechte beugte sich vor.
Seine Stirn fast auf dem Tisch.
»Ich dachte, du wolltest mich nicht mehr sehen«, sagte er.
Die Stimme gedämpft. In die Tischplatte gesprochen.
»Ich dachte, du wolltest mich nicht mehr sehen.«
»Also haben wir beide gewartet.«
»Ja.«
»Darauf, dass der andere anruft.«
»Ja.«
»Sieben Jahre.«
»Ja.«
Der linke hob seine Hand wieder. Über den Tisch.
Die Finger zitterten mehr als vorher.
»Jetzt«, sagte er.
Der rechte sah auf die Hand.
Er nahm sie.
Das rote Licht flackerte.
Einmal.
Zweimal.
Dann ging es aus.
Das Diktiergerät war still.
Im Raum war nur noch das Atmen.
Zwei Menschen. Zwei Sätze Lungen.
Einer davon bald nicht mehr.
»Es ist aus«, sagte der rechte.
»Ich weiß.«
»Was jetzt?«
Der linke drückte seine Hand. Ganz leicht.
»Jetzt reden wir ohne Zeugen.«
Der rechte nickte.
Er zog seine Hand nicht weg.
»Was war der Grund?«, fragte er.
»Das weißt du.«
»Sag es.«
»Nein.«
»Dann sag ich es.«
»Das wirst du nicht.«
Der rechte atmete ein. Aus.
»Angst«, sagte er.
Der linke sagte nichts.
»Bei mir auch«, sagte er dann.
Sie saßen da.
Die Hände auf dem Tisch. Die Finger ineinander.
Der rechte sagte: »Ich bleibe bis zum Ende.«
»Das weiß ich.«
»Du wusstest gar nichts.«
»Jetzt weiß ich es.«
Der rechte lächelte. Es war klein. Es war nicht schön. Aber es war da.
»Gut«, sagte er.
Sie sprachen nicht mehr über das, was war.
Sie sprachen über das, was noch war.
Drei Stunden sind lang, wenn man sie nicht füllen muss.
Ich irre Tage durch das taumelnde Gelände
des unrunden Pulses,
durch ein Auf und Nieder ohne Takt,
wo Unrast wie dürres Laub
an meinen inneren Wänden schabt
und Glaubenssätze, [ ... ]
Es ist das Rundumuns, das oftmals uns bestimmt.
Egal dabei warum und auch zu welcher Zeit.
Einzig als Kind erscheint selbst Kleines uns so weit.
So vieles was für uns dabei doch [ ... ]
Wo er sich durch die Schichten fraß, entstand ein Riss – aber kein zerstörerischer. Es war ein feiner, seidener Spalt, eine Lücke zwischen dem, was gewesen war, [ ... ]
Dopamin-Schmetterling
Bunte Tragflächen fliegen über Tränen und Träumen.
Erinnerungen in Licht getaucht verlieren in der Traumwelt ihre Lebensfarbe.
Fliegen, bloß fliegen, bloß nicht das [ ... ]
Der erste Mensch mit einem Lächeln.
Er hat sich gesagt:
"Ich bin Pleite! Habe keine
Arbeit! Bin ohne Macht! Ohne
Freunde. Ohne Ansehen. Ohne
Denken. Und ohne Ehrgeiz. Und
ohne jeden [ ... ]