Gruß aus der Entwicklerhölle
Ich wollte mir etwas Gutes tun.
Wasser ohne Mikroplastik, ohne Medikamentenreste, ohne Überraschungen –
quellfrisch, modern, bequem.
Eine Osmoseanlage schien mir die perfekte Lösung zu sein.
Nach umfangreicher Recherche habe ich mich für ein schön designtes Overhead-Produkt
entschieden.
Kommt auf die Arbeitsplatte. Ein zeitgemäßes Must-have.
Ohne viel Zusammenbau und Kabelsalat.
Auspacken, aufstellen, Wasser befüllen – los geht’s.
Also erst mal den Kanister für die 5 Liter Wasser reinigen.
Kann ja nie schaden.
Dann befüllen. 5 Liter Wasser – das sind eben auch 5 Kilo Gewicht.
Stutz.
Hmm.
Da braucht Frau schon beide Hände/Arme, sonst wird das nix.
Ein Gerät, das offensichtlich für eine Zielgruppe gebaut wurde,
die ich persönlich nur aus Basketball-Endspielen und Märchenerzählungen kenne.
Das Gerät ist 50 cm hoch. Okay.
Der Tank darin – 50 cm.
Meine Arbeitsplatte: 80 cm.
Rechnen wir kurz zusammen.
50 + 50 + 80 = 180 cm.
Das ist die Höhe, auf der dieser gefüllte Tank – 5 kg schwer – eingesetzt werden muss.
Nur zur Erinnerung: Wir reden hier nicht über ein Fitnessstudio,
sondern über eine Küche.
Um diese Konstruktion ergonomisch zu bedienen,
muss man mindestens eine Schulterhöhe von 195 cm haben.
Also eine Körperlänge von rund 225 cm.
Und Arme wie ein Albatros.
Ein Verhältnis von Länge x Breite x Höhe,
das dem Gesamtvolumen eines Riesen entspricht.
Ich gehöre nicht mal annähernd dazu.
Ich bin normal groß, mit normaler Armlänge.
In einer ganz normalen Küche.
Ich stand also da,
mit fünf Litern Wasser im Kanister,
die Arme über dem Kopf, wie bei der Zeitumstellung meiner analogen Küchenuhr,
und dachte:
„Bin ich zu klein?
Oder ist dieses Gerät für eine andere Spezies gedacht?“
Es hätte nur noch gefehlt, dass irgendwo ein Aufkleber prangt:
„Geeignet für Haushalte mit Deckenhöhe ab 3,50 m
und Bewohnern ab Schuhlänge 49.“
Mein erster Versuch, den Tank einzusetzen,
war eine Mischung aus Statik, Physik und purer Selbstüberschätzung.
Ich reckte mich so weit ich konnte, die Arme über dem Kopf,
5 kg Wasser balancierend wie eine Akrobatin –
ohne jede Vorerfahrung.
Natürlich rutschte der Tank beim ersten Ansatz etwas ab.
Natürlich habe ich geflucht.
Und natürlich habe ich mich gefragt,
ob der Hersteller jemals versucht hat, dieses Gerät selbst zu benutzen
– oder ob die Designabteilung komplett aus professionellen Hochspringern besteht.
Ich wischte die Pfütze weg und schärfte meinen Verstand.
„Aha.
Man muss also erst ein Grundstudium in Biomechanik absolvieren,
bevor man hier Wasser trinken darf.“
Mir wurde klar:
Nicht ich bin das Problem.
Das Gerät ist der wahre Endgegner.
Jeder normale Mensch unter 1,70 m
kann diesen Tank nur einsetzen, wenn er entweder:
1. eine Leiter benutzt,
2. eine professionelle Turndisziplin beherrscht, oder
3. über Kräfte verfügt, die sonst nur Comicfiguren haben.
Also habe ich – lösungsorientiert – meine Küche umgebaut.
Habe sie stellenweise etwas tiefer gelegt, wie ein Ferrari.
Quasi ein kleines Techniklabor auf Kniehöhe.
Schränke verschoben somit eine Fläche geschaffen, die so niedrig war,
dass ich beim Befüllen des Geräts aussah wie eine Person,
die gleichzeitig nach einem verlorenen Ohrring sucht.
Jetzt funktionierte das Einsetzen auf Anhieb.
Der körperliche Gesamteindruck nach drei Tagen:
Leichter Muskelkater.
Neue Knieerfahrung.
Und das seltsame Gefühl,
ungewollt in einem NASA-Trainingsprogramm gelandet zu sein.
Wahrscheinlich für Missionen,
bei denen man Wasserbehälter über Kopf in Schwerelosigkeit montiert.
Und wofür das alles?
Von den 5 Litern im Kanister sind gerade mal 3,5 Liter nutzbar.
Der Rest wird technisch bedingt zu „Wasser, das man täglich wegschütten muss“.
Eine Art flüssiger Gruß aus der Entwicklerhölle.
Echt jetzt?
Ich hatte ja die Maße gelesen.
50 cm Gerät. 50 cm Tank. Alles klar.
Ich dachte: „Kein Problem, das schiebe ich einfach seitlich rein.
Ich bin ja keine Zwei-Meter-Fichte,
also ein Seiteneinschub ist doch das Wahrscheinlichste.“
Tja.
Unter diesen Umständen wäre das Gerät völlig okay gewesen.
Vielleicht sogar im besten Sinne praktisch.
Aber irgendjemand in der Entwicklungsabteilung muss gesagt haben:
„Lasst uns den Tank so konstruieren,
dass man ihn nur dann einsetzen kann,
wenn man die Flügelspannweite eines Kondors hat
und in der Freizeit Boulderwände besteigt.“
Dieser jemand wurde vermutlich befördert.
An die frische Luft.
Nach einem ersten automatischen Reinigungsprozess
ist es dann nur noch ein überschaubares Zeitfenster,
bis das erste heiße Wasser fließt.
Wahlweise 20° – 85° oder 95° in Mengen von 200, 300 oder 500 ml.
Ich bin begeistert ob des ausgeklügelten technischen Fortschrittes.
Der erste – wenn auch verspätete – Morgenkaffee …
ist eine dünne Plörre.
Warum?
Kaffeemenge wie immer – Wassermenge auch.
Ich bin ratlos.
Ich fasse mal zusammen. Hier die Fakten:
Ich beginne meine Tage also zukünftig mit Yoga und Fitness an einem Küchengerät,
verplempere täglich 1,5 Liter Restwasser (okay, könnte es über den Balkon schütten und die Wiese
somit befeuchten),
nur um meinen Morgenkaffee am späten Vormittag zu trinken,
der aber die doppelte Menge Espresso braucht,
um wie Kaffee auszusehen und auch so zu schmecken.
Ich komme über das Staunen neuester digitaler Technik nicht hinaus.
Wie in aller Welt ist es unserer Spezies gelungen,
bei solch einer fragwürgdigen Ingenieurleistung jemals auf dem Mond gelandet zu sein?
Finde den Fehler.
Alles klar – ich bleibe beim wöchentlichen Wasserflaschen-Schleppen.
Sollte ich jemals nochmal auf die Idee kommen, frisches Osmosewasser zu wollen,
dann nur noch über die umständliche Untertischkonstruktion.
Das gibt dann sicher wieder den nächsten Stoff für Anekdoten.
Lach.


© jo stern


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Beschreibung des Autors zu "Gruß aus der Entwicklerhölle"

Wenn ein simples Werbeversprechen und neueste Digitaltechnik zum großen Irrtum wird. Wenn Ideen nicht zu Ende gedacht werden... Und dann kommt das Produkt aus der Entwicklerhölle. Mit Witz und Biss erzählt.

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Kommentare zu "Gruß aus der Entwicklerhölle"

Re: Gruß aus der Entwicklerhölle

Autor: Michael Dierl   Datum: 22.11.2025 15:47 Uhr

Kommentar: Uiiiiiii.....is ja der Wahnsinn! Ich habe auch eines aber das ist superklein und es funktioniert wie ein Durchlauferhitzer. Man kann es direkt an dem Hahn anklemmen. Es sind zwei kleine längliche Flaschen mit etwas 10cm Durchmesser. Wie das technisch genau funktioniert weiß ich nicht mehr. Ich hatte es einige Zeit vor Jahren genutzt. Billig war es leider auch nicht! Das Wasser wurde dadurch etwas weicher. Wir haben hier sehr hartes aber gutes Wasser aus der Rhön. Nun habe ich vor ein paar Wochen gelesen, dass man auch Natron in's Wasser geben könne, um das Wasser weicher zu bekommen. Der Nebeneffekt ist Natron tut sogar den Körper gut, weil es den Körper basisch macht. Er nimmt ihm eine ganze Menge Arbeit ab. Auf YouTube sind etliche Beiträger darüber. Allerdings wird von zuviel gewarnt. Ich nehme es nur wenn ich Blähungen habe oder übersäuert bin. Ich habe heute ein Kohlefilter vor den Wasserhahn eingesetzt um den letzten Mist aus der Leitung zu fischen. Da ist noch recht viel drin was nicht reingehört haben wir festgestellt obwohl im Keller schon ein Filter sitzt der kleine Schwebstoffe rausfiltern soll was er auch tut aber der ist ohne Kohlefilter. Da wir Kupferrohre haben fand ich sollte man einen Kohlefilter vor den Hahn setzen was ich auch dann zeigt, denn die Innenfläches des Filters, den man zur Reinigung alle halbe Jahre wechseln sollte ist kupferfarbend, also rostbraun. Kann also nur Kupfer sein. Es heißt zwar, wenn Kuper erst mal mit Sauerstoff reagiert wird eine Art Schutzschicht aufgetragen und es können somit keine Kuperpartikel entweichen aber das stimmt so nicht. Dadurch, dass immer mal wieder an den Rohren gearbeitet wird hat man immer Schmutz in den Leitungen und die gilt es eben zu entfernen und das tut der Filter recht gut.

lg Michael

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