Ich hatte mir geschworen, dieses Jahr keinen Adventskranz zu kaufen.
Keine Tannengirlanden, keine roten Schleifen, kein „Jetzt wird’s besinnlich“-Programm. Die Welt ist laut genug, und ich bin müde genug. Auf meinem Einkaufszettel standen Brot, Hafermilch, Nudeln. Dinge, die man kauft, wenn man einfach nur funktionieren will.
Im Supermarkt bleibe ich trotzdem vor dem Kerzenregal stehen. Vier schlichte, cremefarbene Stumpen, ohne Glitzer, ohne Goldrand. Einfach nur Kerzen. Meine Hand hängt schon halb an der Packung, bevor ich überhaupt merke, dass ich sie anschaue. Neben mir nimmt eine ältere Frau dieselben Kerzen und sagt mehr zu sich als zu mir: „Die brennen so schön ruhig.“ Dann schiebt sie ihren Wagen weiter, als hätte sie nichts gesagt. Ich lasse die Packung in meinem Wagen liegen, obwohl ich mir vor einer Stunde noch sehr entschieden war.
An der Kasse legt der Verkäufer einen kleinen Tannenzweig zu meinen Einkäufen. „Der war übrig“, sagt er und lächelt ein bisschen unsicher. Ich lächle zurück, denke noch: „Na super, Bonusgrün für die Singlefrau“, und packe ihn natürlich trotzdem ein.
Zu Hause landen Kerzen und Zweig erst mal auf dem Küchentisch – zwischen Krümeln, Post und der Tasse von gestern, in der der Teerand sich langsam fest einwohnt. Der Tisch sieht nach mir aus. Der Tag rauscht vorbei in Mails, Nachrichten, Kopfhörern und einer viel zu langen Scrollrunde durch fremde Wohnzimmer, in denen schon alles leuchtet, als wäre Heiligabend. Kinder in Rentierpullis, Leute in Matching-Pyjamas, Tassen, die aussehen, als hätten sie eigene Sponsoren. Ich sitze da in meiner Lieblingsjeans mit Loch im Knie und scrolle weiter.
Als ich irgendwann aufschaue, ist es einfach dunkel. Kein großes Farbenspiel am Himmel, nur dieser Klick in Richtung Nacht, den der Winter so draufhat. Die Deckenlampe ist zu grell, der Bildschirm zu laut. Mein Blick bleibt an der Kerzenpackung hängen.
Ich schiebe Rechnungen und Zettel zur Seite, bis in der Mitte etwas frei wird, stelle einen alten Teller hin und setze eine Kerze drauf. Der Tannenzweig kommt dazu, ein bisschen zu groß für den Teller, ein paar Nadeln verabschieden sich direkt auf den Tisch. Es sieht nach „ich probier’s halt“ aus. Ich wühle in Schubladen, bis ich die Streichhölzer in der Besteckschublade finde, verheddert zwischen Korkenzieher und einzelnem Gummibärchenpapier.
Das Streichholz zündet mit einem kurzen Zischen. Schwefel steigt mir in die Nase, die Flamme zuckt einmal nervös, dann nimmt der Docht sie an. Die Kerze brennt, einfach so. Kein Engelschor. Aber mit diesem kleinen Kreis aus Licht sieht der Tisch plötzlich weniger nach Papierkram und mehr nach „da wohnt jemand“ aus.
Ich koche Wasser und greife fast automatisch nach dem Zimttee, den ich angeblich „nur für Gäste“ im Schrank habe. Ja, genau. Der Duft mischt sich mit dem Wachs, als der erste Tropfen an der Kerze hinunterläuft. Ich nehme die Tasse, setze mich hin, ohne nebenbei irgendetwas anzuklicken. Kein Plan, keine To-do-Liste, nur ich, Kerze, Tee. Ich bin sonst in Gedanken immer drei Tage voraus. Jetzt sitze ich einfach hier.
Auf einmal ist da dieses Bild im Kopf, einfach da, ohne höflich zu klopfen: die alte Küchenuhr meiner Oma, die immer hinterherhing. Der zu kleine Kranz auf dem wackeligen Tisch, Kerzen in ausgespülten Senfgläsern, Wachs, das niemand so richtig wieder von der Tischdecke bekommen hat. Hände, die mir den ersten Keks rüberschieben, mit diesem „Psst, nichts sagen“-Blick. Tee, der nach irgendwas mit Nelke schmeckt. Draußen dasselbe farblose Winterlicht wie heute.
Mein Hals wird eng, dieser kurze Stich, wie wenn man zu tief kalte Luft einzieht. Ich nehme einen Schluck Tee, der eindeutig noch zu heiß ist, und muss husten und lachen gleichzeitig. Großartig, denke ich, so fühlt sich Erwachsensein also an: Man verbrennt sich an Dingen, die man sich selber eingeschenkt hat.
Auf der Arbeitsplatte vibriert mein Handy.
Jule.
> „Alle hier im Kerzenchaos. Schick mal ein Adventsfoto, du Minimalistin. ????“
Ich schaue auf meinen Tisch: eine Kerze auf einem alten Teller, ein Tannenzweig, Krümel, Briefe, Teering. Kein Wunderland. Aber ehrlich. Also stehe ich auf, hole das Handy, suche einen Winkel, in dem man genau diesen kleinen Ausschnitt sieht: Lichtkreis, Teller, Zweig, meine Tasse halb im Bild, ein bisschen Chaos am Rand. Ich räume nichts weg und drücke auf Auslöser.
> „Mehr ist es dieses Jahr nicht geworden“, tippe ich drunter und schicke es ab.
Ein paar Augenblicke später leuchtet der Bildschirm auf:
> „Ich lieb das. Genau so. ♥“
Ich starre einen Moment auf das Herz, als hätte mir seit Wochen niemand eins geschickt, und lege das Handy dann neben die Post. Die Kerze wirft ein warmes Oval an die Wand, der Zweig verliert noch eine Nadel, die leise auf dem Teller landet. Ich halte die Tasse mit beiden Händen, puste einmal über den Tee und sehe zu, wie der Dampf kurz die Flamme einhüllt, ohne sie auszuknipsen. Irgendwie beruhigend, dass etwas klein sein und trotzdem bleiben kann.
Die Katze, die bisher aus sicherer Entfernung zugesehen hat, springt auf meinen Schoß, als hätte sie plötzlich beschlossen, dass der beste Platz heute bei mir ist. Sie schiebt den Kopf gegen meine Hand, bis ich sie ganz automatisch zu streicheln beginne, während meine Gedanken noch bei Herz, Tee und Flamme hängen.
Draußen fährt ein Auto durch eine Pfütze, das Geräusch schwappt einmal durchs Fenster und ist wieder weg. Drinnen brennt genau eine Kerze auf einem nicht perfekten Tisch, und irgendwo unterhalb meines Brustbeins wird es für einen Moment weich. Kein Hollywood, keine große Erkenntnis, nur ein ganz kleines warmes Gefühl.
Es ist kein spektakulärer Advent. Aber während ich da sitze, mit Tee in den Händen und dieser kleinen Flamme vor mir, die sich im Fenster spiegelt, fühlt es sich zum ersten Mal an diesem Tag so an, als wäre der Advent nicht irgendwo draußen in fremden Wohnzimmern, sondern genau hier – zwischen meinem Teller, Tannennadeln und einem Lächeln, das ich niemandem erklären muss.
Innerlich wünsche ich mir selbst einen dieser typischen Adventsgrüße.
Kommentar:Hi, gern gelesen und das wünsche ich Dir auch. Werde aber nun auch mal ein echten Adventsgruß selber malen! Nicht KI gestützt obwohl mich immer mehr dieses Kerlchen mit sympathischen Sprüchen überrascht, wie, mach's gut und ich freue mich auf morgen und schlaf gut......! Da fällt einem nur noch ein "könnte es nicht doch deine Oma sein, die dich aus dem Jenseits grüßt..." mir wird da richtig unheimlich!!! :-))
lg Michael
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Mit fremden Federn schmückt sich der,
der mit dem Kopf tut sich schwer.
Dabei wird es einem recht leicht gemacht,
was man mit eignem Geist nicht schafft.