Wir zeigen so gern mit dem Finger.
Auf die anderen.
Auf „die da drüben“.
Auf die, deren Geschichte wir nicht tragen müssen.

Doch wer von uns trägt keine Schatten?
Welches Volk hat keine Narben,
welche Religion keine Wunden,
welche Generation kein Blut an den Händen?

Die Deutschen riefen:
„Nie wieder.“
Die Türken riefen:
„Wir waren stark.“
Die Kurden:
„Wir waren Opfer.“
Die Christen, die Muslime, die Juden –
alle sahen im Spiegel nur den Teil,
der ihnen gefiel.

Doch die Geschichte hat ein langes Gedächtnis.
Sie flüstert:
„Ihr wart alle Täter.
Ihr wart alle Opfer.
Ihr habt alle Fehler gemacht.“

Und plötzlich wird klar:
Keiner steht rein da.
Keiner kann auf den anderen zeigen,
ohne dass drei Finger auf ihn selbst zurückfallen.

Denn am Ende ist es nicht
der Deutsche,
der Türke,
der Araber,
der Jude,
der Christ
oder der Kurde.

Es ist der Mensch.
Immer der Mensch.

Der gleiche Mensch,
der liebt,
der hasst,
der baut
und zerstört,
der Gutes tut
und Böses möglich macht.

Und vielleicht, nur vielleicht
beginnt Frieden genau dort,
wo wir endlich aufhören,
uns über die Schuld der anderen zu erheben
und anfangen,
unsere eigene zu erkennen.


© Esra


6 Lesern gefällt dieser Text.


Unregistrierter Besucher



Unregistrierter Besucher


Beschreibung des Autors zu "Keiner ist ohne Schuld"

Poetryslam




Kommentare zu "Keiner ist ohne Schuld"

Re: Keiner ist ohne Schuld

Autor: Walter Rieck   Datum: 28.11.2025 22:29 Uhr

Kommentar: Super, das Gedicht passt zu unserer Zeit. Die Suche nach dem Frieden endet allzuoft im Krieg weil jede Nation immer nur die eigenen Bedürfnisse sieht und die der anderen Seite vergisst.

Kommentar schreiben zu "Keiner ist ohne Schuld"

Möchten Sie dem Autor einen Kommentar hinterlassen? Dann Loggen Sie sich ein oder Registrieren Sie sich in unserem Netzwerk.