Von Teufeln und von Menschen

1. Expeditionen

Viele Menschen haben versucht, den Ort zu finden, von dem allgemein vermutet wird, dass dort der Teufel, Luzifer, der Belzebub, der Leibhaftige oder der Antichrist zu Hause sein könnte. Sie haben sich durch Wüsten geschleppt, gewaltige Bergmassive erklommen, die eisigen Polkappen der Erde erforscht und sogar unter der Erde und in der Tiefe der Ozeane nach ihm gesucht.
Sie haben Höllenstrapazen auf sich genommen: den Teufel aber haben sie nicht entdeckt!

Dabei wollte die überwiegende Mehrheit der Menschen eigentlich nur wissen, ob es ihn denn wirklich gibt, denn nach nunmehr tausenden von Jahren der Beschreibung seines Wesens und Wirkens kamen die Menschen nicht umhin, einzuräumen, dass es auf der Erde ziemlich teuflisch zuging. Da musste zum Teufel nochmal doch jemand dahinterstecken.

Eine beachtliche Anzahl wollte allerdings tatsächlich Kontakt mit ihm aufnehmen, um sich hinsichtlich kleinerer oder größerer Teufeleien beraten zu lassen. Sie hatten immer wieder festgestellt, dass Menschen bei kleinen Verfehlungen oft die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekamen, während große Betrüger straffrei ausgingen. Es kam wohl auf die Beratung an.
Manche beabsichtigten sogar, mit dem Teufel Geschäfte zu machen – einen Deal, wie man heute sagen würde.

Schließlich gab es aber auch einige zornige Menschen, die ihm nach dem Leben trachteten, weil er sie definitiv falsch beraten hatte. Manche der vorgeschlagenen Teufeleien hatten sich nämlich gegen sie selbst gewendet. Ihnen war nicht bekannt gewesen, dass es bei Teufeleien oft vorkam, dass man nie so ganz genau wusste, in welche Richtung sie sich entluden.
Ja - das war das allerteuflischste an den Teufeleien.

Aber - wie es nun mal bei einem ernst zu nehmenden Teufel üblich ist – er war zum Teufel noch mal nicht zu finden.
Wie konnte er nur seinen offensichtlichen Einfluss ausüben, wenn er nirgends anzutreffen war?
Bei genauer Überlegung, sprach allerdings gerade seine Nichtauffindbarkeit für seine Raffinesse und die gefühlte Allgegenwart zeugte von seiner Macht.

Doch lassen sie mich dieser elementaren Problematik, die nahezu alle Menschen berührt, selbst wenn sie in anderen Kulturkreisen leben und dem Teufel andere Namen gegeben haben, in der ihr angemessenen Weise auf den Grund gehen, wobei insbesondere die Umstände der Entstehung der Art „Mensch“ eine entscheidende Rolle spielen.

2. Von der Entstehung der Art „Mensch“

Magna Marta und ihre Kinder Matteo Mutatio und Sabatina Selektione

Matteo Mutatio und seine Schwester Sabatina Selektione, Baumeister und Baumeisterin der Evolution, hatten sich schon oft ihr Leid geklagt. Die Entwicklung immer neuer Arten auf ihrem blauen Planeten war für sie doch recht anstrengend geworden.
„Und dann noch die Überwachung ihrer Überlebensfähigkeit“, stöhnte Matteo, „wir haben ja keine einzige Minute mehr, um auch mal an etwas anderes zu denken, als an unsere Arbeit!“
In den mittlerweile über drei Milliarden Jahren ihrer Tätigkeit hatten sie mehrfach mit ihrer Mutter Natura über Arbeitserleichterungen gesprochen, doch die pflichtbewusste Frau hatte dafür mindestens bisher kein offenes Ohr gehabt.
“Vielleicht sollte ich nach den langen Jahren anstrengender Arbeit nochmal mit Mutter reden, ob man da nichts machen kann“, schlug Sabatina vor.
„Wir sollten gemeinsam mit ihr reden“, meinte Matteo, „dann weiß sie, dass wir beide am gleichen Strang ziehen“.
„Das machen wir“, stimmte Sabatina zu und überlegte, welche Argumente sie noch finden konnte.

Es ist zwar nicht überliefert, aber bei Betrachtung noch heute typisch menschlicher Verhaltensmuster erkennen wir, dass Matteo und Sabatina wohl auch über ein gewisses Maß an latenter Faulheit verfügten, die sich allerdings bereits mit der Erschaffung des Faultieres als archaische Eigenschaft alles Lebenden etabliert hatte.
Schon damals, als sie das Faultier auf Weisung ihrer Mutter erschaffen mussten, hatten sie sich gefragt, was der Sinn einer Spezies sein könnte, die ausschließlich dem Zweck des Faulseins dienen sollte!
Aber wer sagt, dass das Bestreben nach dem „dolce far niente“ nicht sogar eine allgemeine Eigenschaft des gesamten Kosmos sein könnte? Schließlich wird selbst in der klassischen Physik mit der „Massenträgheit“ gerechnet.
Na wie dem auch sei, bei Matteo und Sabatina regte sich jedenfalls der Wunsch nach ein bisschen „easy going“ und vielleicht war ja das Faultier sogar ein geeigneter Bezugspunkt für ihr Gespräch mit Mutter Natura.

Nach langen Diskussionen und manchen Streitereien loggten sich Matteo und Sabatina eines Tages in das kosmische holografische Netz ein und riefen ihre Mutter an.
Sie meldete sich sofort mit ihrem im ganzen Kosmos liebevoll gebrauchten Zusatznamen
„Magna Marta“ – große Herrin - und erschien kurze Zeit später auf dem holografischen Display.
Ihre Zeit war kostbar. Deshalb drängte sie ihre beiden Kinder nach kurzer Begrüßung: „Kommt auf den Punkt und sagt, was ihr von mir wollt?“
Dann schwieg sie.
Es rauschte im kosmischen Netz.
Mateo stotterte irgendetwas von „wir schaffen die Arbeit nicht mehr“ und
Sabatina klagte: „Die bisherigen Arten, die wir erschaffen haben, die tun ja nichts anderes, als faul vor sich hin zu leben und die Versorgung durch die Umwelt zu genießen.
Das heißt für uns: Aufsicht, Pflege und Betreuung rund um die Uhr, rund um den Planeten, und das seit Milliarden von Jahren.“
Nach langem Schweigen fragte die Mutter: „Und?“
Sie kannte ihre Kinder und wusste, dass sie bestimmt noch etwas von ihr haben wollten.
Matteo fand als erster die Sprache wieder: „Wir wollen dir einen Vorschlag machen!“
„Aha“, stellte die Mutter fest. „Und der wäre?“
Sabatina nahm all ihren Mut zusammen: „Wir haben uns gedacht, wenn wir mal eine Art erschaffen könnten, die ihre Überlebensfähigkeit selbst organisieren kann, dann …“
„Was dann?“, kam die spröde Frage der Mutter.
„Dann hätten wir mehr Zeit für die anderen Arten und vielleicht auch mal einen Tag für uns!“
Sabatina war froh, dass es endlich heraus war.
Langes Schweigen im Netz.
Sabatina und Matteo schauten sich an, hatte ihre Mutter aufgelegt?
Es rauschte und rauschte.
Beiden fuhr der Schreck in die Glieder als das Bild plötzlich wieder erschien und sich die harsche Stimme ihrer Mutter meldete. „Ihr wisst schon, dass eine derart tiefgreifende Veränderung der Evolution weitreichende Konsequenzen haben kann, oder …?
Ihr müsst die neue Art dann auch grundsätzlich mit Bewusstsein ausstatten, denn wie soll sie sonst ihre neuen Aufgaben bewältigen. Sie muss doch wenigsten sich selbst und ihre Umwelt erkennen können! Ja sie muss überhaupt erkennen können, dass sie diese Aufgabe hat.“
„Dafür haben wir uns schon etwas überlegt“ riefen Matteo und Sabatina aufgeregt.
Langes Schweigen im Netz.
Es rauschte und rauschte.
Dann die klaren Worte von „Magna Marta“, ihrer Mutter:
„Also dann macht mal! Ich hoffe, ihr habt euch das wirklich gut überlegt“.
Sie legte auf.
Die Idee mit dem Bewusstsein war auch für Matteo und Sabatina nicht ganz geheuer.
Aber was lässt man sich nicht alles einfallen, wenn man sich das Leben leichter machen will.
Also interpretierten sie die Bereitstellung von Bewusstsein bei einer neuen Art als Fortschritt in der Evolution und gaben ihre Bedenken auf.
Später beruhigte Matteo seine Schwester noch einmal: „Wir geben ihnen zunächst mal nur einige elementare Bausteine des Bewusstseins“.
„Den Rest können sie sich im Laufe der Zeit ja als innerartliche kulturelle Entwicklung aneignen!“
„Und wenn nicht?“
„Dann eben nicht!“
Dann mussten sie einen weiteren Fall von Kollateralschaden im Logbuch der Evolution eintragen.
Es passierte immer wieder, dass manche Arten schon nach kurzer Zeit wieder vom Planeten verschwanden, weil sie es einfach nicht geschafft hatten, sich an die wechselnden Umwelteinflüsse auf der Erde anzupassen.
Schön waren solche Eintragungen nicht, gaben sie doch auch Auskunft über die Qualität der Arbeit von Matteo und Sabatina.
„Na ja“, beschwichtigte Sabatina,“ bei manchen Arten konnten wir aber nichts dafür! Denk nur an die Sauriere! Was hätten wir denn gegen Zusammenstösse der Erde mit anderen Himmelskörpern machen sollen!“
„Lass uns nach vorne schauen“, sagte Matteo. „Diesmal geht es um etwas ganz Besonderes!“

Sabatina und er hatten schon eine ganze Zeit lang mit einzelnen Teilen ihres Baukastens gewerkelt und herumexperimentiert, doch über die Ausprägung einiger besonderer Fähigkeiten bei einzelnen Arten waren sie nie hinausgekommen.

Die zündende Idee kam Matteo an einem besonders hellen Sonnentag.
Die Sonne war gerade wieder einmal in eine Phase außerordentlicher Sonnenfleckentätigkeit eingetreten und schleuderte Unmengen von Teilchen in den Weltraum.
Und diesmal würde der Sonnensturm vor allem die Erde treffen.

„Hee Sabatina“, rief Matteo aufgeregt, „ich glaub ich hab es!“
„Was hast du?“ schallte es zurück.
„Wir brauchen das Verhalten der Bonobos oder der Schimpansen nur ganz wenig zu verändern und mit ein bisschen Glück kann ich eine Mutation hervorrufen, die zu einer neuen Art führt!“
„Dann mach das doch“, rief Sabatina zurück.

Also machte sich Matteo auf den Weg in den Regenwald.
Er hatte ein Virus aus seinem Baukasten mitgenommen und infizierte damit eine Gruppe von Bonobos, die bisher Gefallen daran gefunden hatten, im Halbdunkel der Urwälder umherzustreifen.
Ganz plötzlich begannen sie zu frieren und sehnten sich nach Helligkeit und Wärme. Sie suchten nach Lichtungen im Wald und begannen sich ausgiebig zu sonnen.
Und wie von Matteo erwartet, wurden die Gene der Tiere von schweren Sonnenteilchen getroffen und verändert. Mit dabei war ausgerechnet das Gen, welches die Fähigkeit zur erkennenden Selbstwahrnehmung bisher eingeschränkt hatte.

Schon nach 150 Jahren passierte es dann:
War das eine Aufregung als sich plötzlich ein Bonobo-Mann an einer Wasserstelle zum Trinken über die Wasserfläche beugte, erschrak, stutzte und sich mit einem Finger in der Nase bohrte, die Stirn runzelte und kurz darauf immer wieder brüllend in die Luft sprang. Völlig außer sich schrie er immer wieder: “Das bin ja ich! Das bin ich!“
Die anderen machten es dem Schreihals nach und liefen aufgeregt schnatternd zum Wasser.
Aber nur eine einzige Bonobo-Frau erkannte sich ebenfalls und fiel vor Schreck ins Wasser.
Wieder an Land umarmten sich die beiden Veränderten, hüpften um einander herum und grölten, „Das sind wir, wir sind das, das sind wir, wir sind das …!
Die Unveränderten standen mit offenen Mündern da und wussten nicht, wie sie sich verhalten sollten.
Als der Sonnenuntergang nahte, machten sich alle auf den Weg zurück zu ihren Schlafbäumen. An einer Gabelung der Trampelpfade schlugen die beiden Veränderten aber einen eigenen Weg ein.

Da waren selbst Matteo und Sabatina überrascht.
“Wie schnell sich manchmal Evolution vollzieht!“ staunte Matteo.
„Ja, fast boshaft schnell“, bestätigte Sabatina, „als ob hier jemand nachgeholfen hat!“
Das war das allererste Mal, dass ein Verdacht auf Mitwirkung einer bisher unbekannten Macht an einem evolutionären Ereignis ausgesprochen wurde.
Matteo und Sabatina betrachteten das Ergebnis ihrer Arbeit jedoch voller Stolz und mit Genugtuung und wünschten „ihrer“ neuen Art eine gute Zukunft und ein erfolgreiches Überleben.
„Tschüß und viel Spaß beim Überleben“, riefen sie ihnen zu.


3. Vom Anfang des Überlebens

Jetzt war sie da – die neue Art von Tieren, die über ein Bewusstsein verfügte, das alle ihnen bekannten Tiere vor ihnen in dieser ausgeprägten Form nicht hatten. Voller Stolz nannten sie sich „Menschen“ und begannen sofort damit, den aufrechten Gang zu üben. Irgendetwas sollte sie von Anfang an als etwas Besonderes auszeichnen und mit einander verbinden.
Aber mit den Menschen, deren Haupteigenschaft ihr erweitertes Bewusstsein war, das ihnen die Fähigkeit zur Erkenntnis ihrer selbst beschert hatte, war auch ihre Angst vor der Welt geboren worden.
War das ein Schock!
Es gab niemanden, der ihnen hätte sagen können, was richtig ist und was falsch und vor allem, womit man das Überleben hätte beginnen sollen.
Um den ganzen Planeten Erde hallte der Schrei: „Wer zum Teufel hat uns das eingebrockt!!“
Aber schon auf dem Mond konnte man nichts mehr davon hören und in den unendlichen Weiten des Kosmos wusste niemand, dass es auf der Erde überhaupt Leben gab.
Sie waren allein, sie fühlten sich nicht nur einsam, nein: sie waren wirklich allein.
Und mit dieser Erkenntnis schlich die Angst von allen Seiten heran.

Urk und Lara

Urk und Lara stiegen die Felsen vor ihrer Höhle hinab und schlichen durch den Wald. Immer wenn sie den Bäumen nahekamen, hatten sie das Gefühl, als wollten deren Äste sie festhalten.
Lara flüsterte: „Der Wald will nicht, dass wir hier sind.“
Als ein kräftiger Windstoß durch die dicht stehenden Tannen fuhr, blieb Urk stehen:
„Hörst du, die Bäume sprechen zu uns. Sie ermahnen uns, vorsichtig zu sein und auf den Weg zu achten.“
Und als sie nach einer weiteren Stunde an einen quer über ihrem Weg liegenden umgestürzten Baum kamen, griff Lara plötzlich nach Urks Arm:
„Bleib stehen!“ presste sie hervor, „siehst du das große Tier dort auf der Felsplatte und den Abgrund dahinter?“
Urk erschauerte: „Ich habe Angst! Wir gehen lieber wieder zurück!“

Sie waren schon eine ganze Zeit wortlos hintereinander hergegangen, als Urk anhielt: „Vielleicht wollten uns die Baumgeister aber auch nur vor Schaden bewahren.“
„Dann wären sie unsere Freunde“, ergänzte Sabatina.
Auf ihrem Weg zurück zur Höhle, in der sie mit ihrer Sippe wohnten, entdeckte Lara noch eine sprudelnde Quelle, deren Wasser sich gluckernd zu einem kleinen Bach vereinigte.
„Es hört sich so an, als plapperte das Wasser über sich selbst – wo es herkommt und wo es hinfließt“, sagte Lara.
„Wo mag der Wassergeist das Wasser wohl herholen?
Und warum schüttet er es gerade hier aus?“ sinnierte Urk.

Die Sonne senkte sich dem Horizont entgegen, als Urk und Lara an ihrer Höhle ankamen. Im hinteren dunklen Bereich der langen schmalen Halle hatten die Bewohner schon das Feuer angefacht und sich um die lodernden Flammen versammelt. Neugierig blickten sie Urk und Lara entgegen.

Die beiden setzten sich zu den anderen und berichteten, wie geheimnisvolle aber gutmeinende Baumgeister sie heute vor großer Gefahr bewahrt hatten. Andere begannen von furchteinflößenden Erlebnissen zu erzählen und die älteren Bewohner machten sich geradezu einen Spaß daraus, den jüngeren Sippenmitgliedern mit ihren Schilderungen von unheimlichen Begegnungen mit unsichtbaren Wesen große Schrecken einzujagen.
Und so ging es bis spät in die Nacht hinein, bis - ja, bis sich „Kushim der Weise“ erhob.

Stille setzte ein.
„Es ist wahr, hinter allen Dingen, die uns umgeben, stehen unsichtbare Mächte, die sie erschaffen, erhalten und lenken. Wir können sie nicht sehen, aber durch ihr Wirken können wir sie erkennen. Es ist wichtig, sich mit ihnen gut zu stellen, auf dass sie uns auch in Zukunft das geben, was wir zum Überleben brauchen.“
Kushim hatte gesprochen, also gab es nichts mehr zu sagen.

Alle legten sich schlafen, bis auf Urk und Lara, die die erste Feuerwache übernommen hatten.
Ganz nahe bei einander sitzend flüsterten sie:
„Das Wachsen der Bäume, die sprudelnden Quellen, …“
„die wechselnden Gesichter des Mondes, die strahlende Sonne und ihr regelmäßiger Weg über den Himmel …“
„und das Wetter mit seinen warmen aber auch eiskalten Tagen, mit Sturm und Blitz und Donner, all das ist sehr geheimnisvoll und ich verstehe es nicht …“
„und es zeugt von der Kraft der hinter den Erscheinungen stehenden Wesen.“
„Es müssen Geister sein“, sagte Urk, „körperlose Wesen, die alles steuern.“
„Vielleicht sogar unser Schicksal?“ hauchte Lara.

Ja, das war alles geheimnisvoll, aber für den menschlichen Geist, der nach abschließenden Antworten sucht, höchst unbefriedigend. Immer wieder wurden Beratungen abgehalten, die das Leben der Geister vorstellbar machen sollten.
Während einer Fragestunde über die Macht der Geister und ob es wohl mächtige und weniger mächtige Geister gäbe, stand wieder einmal „Kushim der Weise“ auf und sagte im Brustton der Überzeugung:

„Geister leben auch in Familien und Gruppen - wie wir Menschen!“
„Es gibt mächtige und weniger mächtige Geister.“
„Es gibt gute Geister, die unsere Freunde sind, aber auch böse Geister, die uns feindlich gesonnen sind.“
Alle waren erstaunt darüber, dass ihnen das nicht selbst eingefallen war.
Sie freuten sich über die Einfachheit der Erklärung und umringten und beglückwünschten Kushim zu seiner wegweisenden Erkenntnis.
Anders konnte es doch gar nicht sein!
Das war doch die selbstverständlichste Sache der Welt!

Eine erste Weltsicht war geboren:
Die Welt als Chaos, als Unordnung, die von geheimnisvollen Kräften beherrscht und gelenkt wird.
Man musste ständig auf der Hut sein, um in dieser Unordnung überhaupt überleben zu können. Und vor bösen Geistern, die offensichtlich Freude daran hatten, Menschen zu verführen oder sie in Gefahr zu bringen, musste man sich ganz besonders in acht
nehmen.

4. Vom ersten kulturellen Schritt des Menschen

Was blieb den neuen Menschen in ihrer Furcht vor der hintergründigen Welt anderes übrig, als mit sich selbst zu reden.
Doch auch das war gar nicht so einfach, denn was die einen für richtig hielten, das hielten die anderen für falsch.
Da damals Eulen und Nachtigallen schon da waren und Amuk die Menschen beobachtet hatte, konnte er schon damals als erster feststellen:
„Wat den enen sin Uul is, dat is den annern sin Nachtigall!“ sagte er zu seiner Frau Raja.
„Das stimmt“, lachte sie, „ist es bei uns beiden denn anders?“
Beide ahnten nicht, wie zutreffend und allgemeingültig ihre Erkenntnis war.
Selbst heute - nach fast 300.000 Jahren „Homo sapiens“ – ist sie unverändert gültig!
Man sollte sie als die wichtigste Selbsterkenntnis der Menschen überhaupt ansehen.

Amuk und Raja

Amuk und Raja stapften wie jeden Tag mit anderen Angehörigen ihrer Sippe durch den Wald. Sie sammelten Beeren, fingen kleine Tiere und untersuchten die Umgebung auf darin lauernde Gefahren. Sie wohnten zwar in einer Höhle, aber vollkommen sicher waren sie da auch nicht.
Als sie die Grenze ihres Waldreviers erreicht hatten, rasteten sie und begannen darüber zu palavern, ob sie noch durch das vor ihnen liegende Gebiet mit Gebüsch und lockerem Baumbewuchs streifen sollten oder nicht.
Die einen wollten lieber nach Hause, die anderen wollten wissen, ob es da vielleicht noch was zu holen gab.
„Ja - wat den enen sin Uul is, dat is den annern sin Nachtigall“, ging es Amuk gerade wieder durch den Kopf, als er einen wilden Apfelbaum mit zahlreichen roten Früchten hinter dem Gebüsch entdeckte.
Als wäre er von einer Wespe gestochen, sprang er auf, raste in Richtung des Baumes und schrie immer wieder: “Der gehört mir!“ „Der gehört mir!“ „Der gehört mir!“
Als die anderen merkten, was Amuk meinte, prusteten sie los und hielten sich die Bäuche vor Lachen. Nur Raja blieb ruhig und ging zügig hinter Amuk hinterher.
„Du armer Irrer“, dich hat wohl ein böser Geist heimgesucht!“ schrien sie hinter ihnen her. „Alles gehört doch allen!“
So waren sie erzogen und danach handelten sie!
So wie es ihre Vorfahren schon immer getan hatten!

Also trotteten alle schimpfend und schnatternd hinter Amuk her, der schon damit begonnen hatte, an „seinem“ Baum hoch zu klettern. Sie zerrten ihn wieder herunter auf den Boden und brachen eine handfeste Schlägerei vom Zaun, an deren Ende niemand mehr so richtig wusste, um was es denn eigentlich gegangen war.
Dann plünderten sie alle gemeinsam „Amuks Baum“ und schleppten sich anschließend mit vollen Mägen durch den Wald nach Hause.
Doch schon am Abend des gleichen Tages fiel es einigen von ihnen wieder ein:
„Der Amuk hatte einen Apfelbaum entdeckt und behauptet, dass es seiner wäre!“
Und sie begannen miteinander zu flüstern:
„Alle sind doch gezwungen, zu essen, zu trinken und zu schlafen“ sagte einer.
„Und sich zu vermehren“, ergänzte ein anderer mit erhobenem Zeigefinger.
„Aber wie soll man das organisieren?“ fragte ein dritter.
Nachdem sie sich schlafen gelegt hatten, träumten aber fast alle von eigenen Apfelbäumen auf eigenem Grund und Boden, manche schon von einer eigenen Hütte zum Schutz vor anderen Menschen und wilden Tieren und einer sogar von einer eigenen Frau, mit der er kuscheln konnte, ohne dass alle anderen neidisch zusehen konnten.

Am nächsten Tag wurde die Sippe von entfernten Hammer- und Beilschlägen geweckt. Neugierig schlichen sie durch ihren Wald und als sie am Waldrand angekommen waren, rieben sie sich die Augen:
Amuk war dabei, einen Zaun um seinen Apfelbaum zu ziehen und Raja schleppte Pfähle für ihn heran.
Er ärgerte sich immer noch gewaltig, dass die anderen Sippenmitglieder ihn gestern ausgelacht und verprügelt hatten, als er seinen Apfelbaum entdeckt hatte.

Aber da war noch etwas.
Schon vor einigen Jahren hatte sich Amuk daran erinnert, dass sein Großvater ihm gezeigt hatte, dass man Samen von bestimmten Gräsern in die Erde legen konnte, aus denen dann neue Gräser entstanden, die wieder neue essbare Samen trugen. Der Gedanke, diese Beobachtung in die Tat umzusetzen, hatte Amuk nicht mehr losgelassen und als er dann Raja kennenlernte, hatten sie heimlich eine kleine Fläche auf einer Lichtung im nahegelegenen Wald vorbereitet. Sie sammelten Samen von wildem Korn und legten sie reihenweise in die Erde und tatsächlich wuchsen aus den Samen neue Pflanzen, die wiederum die gleichen Samen trugen.
„Das ist jetzt unser großes Geheimnis, Raja“, mahnte Amuk, „du darfst keinem davon erzählen!“
Und so lebten sie eine ganze Reihe von Jahren mit ihrem Geheimnis und lieferten sich jedes Jahr den Beweis, dass ihre Arbeit Früchte trug.

Amuk setzte den letzten Pfahl der Umzäunung, warf den Hammer zu den übrig gebliebenen Pfählen und stapfte mit gesenktem Kopf und geballten Fäusten an Raja vorbei.
„Jetzt erst recht“, zischte er Raja zu, „jetzt erst recht“!

Von nun an kletterte er jeden Tag, der ins Land ging, auf seinen Baum und pries lauthals die Vorzüge einer sesshaften menschlichen Gesellschaft.
Mit eindringlicher Stimme hielt er aufdringliche Reden, die die Gemüter der ständig größer werdenden Schar seiner Besucher ganz schön erhitzten.
„Wollen wir nicht alle, dass das ständige Suchen nach Nahrung endlich aufhört?“
„Wollen wir nicht, dass jeder satt wird?“
„Und wollen wir nicht auch, dass jeder bestimmen kann, ob er mit seiner Familie ungestört alleine oder mit anderen zusammenleben will?“
Ganz verzückt antworteten sie jedesmal: „Ja, so ist es“. „Ja, das wollen wir!“

Besonders glücklich und zufrieden waren seine Zuhörer, wenn er die Sippe insgesamt ansprach und ihre Stärke und Überlegenheit gegenüber anderen Sippen hervorhob.
Schon bald waren sie überzeugt, nicht nur eine besondere Gruppe von Menschen mit besonderer Herkunft zu sein, sondern auch eine, der eine besondere Zukunft bevorstand.

Und wenn er ihnen dann noch zurief:
„Ihr habt ein Recht auf Belohnung eurer bisherigen Leistungen, das habt ihr euch verdient“, dann nickten seine Zuhörer und klatschten begeistert Beifall:
„Recht hat er - ja da hat er recht!“
Bald war seinen Zuhörern völlig egal, was er sagte, allein sein Erscheinen löste schon Beifallsstürme aus und wenn er seinen Baum hochkletterte, begleiteten sie seinen Aufstieg mit Sprechchören und rhythmischem Klatschen.
„A-muk! A-muk!“ skandierten sie seinen Aufstieg im Takt seiner Kletterbewegungen.

Eines Tages, als er wieder mit großen Gesten für die einzig wahre Lebensform des Menschen, die Sesshaftigkeit, geworben hatte, passierte es.
Am Ende seiner Ausführungen steigerte sich der Beifall zu einem allgemeinen Rausch, der Amuk dazu verführte, sein bis dahin sorgsam gehütetes Geheimnis zu lüften.
Er versprach seiner Sippe eine goldene Zukunft, obwohl er das Metall noch gar nicht kannte:
„Jeder wird seinen eigenen Grundbesitz haben und darauf seine eigene Kornernte machen und Vorräte nach seinem Bedarf anlegen können!“
„Jeder wird eine Behausung und eine eigene Frau haben und jeder wird seine Kinder erziehen können, so wie er es für richtig hält!“

Die Zuhörer stutzen: „Eine eigene Ernte?“ „Vorräte anlegen?“
Die Stimmung schlug um.
„Sag uns, wie das gehen soll“, grölten sie angriffslustig und rückten näher an seinen Baum heran.
Amuk hatte ein ganz schlechtes Gewissen. Er hatte sein Geheimnis verraten.

Aus Angst vor den herannahenden Sippenmitgliedern flüchtete er bis in die Spitze des Baumes und saß da nun eingeklemmt in einer Astgabel und zitterte vor Angst.
Als die ersten Zuhörer ihre Steinäxte aus dem Gürtel zogen und sich anschickten den Zaun zu zerstören und den Apfelbaum zu fällen, schrie er aus Leibeskräften:
„Haaalt!“ „Haaalt!“
„Ich kann es euch zeigen!“
„Ich kann es euch zeigen!“
Der Krach ebbte ab.
„Ich kann euch mein Feld zeigen auf dem ich Korn gesät und geernted habe. Es ist dahinten auf der Lichtung!“
Die Zuhörer schauten sich ungläubig an und setzten sich dann aber langsam in Richtung Lichtung in Bewegung. Schon nach wenigen Metern wurden die Schritte hastiger und dann gab es plötzlich kein Halten mehr. Alle stürmten los, jeder wollte das Feld als erster sehen.
Nachdem alle weg waren, stieg Amuk langsam den Baum hinab und ging ihnen mit gesenktem Kopf hinterher.
Sie irrten vor sich hin schimpfend auf der Lichtung umher und als sie ihn kommen sahen, blickten sie ihm mit finsteren Gesichtern entgegen.
„Hier ist nichts!“
„Hier ist überhaupt nichts!“
„Wo hast du denn dein großartiges Feld?“
Kleinlaut und verängstigt sagte Amuk:
„Ihr habt ja alles niedergetrampelt.“ „Jetzt ist es zerstört!“
In diesem Augenblick kam Raja angerannt.
Sie erfasste die Situation sofort, stellte sich an Amuks Seite und forderte alle auf, zu ihr herüber zu kommen.
„Kommt her, ich werde euch alles erklären.“
Neugierig kamen sie heran und umringten Raja.

Sie erzählte ausführlich von Amuks Großvater und seinem Wissen von der geheimnisvollen Vermehrung der Kornsamen.
Am Ende schlug sie vor, dass alle zusammen hier auf der Lichtung ein Feld anlegen sollten.
„Dann sammeln wir Körner und legen sie in die Erde und danach kann jeder selbst sehen, ob neue Pflanzen wachsen und ob sie neue Körner tragen“.
„Gut gesprochen, Raja!“
„Ja, ja so machen wir das.“
Ihre Gesichter hellten sich langsam wieder auf, die Stimmung wurde freundlicher.
„Dann bis morgen“, sagte Raja, „und vergesst eure Werkzeuge nicht“.

Am frühen Morgen des nächsten Tages versammelte sich die ganze Sippe vor der Höhle. Kritisch begutachteten sie gegenseitig ihre Ausrüstung, die aus geraden und gebogenen Stöcken, Astgabeln, Haken, Keilen und scharfen Beilen bestand. Amuk und Raja brachten noch ein Seil mit und dann machten sie sich alle gemeinsam auf den Weg zur Lichtung.

War das ein Wühlen, Reißen, Graben und Buddeln!
Am Abend waren alle erschöpft und müde von der Schufterei, aber auch stolz, dass sie es geschafft hatten, eine Fläche von 10 x 10 Schritten gesäubert und aufgelockert zu haben. Zum Schluss hatten sie noch an jede der 4 Ecken ihres Feldes einen großen Stein gerollt, damit jeder auch sehen konnte, wo ihr neues Feld lag.

In den Wochen danach sammelten sie emsig Körner und lieferten sie bei Raja ab.
Dann war es eines Tages soweit, Raja rief die Sippe zusammen und sagte:
„Der kleine Sack ist voll.“
“Heute wollen wir säen gehen.“
Und weil alle schon so ungeduldig darauf gewartet hatten, gingen sie gleich los und erreichten fröhlich plappernd bald das Feld auf der Lichtung.
Die Männer zogen mit ihren Faustkeilen tiefe Rinnen in den Boden des kleinen Ackers und die Frauen legten ein Korn nach dem anderen hinein. Am Ende verschlossen sie die Rinnen wieder mit dem dunklen Waldboden.

Dann begann das schwer zu ertragende Warten.
Raja musste immer wieder mahnen:
„Leute, ihr müsst Geduld haben!“ doch viele gingen nachts, wenn der Mond die Lichtung erhellte, immer mal wieder gucken, ob sich schon irgendetwas getan hatte.

Als dann endlich die ersten Pflanzen sprießten, waren sie ziemlich sprachlos, und als sie nach einigen Wochen sahen wie die Körner an den Pflanzen reiften und man sie essen konnte, da waren alle völlig aus dem Häuschen.
Ausgelassen tanzten sie um das Feld herum.

5. Von der Entstehung des Teufels

Und siehe da: Der Versuch hatte Folgen!
Schon nach kurzer Zeit begannen sich die Angehörigen der Sippe erst heimlich, dann offen und in wilder Hast, Grundstücke zu suchen und sie zu umzäunen. Jede Familie wollte ihr eigenes Feld bestellen.
Amuk und Raja schauten zu, wie sich ihre Angehörigen um die größten und ertragreichsten Grundstücke balgten.
Einige konnten sich nicht, andere wollten sich nicht einigen und schlugen auf einander ein. Erst als einer tot auf der Erde lag und sein Leben aushauchte, kamen sie zur Besinnung und schämten sich.
Wie hatte ihnen das nur passieren können?
Es musste ein böser Geist gewesen sein, der sie verführt hatte.
Wortlos gingen sie zu ihren Grundstücken zurück.

Das war die Geburtsstunde des Teufels, eines mächtigen unsichtbaren Geistes mit dem Charakter eines von Machtgier und Zerstörungswut beherrschten Bösewichts, der sich an der Verführbarkeit der Menschen ergötzte und mit ihnen spielte.
Doch der Beginn der Sesshaftigkeit des Menschen markierte nicht nur die Geburtsstunde des Teufels, sondern offenbarte zugleich auch den Charakter der neu entstandenen Art:
Mit dem Menschen war ein Geschöpf des „Haben Wollens“ entstanden.

6. Vom Leben im Chaos

Fünf freundschaftlich verbundene Sippen hatten sich in einem Tal angesiedelt und für jede ihrer Familien Zelte nach traditionellem Bauplan errichtet.
Sie bestanden aus einem hölzernen Gestell aus vertikalen Stützstangen, horizontal umlaufenden Verbundstangen und aufgelegten Dachstangen. Für die Dachbedeckung und die Seitenwände verwendeten sie Tierhäute.

Amed und Sarah

Auch Amed und Sarah wohnten mit ihrer Familie in einem solchen runden Zelt, das ihnen ausreichend Platz zum Wohnen und zum Schlafen für 8 Personen aus drei Generationen bot.
Sie hatten ein recht gutes Leben.
Doch wenn jemand krank wurde oder mehrere Jagden erfolglos geblieben waren oder die Vorräte plötzlich verdorben waren, mussten sie immer wieder über die geheimnisvollen körperlosen Wesen nachdenken, die ihre Macht im Verborgenen ausübten und ihnen das Gefühl gaben, von ihnen beaufsichtigt und bei Verfehlungen gar bestraft zu werden.

Amed hatte von „Kushim dem Weisen“ gehört, von dessen Weisheiten immer wieder an den Lagerfeuern erzählt wurde. Der hatte schon vor langer Zeit gesagt, dass Geister zwar körperlose Wesen seien, aber doch wie Menschen in Familien lebten. Manche wären mächtig, andere nicht so sehr.
„Wenn das so ist“, sagt Amed eines Tages zu Sarah, „dann könnte man doch mal versuchen, sie freundlich zu stimmen. Vielleicht sehen sie dann von Strafen ab oder unterstützen sogar manche Vorhaben der Menschen“,
„Womit könnte man ihnen wohl eine Freude machen?“ murmelte Amed vor sich hin.
Und da Sarah eine praktische Frau war, die mit beiden Beinen auf der Erde stand, fragte sie zurück: „Worüber würdest du dich denn freuen?“
Da fiel es ihm ein!
Nach dem Verzehr eines guten Stück Fleisches und einem vernünftigen Schluck frischen Wassers fühlte man sich gestärkt und zufrieden. Das war doch überall bekannt.
Hier waren es jetzt zwar nur Geister ohne Leib, aber doch wenigstens mit einer Seele.
„Da könnte man doch mal versuchen, …!“ sinnierte Amuk.
Und dann laut: „Lass uns mal was ausprobieren, Sarah! Du musst mir aber dabei helfen!“
„Was denn nun schon wieder“, stöhnte Sarah, „immer wieder was Neues. Hoffentlich klappt es auch!“
„Bring doch mal das Gestell für den Schwenkbraten nach draußen“, sagte Amed im Hinausgehen, „und auch ein gutes Stück Fleisch!“
„Willst du so spät noch was essen?“ fragte Sarah zurück.
„Ich nicht“, murmelte Amed vielsagend, „aber vielleicht ein Gast“.
„Das ist aber unser letztes Stück, danach haben wir nichts mehr,“ stellte Sarah fest als sie aus dem Zelt kam.
Amed überlegte: „Das Opfer müssen wir wohl bringen!“

Also stellten sie das dreibeinige Gestell draußen vor dem Zelt auf, holten ein paar glühende Holzscheite aus dem Feuer, das rund um die Uhr in der Feuerstelle im Wohnbereich des Zeltes brannte, und hängten das Fleisch an den Haken, dicht über der Glut.

Dann lüftete Amed seinen Plan:
„Wir braten das Fleisch und legen es dann dort auf den großen Stein.
Es soll ein gutes Essen für die Geister sein, die auf unser Haus aufpassen und dafür sorgen, dass wir hier sicher leben können.“
„Waas?“ staunte Sarah. „Können Geister denn essen?“
„Allerdings“, antwortete Amed, „aber nur, wenn es richtig zubereitet ist!“
„Und wie geht das?“ fragte Sarah zurück.
„Da Geister keinen Leib haben, nehmen sie ihre Nahrung als Luft oder Duft oder auch als Rauch auf.“
„Aha“ staunte Sarah noch einmal.
„Also wird der Duft des Bratens mit dem Rauch nach oben steigen und von den Geistern aufgenommen werden.“
„Na hoffentlich“, Sara seufzte.

Mehr als drei Stunden ließen sie den Braten über dem Feuer und es duftete und rauchte kräftig. Nachbarn waren bald aus ihren Zelten gekommen und hatten gefragt, ob es denn einen Anlass gäbe.
„Allerdings“, sagte Amed, „wir opfern gerade unser letztes Stück Fleisch für unseren Hausgeist, der sich daran erfreuen soll.“
Die Nachbarn schauten sich an und schüttelten die Köpfe: „Was es nicht alles gibt!“

Das Fleisch war schon fast verkohlt, als Amed es vom Haken nahm und mit seinem schärfsten Knochenmesser in kleine mundgerechte Stücke zerschnitt, die er auch gleich wie geplant auf dem großen Stein verteilte.
Da es schon ziemlich spät geworden war, schickte Amed seine Nachbarn mit dem Versprechen nach Hause, vom Ausgang seines Opferfestes zu berichten.
Dann legten sich auch Sarah und er schlafen.

Sarah erwachte schon früh am Morgen. Der Verbrauch ihres letzten Fleischvorrates am gestrigen Abend hatte sie zuerst erzürnt, aber dann war sie doch neugierig geworden.
„Bin gespannt, was daraus geworden ist“ sagte sie zu sich und rollte sich von ihrer Lagerstätte.
Mit kräftigem Schwung schlug sie das große Tierfell am Zelteingang zur Seite und blinzelte zum Stein hinüber. Das Bratenfleisch war weg!
Sie hastete zu Amed zurück, schüttelte und rüttelte ihn und schrie ihm ins Gesicht:
„Das Fleisch ist weg, das Fleisch ist weg, sie haben es genommen!“
Die beiden Dohlen, die erschrocken aufgeflogen waren, als sich das Fell vor dem Zelteingang plötzlich bewegte, waren Sarah entgangen.
Amed erzählte seinen Nachbarn von dem geglückten Opfer und löste damit eine regelrechte Bewegung aus, denn bald stieg Rauch nicht nur in seinem Tal in den Himmel, sondern in sehr vielen Teilen der Welt.
Die neue Sitte erhielt schon bald Kultstatus, deren Stars Geister waren, die jetzt in Götter umbenannt wurden. Böse Geister wurden zu Dämonen.

Über die Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende sind wohl über 18.000 Götter entstanden und die Menschen stöhnten ganz schön unter der Last der vielen Opferfeste und der Beschaffung der hierfür notwendigen Zutaten.

Natürlich waren unter den neuen Göttern auch schätzungsweise 6.000 große und kleine Dämonen, die in dieser Zeit hauptsächlich damit beschäftigt waren, Streit unter den Menschen zu säen und Kriege anzuzetteln.
Und die wurden reichlich geführt.
Wer sollte da noch den Überblick behalten.

7. Vom Leben im Kosmos

Nach vielen Jahrtausenden des gedeihlichen Zusammenlebens von Göttern und Menschen platzte Herrn „Heraklit von Ephesos“ eines Tages der Kragen. Er war die nie enden wollenden Diskussionen der Gelehrten und Pseudogelehrten, der Rabulisten und Populisten endgültig satt. Sie hatten immer neue Ansichten über Götter und die Welt verbreitet, sodass letztlich jeder denken konnte was er wollte, aber keiner mehr wusste, was er denn denken sollte.
Und als dann die letzten Dummköpfe wagten, ihre völlig aus der Luft gegriffenen Ansichten öffentlich zu machen, da fühlte er sich veranlasst, etwas zu unternehmen.

Demetrios und Heliodora

Demetrios und Heliodora gingen gerade über den Marktplatz von Ephesos, als sie bemerkten wie ein Mann eine Kiste, die er auf dem Rücken getragen hatte, absetzte, sich den Schweiß vom Gesicht wischte und auf die Kiste stieg.
Er erhob seine rechte Hand und rief über den noch fast leeren Marktplatz:
„Ich grüße euch, Bürger von Ephesos!“
„Kommt zu mir, auf dass ihr meine Worte hört!“
Einige Menschen, die so früh unterwegs waren, änderten die Richtung und gingen auf den Redner zu.
„Kommt zu mir und vernehmt meine Worte!“ rief er ihnen entgegen.
Demetrios sagte halblaut zu Heliodora: „Ich kenne diesen dunklen Typen. Er sagt den Menschen ständig, dass sie Dummköpfe sind ...“
„Lass uns doch mal rübergehen, mal sehen, was er heute zu sagen hat“ fiel ihm Heliodora ins Wort.
„Einverstanden, aber viel Neues wird’s nicht sein“, spottete Demetrios.
Sie kamen gerade an, als er seinen Mitbürgern schon wieder die Leviten las:
„Setzt doch endlich mal euren Verstand ein, die Natur ist doch kein Sammelsurium von Kuriositäten, hinter denen sogar noch Götter stehen!“
„Mit eurer oberflächlichen Wahrnehmung der Wirklichkeit macht ihr euch lächerlich!
Schaut doch mal genau hin, dann könnt ihr erkennen, dass die Natur keine zusammenhanglose chaotische Ansammlung von Einzelheiten ist, sondern ein geordnetes Ganzes!“
„Ihr müsst nur die Zusammenhänge begreifen!“
Wieder wischte er sich den Schweiß von der Stirn.
„Die Welt ist Kosmos, Ordnung, ihr müsst sie nur erkennen!
Und man kann sich ihr auch anvertrauen, zum Teufel noch mal!“
Demetrios und Heliodora schauten sich an:
„Das war ganz schön krass.“
„Und ich sag euch noch etwas“ fuhr Heraklit fort: „Die Ordnung der Welt ist nicht nur mit der Vernunft zu verstehen, sie ist zugleich auch ein ständiger Prozess des Werdens und des Wandels!“
Ja das war ja nun ein echter Hammer:
„Die Welt ist nicht so wie sie ist, sondern sie ist ein Prozess!“ Demetrios äffte die Worte des Redners nach und zischte erbost: „Komm wir gehen, das ist ja nicht auszuhalten.“

Doch in diesem Punkt hatten sich Demetrios und Heliodora geirrt.
Heraklit von Ephesos hat mit seiner Idee einige der größten späteren Denker und Philosophen inspiriert, die sie aufgriffen, mit neuen Gedanken erweiterten und sie in Schulen, auf Marktplätzen und der dahinter liegenden Welt verbreiteten.

Im Lager der Götter herrschte helle Aufruhr:
„Soweit sind wir also schon gekommen!“
„Kosmos statt Chaos, Logos statt Mythos!“
„Das wird alles noch böse enden!“
Überall ratlose Gesichter!

Nachdem die Geister allgemein zu Göttern geworden waren, fühlten sich auch die bösen Geister und Dämonen veranlasst, mit der Zeit zu gehen und benannten sich in „Teufel“ um.

Auch in ihrem Lager schlugen die neuen Gedanken ein wie eine Bombe.
Sie heulten und jammerten:
„Unsere ganze Arbeit von mehr als 300.000 Jahren geht den Bach runter“.
„Unser Ansehen als geachtete und gefürchtete körperlose Wesen ist hin!“
„Unsere Reputation als Verführungskünstler und unser Ruf als Unruhestifter, alles ist verloren!“
„Alles steht auf dem Spiel!“
„Wie konnte das nur passieren?“
Hatten sie vielleicht sogar einen Verräter in ihren Reihen?
Undenkbar war das nicht!
Und was sollte in Zukunft aus ihnen werden?

Und dann noch die Moral!
Die Menschen ließen sich für ihre neue Ordnung sogar noch Regeln einfallen.
Sie nannten es Moral und immer mehr Leute redeten von „gut“ und „böse“, und gingen den vielen Teufeln an den Kragen. Sie verbannten sie in die dunkle Ecke, in der schon die Vertreter von Betrug, Totschlag und Mord standen.
„Da kann es für uns doch wohl nur eine Entscheidung geben: wenn schon böse, dann aber richtig!“ sprach einer der großen Teufel.
„Und vor allem gemeinsam“, schrien die kleinen und die mittleren Teufel.
Nur so konnte man dem Ansturm des Guten widerstehen.

Doch auch die Seite des Guten tat sich zusammen und bündelte ihre Kräfte: Glaubenssekten entstanden und ihre Prediger zogen durch das Land und erzählten, passend zur neuen Weltsicht, Geschichten von einem einzigen Gott und großem Geist, der alles erschaffen habe, inklusive der Menschen.

Jonas und Hanna

Jonas und Hanna hatten mit ihrer Karawane an einer Wasserstelle halt gemacht, die Tiere versorgt und ihr kleines Zelt aufgebaut.
Jetzt saßen sie davor und schauten in den schwarzen Nachthimmel über sich, in dem die Sterne wie Diamanten funkelten.
„Wie klein und ohnmächtig man sich fühlt, wenn man in den Himmel schaut“, unterbrach Hanna das Schweigen.
„Und wie bedeutungslos“, ergänzte Jonas.
„Warum man da nicht schon früher darauf gekommen ist!“
„Auf was?“, fragte Jonas.
„Na ja, auf die ganze Sache mit Gott und den Menschen. Neulich erzählte ein Karawanenführer von einer Begegnung mit einem Prediger, der gesagt hat, es gäbe nur einen Gott, der alles erschaffen hat. Wenn das tatsächlich so ist, warum ist das denn nicht von Anfang an gedacht worden?“
Gegenfrage: „Warum wissen wir erst jetzt, dass die Erde wahrscheinlich eine Kugel ist, die sich vielleicht um die Sonne dreht?“
„Weil die Herren Pythagoras und Platon es glaubten und erst Herr Aristoteles die ersten Beweise dafür erbracht hat“, sagte Hanna.
„Siehst du, so erging es den Menschen vor uns auch. Mit dem Wissen ist es so wie auf einer Leiter! Je höher man steigt, desto weiter kann man sehen.“
„Manchmal erkennt man aber auch erst sehr spät, dass man eine falsche Leiter benutzt hat und mit seinen Vorstellungen völlig falsch gelegen hat,“ lachte Hanna.
„Da muss ich dir allerdings recht geben“, gab Jonas zu und stand auf, „aber irgendeine Vorstellung von der Welt brauchen wir, sonst ist alles ohne Sinn“.
„Das stimmt“, sagte Hanna, “komm wir gehen schlafen, morgen geht’s früh weiter“.

Logisch: ein Kosmos mit allem Drum und Dran und einer, der alles gemacht hat.
Das hatte etwas für sich.

Die Teufel fanden das überhaupt nicht lustig. Für sie war es geradezu die Aufforderung, sich ebenfalls neu zu organisieren.
Also beriefen sie ein außerordentliches Treffen aller Bösewichter auf dem Planeten ein und machten dort nach heftigen Streitereien den mächtigsten Teufel zu ihrem Anführer.
In einer feierlichen Proklamation wurde er zum „großen Verführer“ ernannt.

Nachdem dann noch ein Wanderprediger im Orient so anschaulich und überzeugend neue Geschichten vom Guten und dem Sieg über das Böse erzählt hatte, fand sich bald nach seinem Tod eine Gruppe zusammen, die es sich zur Aufgabe machte, das geistige Erbe dieses Predigers zu erhalten und zu pflegen.
Die Gruppe nannte sich „Christliche Kirche“ und war ähnlich erfolgreich in ihrer Arbeit wie die „Treuhandanstalt“ im Rahmen der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland, sodass in den nachfolgenden mehreren hundert Jahren nach und nach die 18000 Götter und Teufel abgewickelt wurden.
Nur jeweils einer von ihnen blieb übrig: ein Gott und ein Teufel, die von nun an als „das Gute“ und „das Böse“ auf das Denken der Menschen Einfluss nahmen.

So begann mit der Geburt der christlichen Kirche zugleich auch die Zeit der großen Auseinandersetzung mit dem Teufel, der zum Gegenspieler des Schöpfers dieser Welt geworden war: der Kampf gegen den Antichristen.

8. Von einer gesegneten Hetzjagd

Im Laufe der Zeit – in Europa hatte mittlerweile das Mittelalter begonnen - häuften sich Behauptungen und Hinweise der christlichen Kirche, dass sie schon seit vielen Jahren wisse, wo der Teufel zu lokalisieren sei, aber außer einigen wenigen Kirchenmännern hatte ihn bisher niemand gesehen.

Bruder Anselm und Bruder Johannes

„Bruder Anselm, ich habe gehört, dass“ - er bekreuzigte sich dreimal - „der Leibhaftige sein Unwesen in Wiesenreuth getrieben hat, ist das wahr?“
„Ja Bruder Johannes, es ist wahr, die Magd Aloysia ist von ihm heimgesucht worden!“
„Gott sei gedankt, dass Pater Gottfried von der Weiden gerade zu Gast auf dem Hofe war.“
„Hat er den Antichristen gesehen?“
„Das wohl nicht, aber als er sein Kreuz hochgehalten hat und dreimal „Hebe dich weg von ihr“ gerufen hat, da hat er sieben dumpfe Schritte in der Scheune gehört und etwas später schwefeligen Geruch neben dem Pferdestall wahrgenommen.“
„Was für ein furchtbares Erlebnis“, Bruder Anselm.

Manche frommen Gottesmänner hatten den Teufel sogar aus dem Schornstein von Häusern fahren sehn! Und Manchmal roch es dann auch nach Jauche.
Aber es blieben Einzelfälle.

Offensichtlich konnte nur systematische professionelle Hilfe etwas gegen den Teufel und seine teuflischen Verführungskünste ausrichten und die einzige Organisation, die das nach Ansicht der christlichen Kirche leisten konnte, war die Kirche selbst, da sie über das dafür ausgebildeten Fachpersonal und auch die notwendigen Mittel verfügte.
Die größten Künstler ihrer Zeit unterstützten die Kirche in ihrem selbstlosen Kampf, indem sie Steckbriefe und Phantomzeichnungen vom Teufel nach den Beschreibungen der Kirchenvertreter anfertigten und diese in öffentlichen Gebäuden aushängten.
Aber erst der Buchdruck ab 1450 sorgte für die großräumige Verbreitung von Bildmaterial unter den Menschen.

Georg und Gerda

Georg und Gerda schoben ihren Handkarren schon eine ganze Weile durch die Feldmark bei Wiesenreuth, wo neulich der Teufel die Magd Aloysia heimgesucht hatte.
„Hast du schon mal ein Bild vom Teufel gesehen?“, fragte Georg.
„Sprich nicht so laut“, sagte Gerda hinter vorgehaltener Hand, „wo kann man das denn?“
„Neulich hatte der Ausrufer des Klosters ein Bild dabei und zeigte es öffentlich herum“.
„Und – wie sah der Teufel aus?“
„Ich hab mich nicht getraut, richtig hinzusehen – aber am Kopf hat er Hörner wie unser Ziegenbock“, zischte Georg.
„Und sonst?“
„Er hat ein Fell, einen langen Schwanz und sein rechter Fuß ist ein Pferdefuß“.
„Hör auf, ich habe Angst“, Gerda blieb stehen und hielt sich die Hände vor das Gesicht.
„Mehr konnte ich auch nicht durch die gespreizten Finger sehen“, flüsterte Georg.
„Und wenn wir hören, wo der Teufel gesehen worden ist“, riet der Ausrufer noch, „dann sollen wir sofort dem Pfarrer Bescheid geben“.
„Hör bloß auf und rede nicht mehr davon, mir graut vor dem Teufel“, sagte Gerda und bekreuzigte sich dreimal.

Allein der Gedanke, dass sie schon wegen geringer Verfehlungen in die Hölle kommen konnten, ließ die Gläubigen schaudern, denn welch höllische Qualen dort auf sie warteten, dass konnten sie auf den Bildern von Hieronymus Bosch und anderen bekannten Malern sehen.
Aber nun konnte sich endlich auch die allgemeine Bevölkerung ein Bild vom abstoßenden Aussehen des Teufels machen und von seinen hinterlistigen Verführungskünsten erfahren.
Doch sein Wirken war wohl so subtil und derart verführerisch, dass die Menschen ihn selbst und seine wahren Absichten nie rechtzeitig erkannten.
Und wirklich gesehen hatte ihn offensichtlich auch niemand.

Entmutigt und erschöpft unterbrachen die Kirchenmänner nach vielen Jahren der Suche ihre Nachforschungen. Sie waren mit viel Enthusiasmus ans Werk gegangen, aber ihr Fachpersonal war wohl doch nicht ausreichend geschult oder ihre Methoden waren wohl doch noch nicht ausgereift genug.

Kardinal Bruder Matthias

Also berief der Papst die Versammlung seiner beratenden Kardinäle ein und eröffnete die Veranstaltung mit den Worten:
„Wir haben die Kraft des Bösen wohl weit unterschätzt und müssen deswegen über subtilere Methoden für seine Bekämpfung nachdenken.“
Kardinal Bruder Fortunato erhob sich:
„Wir haben verführte Menschen besucht, sie befragt und mit ihnen gebetet; wir haben sie belehrt und gedrängt von Lastern abzulassen und einen gottesfürchtigen Lebenswandel zu führen. Wenn sie die Kraft zur Umkehr nicht aufbringen konnten haben wir gedroht und am Ende bestraft: alles im Namen Gottes, um den Teufel zu besiegen und die Menschen auf den rechten Weg zu Gott zu führen“.
„Einige, die den Satan in sich trugen und deren Seelen nicht mehr zu retten waren, mussten sogar auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden! Das hat große seelische Kraft erfordert,“ ergänzte Kardinal Bruder Angelo.
Kardinal Bruder Michael fasste zusammen:
„Ja, unsere tapferen Bischöfe und Priester haben getan, was sie konnten, doch die Zahl der Sünder hat sich trotz all unserer Bemühungen nicht verringert, der Teufel ist weiterhin allgegenwärtig.
„Das ist wahr“ sprach der Papst und murmelte nach einer Weile: „Eine ganz besondere Idee muss her!“
Kardinal Bruder Matthias beugte sich zum Papst hinüber und tuschelte eine ganze Weile mit ihm.
Dann vertagte der Papst die Gespräche auf den nächsten Tag.

Am nächsten Tag eröffnete der Papst das Treffen mit einem Gebet und schloss mit der Bitte an Gott, eine von Weisheit getragene Entscheidung herbei zu führen.
Dann wendete er sich an Kardinal Bruder Matthias:
„Nun - Kardinal Bruder Matthias, dann trage deine Idee vor.“

„Meine Brüder im Glauben“, begann Kardinal Bruder Matthias, „ich weiß, wie sehr ihr euch bemüht habt, den Antichristen zu verfolgen und zu vertreiben, wo immer er sich zeigte.
Meine Gedanken gehen jedoch einen neuen Weg, der davon bestimmt wird, den Sündern Strafen für ihre Sünden zu erlassen, damit selbst der Teufel keine Handhabe mehr hat, sie ins Fegefeuer zu werfen, vor dem die Menschen so große Angst haben.“
„Du meinst, wir stehlen dem Antichristen die Arbeit? Wir machen ihn arbeitslos, indem wir den Menschen ihre Sünden vergeben?“, rief der noch junge Bruder Johannes dazwischen. „Genial – ohne Sünden keine Fegefeuer!“
„Ähem“ räusperte sich der Papst, „wahre Christen stehlen nicht, sie entlasten den Teufel nur von seiner Arbeit – zum Wohle aller.“
„Und auch zum Wohle der Kirche“, fuhr Kardinal Bruder Matthias fort.
„Ihr wisst alle, wie teuer die Erneuerung des Petersdoms in Rom ist und welche Kosten die Kriege im Heiligen Land verursacht haben.“
„Ja, umsonst kann die Kirche eine derart wichtige Aufgabe nicht anbieten“, meinte Bruder Jakob.
„Und ohne Bezahlung hätte die Aktion selbst in den Augen der Sünder keinen Wert“, warf Bruder Berthold ein, „im Gegenteil wir sollten schon beträchtliche Summen fordern!“
Nach einigen Stunden verkündete der Papst seinen Entschluss:
“Nach sorgfältiger Abwägung aller dafür und dagegen sprechenden Argumente, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass wir eine Ablassaktion in ganz Europa machen werden. Wir erteilen den vom rechten Weg abgekommenen sündigen Seelen teilweisen oder auch vollkommenen Ablass der Strafen für die von ihnen begangenen Sünden.
Die genauen Ausführungsbestimmungen wird Kardinal Bruder Matthias festlegen“.

Und Kardinal Bruder Matthias war ideenreich!
Er erweiterte das Angebot großzügig auf verstorbene Verwandte der Lebenden. Auf diese Weise konnte für bereits in der Hölle schmorende Eltern oder Großeltern eine zeitliche Verkürzung ihrer Qualen im Fegefeuer erreicht werden.
Gegen höhere Gebühren konnten sogar noch lebende Sünder einen möglichen späteren Aufenthalt im Fegefeuer für sich schon zu Lebzeiten verkürzen oder auch ganz vermeiden.
Und um etwaigen Betrügereien vorzubeugen, erstellte Kardinal Bruder Matthias noch gut handhabbare Umrechnungstabellen für Kirchenstrafen in Ablassgebühren, die gerechterweise unter Beachtung der wirtschaftlichen Situation der Sünder erhoben werden sollten.
Prälaten und Grafen zahlten sechs bis zehn Gulden, Bürger und Kaufleute drei, Handwerker nur einen Gulden.
Ein gutes Paar Schuhe kostete damals in etwa einen Gulden.
Die Kardinäle beglückwünschten ihren Confrater Matthias und dankten ihm für seine akribische Arbeit. Sie waren sich sicher, diese Aktion würde die Menschen nachhaltig und nahezu vollständig der Gewalt des Teufels entziehen.
Überall in Europa zogen die Ablasshändler durchs Land und warben mit dem Slogan
„Wenn der Taler in dem Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“, und abends teilten sie ihre Einnahmen nach der goldenen Regel „1 Taler für mich, 1 Taler für den Fürst und 1 Taler für den Papst“.
Für die Sünder gab es Urkunden als Nachweis der erwiesenen Gnade durch die Kirche, die bald wie Wertpapiere gehandelt wurden. Als die Kurie dann noch die Massenproduktion von gedruckten Ablassbriefen einführte und damit die alltägliche Praxis des Ablasshandels vor Ort perfektionierte, weitete sich der Handel noch einmal aus.

Der Teufel fluchte und zeterte. Er war nahe daran, sein Amt zur Verfügung zu stellen.
Es war doch klar, wenn man den Menschen die Strafen für ihre Sünden gegen materielle Spenden erließ, dann hatte er kaum noch eine Handhabe gegenüber Sündern.
Der mangelnde Respekt vor seiner Instanz und seiner Aufgabe erboste ihn mächtig.

Oder war alles etwa nur Show?
Hatte der Teufel mit dem Ablasshandel vielleicht eine seiner hinterlistigsten Teufeleien in der Geschichte des Bösen ins Rollen gebracht?
Hatte er den Reim „Wenn der Taler in dem Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“, dem Kardinal Bruder Matthias vielleicht sogar selbst ins Ohr geflüstert und damit die Gier nach schnell verdientem Geld im gesamten Klerus ausgelöst?

Oder hatte der Teufel die Kirche sogar noch gründlicher übertölpelt?
Immerhin war der Ablasshandel wesentlicher Anlass für die Spaltung der Kirche in katholische und protestantische Gläubige.
„Divide et impera!“ Nach der Devise hatte der Teufel in der Vergangenheit schon oft gehandelt und auch diesmal war es ihm wieder gelungen, die zunächst geschlossen gegen ihn auftretende katholische Kirche in zwei Gruppen zu spalten, die bald aufeinander losgingen.

Erst als der Ablasshandel nach vielen erfolgreichen Jahren eingeschränkt wurde, konnte der Teufel wieder aufatmen: die Anzahl der Sünden stieg endlich wieder an.

Einen wichtigen Erfolg konnten die Kirchenmänner aber doch verbuchen. Die zu Protokoll gegebenen Angaben der Menschen zu den von ihnen begangenen Sünden zeigten eindeutig, dass ihre Behauptungen, vom Teufel verführt worden zu sein, fast ausschließlich Schutzbehauptungen waren.
Alle Berichte zeigten vielmehr, dass die Sünder durch die Bank wussten, dass sie etwas Verbotenes geplant oder getan hatten, sodass die Kirchenmänner haarscharf folgerten, dass der Teufel wohl auch bisher weniger von außen an die Menschen herangetreten war, als vielmehr schon in den Menschen hausen musste.

Also rief der Papst noch einmal zu Beratungen auf und lud die höchsten kirchlichen Würdenträger ein, die sich wieder und wieder größte Verdienste um das Wohl der Kirche erworben hatten.
Dieser erlesenen Schar von Kirchenmännern musste es gelingen, den Teufel nun ein für alle Mal zu besiegen.
„Wir wissen nicht, ob der Teufel schon immer sein Zuhause in den Menschen hatte oder seine Orte entsprechend seiner teuflischen Absichten nach Bedarf gewählt hat“, sprach der Vertreter Gottes auf Erden.
„Und es ist auch müßig, jetzt darüber zu streiten“.
„Unsere zukünftigen Maßnahmen müssen von der Annahme ausgehen, dass die Seelen aller Menschen vom Teufel besetzt sind – manche weniger, manche mehr.“
„Kardinal Bruder Matthias du bist der Ideenreichste unter uns, was sagst du dazu?“

„In der Annahme liegt bereits die Lösung“, begann Kardinal Bruder Matthias.
„Wenn wir davon ausgehen, dass alle Menschen den Teufel bereits in sich tragen, dann kann es nur eine Lösung geben: Wir müssen da, wo es noch möglich ist, den Teufel aus ihnen vertreiben…“
„Und da wo es nicht mehr möglich ist?“ rief Bruder Fortunatus dazwischen.
„… da werden wir zum Schutze aller die kranke Seele auslöschen müssen.“
Alle blickten schweigend auf die wunderschönen Einlegearbeiten in der Tischplatte des Konferenztisches, die die Mutter Maria zeigten, wie sie ihren Sohn dem Gott im Himmel entgegenstreckt.

Drei Tage nach der Beratung rief die Kurie zur Aktion „Hexenverfolgung“ auf.
Und da der mit viel Reisetätigkeit verbundene Ablasshandel der letzten 50 Jahre die Kirchenmänner sehr erschöpft hatte, wurden diesmal die Herrscher über die großen, kleinen und kleinsten Territorien im „Heiligen römischen Reich“ aufgefordert, auch ihre weltlichen Gerichte für die Durchführung der Prozesse zur Verfügung zu stellen.
Landauf und landab riefen Priester und Ausrufer die Menschen auf,
„Personen, die im Verdacht stehen, über magische Kräfte zu verfügen, Zaubereien zu vollziehen, Kontakt zu Dämonen und zum Teufel zu haben oder sogar mit ihm zu paktieren, den zuständigen Priestern oder den Gerichten zu melden!“
Das Echo war gewaltig!

Grete und Jakob

Mit der Dunkelheit, die sich über das Turnautal gesenkt hatte, war Stille im Dorf Waldhausen eingekehrt. Nur aus dem „Schwarzen Ochsen“ drang ab und zu noch Lärm und funzliges Licht, wenn jemand kam oder ging.
Grete hatte Jakob gerade vom Wirtshaus abgeholt und sich mit ihm auf den Heimweg gemacht, als sie auf der anderen Straßenseite einen kleinen Mann bemerkte, der
reglos auf der kurzen Treppe vor dem Eingang eines Hauses stand und dessen Gesicht im Kerzenschein der flackernden Laterne über der Haustür glänzte.
„Guck mal da drüben, der Alte mit der Glatze“, sagte Grete.
„Du meinst der mit der Riesen Nase und den großen abstehenden Ohren“, bestätigte Jakob.
„Der kann bestimmt hören, was die Menschen in den Häusern sagen“.
„Umsonst hat der nicht solche Ohren!“
„Ich geh mal an ihm vorbei“, flüsterte Jakob halblaut.
„Aber pass auf, vielleicht hat er den bösen Blick!“ warnte Grete.
Jakob wechselte die Straßenseite.
Als er zurückkam berichtete er: „Erst starrte er vor sich hin und als er mich dann plötzlich fixierte, dachte ich, der guckt durch mich hindurch, das war richtig unheimlich!“
„Ob der vom Teufel geschickt ist, die Menschen auszuhorchen?“
„Vielleicht sollten wir ihn melden!“
„Ich geh morgen gleich zum Priester und berichte ihm von der Begegnung“, Jakob und Grete verschwanden in der Dunkelheit.

Menschen mit verunstalteten Körpern, einem Kropf oder Buckel und natürlich Frauen mit roten Haaren, sie alle standen auf der Liste der Verdächtigen. Wer ein einsames, abgeschiedenes Leben führte und sich damit der Gemeinschaft entzog, der war schon fast überführt.
Die Gemeldeten wurden mit fachkundigem Blick betrachtet, man vernahm sie, erpresste vielfach Geständnisse mit Hilfe der Folter und formulierte nach scharfsinnigen Diskussionen die Urteile.
Natürlich nutzten die besonders vorbildlich im Glauben Verwurzelten die Gelegenheit auch, um die ihnen schon immer suspekten gesellschaftlichen oder wirtschaftlichen Konkurrenten endlich los zu werden.

Daniel und Camilla

Daniel drängelte: “Camilla beeil dich, wir müssen los, wenn wir noch einen Platz bekommen wollen, von dem man alles gut sehen kann!“
„Weißt du wer heute dran ist?“ fragte sie.
„Die rote Hexe, die unten im Dorf bei der alten Eiche haust.“
„Ach die mit ihren Döschen und Fläschchen - ihren Salben und Tinktürchen“.
„Ja – und der Stotterer!“
„Was hat der denn angestellt?“
„Der hat sich doch immer auf dem Friedhof herumgetrieben und Kreuze gestohlen.“
„Und ich glaube, der Mann mit den großen Ohren ist auch dabei.“
Camilla kam aus ihrer Kammer: „Dann lass uns losgehen“.
Nach einer Viertelstunde hörten sie schon von weitem das Geschrei und das Gejohle vom Hügel vor dem Dorf und als sie auf dem Platz ankamen, verlasen die Priester und Gerichtsdiener gerade ihre kirchlichen und weltlichen Schuldurteile.
Dann beteten die Priester, streckten dem Himmel ein Kreuz entgegen und riefen dreimal: „Teufel und Dämonen hebt euch hinweg von hier!“
Der weltliche Henker bediente den Galgen und die Kirchendiener entzündeten die Feuer der Scheiterhaufen.
Als Daniel und Camilla den Platz verließen, sahen sie, wie ein kleiner Mann mit einer Riesen Nase und großen abstehenden Ohren im Wind am Galgen pendelte.

Auf vielen Hügeln vor den Dörfern und Städten schaukelten Gehenkte an schnell aufgestellten Galgen weithin sichtbar im Wind und die Feuer der Scheiterhaufen leuchteten bei Tag und bei Nacht und verbreiteten höllischen Gestank über dem Land.
Zwischen 50.000 und 80.000 Menschen wurden hingerichtet.

Der Teufel hatte Hochkonjunktur.
Er saß vor dem mächtigen Tor zu seiner Hölle und frohlockte über die endlich wieder gut ausgelastete Hölle mit dem Fegefeuer für die Massen und den vielen zusätzlichen kleinen und größeren individuellen Torturen für die hochkarätigen Sünder.
Doch irgendetwas störte ihn.
Wieder und wieder betrachtete er die endlose Schlange der Sünder vor seiner Hölle und fragte sich, ob die vielen zerlumpten armen Schlucker wirklich die großen Sünder waren, die schwerste Schuld auf sich geladen hatten, weil sie angeblich mit ihm kooperiert hätten?
Seinerzeit Ablassbriefe auszustellen, das waren „klerikale peanuts“ gewesen. Das hatte er pauschal unter „hinterlistigem Wirtschaftsbetrug“ in seinen Büchern ausgewiesen und den beteiligten Priestern nur mittlere Qualen verordnet.
Aber individuelle Urteile aufgrund erpresster fragwürdiger Geständnisse und erst recht Todesurteile nach dem Zufallsprinzip - da kam er doch ins Grübeln.
Er ahnte, dass er noch in seine von ihm selbst erfundene „Teufels Küche“ kommen könnte, wenn er nichts dagegen unternahm.
Welch groteske Vorstellung! Diabolus in des Teufels Küche!

Also ließ er als Sofortmaßnahme eine Schauspielbühne im Vorhof zur Hölle errichten, auf der die angeklagten Kirchenmänner ihre zahllosen Ausreden, dreisten Lügen und schwächlichen Unfähigkeiten präsentieren konnten.
Versuche, ihre Beteiligung an der Verfolgung sogenannter „vom Teufel Besessener“ zu leugnen oder die von ihnen betriebene böswillige Hexenverfolgung gänzlich abzustreiten, hatten ihn immer wieder belustigt, aber die törichten Versuche, ihre Taten im Angesicht der Konsequenzen als Gehorsam gegenüber der Obrigkeit darzustellen, das hatte ihn dann doch wütend gemacht.
Wenn sich ihre blassen schweißnassen Gesichter im flackernden Schein der Fackeln als Grimassen vor der schwarzen Hintergrundkulisse abbildeten und sie ihre billigen Rechtfertigungen stammelten, dann saß er im dunklen Zuschauerraum und lachte sein dröhnendes teuflisches Lachen, dass es den Beschuldigten nur so durch Mark und Bein fuhr.
Nachdem er alle Urteile gesprochen hatte, empfand er tiefe Genugtuung und überließ die Verurteilten seinen Assistenten zur weiterführenden Behandlung.
Er war seiner natürlichen Aufgabe als Reparateur und Verwerter fehlerhafter oder fehlgeleiteter Seelen gerecht geworden.

9. Über teuflische Betriebswirtschaft

So wie „Magna Marta“, die große Herrin der Natur, seit mehr als 13 Milliarden Jahren über die Einhaltung der Grundsätze des kosmischen Geschehens wacht und ihre Kinder Matteo Mutatio und Sabatina Selektione, die Baumeister der Evolution, über die Evolution von Materie und Leben wachen, so ist der Teufel, Diabolus, im recht verstandenen Sinne die Instanz zum Erkennen und Beheben von Fehlentwicklungen. Er führt Buch über seine Erkenntnisse und legt Rechenschaft ab über die von ihm getroffenen Maßnahmen zur Korrektur oder zur Beendigung von Entwicklungen. Jede Form der Materie ist darin erfasst, jede Art der Pflanzen und jede Spezies der Tiere.
Für den Bereich der Menschen hatte der Teufel das sogenannte „Sündenregister“
angelegt, in dem alle Sünden und Verfehlungen hinsichtlich ihrer Anzahl, ihrer Schwere und ihrer Verursacher dokumentiert wurden. Und er hatte seine Bücher immer wieder intensiven Prüfungen unterzogen, um Aufschluss darüber zu erhalten, ob Erweiterungen der Hölleninfrastruktur oder die Einführung neuer therapeutischer Qualen angezeigt wären.

Als das Massenphänomen der Hexenverbrennung schließlich gegen Ende des 17. Jahrhunderts abebbte und im 18. Jahrhundert sein Ende fand, dachte der Teufel, dass es Zeit wäre, wieder einmal eine gründliche Auswertung des Sündenregisters der Menschen vorzunehmen. Seine Erfahrungen hatten ihn gelehrt, dass auf Zeiten großer Sündhaftigkeit meistens eine Phase der Erschöpfung und der Reue folgt, die dann langsam wieder brüchig wird und in die nächste meist noch heftigere Sündenepoche übergeht.
Zeitgleich mit dem letzten Hexenprozess in der Schweiz, der im Jahr 1782 mit der Hinrichtung der Frau Anna Göldi endete, hatte er seine Auswertung geschafft und was er schon vermutet hatte, zeigte sich nun deutlich: seit der Steinzeit und vor allem der Sesshaftwerdung war die Zahl der kleinen, mittleren und großen Sünden stetig angestiegen – erst langsam, dann schneller. Auffällig war aber vor allem der starke Anstieg schwerster Sünden im Bereich sogenannter „gebildeter Menschen“ in höheren Ämtern.
Da würde er in Zukunft genauer hinschauen müssen.

Die infrastrukturellen Erweiterungen der Hölle während des Höhepunktes der „Hexenjagd“ hatten sich jedoch bewährt und auch die neuen Psychoqualen hatten ihre Wirkung nicht verfehlt.
Diabolus war erleichtert, dass seine Hölle dem Ansturm der Sünder standgehalten hatte und schaute zuversichtlich in die Zukunft.

Doch während der Auswertungen war ihm auch klar geworden, dass seine unbeschwerte Zeit als Verführer und Spieler wohl endgültig vorbei war. Während er sich früher voller Vorfreude in unterschiedlichsten Gestalten an einzelne und später an ganze Gruppen von Menschen heranmachen konnte, um sie zu hinterlistigen Betrügereien oder schlimmen Verbrechen anzustiften, begingen die Menschen ihre Sünden jetzt immer öfter aus eigenem Antrieb. Ihre geradezu explodierende Zahl ließ bei ihm die Vermutung aufkommen, dass die Menschen sich langsam emanzipierten und ihre Wesensmerkmale deutlicher auslebten.
Das Begehen von Sünden war offensichtlich ein Selbstläufer geworden, er wurde eigentlich nicht mehr gebraucht.
Was dann allerdings passierte, überschritt selbst sein an Sündenerfahrungen reiches Vorstellungsvermögen.

10. Über Grenzen teuflischer Macht

Eine Welle des Krieges, des Hasses und der Gewalt schwappte zu Anfang des 20. Jahrhunderts über Europa hinweg, verwüstete Städte und Dörfer, vergiftete Landschaften und hinterließ eine unermessliche Zahl an Opfern.
Doch das sollte erst der Auftakt für einen weltweiten Kriegstsunami sein, der schon bald danach erneut vorsätzlich vom Zaun gebrochen wurde und der Grausamkeiten nie gekannten Ausmaßes im Kampf der Armeen gegeneinander, aber auch in der Gewalt gegen die zivile Bevölkerung geschehen ließ.
Schlimmer noch: Hass und ideologische Verblendung führten zu staatlich angeordneter und nach Methoden der Wirtschaft geplanter und organisierter Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen, deren einziges „Verbrechen“ es war, anderen Ethnien anzugehören oder einfach als „nicht lebenswert“ eingestuft zu werden.
Worte reichen nicht aus, um diese abstoßende kulturelle Entgleisung zu beschreiben.

Der Teufel jammerte und fluchte.
“Auch ein Teufel hat doch eine berufliche Ehre!“ tobte er.
„Zwar eine teuflische, aber doch keine, die bodenlos verkommen ist.“

Die Kriegsverbrecher und insbesondere die verblendeten politischen Mörder hatten die gesamte Spezies Mensch beleidigt und beschädigt. Ihre Sünden wogen derart schwer, dass sie mit den in der Hölle verfügbaren Therapien schlichtweg nicht mehr gesühnt werden konnten.
Und wo und wie sollte er die riesige Anzahl der Weggucker und stillen Mitmacher, die zwar alles bemerkt, vieles gesehen und gehört, aber nichts dagegen unternommen hatten, „versorgen“? Das überforderte die Kapazitäten seiner Hölle bei weitem.
Und er wusste, dass es so weitergehen würde.

Der Teufel dachte zurück an Amuk und Raja und ihren Apfelbaum vor 300.000 Jahren. Der menschliche Wesenszug des „Habenwollens“ hatte sich damals zum ersten Mal gezeigt, doch seine elementare Bedeutung für das grundsätzliche Verhalten der Menschen wurde erst in den letzten 150 Jahren besonders deutlich.
Und die neuesten Einlieferungen zeigten noch etwas.
Menschen übten nicht nur massenhaft Gewalt gegen andere Menschen aus, sie bedrohten, bedrängten und vernichteten auch große Teile der materiellen Natur und der Pflanzen- und Tierwelt. Ihre Vorsorge für die Zukunft war in Plünderei ausgeartet. Ihr sogenanntes Wirtschaften hinterließ Emissionen, die den Planeten in eine Müllhalde verwandelten, das Klima veränderten und den nahen Weltraum um den Planeten herum zumüllten - überdeutliche Hinweise auf zügellose Gier und mangelhaften Willen, die Folgen menschlichen Handelns zu beseitigen.
Zum ersten Mal ahnte der Teufel, dass die Spezies Mensch ein Fremdkörper im System der Natur sein könnte.

Kurz entschlossen schrieb er an das Eingangstor zur Hölle:
„Die Hölle ist geschlossen!“
„Homo est diabolus!“

Angeekelt und enttäuscht machte er sich dann auf den Weg zu seinem unterirdischen Zugang zum kosmischen holographischen Netz, um „Magna Marta“ anzurufen und sie um ihren Rat zu bitten.

Es rauschte nur kurz, dann meldete sich Mutter Natur und erschien fast gleichzeitig als holographisches Bild vor ihm
„Diabolus, was gibt es, dass ausgerechnet du mich rufst?“ fragte sie mit harscher Stimme.
Ziemlich erschrocken stammelte er:
„Ich weiß, dass ich nur der planetarische Müllverwerter und Recycler bin, …“
„Komm zur Sache, Diabolus!“
„Also… die neue Spezies „Mensch“ ist derart daneben, dass meine Hölle überfordert ist.“
„Was heißt das?“
„Menschen begehen Sünden über Sünden gegen sich selbst und gegen ihre Umwelt mit einer Dreistigkeit und bodenlosen Boshaftigkeit, die mit meinen beschränkten Mitteln, nicht mehr gesühnt werden können“.
Es rauschte im Netz.
„Was machen sie denn?“ hakte „Magna Marta“ nach.
„Sie sind eine Spezies, des wahnhaften Habenwollens, ihre Gier nach Besitz und nach Macht ist unersättlich. Dafür bringen sie sich gegenseitig um.“
„Mit den Rückständen ihrer Existenz und ihres Wirtschaftens bedrohen sie ihr eigenes Überleben und das vieler anderer Arten. Ihr ungezügelter Abbau von Ressourcen…!“
„Das reicht Diabolus! Harte aber klare Worte!“
„Übertreibst du auch nicht?“

Diabolus hielt kurz inne:
„Ich denke nicht und was mir ganz besondere Sorgen macht, ist die Tatsache, dass sie die Folgen ihres Verhaltens zwar erkennen und nicht müde werden, sie akribisch zu beschreiben, …“
„Aber?“ unterbrach „Magna Marta“ seinen Redefluss.
„Sie wollen oder schaffen es nicht, ihr Verhalten zu ändern. Es ist als folgten sie einem vorbestimmten Weg in ihren unausweichlichen Untergang.“

Das holographische Bild von Magna Marta verschwand.
Es rauschte im Netz.
Hatte er den Mund zu voll genommen?

Dann baute sich das Bild erneut auf und „Magna Marta“ sagte mit sachlicher Stimme:
„Ich werde handeln, Diabolus!“
Das Bild verschwand, das Gespräch war beendet.

„Magna Marta“ überdachte ihre in Milliarden Jahren der Existenz des Kosmos gemachten Erfahrungen.
Die oberste Bedingung für seine Existenz und sein Fortbestehen war seine Befähigung zur ständigen Erneuerung und sie hatte begriffen, dass Erneuerung durch Vergehen und neues Entstehen die Bedingung für die Existenz allen Seins war. Das Leben bildete da keine Ausnahme.
Deswegen hatte sie auch nie einen Unterschied zwischen dem „materiellen Leben“ der Himmelskörper und dem „Leben des Lebendigen“ gemacht.
Das „materielle Leben“ vollzog sich langsam, Veränderungen waren nur in großen Zeitläuften zu erkennen, das „Leben des Lebendigen“ vollzog sich rasend schnell und war wie in einem Zeitraffer beobachtbar.
Ihre Aufgabe als Sachwalterin der Natur war es, dem kosmischen Lebensprozess zu dienen und ihn zu schützen.

Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie von Anfang an Zweifel gehabt, ob die genetische Ausrüstung mit nur elementaren Bausteinen des Bewusstseins ausreichend sein würde, um eine Spezies entstehen zu lassen, die ihr Überleben in der Natur selbst in die Hand nehmen konnte. Aber sie hatte damals gegenüber ihren Kindern geschwiegen. Sie sollten selbst erfahren, welche Konsequenzen ihre Entscheidungen nach sich ziehen würden.
Es widersprach den Grundsätzen der Evolution vollkommen, eine Spezies zu erschaffen, die bestimmte Eigenschaften zur Erreichung bestimmter Ziele ihr Eigen nennen sollte,
Evolution hatte keine Pläne, keine vorgegebenen Ziele, die sie verfolgte. Sie nutzte zwar die Erfahrungen bisheriger Entwicklungen, ließ aber bei der Erschaffung von etwas Neuem den Zufall walten und unterwarf danach alle entstandenen Teile einer ständigen Überprüfung ihrer Überlebensfähigkeit.

Sie überlegte lange, was und wie sie es ihren Kindern sagen sollte. Es würde sicherlich kein leichtes Gespräch werden.
Doch sie hatte Diabolus versprochen zu handeln. Also tat sie es auch.

11. Die Antwort der „Magna Marta“

Matteo Mutatio und seine Schwester Sabatina Selektione kehrten gerade von ihrem Ausflug zu den beiden Polen der Erde zurück und freuten sich darüber, dass sie
mit der Erschaffung der neuen Spezies „Mensch“, tatsächlich ab und zu einen Tag frei machen konnten, um sich von ihrer anstrengenden Arbeit zu erholen. Und sie genossen die neue Freizügigkeit in vollen Zügen.
Ihre letzte Inventur der Artenvielfalt auf der Erde hatte zwar ergeben, dass deren Zahl abgenommen hatte, aber das geschah auch auf anderen Himmelskörpern immer mal wieder.
„Wenn das so weitergeht, sollten wir uns das aber trotzdem mal genauer ansehen“, sagte Matteo gerade zu Sabatina, als die holographische Einrichtung sich meldete.

„Matteo Mutatio“, meldete sich Matteo.
„Wenn Sabatina da ist, dann soll sie auch gleich herkommen!“
Matteo erkannte sofort die markante Stimme seiner Mutter.
„Sie steht gerade neben mir, was gibt es denn?“ fragte er.

Das holographische Bild von „Magna Marta“ baute sich auf:
„Diabolus hat sich darüber beschwert, dass ihm euer Vorzeigeprojekt große Probleme bereitet.“
„Wieso, was hat er denn?“ fragte Sabatina.

„Er sagt, die Spezies „Mensch“ kann sich nicht selbst kontrollieren, wie ihr es doch eigentlich vorgesehen hattet.
Sie findet ihren Platz im Zusammenleben der Arten nicht, sondern will über sie herrschen und rottet sie aus. Sie hat das latente Bedürfnis, Teile ihrer eigenen Art zu unterjochen oder zu vernichten, sie plündert die unwiederbringlichen Vorräte der Natur, um zeitweilige Vorteile für ihr kapitalistisches Wirtschaften zu erreichen, sie stiehlt anderen Arten den Lebensraum und produziert derart viel Müll und giftige Abfallprodukte, dass sich die Umweltbedingungen und insbesondere das Klima auf dem gesamten Planeten in bedenklicher Weise verändern.
Die Menschen erkennen zwar ihre Situation, aber sie bringen nicht die Kraft auf, ihr Verhalten zu korrigieren.“

„Wir haben doch gesagt, dass sie die Fähigkeit zur Selbstkontrolle im Rahmen ihrer kulturellen Entwicklung lernen werden, …“
„Haben sie aber nicht Sabatina“, unterbrach „Magna Marta“, „im Gegenteil, sie gefährden
den gesamten Prozess des Lebens auf ihrem Himmelskörper. Die Art fügt sich einfach
nicht in das „System Natur“ und es gibt auch keine Anzeichen, dass sie sich in
ihrem Wesen ändern könnte.“
Sabatina und Matteo standen schweigend da und schauten sich an.
„Was können wir tun“, fragte Matteo schließlich kleinlaut.
„Ihr macht nichts mehr, überlasst das mir! Ich hätte euch warnen müssen, dass eine absichtlich herbeigeführte Entwicklung einer Spezies immer unvollkommen gegenüber der in Milliarden Jahren erworbenen Weisheit der Natur bleiben muss. Natürliche Evolution hat kein Ziel und nicht die Arten sind wichtig, nur der Fortgang des Prozesses der Erneuerung zählt.“
„Was also willst du tun“, fragten Matteo und Sabatina fast gleichzeitig?
„Die Spezies „Mensch“ wird ihren Weg zu Ende gehen“.
„Und wie soll das aussehen?“
„Wie die Wellen des Meeres, die auf ein Ufer zurollen, am Strand stürzen, zum Stillstand kommen und ihr Wasser dem Ozean der Natur zurückgeben.“

Das holographische Bild erlosch.
Das Gespräch war beendet.
Die Natur hatte entschieden.
Es rauschte im holographischen Netz.


© Jürgen Maaß 2025


© (c) Jürgen Maaß 2025


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Beschreibung des Autors zu "Von Teufeln und von Menschen"

Die fiktive Geschichte ist eine spöttische, bisweilen humorvolle Beschreibung des Weges der Menschen vom Glauben an gute und böse Geister, an Götter und Dämonen, an einen Gott und einen Teufel und eine folgenschwere Erkenntnis, der man nicht ausweichen kann.

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