ZITTERN

Ich steh hinter ihm am Empfangstresen beim Hausarzt und höre den Namen, mit der er angesprochen wird. Kein Zweifel, das ist einer meiner alten Lehrer aus der Grundschule hier ums Eck. Er dürfte jetzt so an die 85 oder 90 Jahre alt sein.

Ich öffne ihm die Tür zum Wartezimmer, und er nickt mir zu. Natürlich erkennt er mich nicht. Wieviel Schüler hat er wohl in seiner lang währenden Tätigkeit als Lehrkraft kommen und gehen sehen?

Er setzt sich neben den Gummibaum am Eck, und ich platziere mich gegenüber. Der gute Mann hat kaum mehr Haare auf dem Kopf, dafür lauter dunkelbraune Altersflecken. Seine Augen schauen trübe hinter dicken Brillengläsern hervor. Seine rechte Hand zittert ununterbrochen.

Mit dieser Hand hat er mir früher ein paar Mal ins Gesicht geschlagen und mich an den Haaren gezogen. Mit dieser Hand hat er auch immer rote Tinte in Klassenarbeiten reingeschmiert und schlechte Noten darunter geschrieben. Ja, diese Hand hat viel mitgemacht während seiner Karriere als Schulmeister. Jetzt hängt sie rum und zittert.

Meine Eltern wollten früher, dass ich aufs Gymnasium gehe und Abitur mache. Der Zitterer hat mir diese Schulbildung mit schlechten Noten verhindert. Mir blieb nur übrig, nach 8 Jahren Volksschule eine Handwerkerlehre als Installateur zu machen.

Ich hab bei meinen Kunden Toiletten und Waschbecken angeschraubt, mich später selbständig gemacht und ordentlich Geld verdient. Ich besitze ein großes Haus, einen Daimler, 3 Kinder und 5 Enkel und bin rundherum mit meinem Leben zufrieden. Was ich wohl mit Abitur angestellt hätte? Ich kann es mir nicht vorstellen. Die Zitterhand hat es verhindert. Aber solides Rechnen hat sie mir wenigstens beigebracht.

Nun werde ich über die Lautsprecheranlage zum Arzt zitiert. Als Handwerksmeister bin ich echter Privatpatient und werde vor den Beihilfeempfängern aufgerufen. Ich weiß nicht, warum, aber in diesem Augenblick fühle ich mich diesem armen Zitteraal gegenüber überlegen und bevorzugt. Als ich aus der Tür schlüpfe, grinse ich meinem alten Pauker überheblich zu.

Seine Hand winkt mir zum Abschied noch lange nach.


© bruddlsupp


0 Lesern gefällt dieser Text.


Beschreibung des Autors zu "ZITTERN"

Abneigung hält oft ziemlich lange an.

Diesen Text als PDF downloaden



Kommentare zu "ZITTERN"

Es sind noch keine Kommentare vorhanden

Kommentar schreiben zu "ZITTERN"

Möchten Sie dem Autor einen Kommentar hinterlassen? Dann Loggen Sie sich ein oder Registrieren Sie sich in unserem Netzwerk.