Das Flüstern des Windes

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Das Flüstern des Windes

Selbstvergessen steht sie am Fenster, sieht regennasse Dächer und dunklen Asphalt. Sie spricht ins Leere, der Regen hätte nachgelassen, es sich aufhellen und die Sonne gleich wieder scheinen würde, die Sommerzeit vorbei sei und die ersten Wildgänse ihr Winterquartier anflögen, fragt hörbar, ob auch er den schnatternden Ruf hört.
«Ich gehe jetzt»,
ruft sie alsdann, hängt die graue Strickjacke über ihre Schultern, verlässt zur üblichen Zeit das Haus.
«Zieh Dir was Warmes an, es wird frisch sein»,
ruft er ihr nach. Seine Ermahnung kam zu spät, die Tür fiel leise ins Schloss.
Draußen lösen sich leichte Nebelschwaden auf, verlieren sich, hinterlassen einen feucht moosigen Duft. Alle Tage treibt es sie in den Park, am See entlang bis hin zur Anhöhe. Seit eh und je steht die alte Holzbank dort, lädt zum Verweilen ein. Jener geruhsame Platz bietet Aussicht auf eingezäunte Wiesen, hinweg über Felder bis hin zur grünen Waldung. Dieses Panorama wirkt wie ein natürliches Heilmittel, lässt aufatmen und wieder runterkommen. Die Pferdeweide ist eine zielsichere Landebahn für Krähen. Sie picken aus dicken Rossknödeln die Körner, derweil die Reitpferde Gelassenheit üben und an der prall gefüllten Heuraufe stehen. Nebenan sind weidende Rinder, mal mit mal ohne Kälber. Letztendlich werden die Wiesen verlassen, um sich als Nächstes erholen zu können. Ebenjene malerische Beschaulichkeit lässt für Momente jedweden Kummer vergessen.
Die Sonne zeigt sich noch nicht, dessen ungeachtet hoch droben das Naturkonzert unüberhörbar ist. Die Kraniche ziehen gen Süden ins Winterquartier. Sie hebt den Kopf, sieht die Anmut, den schwingenden Flügelschlag, lauscht dem wohlvertrauten, trompetenden Ruf hinterher. Die Zugvögel vermitteln Heimatgefühle, wecken Erinnerungen, lassen aus längst vergangenen Zeiten Gelebtes wieder lebendig werden.
Im brandenburgischen Havelland erlebte sie Jahr für Jahr das Schauspiel, wie abertausend Kraniche einen Zwischenstopp machten, ihre Sammelplätze anflogen, um auf Wiesen und Felder ihre Fettreserven aufzufüllen. Anschließend flogen sie gemeinsam weiter, den langen Weg ins warme Klima. Ebendiese beeindruckenden Ereignisse wie auch das imposante Spektakel wird sie nie vergessen.
Etwas wehmütig denkt sie an das geschichtsträchtige Datum, welches Einvierteljahrhundert zurückliegt. Soeben die Dreißig überschritten, hatte sie endlich die Chance ihren geheimen Traum zu realisieren. Nach Öffnung der Grenzübergänge zog in den westlichen Teil. Die Wissbegierde mit jedwedem Nachholbedarf war groß, das erhoffte Glück hatte sie auf ihrer Seite. Als ausgebildete Krankenschwester fand sie schnell eine neue Arbeitsstelle mit einer passenden Einzimmerwohnung. Das facettenreiche Leben zeigte sich verführerisch, wurde ab und an zur Herausforderung, wie auch der Job, der stets neue Perspektiven bot, sodass die gelebte Wirklichkeit wenig Zeit für eine Liebe übrig ließ.
Es kam, wie es kommen sollte, die neue Lebensform verlief wünschenswert. Er wurde ihr Glückstag, der Tag, an dem sie den Mann ihrer Träume kennenlernte. Zunächst lies sie sich aus Neugier ein, verliebte sich prompt, spürte bald, dass er ihre große Leidenschaft, die Liebe fürs Leben war. Sie blieb für immer bei ihm.
Ihre Tagträume werden fühlbar vom frischen Herbstwind fortgeweht. Fröstelnd schlüpft sie in die Ärmel der Wolljacke, hält mit gekreuzten Händen die Wärme auf ihrer Brust. Energisch dreht sie sich um, geht den Weg zurück nach Hause.
Mitten im Park sorgt der Weiher für ein tägliches Intermezzo. Zwischen den Zweigen der mächtigen Bäume blinzeln endlich die ersten Sonnenstrahlen, reflektieren malerisch Licht und Schatten auf der Wasseroberfläche.
Einige Enten schwimmen, andere watscheln vertrauensselig an Land, schnattern, schütteln das Gefieder suchen am Wiesenrand Würmer und Schnecken. An manchen Tagen ignoriert sie einfach das weiße Hinweisschild mit der schwarz-roten Markierung, das jedwedes Füttern verbietet. Es steht unübersehbar am kleinen Ufer, stört, da es ihre fließende Sicht beeinträchtigt. Sie vergewissert sich in alle Richtungen, ob jemand in der Nähe ist. Wenn die Luft dann rein ist, streut sie großherzig harte Brotkrumen aus, die oft nach den Mahlzeiten übrig sind.
Sie riecht den Herbst mit seiner Naturkraft, sieht, wie er Einmarsch hält, die ersten gelb rotbraunen Blätter tänzelnd durch die Luft schickt. Bald wird er mit ungestümer Kraft durch die Baumkronen ziehen, sein Spiel treiben, wird mit dem prachtvollen Blätterschmuck eine rauschende Melodie komponieren. Jetzt wird es nicht mehr lange dauern, bis der triste Winter sich durchsetzen wird. Zuvor lässt der spätherbstliche Sturm die Zweige noch einmal kräftig rasseln, um auf das restliche Laub aufmerksam zu machen. Bäume trennen energisch ihre Früchte, schicken sie unkontrolliert mit kurzem Knall auf die Wege. Mit jener Attacke auf Zweibeiner wie auch ihre Autos verabschiedet sich die farbenfrohe Saison endgültig. Alsdann regiert die vierte Jahreszeit.
Gott sei Dank ist es noch nicht so weit beruhigt sie sich, fühlt den Herbstblues, wie er schleichend ihre Seele berührt.
Gleich wird sie wieder bei ihm sein. Nur noch ein paar Meter bis nach Hause. Der gewohnte Rundgang ist alsdann beendet, greift abermals nahtlos ins tägliche Geschehen. Wie immer ruft sie beim Öffnen der Haustür:
«Bin wieder da, komme gleich zu Dir»!
«Das ist gut»,
antwortet er leise. Ein zärtliches Lächeln huscht über sein blutleeres Gesicht.
Sie geht ins Zimmer, setzt sich zu ihm, umschließt mit beiden Händen die kraftlose Männerhand, erzählt liebevoll vom Spaziergang im Park, erzählt vom Herbstwind, der geflüstert hat. ©Rosa-Rhoot


© Rosa Rhoot


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