Es waren einmal ein König und eine Königin, die wünschten sich über alle Maßen ein Kind. Jeden Abend beteten sie gemeinsam, dass der Herrgott ihren Wunsch erfüllen möge, und schließlich fanden ihre Gebete Gehör. Übers Jahr wurde ihnen ein Mädchen geboren. Es war rosig und schön, die Geburt war jedoch so schwer, dass die Königin für das Leben des Kindes mit ihrem eigenen bezahlen musste und noch im Kindbett für immer die Augen schloss.

Der König trauerte sehr um seine liebe Frau. Aber am Ende heilt die Zeit alle Wunden, und die Erziehung des kleinen Mädchens nahm seine Aufmerksamkeit so in Anspruch, dass das Bild seiner Gattin in seiner Erinnerung mehr und mehr verblasste. Schließlich musste er ein Medaillon mit ihrem Bildnis ansehen, wenn er sich an ihr sanftes Antlitz erinnern wollte.

Eigentlich wäre dies nicht nötig gewesen, denn das Mädchen, dem die Eltern den Namen Rosette gegeben hatten, glich der Mutter immer mehr, je älter sie wurde.
Der König liebte das Kind abgöttisch. Wenn er zusah, wie das Mädchen jauchzend im Palastgarten spielte, zog sich sein Herz zusammen vor lauter Glück, und wenn er an den Tag dachte, an dem er sie einmal würde zurücklassen müssen auf dieser Welt, füllten sich seine Augen mit Tränen. Auch Rosette hing zärtlich an ihrem Vater, und wenn sie ihn ansah, wurde das kecke Glitzern in ihren Blicken sanft und innig. Abends, wenn er sie zur Ruhe brachte – und das überließ er keiner Gouvernante, sondern tat es immer höchstpersönlich – saß er noch lange an ihrem Bett und erzählte ihr drollige Märchen und Geschichten. Und auch sie berichtete ihm mit geröteten Wangen, was sie den Tag über erlebt hatte.

Eines Tages rief er einen Baumeister zu sich, den man in allen Städten seines Reiches als genialen Künstler pries, und gab ihm den Auftrag, das schönste Schloss zu bauen, dass jemals errichtet worden war. Dort wollte er mit seinem Töchterchen leben, und dieses Schloss sollte sie später bewohnen, wenn sie erwachsen war und eigene Kinder hatte.

Der Baumeister erdachte einen kühnen Plan. Im ersten Stock des Palastes war ein riesiger Tanzsaal vorgesehen, dessen Stirnseite ein deckenhohes farbiges Rosettenfenster schmücken sollte. Als der Bau vollendet war, staunten alle Gäste, die zu Rosettes viertem Geburtstag in das neue Schloss geladen worden waren. Man verstand wohl die Anspielung auf den Namen des Kindes, der dem Rosettenfenster zugrunde lag, und man sah lächelnd die Lichtreflexe, welche die Glasflächen des großen, kunstvoll gefertigten runden Fensters auf das liebliche Antlitz des Kindes warfen.

"Dieses Mädchen bringt dem Reich Glück", flüsterten die Grafen und Barone. Denn die Liebe zu seiner Tochter hatte den Sinn des Königs sanft gemacht und ihm Verständnis für manches geschenkt, das er früher mit unerbittlichen, grausamen Strafen geahndet hatte.

Glücklich gingen die Jahre ins Land, bis zu Rosettes sechstem Geburtstag. Jubelnd fuhr sie an diesem Tag in ihrer kleinen, von Zwergeseln gezogenen goldenen Kutsche, die sie zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, über die knirschenden Kieswege des Palastgartens, als plötzlich ein Schatten über ihr Antlitz fuhr und ihr blasses Köpfchen in die seidenen Kissen der Kutsche zurücksank.

Sofort wurde ein Arzt gerufen, aber der wusste nicht zu sagen, was der Prinzessin fehlte. Auch die berühmtesten Professoren und Gelehrten des Königreiches, die man von weit her an das Krankenbett rief, konnten keine Hilfe für das Kind bringen, das schwächer und schwächer wurde. Eines Abends, als der König wieder einmal traurig an ihrem Krankenbettchen saß, sagte er ernst zu ihr, und es war gleichsam ein laut zu sich selbst geäußerter Gedanken: "Du bist der Mensch, für den ich zugleich am meisten Liebe und am meisten Mitleid empfinde." Und dann erzählte er ihr wie immer eine fröhliche Geschichte, obwohl sein Herz von Schmerz fast zersprang. Als er geendet hatte, sagte das Mädchen: "Dies war die lustigste Geschichte, die du mir je erzählt hast, Vater. Aber es ist zugleich auch die letzte. Denn ich weiß, dass ich heute nacht sterben muss." Der König widersprach ihr laut und polternd, wie man spricht, wenn man keinen Ausweg mehr weiß und seine Angst mit Lärm zudecken will.

Die ganze Nacht wachte der König am Bett seines Kindes und hielt seine Hände schützend über ihre Stirn, aber es half alles nichts. Als die Turmuhr dreimal schlug, sank das kleine fiebernde Köpfchen kraftlos zur Seite und Rosette war tot.
Der König wollte es nicht wahrhaben, dass sein geliebtes Töchterchen den letzten Atemzug getan hatte und tobte und schluchzte abwechselnd. Für viele Tage, Wochen und schließlich Monate war er vor lauter Verzweiflung nicht in der Lage, die Regierungsgeschäfte wahrzunehmen und die Minister regierten das Land. Keiner wagte sich in des Königs Nähe, denn er war sehr ungerecht geworden in dieser Zeit. Wenn man zu ihm von Rosette sprach, schrie er, dass keiner Rücksicht auf die Wunden seines Herzens nähme, wenn man es aber vermied, ihren Namen zu erwähnen, wütete er, man habe sein geliebtes Kind schon vergessen. Am Ende sprach er mit niemandem mehr und versank in dunkles Schweigen. Stille kehrte auch ein in seinem Reich, die Minister und Höflinge, die so fröhlich und lustig gewesen waren, als Rosette noch lebte, wagten nicht mehr, überhaupt noch etwas zu sagen, aus Angst, es wäre das Falsche.

Jede Nacht ging der König in die Schlosskapelle, legte sich nieder vor dem gekreuzigten Jesus über dem Hauptaltar und murmelte ein Gebet, das er schließlich wieder und wieder, Nacht für Nacht wie ein Kinderlied vor sich hinsang. Und jeder, der an der Schlosskapelle vorüberging und den eintönigen Singsang vernahm, erschauderte bis tief ins Herz hinein. Dieses Lied aber lautete so:

Aus tiefer Not schrei ich zu Dir,
Du dort am Kreuze oben,
Ich liege auf den Steinen hier
und kann Dich nicht mehr loben.

Wer lindert meine dunkle Qual?
Das Liebste hier auf Erden,
Mein Licht in diesem Jammertal,
Muss nun zu Staub verderben.

Wer stützt mein Haupt, kühlt meine Stirn?
Ach, nichts ist mir geblieben!
Ich lieg vor Deinem Kreuze hier
Und kann Dich nicht mehr lieben.

Nach vielen Nächten, die mit der an Wahnsinn grenzenden Traurigkeit des Königs gefüllt waren, sprang dieser plötzlich auf und ließ den Baumeister rufen, der das Schloss mit dem Rosettenfenster gebaut hatte. Bei ihm bestellte er einen Stein für Rosettes Grab. Und dieser Stein war der traurigste Grabstein, der je von Menschenhand aufgestellt worden war. Er war über fünfzig Fuß hoch und ganz aus schwarzem Marmor. Ein riesiger, dreißig Armspannen hoher, düsterer Quader, auf dem nur sechs Wörter eingemeißelt waren:

DU FORT.
WOZU NOCH
DIE SONNE?

Vor dem Hauptportal des Schlosses ließ er diesen Stein aufrichten, so dass der mächtige Block nicht nur den Eingang versperrte, sondern auch das Rosettenfenster vollkommen verdunkelte. Bis in die Kapelle auf das schmerzgezeichnete Antlitz des am Kreuze hängenden Jesus fiel der tiefe Schatten des Grabsteines. Der König verbot unter Androhung der Todesstrafe, dass jemand das Schloss betrat, das er für Rosette hatte bauen lassen. Er jedoch gab seine Besuche in der Kapelle auf und ging dafür jede Nacht durch einen Nebeneingang ins Schloss und setzte sich beim Schein einer flackernden Kerze in den großen Tanzsaal, dessen Möbel mit Tüchern gegen den Staub geschützt waren. Im trüben Licht der zuckenden Flamme gaben die weißen Tücher, die über Sessel und Tische gebreitet waren, dem Raum das Aussehen einer Leichenhalle. Der König aber saß wie versteinert in einem Winkel und konnte nicht eine einzige Träne vergießen, weil sein Herz von unermesslicher Wehmut erstarrt war.

Eines Nachts, als er wieder zwischen den weißen Silhouetten der verhüllten Möbel im verlassenen Tanzsaale saß, erblickte er plötzlich eine helle Gestalt, die sich leichtfüßig über die Tanzfläche bewegte. "Die Traurigkeit hat mich nicht nur hart, sondern auch verrückt gemacht", dachte er bitter bei sich. Aber die Gestalt, die immer heller wurde, je länger sie tanzte, kam jetzt direkt auf ihn zu. Eisige Angst griff nach seinem Herzen, und es stockte ihm der Atem. Dann jedoch verwandelte sich die Angst in beklommene Freude, denn er erkannte, dass die weiße Gestalt die Züge seiner so sehr geliebten Tochter trug.

Der König stürzte zu der Gestalt hin, wild, unbedacht. Verwirrte sich in seinen Mantel. Stürzte, schlug sich das Gesicht blutig. Raffte sich auf. Wollte rufen, schreien. Schluckte, weil ihm die Worte fehlten. Da hob Rosette, deren Gestalt und Antlitz man jetzt ganz klar erkennen konnte, die Hand und winkte ihm lächelnd zu. Und plötzlich löste sich etwas in der Brust des Königs, sein Herz erwärmte sich, und ein Strom von Tränen stürzte aus seinen Augen.

"Nicht weinen, lieber Vater", sagte Rosette, und ihre Stimme klang weich und zugleich so, als käme sie von weit, weit her. Und dann bat sie: "Vater, erzähl mir doch bitte eine von deinen drolligen Geschichten. Dort unten, wo ich herkomme, ist es so kalt und grässlich, und all die anderen Toten mit den starren Augen und stummen Mündern kennen kein Lachen, und fröhliche Geschichten schon gar nicht."

Der König begann mit einer Geschichte von wilder Lustigkeit, die sich steigerte und steigerte, denn die Angst, dass Rosette wieder entschwinden könnte, verwirrte die Ausgewogenheit seines Denkens. Mit großen Augen sah ihn Rosette an und sagte: "Vater, dies ist eine Geschichte, vor der ich mich fürchte." Da begann der König mit einer anderen, die war erst drollig und wurde dann immer wirrer, bis auch sie das Herz der Prinzessin beklommen machte.

Rosette strich dem Vater leicht über die heiße Stirn und diese Berührung glich dem kühlen Lufthauch, den man nach einer von Alpträumen prall angefüllten Nacht durch den Spalt eines Fensters ins Zimmer lässt. Dann sprach sie: "Deine Heftigkeit zerstört dich, Vater. Soll die Erinnerung an mich in einem Gefäß aufgehoben sein, das fast zerspringt? Erinnere dich, Vater, du hast einmal kurz bevor ich sterben musste, gesagt, dass ich es sei, für den du am meisten Liebe und zugleich am meisten Mitleid empfändest. Beweise mir das." "Wie soll ich dir das beweisen, mein liebes Kind?" fragte der König und er fasste Rosette um die Taille, wobei er spürte, dass sie leicht wie eine Feder war, ja mehr noch, leicht wie der Schatten einer Feder.

"Liebe mich in allen Menschen, die liebenswert sind und in allen, die Mitleid verdienen. Schenke den Kindern Freude, und Zuneigung den Alten, die arm sind und einsam." Bei diesen Worten verblasste die Gestalt des Mädchens, und der König blieb allein im leeren Tanzsaal zurück. Die ganze Nacht saß er sinnend dort und ließ die Worte seines Kindes in seinem Herzen nachklingen.

***
Am nächsten Tag befahl er, den Grabstein niederzureißen. Das helle Licht des Tages und frische Luft strömten durch die wieder geöffneten Fenster in das Schloss. Von den Sesseln und Tischen ließ er die Totentücher ziehen, und überall mussten Vasen mit bunten Wiesensträußen aufgestellt werden. Denn draußen war der Frühling ins Land gekommen.

Dann öffnete er die Palastgärten den Kindern seines Königreiches, und die Schatzkammern den Armen und Alten. Er wurde ein Freund aller Liebenswerten und aller Bemitleidenswerten, und das waren, wenn man es recht bedenkt, fast alle Menschen, die in seinem Reich wohnten.

Und immer, wenn er einem Kind eine lustige Geschichte erzählte, oder wenn er einem alten Bettler eigenhändig einen Teller Suppe reichte, nahm er wahr, dass in den dankbaren Blicken ein kleines Leuchten erschien, das ihn an die Blicke Rosettes erinnerte. Er wusste jetzt, dass sein Kind immer bei ihm war, und dass das, was dessen Wesen ausgemacht hatte, für immer lebendig gehalten werden konnte durch die Güte seines Herzens. So lebte er in mildem Glück, beschenkte jung und alt mit seinen irdischen Gütern, da sie ihm unwichtig geworden waren. Dies währte manches Jahr, bis er eines Tages spürte, dass für ihn selber die letzte Stunde gekommen war. Er blieb aber ganz gelassen und still und freute sich darauf, seine geliebte Rosette dort drüben im Reich der für immer zur Ruhe Gekommenen wieder zu treffen.

Und als er dann aufgebahrt unter dem Kreuze in der Schlosskapelle lag, kamen die Kinder und Alten, um ihm den letzten Abschied zu geben und ihm noch einmal in aller Stille zu danken für die grenzenlose Güte seines Herzens. Und jedermann war angerührt von der überirdischen Sanftheit seines bleichen Antlitzes, auf das ein warmer Sonnenstrahl fiel. Der Gekreuzigte aber lächelte herab und vergaß für einen Augenblick die Schmerzen, welche die Menschen ihm zugefügt hatten.


© Peter Heinrichs


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Kommentare zu "Das Rosettenfenster"

Re: Das Rosettenfenster

Autor: mychrissie   Datum: 29.08.2018 17:38 Uhr

Kommentar: Hallo devatomm,

ich verstehe leider nicht, wovon du eigentlich sprichst, ein Unverständnis, dass ich vermutlich mit vielen Lesern teile.

Das liegt vermutlich an Deinen Formulierungsdefiziten, die ich – um ganz ehrlich zu sein – auch in Deinen "Gedichten" feststellen muss.

Re: Das Rosettenfenster

Autor: Ella Sander   Datum: 29.08.2018 17:41 Uhr

Kommentar: Du erzählst so herzzerreißend schön!
Ich weiß nicht, ob ich die Kurve kriegen würde, wenn eins meiner Kinder....ich kann es noch nicht einmal hinschreiben.

Tolle Geschichte! Hat mir sehr gut gefallen!

Lieben Gruß,
Ella

Re: Das Rosettenfenster

Autor: mychrissie   Datum: 30.08.2018 1:31 Uhr

Kommentar: Liebe Ella,
vielen Dank für Deine lieben Kommentare. In der Tat ist diese Geschichte entstanden, als ich sechs Jahre lang die Verantwortung für mein Enkelkind hatte, und mehrere Male – als sie etwa 5 Jahre alt war – geträumt habe, sie würde sterben.
Und Du weißt sicher selber, wie es ist, wenn man sich in eine solche Spirale hineindenkt, es wird immer schlimmer. Es hat aber aufgehört, als ich diese Geschichte geschrieben hatte. Einen ganz lieben Gruß, Peter

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