Weihnachtsbrief an die Welt, die ich nicht mehr verstehe.

Liebe Welt,

in der Weihnachtszeit kommen mir immer so komische Gedanken über Früher und Heute. Als unsere Eltern früher die Musik der Beatles als ungezogenes Herumgejaule bezeichneten, empfand ich unsere Eltern einfach als altmodisch.
Aber irgendwie denke ich heute darüber nach, ob sich die Geschichte nicht wiederholt; aber jetzt bei mir.

Angefangen hat das schon vor längerer Zeit. Es war, als immer mehr Leute sich so ein schnurloses Telefon namens Hähndi zulegten. Zu der Zeit forderten sie sich gegenseitig auf, sich eine Essemess zuzusenden. Es war die Zeit, als im Fernsehen immer eine Werbung für M&Ms gesendet wurde; das waren kleine Schokopillen in buntem Zuckerguss. Da fragte ich mich, ob Essemess auch essbar wären.
Mein Nachbar Paul hatte auch schon so ein Hähndi. Den habe ich dann gefragt, was denn nun Essemess wären. Lautstark pöbelte Paul zurück, dass ich ein Vollpfosten sei, denn schließlich wisse doch mittlerweile Jeder, der nicht hinterm Mond lebt, was das ist.
Seitdem habe ich nie mehr gefragt, wenn so ein neues, modernes Wort auftauchte.

Aber es scheint auch gar nicht schlimm zu sein, wenn man manch neue Wörter nicht genau kennt. Viele Worte verschwinden wieder von allein. Heute redet keiner mehr von Essemess.
Und von Hähndi reden scheinbar auch nur noch die Älteren; bei den Jungen ist das jetzt ein Smaatfohn oder ein Eifohn, wobei die ovale Variante wohl die teurere ist.
Und heute sagen sie: „Schick mir doch en Mehl.“ Naja, im Fernsehen laufen ja auch immer mehr Kochsendungen und das große Backen. Da braucht man eine Menge Mehl.

Die Geschichte mit dem Inderned habe ich auch nie richtig verstanden. Was haben wir denn mit den Indern zu tun?
Und alle fahren auf das Inderned ab! Sogar meine Sparkasse hat gesagt, ich solle doch endlich mal mit dem Ohnlein-Banking anfangen.
Ohnlein heißt schnurlos, das ist mir auch klar. Aber wenn die schon wieder anfangen zu sagen, dass es nicht mit jedem Brause funktioniere, dann bin ich wieder raus.
Und überhaupt: „jedem Brause“; es muss doch heißen: „jeder Brause“.
Aber seit immer mehr Menschen aus anderen Ländern bei uns wohnen, ist es mit den Personalpronomen nicht mehr weit her.
Früher hielten anständige Gauner ihre Waffe, verschämt in ihrer Manteltasche versteckt, auf dich gerichtet und sagten: „Würden Sie mir bitte Ihre Brieftasche aushändigen.“ Heute stehen die Kerle breitbeinig in ihrer schlabberigen Jogginghose vor dir, halten die Hand auf und sagen: „Ich mach dich Messer“.

Mit dem Computer werde ich jedenfalls nie Freundschaft schließen. Wenn irgendetwas nicht klappt, muss ich so einen jungen Mann bestellen, der eine Menge Geld nimmt und unverständliches Zeug faselt.
Der redet von meinem Netzwerk. Denkt der vielleicht ich sei ein Fischer? Wir wohnen hunderte Kilometer von der Küste entfernt.
Als er von Verschlüsselung sprach, holte ich meinen Schlüsselbund heraus. Aber er reagierte nur mit einem mitleidigen Grinsen.
Er bot mir auch an, Magenta-TV einzurichten, weil es heute besonders günstig sei. Ich bin doch nicht blöd und zahle jeden Monat für einen rosa Bildschirm.
Zum Schluss empfahl er mir noch: „Leeren Sie immer wieder ihren Kesch“. Also auch in Südhessen, wo er scheinbar herkommt, sind Personalpronomen nicht mehr so gefragt. Und warum sollte es meine Aufgabe sein, meine Kirche zu leeren. Die leert sich doch von ganz allein, außer zu Weihnachten.

Und dann ist da noch der sogenannte Klimawandel. Früher hat sich bei uns einfach immer nur das Wetter geändert, aber das reicht ja heute nicht mehr. „Wir müssen mehr tun, gegen die Klimaveränderung“ sagen sie immer. Ich sage: „So ein Quatsch! Lasst das Klima doch in Ruhe“.

Aber Skifahren scheint wohl wieder sehr beliebt zu sein.
Die modernen Skier sind wohl sogenannte Jet-Ski und werden in einen Tippi geparkt; einen Jet-Ski-Tippi.
Und ein ganz großes modernes Thema ist die Notwendigkeit künstlicher Intelligenz. Naja, das wiederum kann ich gut verstehen, in einer Zeit, in der die natürliche Intelligenz mehr und mehr auf den Rückzug ist.

Es grüßt dich herzlichst
Dein älterer Mensch


© Harald Lassner


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