Anatoli Kapinski und der babylonische Brummkreisel


Erst entfernt und kaum wahrnehmbar, dann immer näher und deutlicher fühlte er sich von Menschen umgeben. Sie unterhielten sich mit gedämpften Stimmen und nur selten erhob sich ein kurzes helles Lachen darüber.

Jetzt konnte er sie auch sehen: einige Frauen und Männer winkten ihm zu.
Oder waren es Zeichen, die sie ihm machten?
Das Stimmengewirr nahm deutlichere Konturen an, ging plötzlich in lauten rhythmischen Sprechgesang über und steigerte sich dann zu einem Ohren betäubenden Gebrüll:
„Hin-set-zen … Hin--sät--zen … Hinn –- säät --- zenn!“

Es dauerte einige Sekunden, bis Anatoli Kapinski erfasste, dass der Hass erfüllte Schreigesang ihm galt.
Offensichtlich befand er sich in einem großen Saal, in dem sich die Zuschauer schon versammelt hatten und nur er noch herumirrte, um seinen Platz zu finden.
Ängstlich blickte er sich um und erstarrte vor Schreck.
Er stand unmittelbar vor einer nach hinten ansteigenden Bühne, auf der die Musiker eines großen Orchesters schon ihre Plätze eingenommen hatten. Der Dirigent stand auf einem Podest mit dem Rücken zum Orchester und sah ihn mit stechendem Blick und Wut entstellten Gesichtszügen aus weit aufgerissenen Augen an. Wie zum Hieb hatte er seinen Dirigentenstab gegen ihn erhoben.

Zu keiner Bewegung fähig stand Anatoli Kapinski mit verdrehtem Oberkörper hinter sich blickend da. Die tobende Menge der Einen, die das Sagen hatte, gegen ihn, den Anderen, der weder Gesicht noch Gewicht hatte.

Unruhig wälzte er sich im Bett auf die andere Seite. Die Bilder seines Albtraumes verblassten langsam.
Aus den Erfahrungen vieler Nächte wusste er, dass er dem Aufwachen näherkam.
Es gab kein Entrinnen.

Der Druck seiner vollen Blase hatte ihn geweckt und nur die Vorstellung, schon bald wieder von der wohligen Wärme der Kissen verwöhnt zu werden, ermutigte ihn, entschlossen aus seinem Bett zu steigen.
Treffsicher griff er in der Dunkelheit nach dem Türgriff der Tür zum Hausflur und schlurfte mit vorsichtigen Schritten in Richtung Toilette.

Auf dem Weg durch den von der Außenbeleuchtung des Hauses in schummriges Licht gehüllten Hausflur war sein ganzes Bestreben darauf ausgerichtet, ja nicht voll aufzuwachen. Geräuschlos schloss er die Toilettentür hinter sich. Ohne die Lampen neben dem Spiegel einzuschalten, klappte er den Toilettendeckel auf, setzte sich und ließ dem Wasser freien Lauf.
Wohltuende Entspannung durchströmte seinen Körper.

Er klappte den Toilettendeckel wieder hinunter und wollte die Toilette schon verlassen, als ihn die nächtliche Ruhe im Hause veranlasste, sich noch einmal zu setzen und in die nächtliche Stille hineinzuhorchen.

Ja, Ja – die Einen und die Anderen!
Es gab sie überall.

Im privaten Leben, im beruflichen Umfeld, in der Politik und ganz besonders in der Wirtschaft. Gerade die Wirtschaft hatte eine Wunschwelt in den Köpfen der Menschen erzeugt, der sich kaum jemand entziehen konnte und die geradezu davon lebte, dass es die Einen und die Anderen gab.
Und alle stimmten in die Erzählung vom Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben ein, in die Erzählung von Spiel und Spaß, von Schönheit, jugendlicher Kraft und von Erfolg und vielen Freunden: Leben war zum Erlebnis, zum Abenteuer geworden.
Im Trommelfeuer der Werbung hatte sich der Wertekompass der Menschen verstellt. Und seine Missweisung war erheblich.
Die Wirklichkeit sah anders aus, doch wen interessierte das?

Die Menschen erfassten weder die gigantische Dimension ihrer Manipulation durch die Konsumwirtschaft, noch die Tiefe der von ihr ausgehenden psychischen Wirkungen auf ihre Seelen und schon gar nicht die verheerenden Folgen für ihre moralischen Wertvorstellungen.
Das größte Umerziehungsprogramm in der Geschichte der Menschheit, das es je gegeben hatte, feierte einen Erfolg nach dem anderen – und die Mächtigen in der Wirtschaft, die politisch Verantwortlichen und die Leitenden in den Medien: sie alle machten mit und versuchten ihr Scherflein ins Trockene zu bringen.

Anatoli Kapinski war überzeuegt, dass der Kapitalismus die Menschen entsolidarisiert hatte und überwiegend sich selbst verpflichtete Kreaturen des „Habenwollens“ hervorgebracht hatte, deren Selbstwertgefühl sich über materiellen Reichtum definierte und deren oberstes Lebensziel darin bestand, eigene Ansprüche durchzusetzen und hemmungslos zu befriedigen: aggressive und um Selbstdarstellung wetteifernde Konsumenten!
Sowohl die so genannten Eliten in den Führungsetagen der Geldwirtschaft, der Industrie, der Medien, der Unterhaltungsindustrie und der Politik, als auch die Grölenden auf den Straßen und die Neunmalklugen an den Stammtischen, sie alle hatte das Leben im kapitalistischen Regelwerk zu Konkurrenten um propagierte Lebenschancen und Lebensinhalte gemacht, die aber nur gegen Geld zu haben waren.
Und wieder waren es die Einen, deren Leben tatsächlich wie ein Spiel anmutete und die Anderen, die das auch von ihnen heiß ersehnte Spiel nicht mitspielen konnten und zum Zuschauen verurteilt waren. Die Kluft zwischen den Einen – den Reichen - und den Anderen – den Armen - klaffte immer weiter auseinander.
Nach Ansicht Anatoli Kapinskis war das anonym zugängliche Internet, der größte jemals veranstaltete Feldversuch zur Beobachtung menschlichen Verhaltens, der die narzisstischen Persönlichkeitsstörungen der Menschen schonungslos offenbarte.

Die gesellschaftlichen Eliten blieben unter sich, mehrten ihren Reichtum und zögerten nicht, ihre wirtschaftliche Macht zur politischen Einflussnahme zu nutzen. Ihr Mitgefühl mit den ärmeren Schichten beschränkte sich auf Vorwürfe und Schuldzuweisungen.
Die Angst der Ärmeren vor Überfremdung ihres Lebensraumes wurde zum Vorwurf des Nationalismus, die Angst vor Menschen aus fremden Kulturen wurde zum Vorwurf mangelnder Weltoffenheit und des Rassismus und die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes wurde zum Vorwurf mangelnder Konkurrenzfähigkeit und diente zur Verweigerung höherer Löhne.

Insbesondere bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen der unteren Schichten verbreitete sich Angst vor der Perspektivlosigkeit des vor ihnen liegenden Lebens. Gefühle der Minderwertigkeit wurden deshalb durch aggressive Selbsterhöhung und Selbstüberschätzung austariert und führten zur Selbstermächtigung zur Kriminalität und zum zügellosen Hass, von wo es nur noch ein kleiner Schritt zum Terror war - sei es im Namen einer Ideologie oder als Einzeltat angstgetriebener krankhafter Verblendung.

Anatoli Kapinski hatte schon länger gefühlt und erwartet, dass die Zeit der Populisten und Verschwörungstheoretiker anbrechen würde, aber er staunte doch immer wieder, welche absurden Feindbildern und abstrusen Erklärungen den Menschen aufgetischt werden konnten, ohne dass ein breites spöttisches und verhöhnendes Gelächter einsetzte. Für ihn war das ein klares Indiz für eine schnell voranschreitende Schädigung des Selbstbewusstseins der Menschen, die einer propagandahaften Umerziehung nahekam.
Angst griff um sich und verwischte die Grenzen zwischen Wahrheit und begründeter Wahrscheinlichkeit einerseits und fahrlässiger Behauptung und vorsätzlicher Lüge andererseits.

Manchmal fragte er sich: „Was wäre, wenn gar keine Umerziehung stattgefunden hätte?“
Was wäre, wenn der Kapitalismus nur den Freiraum, der ihm von den demokratischen Gesellschaften bereitgestellt worden war, für sich genutzt hatte, indem er die Menschen ihre wahre Natur endlich ausleben ließ?
War das vielleicht sogar das Erfolgsgeheimnis des Kapitalismus?
Anatoli Kaminski mochte gar nicht weiterdenken.

Er ekelte sich vor den Einen mit ihrem geradezu krankhaften Bedürfnis nach Selbstinszenierung und Macht. Nach innen verband sie ein Netz nichts sagender Verbundenheit, von Gleichgültigkeit und Einzelgängertum und nach außen umgaben sie sich mit einem Zaun, der für die Anderen zur Absperrung eines Tatortes geworden war.

Hast Du Geld, bist Du Einer und hast Macht, hast Du kein Geld, bist Du ein Anderer im Zustand der Ohnmacht.

Immer wieder ärgerte Anatoli Kapinski die geradezu kindische Gier der Anderen, trotz stets erfahrener Ausgrenzung, einen Blick auf die Einen erhaschen zu wollen, um den Geruch von Macht und Reichtum zu spüren. Von den quotenorientierten Medien wurde dies Bedürfnis sogar noch als Unterhaltung vermarktet. Was für ein Zynismus!

Anatoli Kapinski war mit Leib und Seele Klimaforscher.
Er war jetzt 58 Jahre alt und hatte in den letzten 6 Jahren die Sammlung von Bodenzustandsdaten in Zentralafrika organisiert und überwacht. Sein Spezialgebiet war das Bodenmonitoring, das Aussagen zum Bodenzustand und dessen klimabedingten Veränderungen lieferte.

Er saß in seinem schwarz-rot-goldenen Schilderhäuschen am östlichen Ufer des Sambesi unweit der Victoria Wasserfälle und gab gerade seine wöchentliche Auswertung der Berichte der örtlichen Beobachtungsstationen auf seinem Laptop ein.
Die Nachmittagshitze hatte ihm ganz schön zugesetzt. Jetzt in der schnell fortschreitenden Abenddämmerung war es etwas erträglicher geworden. Er hatte die obere Halbtür seiner Schutzhütte weit aufgemacht, sich einen Stuhl an die geschlossene untere Türhälfte herangezogen und schaute über die Flusslandschaft.

Seine Gedanken kreisten wieder einmal um die Einen, die es den Anderen eingebrockt hatten, die Folgen ihrer Zügellosigkeit ertragen zu müssen. Neu war das alles nicht, denn die Geschichte der Menschen bestand aus nichts anderem als der fortwährenden Geburt und dem Untergang von Herrschaftssystemen. Es war offensichtlich, dass die grundsätzlichen Mechanismen der Evolution auch für Herrschaftsformen und Wirtschaftssysteme galten.
Alle Ideengebäude der Menschen hatten nur Zeitfenster, in denen sie existieren konnten.

Hatte man daraus Lehren gezogen?
Konnte man daraus Lehren ziehen?
Und wozu?

Als die kurze tropische Dämmerung einsetzte, bemerke Anatoli Kapinski wie zuerst zwei, dann drei, dann immer mehr schwarze venezianische Gondeln, die von schwarzen Gondolieri in leuchtend roten Livreen gesteuert wurden, langsam stromabwärts trieben und sich auf Höhe seiner Schutzhütte zu einem weiten Halbrund formierten.
Auf jeder Gondel leuchtete in der Mitte eine große Glaskugel, in der sich ein ständig lächelndes nacktes Model räkelte.
Zusammen mit den Laternen vorne und hinten an den Booten entstanden funkelnde Irrlichter, deren Schein sich in der einsetzenden Dunkelheit auf der dunklen Wasseroberfläche spiegelte und vervielfachte.
Wieder eine exklusive Show für reiche Touristen zum Abschluss irgendeiner Safari, dachte Anatoli Kapinski gerade, als er das entfernte Wummern von Musik wahrnahm - den hektischen Puls von Schlagzeug und dröhnendem Bass:
1-2, 1-2 und 1-2
Ihn fröstelte in der lauwarmen feuchten Abendluft.

Als über einem Waldstück am nördlichen Ufer des Flusses ein ständig hin und her wanderndes Licht erkennbar wurde, das immer wieder von weiß auf rot wechselte, kramte er sein Fernglas aus dem Rucksack hervor, in dem sich seine Ausrüstung befand, und blickte angestrengt nach Nord Westen.
Mehrere Male setzte er das Glas ab, rieb sich die Augen und schaute erneut hindurch. Das hatte er noch nicht gesehen.

Träge wie ein Floß schob sich ein riesiges Ungetüm vor eine Waldspitze und hielt geradewegs auf ihn zu. Der Schiffsrumpf maß bestimmt mehr als 200 Meter im Durchmesser und hatte die Form eines gigantischen runden flachen Korbes, in der Art einer überdimensional großen babylonischen Guffa, die sich langsam aber stetig um die eigene Achse drehte.
Im Näherkommen konnte er in der Mitte des rosafarbenen Decks einen ca. 60 m hohen, sich nach oben verjüngenden Turm erkennen, der wie ein Leuchtturm aus übereinander gestapelten Ringen in roter und weißer Farbe aussah. Über der Kommandobrücke auf halber Höhe des Turms bis in seine Spitze waren Gästekabinen angeordnet, von denen jede ein großes Bullauge mit einer hölzernen Wetterschutzklappe hatte, auf denen entweder ein schwarzer Bulle oder ein brauner Bär abgebildet waren.

Auf dem Dach des obersten Stockwerks warb eine Laufschriftanlage:
Dream the American Dream of Liberty and Happiness --- Wechsel zu weiß --- Dream the American Dream of a better Life --- Wechsel zu rot…

Während das obere Drittel des Schiffsaufbaus noch im Schein der gerade hinter dem Horizont verschwundenen Sonne leuchtete, versank der untere Teil schon im Dunkel der hereinbrechenden Nacht.
Exakt oberhalb der Schattenlinie konnte Anatoli Kapinski den in goldenen Lettern strahlenden Schriftzug „Stairway to Heaven“ über dem Eingang zum Turm erkennen.

Zwei Showbands präsentierten sich abwechselnd auf einer ausladenden Bühne, die in Höhe des sechsten Stockwerks ringförmig um den Turm herum verlief.
Ihre Musik dröhnte aus Großlautsprechern, die fünf Stockwerke über der Bühne angebracht waren.

Ähnlich einer Kuckucksuhr öffneten und schlossen sich die Bullen - Wetterklappen fortwährend im Wechsel mit den Bären - Klappen.
Aus den Medien bekannte Sprecher brüllten mit Unterstützung langer Trichtermegaphone aus den jeweils offenen Bullaugen die Namen der Reisenden und die Höhe ihres Vermögens hinaus.

Auf Anatoli Kapinski machte das Gefährt den Eindruck eines bunten blechernen Brummkreisels, der laut tönend, mit hektisch klappernden Fenstern und unaufhörlichem Geschrei herantorkelte.

Als das Gefährt auf dem hier noch verhalten strömenden Fluss auf etwa dreihundert Meter herangekommen war, konnte er um den Turm herum gruppierte Tische und Stühle erkennen, an denen weiß gekleidete Gäste saßen und speisten.
Auf der Rückseite ihrer Westen leuchtete die Aufschrift „God loves the Rich“: Anerkennung und Rechtfertigung ihres Reichtums von höchster Stelle und zugleich Eintrittskarte zur geschlossenen Gesellschaft.

Wenn ihre Namen aufgerufen wurden, erhoben sie sich mit gespielter Überraschung von ihren Plätzen, zeigten jovial mit dem Zeigefinger auf irgendeine Person und beklatschten sich und die anderen Gäste. Manchmal hob einer seine zur Faust geballte Hand und lächelte wie ein Sieger im Boxring.

Immer wieder hatte Anatoli Kapinski Gerüchte von streng abgeschirmten Veranstaltungen der Superreichen dieser Welt gehört, zu denen keine Öffentlichkeit und insbesondere keine Presse zugelassen wurde. Sie trafen sich angeblich zu wilden Partys in Igloo Siedlungen im Norden Kanadas, zu exklusiven Safaris bei indigenen Völkern Afrikas und zu rauschenden Festen bei Großgrundbesitzern auf riesigen privaten Ländereien in Südamerika oder auch zu gemeinsamen Reisen auf privaten Luxusschiffen.

Offensichtlich waren auf diesem Gefährt Reisende unterwegs, die zu den 10% der Weltbevölkerung gehörten, denen man nachsagte, über 84% des Weltvermögens zu verfügen.
Sie gehörten zur Elite der Erfolgreichen!
Sie waren die handverlesenen Auserwählten!
Sie waren die Einen!
Sie waren die Herrscher unter den Einen.

Das Gefährt bewegte sich im Abstand von etwa zweihundert Metern am Ostufer des Flusses entlang, an dem auch Anatoli Kapinskis Schilderhäuschen stand. Langsam verringerte es seine Fahrt. Als es sich auf Höhe des Schilderhäuschens befand, hörte er, wie die Vorstellung der Anwesenden mit der Aufforderung zu Ende ging, sich zum gemeinsamen Spiel auf dem Vorschiff einzufinden.
Dann spielte die Band die letzte Strophe der „Moritat aus der Dreigroschenoper“. Die Spieler schlenderten im Takt der Musik zu ihren Plätzen und grölten dabei lauthals ihren Spottgesang:

Denn die Anderen sind im Dunkeln
nur die Einen steh‘n im Licht.
Und man sieht nur die im Lichte,
die im Dunkeln - sieht man nicht.

Die Schiffsbeleuchtung tauchte das Geschehen auf dem Gefährt in grelles Licht und verbreitete darüber hinaus eine derartige Helligkeit, dass das Uferbuschwerk und die hohen Bäume am gegenüberliegenden Ufer des Sambesi gut zu erkennen waren.

Bevor die Spieler an ihren Spieltischen Platz nahmen versammelten sie sich noch einmal an der Reling. Das Ankerkommando hatte sich an den Ankerwinden aufgestellt und wartete auf ein Zeichen des kommandierenden Offiziers. Dann rasselten die Ankerketten, zwei große Stockanker klatschten ins Wasser und zogen zwei armdicke Seile aus den hinteren Ankerklüsen heraus. Die Anker verhakten sich schon bald im felsigen Boden des Flusses und die Winden begannen die Seilausgabe zu bremsen, bis das Gefährt zum Stillstand kam und sachte in der Strömung des Flusses hin und her schwang.

Jetzt scharten sich die Gondeln mit den wie Perlen glänzenden Glaskugeln um das ankernde Gefährt und formten auf diese Weise eine Blume mit rotem Korb und hell glitzernden Blütenblättern.
Die Gäste applaudierten und nahmen dann an ihren Spieltischen auf dem Vorschiff Platz. Sie schauten zu, wie zwei große Elemente der Turmwandung über dem Haupteingang nach rechts und links zur Seite rollten und eine riesige „Public Viewing Videowand“ freigaben.

Zeitgleich stürmten Männer in dunklen Nadelstreifanzügen aus dem Haupteingang, jeder mit einem schwarzen Laptop unter dem Arm.
Mit sportlich federnden Schritten gingen sie zu den ihnen zugewiesenen Spieltischen, legten die Computer auf die Tische und schlossen sie an das WLAN des Schiffscomputers an.

Auf der Videowand erschien das Motto der Veranstaltung, das zugleich den Sinn und das Ziel des Spieles verdeutlichte:
Make your decision – get rich!

Anatoli Kapinski konnte der weiteren Kurzbeschreibung entnehmen, dass es darum ging, weltweit verbreitete Nachrichten aus Politik und Wirtschaft zu interpretieren, ihre Auswirkungen auf die Entwicklung von Staaten, Banken und Unternehmen abzuschätzen und eigenes Vermögen durch Käufe und Verkäufe an Aktien- und Warenbörsen, an Rentenmärkten und Termin- und Devisenbörsen zu vermehren.
Hierzu waren die Spieler mit allen wichtigen Börsen, Medien und politisch relevanten Einrichtungen der Staaten der Weltgemeinschaft über den Schiffsrechner verbunden.
Das Spiel würde um 20.00 Uhr Zentral Afrikanischer Zeit beginnen: 13.00 Uhr an der Wallstreet! Beginn des Börsenhandels an der „New York Stock Exchange“.
Das Spiel ging über drei Stunden und würde mit der Schließung der New Yorker Börse um 16.00 Uhr New Yorker Zeit enden.
Am Sambesi würde es dann 23.00 Uhr sein.
Anatoli Kapinski schaute auf seine Armbanduhr: 19:59 Uhr!
Auf dem Gefährt herrschte vollkommene Stille, sodass man das Gluckern und Gurgeln des Wassers hören konnte.
20:00 Uhr – der helle Klang der Schiffsglocke zerschnitt die Stille und verlor sich langsam in der Dunkelheit.

Die Videowand füllte sich sofort mit Nachrichten der großen Presseagenturen. Bildreportagen von den Schauplätzen der Ereignisse wechselten mit Stellungnahmen von Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung.
Die Nachrichten prasselten im Minutentakt auf die Spieler herunter.

- Satellitendaten zeigen, dass sich der Boden über dem
nördlichen Teil des größten Erdölfeldes der Welt von Ghawar gehoben hat.
Anzeichen dafür, dass Aratco viel Wasser in den Untergrund pumpt, um an
Öl zu gelangen. Diese Technik lässt darauf schließen, dass der Output des
Feldes sinkt.

- „Grüner Wasserstoff“ für Europa.
Europäisch - Westafrikanische Cooperation zur Herstellung und Lieferung
von Wasserstoff unterzeichnet.
Neugründung: DESERTEC

- Paukenschlag
in der wirtschaftlichen Auseinandersetzung zwischen den USA und China
China wertet Yuan um 8% ab.
Droht Zollkrieg?

- Die amerikanische Handelskammer AmCham gab bekannt, dass bei
amerikanischen Unternehmen die Bereitschaft in Europa zu investieren
sinkt: Zu hohe Steuern, zu wenig staatliche Hilfe!

- Nach CORONA schichten Investoren am US-Aktienmarkt nun wieder um –
"Stay-at-Home- Aktien" dürften sich besser entwickeln.

- usw., usw.

Die Reaktionen der Spieler waren höchst unterschiedlich: Einige vertieften sich sofort in die auf ihren Laptops angezeigten Listen mit ersten Kursänderungen, andere suchten nach vergleichbaren Situationen in den Statistiken, nicht wenige aber machten sich nur gelegentlich Notizen und schienen ansonsten nur nachzudenken.

Es war ein reger, bisweilen heftiger Börsenhandel – je nach Brisanz der angezeigten Nachrichten auf der Videowand.
Anfangs hörte Anatoli Kapinski noch wie sich die Spieler ermunternde Sprüche zuriefen. Später – als die Hektik des Geschäftes zunahm – flogen auch Beschimpfungen, Beleidigungen und manchmal sogar Drohungen zwischen den Tischen hin und her.
Mit der Ansage „Time Check“ kündete der Spielleiter die letzte Viertelstunde des Börsentages an und löste damit große Unruhe aus, denn bald würde sich zeigen, wer das Weltgeschehen zu seinen Gunsten hatte nutzen können. Verlierer lebten mit dem Risiko, zu weniger beachteten Gästen zu werden.
Einige von ihnen würden vielleicht zu weiteren Veranstaltungen nicht mehr eingeladen werden.

Der helle Klang der Schiffsglocke signalisierte das Ende des Handelstages,
das Ende des Spiels.
Am Sambesi war es 23.00 Uhr.

Auf dem großen Monitor erschienen Tabellen mit Gewinnen und Verlusten der Spieler. Als der Name des Siegers in einem rot blinkenden Fenster auf der Monitorwand angezeigt wurde, entstand sofort Streit, heftiger Streit.
An den vordersten Tischen gab es Handgreiflichkeiten, Messer blitzten auf und dann ein Schuss.
Ein Mann mit hochrotem Kopf warf einen Revolver über Bord.

Anatoli Kaminski war bestürzt, was hatte dort stattgefunden?
Er presste das Fernglas an die Augen. Er hatte hautnah miterlebt, wie die Reichsten der Welt um die Wette zockten. Sie hatten mit ihren riesigen Einsätzen Börsen, Banken, Unternehmen und sogar ganze Währungen ausschließlich für ihre eigenen Zwecke benutzt – ohne Skrupel, ohne Moral.

Langsam dämmerte ihm, dass das, was er gesehen hatte, gar kein Spiel gewesen war. Er hatte reales kapitalistisches Geschehen beobachtet. Die Elite der Reichen unter sich hatte ihm eine Lehrstunde über das Kernstück kapitalistischen Handelns gegeben.
Morgen würden die Wirtschaftsnachrichten von „unerwartet heftigen Kursschwankungen“ an den Börsen berichten. Politiker würden mehr Transparenz der Börsen fordern, vielleicht würden in ein oder zwei Staaten Untersuchungen angestellt werden. Doch nach etwa zwei Wochen würde niemand mehr darüber reden und die Medien würden nicht mehr darüber
berichten.

Einige der Spieler saßen bewegungslos an ihren Tischen und verbargen ihre Gesichter in den Händen, andere schrien ihre Gewinne heraus.
Wieder andere umringten kleine mobile Verkaufsstände, an denen Alkohol ausgeschenkt und Drogen verteilt wurden, die aufgrund der Erschöpfung der meisten Spieler ihre Wirkung rasch entfalteten.
Sie griffen zu Liegematten und Decken und legten sich da nieder, wo sie
gerade gestanden hatten.
Wie Gefallene nach einer Schlacht lagen sie auf dem Vorschiff herum.
Gebannt schaute Anatoli Kapinski immer wieder zum Gefährt hinüber.

Die Reisegesellschaft deren Teilnehmer sich bisweilen als von Gott Auserwählte priesen, hatte sich auf einen Höllenritt eingelassen, der ihren krankhaften Geltungsdrang und ihre unbeherrschbare Gier nach Macht und Geld entfesselt hatte.

Die Gondolieri hatten die Gondeln mit den Models ans gegenüberliegende Ufer gefahren, wo sie bald darauf auf Transportfahrzeuge verladen und abtransportiert wurden.
Danach war die Schiffsbeleuchtung reduziert worden.

Gespenstische Ruhe breitete sich aus und in der Kühle der Nacht begannen sich Nebelfelder über dem Fluss auszubreiten.

Anatoli Kapinski zitterte.
Abscheu, Ekel, Angst und Wut hatten sich seiner bemächtigt: das waren also: „die Einen“, die Top-Vertreter der fortschrittlichen kapitalistischen Wirtschaftswelt, die Elite, zu der 8 Milliarden Menschen auf dem Globus aufschauten und denen Millionen von Unternehmern nacheiferten.

Er kam sich wie ein hilfloser Zwerg vor.
Minuten lang starrte er mit leerem Blick auf den träge dahin strömenden
Fluss.
Dann weckte irgendetwas plötzlich seine Aufmerksamkeit.
Wieder und wieder suchte er das gegenüber liegende Ufergebüsch und die etwas erhöht dahinter stehenden Baumgruppen auf der anderen Seite des Flusses ab.

Und dann sah er sie.
Einwohner des Landes standen bewegungslos zwischen den Bäumen und beobachteten wie sich eine Gruppe von fünf Männern einen Weg durch das Gebüsch zum Fluss hinunter bahnte.
Mit dem Einstieg ins Wasser befestigten drei von ihnen irgendeine Last auf ihren Köpfen. Dann stiegen alle fünf in ein Mokoro und legten sofort ab. An der Bootsspitze und am Heck standen die Poler und stakten, während die drei Männer mit den Kopflasten sich in der Mitte des Bootes hingekauert hatten. Langsam fuhren sie in eine Nebelbank hinein und Anatoli Kaminski verlor sie aus den Augen.

Als kurze Zeit später zwei dumpfe Explosionen zu hören waren, wusste er sofort, was passiert war.
Er sprang aus seinem Schilderhäuschen, riss die große Signallampe aus dem Regal und lief flussabwärts am Ufer entlang bis er an das Gebiet kam, wo die drei Hauptströmungsarme des Flusses, sich durch drei Durchlässe in einem Felsenfeld zwängten, was ihre Strömungsgeschwindigkeit deutlich erhöhte.
An den Rändern der Durchlässe rauschte das Wasser um die rissigen Felsbrocken herum, verschwand in scharfkantigen Spalten und kam gurgelnd über glitschige Steintafeln strömend an die Oberfläche zurück.
Der Fluss erweckte ab hier den Eindruck, als hätte er Schwerstarbeit zu leisten und wer genau hinhörte, konnte an dieser Stelle bereits das dunkle Grollen wahrnehmen, das aus der 110 m tiefen Schlucht heraufdröhnte, in die sich der Fluss auf einer Breite von 1,7 km bald hinunterstürzen würde.

Und dann sah er sie kommen.
Mit schlaff herunterhängenden Ankertauen, immer wieder auf der einen oder anderen Seite an vereinzelt im Wasser liegende Felsen krachend oder über Untiefen schrammend, torkelte das Gefährt der Bruchkante entgegen.

Die Schiffsbeleuchtung erlosch in unregelmäßigen Abständen und wenn sie für Sekunden aufflackerte, konnte Anatoli Kapinski Menschentrauben auf dem Vor- und Achterschiff erkennen, die immer dann, wenn das Gefährt gegen die Felsen stieß, in Todesangst aufschrien.

Ich kann doch hier nicht stehen und nichts tun, schoss es Anatoli Kapinski durch den Kopf. Im Angesicht der vielen Menschen in Gefahr, war es mehr ein Reflex, der ihn ehrte, als ein vernünftiger Gedanke, denn wie sollte er zu diesem Zeitpunkt noch Einfluss auf den Ablauf des Geschehens nehmen?

Gebannt schaute er auf die gespenstische Szene.
Vor der Bruchkante lief das Gefährt endgültig auf Grund und kam dabei zum Stillstand.
Ganz langsam drehte sich der korbförmige Rumpf noch zwei oder dreimal auf der Stelle bis er von den gewaltigen Kräften des Wassers hinten angehoben wurde. Wie ein Zeigefinger neigte sich der rot-weiße Turm in Zeitlupe nach vorn und dann rutschte das ganze Gefährt über die Bruchkante und verschwand in dem brüllenden Inferno.
Lange stand Anatoli Kapinski wie versteinert da und starrte auf die Stelle wo das Gefährt verschwunden war.
Dann machte er sich auf den Weg zurück zu seiner Schutzhütte. Gerade als er sich auf sein Feldbett zum Schlafen legen wollte, klopfte es.
„Anatoli bist du da drin?“
Dann schlug jemand mit der flachen Hand gegen die Tür.
„Anatoli?“
„Die Spülung läuft jetzt schon 10 Minuten!“

© Jürgen Maaß 2021


© (c) Jürgen Maaß 2025


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Beschreibung des Autors zu "Anatoli Kapinski und der babylonische Brummkreisel"

Anatoli Kapinskis Alptraum von den „Einen“ und den „Anderen“ wird durch das Bedürfnis, zur Toilette gehen zu müssen, unterbrochen.
Er verweilt noch im Dämmerlicht der Toilette und schläft auf dem Sitz ein.
Sein Traum, den er vor dem Aufstehen aus dem Bett hatte, setzt sich fort und wird zu einer Generalkritik an Gesellschaft und kapitalistischem Wirtschaftssystem und mündet in ein intensives Traumerlebnis, das ihm als Wetterforscher am Sambesi in Afrika widerfährt.
Die Erzählung ist eine scharfe Gesellschaftskritik.

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