Herbst in Berlin/Teil 1

„Nun, beeil dich doch Fritz, oder möchtest du schon wieder zu spät kommen? Ich kann deine Kameraden schon die Straße entlang kommen hören, musst du dauernd um Ärger betteln?“

„Ach Mutter. Was kann ich denn dafür? Schließlich bin ich erst vor fünf Minuten aus Vaters Geschäft gekommen. Du weißt doch, dass am Freitagnachmittag immer das meiste los ist!“, antwortete Fritz seiner Mutter, der tatsächlich gerade aus dem Gemüseladen seines Vaters gekommen war.

Immer musste sie meckern – obwohl, sie hatte ja Recht. Als er das letzte Mal zu spät kam, setzte es Latrinenputzdienst im Volksheim und damit musste er wohl an diesem Frühabend wieder rechnen. Schnell schlüpfte er in die kurze Hose, streifte sich sein Hemd über, wusch sein von der Hitze errötetes Gesicht und kämmte sich sein blondes Haar zum Scheitel, ehe er nach seiner Trommel griff und auf die Straße hinaus eilte. Seine Mutter hatte Recht, auch er konnte seine Kameraden bereits hören und als er aus dem Haus lief, bogen sie auch schon um die Ecke.

Wie immer waren gut die Hälfte aller Bewohner der Bornitzstraße in Berlin – Lichtenberg aus ihren Häusern geeilt, um den Aufmarsch mit zu verfolgen, was Fritz sehr gelegen kam: So konnte er sich hinter dem dicken Ulf verstecken, der seine Metzgerei in der Nähe des Geschäfts seines Vaters hatte und sich schließlich unbemerkt in die Formation eingliedern.

„Wieder mal zu spät!“, zischte ihn Lars an, als sich Fritz doch nicht so unbemerkt eingeordnet hatte. Man hatte seinen Platz frei gehalten – schließlich achtete man auf Disziplin. Da Fritz ein begeisterter Trommler war, hatte er schnell den richtigen Takt gefunden, der die hinter den Trommlern marschierenden Sänger begleiten sollte. Mindestens einmal im Monat traf man sich zu solchen Aufmärschen, die Fritz ziemlich genoss: Eine Menge Leute sahen dabei zu und hie und da gab es von ihnen auch kleinere Geschenke, wie Schokolade oder Bilder von wichtigen Parteimitgliedern. Mädchen winkten ihnen zu und manchmal brach eines von ihnen aus der Menge aus, um den Jungs Blumen zu schenken, oder um ihnen einen scheuen Kuss auf die Wange zu drücken. Im Gleichschritt singend und trommelnd ging es so durch den gesamten Bezirk.

Fritz war vor zweieinhalb Jahren, gleich an seinem 14. Geburtstag in die Hitlerjugend eingetreten, fast am gleichen Tag, als er im Laden seines Vaters eine Lehre als Verkäufer angefangen hatte. Dieser war es auch, der ihn mehr oder weniger dazu aufforderte, in die HJ einzutreten, denn schließlich `machten das ja alle und es wäre eine Schande, wenn der Sohn eines Parteimitglieds das nicht tun würde´. „Da lernst du fürs Leben!“, oder „Da wirst du zum richtigen Deutschen erzogen!“, waren die Worte seines Vaters, einem Veteran des Ersten Weltkrieges. Von früh auf bekam Friedrich daher auch mit, was falsch in diesem Krieg gelaufen war und vor allem, wer Schuld an der Niederlage trug. „Juden und Kommunisten“, sprach sein Vater stets, „denen darfst du niemals über den Weg trauen! Die haben uns das alles eingebrockt. Die Armut, die Arbeitslosigkeit! Vergiss das niemals!“

Als Fritz am 1. Jänner 1923 geboren wurde, litt das gesamte Land an bitterer Armut. Der Krieg war zwar seit fünf Jahren zu Ende, doch Deutschland hatte sich noch immer nicht von den Nachwehen erholt. Die Folgen der Zahlung der Kriegsentschädigung an die Siegermächte, der Hunger und die große Arbeitslosigkeit ergaben eine recht triste Situation in Deutschland, in die Fritz hineingeboren wurde.

Er war das erste Kind von Friedrich und Anna Lenke, dem noch drei weitere, Anna, Max und Rosa, folgen sollten. Es dauerte eine Weile, bis sich das Land allmählich erholte, ehe es die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 erneut bis aufs Mark erschütterte. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch Fritz bereits einige Male von einem Mann aus Österreich gehört, der Deutschland wieder aufrichten wollte: Adolf Hitler. Fritz’ Vater war sozusagen ein Anhänger der ersten Stunde und ließ sich auch als Parteimitglied registrieren, obwohl ihn und seine Familie die Krise nicht allzu schwer erwischte: Lebensmittel brauchten die Leute ja schon immer! Und sein Gemüse bekam er von überall her – auch zu dieser schweren Zeit. Aber die Reden des Mannes aus Braunau schienen ihm – und vielen anderen auch – den Lebensmut zurückzugeben und von früh auf war er darauf bedacht, auch seine Familie ganz für die neue Politik zu gewinnen.

Trommelnd schritt Fritz durch die Straßen – zu gerne hätte er in die Gesichter der Menschen am Straßenrand geschaut, doch das war nicht erlaubt. Der Blick musste nach vorne gerichtet sein und man durfte sich durch nichts und niemandem ablenken lassen. In der Reihe vor ihm marschierte Peter, der ebenfalls im Takt flink in seine Trommel schlug. Er war ein zierlicher Junge und etwa in seinem Alter. Er war ihm gleich an dessen ersten Tag in der HJ aufgefallen: Zwar war er laut `Ariernachweiß´ (ohne dem man in der HJ schließlich nicht aufgenommen werden konnte) ein echter Deutscher, doch mit seiner braun gebrannten Haut und seinen dunklen Haaren hätte er auch gut und gern als Südländer durchgehen können. Außerdem erschien es Fritz von Anfang an, als ob etwas Geheimnisvolles von ihm ausging. Viel hatte er mit ihm allerdings noch nicht gesprochen, da er erst seit kurzem mit seiner Familie aus Leipzig nach Berlin gezogen war.

„Blick nach oben“, zischte Lars neben ihm schon wieder und Fritz schreckte hoch, als ihm plötzlich bewusst wurde, dass er die letzten Minuten nur auf Peters Hintern geblickt hatte. Sofort spürte er die Röte in seinem Gesicht, was allerdings nicht wirklich auffiel: Das Trommeln war kräfteraubend und schließlich war gerade Juli. Es war erbarmungslos heiß. Fritz tat, wie ihm Lars befohlen hatte: Er blickte in die Höhe. Überall waren Hakenkreuzfahnen zu sehen – jedes Haus, jeder Laden war damit verziert.

Fritz versuchte sich von seinen Gedanken abzulenken, ihm war immer noch heiß. „Hoffentlich hat Lars nicht gesehen, wo ich hingeguckt habe“, dachte er sich, denn begehrliche Blicke wie diese waren in Deutschland ebenso verboten. Außerdem erschreckte es ihn auch selbst, vor allem, als er wenig später wieder Peters Hintern in sein Blickfeld aufgenommen hatte.

„Juden! Kommunisten! Zigeuner! Homosexuelle! Bald wird man diesem Gesindel den Marsch blasen! Dann bekommen sie alle, was sie verdienen!“ erinnerte er sich wieder an die Worte seines Vaters, als er ihn und seine Geschwister eines Abends warm anzog und auf die Straße führte. „Jetzt ist unsere Zeit gekommen, vor allem deine, Fritz! Ihr alle könnt froh sein, von Anfang an Teil dieser großartigen Sache zu sein“, sprach er feierlich. Fritz konnte sich noch gut an diesen bitterkalten Abend im Jänner erinnern: Es war wenige Wochen nach seinem 10.Geburtstag und eine seltsame Stimmung lag in der Luft. Überall waren Leute mit Fackeln und Fahnen unterwegs, singend und jubelnd. Die ganze Familie fuhr zum Brandenburger Tor, wo sich zigtausende andere Menschen versammelt hatten, die diesen Zug ebenfalls verfolgen wollten oder selbst daran teilnahmen. Fritz hielt seinen damals sechsjährigen Bruder an der Hand, während er das Treiben rings um ihn beobachtete. Was er sah gefiel seinen Kinderaugen: Alles war hell erleuchtet vom Feuer und alle Menschen kamen ihm so glücklich vor. Damals wusste er noch nicht, was danach alles folgen sollte und dass auch er ein `rassenfremdes Element´ war.

Es war der Abend des 30. Jänner 1933 und Adolf Hitler war gerade zum Reichskanzler ernannt worden.

„Lenke, Kakoschke! Vortreten!“, brüllte die Stimme des Hordenführers Lutz, als der Aufmarsch zu Ende war und man wieder vorm Volksheim Aufstellung genommen hatte. „Die anderen: Wegtreten. Sieg, Heil!“

„Sieg, Heil!“, brüllten die anderen Jungs im Chor und machten sich davon. Einige warfen den beiden zum Strafdienst abkommandierten Jungs noch böse Blicke zu, ehe sie alleine vor Lutz dastanden. Jetzt erst sah Fritz, dass mit `Kakoschke´ Peter gemeint war, der wenige Meter neben ihm genauso unbeweglich ausharrte wie er selbst.

„Na, dann kommt mal mit“, sprach Lutz, der jetzt etwas freundlicher drein blickte und ihnen zu verstehen gab, sie mögen ihm doch folgen. Lutz mochte Fritz aus dem Grund, da seine Schwester Lena ihm seit längerem den Hof machte und er sich die beiden bereits als deutsches `Herzeige-Paar´ vorstellte. Lena und Lutz waren die Kinder von Metzgermeister Ulf, der seinen Laden nur wenige Häuser vom Laden der Lenkes entfernt hatte. Lutz war 19 und kurz vor dem Sprung in die SS, während sich die 15-jährige Lena im BDM (Bund deutscher Mädchen) bereits auf ihre Rolle als Hausfrau vorbereitete: Sie wollte so schnell wie möglich heiraten und eine Menge Kinder in die Welt setzen, so wie es schließlich Pflicht war. Und der Auserwählte sollte Fritz sein! Mit ihm wollte sie dem `Führer Kinder schenken´, so wie es dieser von den deutschen Frauen forderte. Fritz wusste ebenfalls von seinen Pflichten und er mochte Lena ja auch, nur, er kannte sie schon von frühester Kindheit an und sie war eben nicht mehr als nur eine gute Freundin. Er war alles andere als verliebt in sie…

Bei diesen Gedanken blickte er wieder zu Peter hinüber – beide hatten im kleinen Kämmerchen von Lutz Platz genommen, das sich gleich neben dem großen Saal des Volksheims befand und warteten auf ihre Strafe. Nervös spielte Fritz mit den Schlägeln seiner Trommel, während Peter das Bild des Führers an der Wand fixierte.

Lutz liebte es, seine Position auszunutzen und ließ die beiden zunächst warten, während er im Freien eine Zigarette rauchte.

„Und warum bist du hier?“, fragte Fritz Peter, der jetzt zu Boden blickte, so als würde er irgendetwas suchen.

„Bin zu spät gekommen. Aber immerhin war ich pünktlicher als du! Mann, Lutz hat vielleicht geschrien, als wir ohne dich los mussten!“

„Na toll, der wird mir gleich ordentlich den Arsch aufreißen! Ist ja bei mir nicht das erste Mal, dass ich zu spät komme.“

„Ach rede doch keinen Unsinn – es weiß doch ein jeder, dass du sozusagen schon fast sein Schwager bist. Naja, weil du ja mit seiner Schwester gehst. Mit mir wird er sicher strenger sein“, meinte Peter.

Nun blickte Fritz verlegen zu Boden. Woher wusste er bloß so genau Bescheid über sein `Verhältnis´ zu Lutz’ Schwester? Als er gerade danach fragen wollte, kam Lutz auch schon von seiner Rauchpause zurück.

„Pünktlichkeit!“, begann er oberlehrerhaft zu sprechen, „Pünktlichkeit und Disziplin stehen an oberster Stelle im neuen Deutschland. Wie oft habe ich dir das schon gesagt, Fritz Lenke? Und du, Kakoschke? Glaubst wohl auch, du musst zu spät kommen? Wir sind hier nicht in Leipzig – wir sind hier in der Hauptstadt, in der Stadt unseres Führers!“ Er fuchtelte gestikulierend herum, deutete ständig aufs das Hitlerbild hinter ihm und wiederholte immer wieder, wie gut es doch allen ginge und wie froh man doch sein konnte, in einem wieder erstarktem Deutschland zu leben.

„Also, da es bei dir das erste Mal war, Kakoschke, putzt du heute die Toiletten hier. Lenke, du bohnerst den gesamten Saal! Abtreten!“

Als Peter Richtung Toilette trottete, wandte sich Lutz Fritz zu und seine Stimme wurde mit einem Mal freundlicher. „Lena lässt fragen, wann du wieder mal Zeit für einen Spaziergang mit ihr hast. Sie redet ständig von dir, dauernd fragt sie mich aus über dich. Lade sie doch mal zum Tanzen ein. Morgen wäre ohnedies Samstag, führ sie doch mal aus!“, zwinkerte er ihm zu und drückte ihm Eimer und Wischtuch in die Hand. „Sperr nachher hier ab und wirf mir den Schlüssel durch den Türschlitz, abgemacht?“, drückte ihm Lutz noch den Schlüssel des Volksheims in die Hand und verschwand im Freien.

Missmutig füllte Fritz seinen Eimer mit Wasser, während er Peter bereits die Toiletten schrubben hörte. „Mit Lena tanzen“, dachte sich Fritz, als er den Lappen am Ende des Stiels durch den Saal führte, „Da habe ich ja überhaupt keine Lust drauf!“ Mehr recht als schlecht wischte er den Boden des Saals auf, als er plötzlich bemerkte, dass aus den Toiletten kein `Putzgeräusch´ mehr kam. „Der wird doch nicht einfach ohne mich hier abgehauen sein?“ dachte er sich und beschloss nach dem Rechten zu sehen.

Leise pirschte er sich an die Toilette heran und öffnete die Tür einen Spalt. Was er sah, brachte sein Herz regelrecht zum Trommeln: Peter stand mit herunter gelassener Hose vor einem Pissoir und onanierte, ohne Fritz zu bemerken. Fritz durchzuckte es und in Sekundenschnelle hatte er ebenfalls einen stehen, was ihn in diesem Moment komischerweise nicht einmal irritierte. Noch nie zuvor hatte er eine Erektion eines anderen Jungen gesehen und was er sah gefiel ihm. Klar, auch er onanierte häufig, selbst bei seinem 12-jährigen Bruder Max vermutete er es – aber natürlich wurde über solche Dinge nie gesprochen. Über Sexualität zu sprechen war tabu, Selbstbefriedigung verpönt!

Mit pochendem Puls lehnte Fritz an der Wand vorm Klo, sein steifes Glied drückte von innen an seine Hose, dass es fast schmerzte. Er griff in seine Hose, um es gerade zu richten und begann – ohne viel nachzudenken – ebenfalls zu wichsen.

„Komm doch rein!“, hörte er plötzlich Peter sagen.

Fritz erstarrte vor Schreck! Hatte er ihn etwa bemerkt? Hatte er die Tür womöglich absichtlich unverschlossen gelassen? Fritz nahm seine Hand aus der Hose und wollte zurück in den Saal, stolperte allerdings über den Wassereimer und fiel der Länge nach hin.

„Au! Scheiße!“, fluchte er und hielt sich den Kopf, der sofort zu schmerzen begann.

„Das wird eine schöne Beule geben“, meinte Peter schmunzelnd, der plötzlich vor ihm stand. Als sich Fritz aufrichtete, blickte er verstohlen in Peters Schritt und konnte anhand dessen Ausbuchtung erkennen, dass Peter sein `Geschäft´ noch nicht beendet hatte.

„Komm mit, Rauchpause!“, sprach Peter und schon waren sie im Freien.

„Hier!“, deutete er und hielt Fritz eine filterlose Zigarette der Marke Salem entgegen. Beide rauchten genussvoll und schwiegen vor sich hin.

„Machst du das öfters?“, fragte Fritz schließlich mit nervöser Stimme.

„Klar“, antwortete Peter lachend, „du etwa nicht?“

„Doch, nur….ein deutscher Junge sollte das nicht tun“, meinte er und erkannte sofort, dass er nur das sagte, was er überall hörte und eigentlich nicht seiner eigenen Meinung entsprach.

„Ach, Blödsinn. Es entspannt irrsinnig. Und außerdem macht es doch ein jeder!“

„Aber die Partei…“

„Also in der Leipziger HJ haben’s fast alle gemacht, einige sogar zusammen. Man darf sich nur nicht erwischen lassen“, fiel ihm Peter ins Wort.

„Und warum wolltest du, dass ich reinkomme?“, fragte Fritz erneut und wartete gespannt auf Peters Antwort.

Peter sprach nun ganz leise. „Ich habe erkannt, dass du hinter der Tür warst. Und anhand deines Schattens konnte ich sehen, dass du…nun ja, auch damit zu Gange warst…“ Er kratzte sich verlegen am Kopf und sprach weiter: „Und das du mich heute die ganze Zeit beobachtet hast, ist mir auch nicht entgangen. Eigentlich kommt es mir so vor, als ob du mich seit meiner Ankunft in Berlin beobachten würdest.“

„Ach das bildest du dir nur ein“, tat Fritz das Ganze als Unsinn ab, dämpfte die Zigarette ab und ging wieder in den Saal zurück. Während er den Eimer erneut mit Wasser füllte – den anderen hatte er ja bei seinem Sturz ausgeschüttet - dachte er über das eben Gesagte nach. Verdammt, Peter hatte es also bemerkt. Tatsächlich hatte er ihn seit dem Zeitpunkt beobachtet, als er vor einigen Monaten nach Berlin gezogen war. Er musste sich eingestehen, dass er den Jungen mochte, dass er ihn sehr mochte. Erneut klopfte sein Herz bis zum Hals, als sich eine Riesenfurcht in ihm ausbreitete. Das ginge doch nicht. Das konnte doch nicht sein. Und außerdem war es verboten.

„Komm ich helf’ dir, ich bin mit den Toiletten fertig“, hörte er plötzlich Peter neben sich sagen. Seine Stimme klang beruhigend, als hätte er Fritz’ Gedanken gelesen. Stumm wischten beide den Boden auf, als Peter wieder zu sprechen begann: „Entschuldigung, dass ich dich vorher durcheinander gebracht habe. Nur, es ist mir halt wirklich aufgefallen. So wie du mir auch gleich aufgefallen bist. Ich meine, dass du anders zu sein scheinst, als die meisten hier…“

„Was meinst du? Wie sind denn die meisten hier?“, wollte Fritz wissen.

Peter schnappte sich einen leeren Eimer, setzte ihn sich auf den Kopf, während er übertrieben abgehackt herumstolzierte und Parolen der Partei schrie.

„Siiiieg! Heiiil!“, zog er dabei spöttisch in die Länge.

Fritz wusste nicht so recht was er damit anfangen sollte, als Peter den Eimer wieder abnahm. „Mal ehrlich, die meisten da schreien einfach nur herum ohne zu denken. Wenn du marschierst und trommelst, scheinst du an einem ganz anderen Ort zu sein. Zumindest in deinen Gedanken. So wie ich auch!“

„Soll das heißen, du magst die HJ nicht? Ist doch toll, dass es so was gibt für uns: Die Aufmärsche, die Geländeläufe, die Zeltlager. Man ist immer mit anderen Jungs zusammen und hat eine Menge Spaß. Außerdem formt es unseren Charakter, sagt mein Vater.“

„Ja, natürlich“, gab ihm Peter zur Antwort und Fritz konnte erkennen, dass er nicht ganz glücklich darüber war, was er ihm gerade über die HJ gesagt hatte.

Die beiden reinigten nach Beendigung ihres `Dienstes´ die Eimer, sperrten ab und gingen durch die langsam dunkel werdenden Straßen. Fritz bemerkte, dass Peter seltsam ruhig geworden war. „Keine Sorge, ich verrate niemandem, dass du Witze über die Partei gemacht hast“, wollte er ihn beruhigen. Doch es half nichts. Peter verabschiedete sich knapp von ihm und verschwand in einer Gasse. Fritz war allein und erneut beunruhigt – wieder schweiften seine Gedanken zu dem Ereignis in der Toilette zurück, als er plötzlich vor einem leeren Geschäft stehen blieb. Da niemand sonst in der Nähe war, wischte er den Staub des Schaufensters zur Seite und versuchte ins Innere zu blicken, erkannte aber in der Dunkelheit nur ein paar herumliegende Schuhe.

Als er das erste Mal in Herrn Böhmers Schusterei war, musste Fritz gerade vier gewesen sein. Sein Vater ließ ihm ein Paar Lederschuhe maßanfertigen – ein Luxus in jenen Tagen, die er später mit drei Kilo Kartoffeln bezahlte, da Geld in diesen Zeiten praktisch keinen Wert hatte. Herr Böhmer war ein ziemlich kleiner Mann mit einem aufgedrehten Bart, wie ihn auch der alte Kaiser Wilhelm gehabt hatte. Der Geruch des Leders, der Bart und die Freundlichkeit von Herrn Böhmer waren ihm in Erinnerung geblieben. Alle im Viertel mochten ihn, er war immer freundlich, schenkte den Kindern öfters ein Stück Schokolade und war stets höflich und zuvorkommend. Im Gasthaus Brunner gab er außerdem öfters mal eine Runde aus – trotz seines geringen Körperwuchses war er überdies ziemlich trinkfest. Niemand schien es zu stören, dass er nie geheiratet hatte. Zumindest war das vor der Machtergreifung Hitlers so. Danach mehrten sich böse Gerüchte über Herrn Böhmer. Der Metzger Ulf, Lenas und Lutz’ Vater wollte ihn bei einer Lieferung in Kreuzberg gesehen haben, als er gerade ein zwielichtiges Etablissement betrat, eines, in dem nur Männer verkehrten. Schließlich wollten es dann alle ja immer schon gewusst haben, dass Böhmer einer von diesen Freunden war – eben weil er nie geheiratet hatte. Freunde – so nannte man damals Homosexuelle und dass das nichts Gutes war, hatte Herr Lenke seinem Sohn Fritz früh erklärt: Jeder Mann bräuchte eine Frau und wenn ein Mann mit einem Mann ins Bett ginge, wäre das nicht nur Sünde, nein, es wäre auch Volkszersetzung, abartig. Und solche Leute hätten im 1000-jährigen Reich keine Daseinsberechtigung.

Immer mehr Leute wollten Böhmer in diverse Lokale gehen gesehen haben und als dieser eines Abends tatsächlich einen Mann mit nach Hause brachte, war dies die Gelegenheit, auf die Ulf scheinbar nur gewartet zu haben schien: Nur wenige Minuten später traf die GESTAPO bei Böhmer ein. „Bettenkontrolle!“

Als er am nächsten Tag zurückkehrte, war sein Gesicht mit blauen Flecken übersäht. Seine Nase schien gebrochen zu sein und es wirkte so, als wäre er nur in einer Nacht um 20 Jahre gealtert. „Seht ihn euch an, den Abartigen!“, warnten Väter ihre Söhne. Sein Laden wurde gemieden und man machte einen Bogen um ihn, wenn man ihm auf der Straße begegnete.

Schließlich war er ganz verschwunden.

Als Fritz seinen Vater nach Böhmer fragte, blickte dieser nur kurz von seiner Zeitung hoch und meinte: „Umerziehung in Oranienburg!“ Fritz fragte nicht weiter nach – er hatte bereits von solchen Lagern gehört, in denen man Leute einsperrte, die nicht dem deutschen Gesamtbild entsprachen.

Fritz sah den netten Schuster mit dem lustigen Bart jedenfalls nie wieder.

„Der hat auch bekommen, was er verdient“, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich, die ihn abrupt aus seinen Gedanken riss.

„Wie?“, meinte er überrascht und erkannte Lena vor ihm.

„Na, der Böhmer, der mit Männern… du weißt schon…“, sträubte sie sich dagegen, das Wort homosexuell auch nur in den Mund zu nehmen.

„Mhm“, brummte Fritz nur kurz und hoffte, sie würde ihn nicht fragen, was er um diese Uhrzeit ausgerechnet vor Böhmers Schaufenster zu suchen hätte.

„Lutz hat mir erzählt, dass du den Boden schrubben musstest“, lachte Lena plötzlich, „und da hab ich beschlossen dir entgegen zu gehen. Begleitest du mich nach Hause?“

„Natürlich“, erwiderte Fritz, der sie immer noch entgeistert anstarrte. Na, wenigstens hatte sie ihn nicht weiter ausgefragt.

Sie griff nach seiner Hand und beide spazierten nach Hause. Ihm war äußerst unwohl zu Mute und er ertappte sich immer wieder, dass er Lena gar nicht zuhörte, sondern ständig an Peter dachte.

„Ob du morgen Abend schon etwas vorhast, habe ich dich gefragt“, riss ihn Lena erneut aus den Gedanken.

„Oh, was? Nein, habe ich nicht!“

„Der Brunner organisiert morgen einen Tanzabend. Halb Lichtenberg wird dort sein und ich würde gerne mit dir hingehen, also, holst du mich ab?“

„Mhm“, brummte er wieder.

„Etwas mehr Begeisterung bitte“, lachte Lena erneut und gab ihm einen Kuss auf die Backe, da sie bereits vor ihrem Elternhaus angekommen waren.

Fritz gab ihr den Schlüssel des Volksheims, den er von Lutz bekommen hatte und beschloss, sie auf den Mund zu küssen. Lena nutzte dies aus und schob sofort ihre Zunge in seinen Mund, während sie ihre Finger in seinen Rücken krallte. Es tat weh und auch der Kuss gefiel Fritz ganz und gar nicht – alles in ihm sträubte sich dagegen und wieder sah er Peters Gesicht vor sich. Erschrocken über seine Gedanken stieß er Lena fast von sich weg, doch diese bekam das gar nicht mit: Im Gegensatz zu ihm, schien ihr der Kuss gefallen zu haben.

Als Fritz schließlich heimkam, saß sein Vater noch in der Küche und machte gerade die Tagesabrechnung.

„Na, noch mit Lena um die Häuser gezogen?“, raunte er ihm entgegen und zwinkerte ihm zu.

„Ja, ich habe sie noch nach Hause gebracht. Gute Nacht Vater. Bis morgen früh!“, antwortete Fritz und ging in seine Kammer, die er sich mit seinem Bruder Max teilen musste. Max schlief bereits und Fritz beobachtete ihn eine Weile und obwohl er ihn abgöttisch liebte, beneidete er ihn auch - von ihm wurde noch nicht erwartet, dass er mit Mädchen ausging.

Nach einer Weile legte er sich auch ins Bett und nachdem er endlich seine trübsinnigen Gedanken zur Seite geschoben hatte, machte er dass, was er schon am frühen Abend im Volksheim tun wollte: Er holte sich einen runter – und jeder Gedanke dabei drehte sich um Peter. „Ach, wäre ich doch nur zu ihm auf die Toilette gegangen“, seufzte er und schlief bald darauf ein.

Auch wenn der nächste Tag ein Samstag war, musste Fritz früh aus den Federn – Vaters Gemüseladen hatte auch an Samstagen bis 12 Uhr mittags geöffnet – und da war immer eine Menge los. Hausfrauen kauften fürs Wochenende ein, als ob es kein Morgen gäbe und Fritz hatte an solchen Tagen oft nicht mal zum Pinkeln Zeit, geschweige denn, um eine Zigarette zu rauchen. Oft war so viel los, dass auch seine Mutter und seine Schwester Anna mithelfen mussten, während eine Nachbarin auf die kleine Rosa aufpasste.

„Bleibt es heute dabei?“, hörte er gegen 10 Uhr Lenas Stimme, als Fritz gerade dabei war, Tomaten für Frau Winkler in eine Tüte zu packen. Sie war ebenfalls im Geschäft aufgetaucht, um Kartoffeln für ihre Familie zu besorgen.

„Wie? Oh, guten Tag Lena!“, antwortete er einerseits überrascht, andererseits auch genervt, denn er hatte gehofft, sie hätte diesen Tanzabend vergessen.

„Also, wann holst du mich ab?“

„Ist dir 7 Uhr abends recht?“, fragte er zögerlich, während sich Frau Winkler beschwerte, dass sie doch nicht Tomaten für ganz Deutschland kaufen mochte – die Tüte ging nämlich bereits über.

„Lassen Sie ihn doch Frau Winkler“, kam ihm sein Vater zu Hilfe, „Sehen Sie nicht, dass der Junge gerade ein Mädchen zum Tanz auffordert?“ Fritz bemerkte den Stolz in der Stimme seines Vaters, doch in ihm selbst wehrte sich alles gegen diesen Tanzabend. Er wollte nicht hin, doch nun gab es kein zurück – er müsse wohl oder übel mit Lena dort hingehen.

An den freien Samstagnachmittagen unternahm Fritz zumeist etwas mit seinem jüngeren Bruder: Entweder spielten sie etwas Fußball oder sie liefen einfach durch die Gegend, manchmal fuhren sie auch raus zum Wannsee, doch dafür hatten sie an diesem Tag keine Lust, da es ihnen selbst für die Hinfahrt schlichtweg zu heiß war. So beschloss Friedrich, Max ein Eis auszugeben. Sie hatten sich gerade mit ihren Eisbechern in den Gastgarten des Cafés gesetzt, als plötzlich wie aus dem Nichts Peter auftauchte.

„Darf ich?“, fragte er schüchtern und setzte sich neben die beiden, ohne auf eine Antwort zu warten.

„Ja, klar!“, gab Fritz zur Antwort, der sich innerlich freute wie ein König, dass Peter gekommen war und noch mehr, dass dieser in blendender Laune zu sein schien. Zu betrübt kam er ihm am vorangegangenen Abend vor, doch jetzt schien alles wieder in Ordnung zu sein.

„Das ist mein Bruder Max. Max, Peter!“ stellte er die beiden vor.

Max, ein ebenso gut erzogener Junge wie Fritz es war, reichte ihm die Hand.

Die drei quatschten in Folge über dieses und jenes, als Max plötzlich Fritz mit einer Frage überraschte.

„Wie merkt man, wenn man verliebt ist?“, wollte er wissen.

Fritz war wie vor den Kopf gestoßen und komischerweise lief auch Peters Kopf feuerrot an.

„Na, du bist doch in Lena verliebt. Wie fühlt sich das an?“

Fritz wurde direkt schlecht. Er war nicht in Lena verliebt, doch scheinbar war die ganze Familie der Meinung, es würde so sein. Sollte er seinen Bruder anlügen? Und was würde Peter denken, wobei, warum machte er sich bloß schon wieder darüber Gedanken? Sollte es ihm nicht egal sein, was ein anderer Bursche darüber denkt?

„Naja, ich muss dann mal wieder“, sagte Peter genau in diesem Moment und Fritz konnte erkennen, dass seine gute Laune wieder dahin war. Peter stand auf, schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr davon. „Danke, kleiner Bruder“, dachte er sich zornig, da ihn dieser mit seiner Aussage vertrieben haben durfte. Wobei, wusste Peter nicht ohnedies Bescheid über ihn und Lena? Warum also plötzlich diese Aufregung?

„Komischer Junge“, entfuhr es Max, während ihm Fritz hinterherblickte. „Nee, er ist ganz in Ordnung. Er wohnt noch nicht lange hier“, versuchte Fritz Max von seiner zuvor gestellten Frage abzulenken.

„Also, wie fühlt es sich an, wenn man verliebt ist?“, wollte der Kleine erneut wissen.

„Warum möchtest du das wissen? Du bist doch noch viel zu jung dafür!“ Erneut wollte der die lästige Frage von sich weisen und widmete sich wieder seinem Eisbecher.

„Spinnst du? Ich bin 12 und da gibt es dieses Mädchen in der Schule, Lotte. Immer wenn ich sie sehe, wird mir ganz heiß und ich rede nur mehr Blödsinn. Ist das Verliebtheit?“

„Ja, so fühlt es sich wohl an. Man bekommt wackelige Knie, es wird einem heiß und man kann an nichts anderes mehr denken, als an diesen Menschen. Tag und Nacht!“ Während er so sprach blickte er in die Richtung, in die Peter wenige Momente zuvor gefahren war.

„So wie bei dir und Lena?“, wollte Max wieder wissen und grinste dabei schelmisch.

„Ja, so wie bei mir und Lena“, log Fritz, denn in Wahrheit hatte er gerade seine Gefühle beschrieben, die er Peter gegenüber hegte – das musste er sich nun wohl oder übel eingestehen.

„Toll, dann bekommt ihr ja sicher bald Kinder“, freute sich Max für seinen Bruder.

Fritz kam sich unheimlich schäbig vor – nicht nur deswegen, weil er seinen Bruder belogen hatte, sondern auch wegen dieser Gefühle, die er für Peter empfand. Am liebsten hätte er losgeheult, doch er wollte seinen Bruder nicht verunsichern. Und außerdem: Deutsche Jungen weinten schließlich nicht! Max war noch zu jung und bemerkte daher nicht die Verwirrung seines älteren Bruders, den er bewunderte wie keinen anderen Menschen: Er rauchte, hatte ein Mädchen und war in der HJ! Alles das wollte er auch haben und zwar so bald wie möglich!

„Du kannst doch nicht ein Mädchen zum Tanze führen, ohne ihr Blumen mitzunehmen“, tadelte Frau Lenke ihren Ältesten. „Hier, gib ihr dieses Sträußchen!“, meinte sie und strich ihm liebevoll durch sein blondes Haar. „Lass das doch“, tadelte Herr Lenke seine Frau. „Er ist doch kein kleines Kind mehr. Sieh ihn dir doch an“, setzte er stolz fort, „ ist er nicht ein echter Deutscher? Blond, blauäugig, groß und schlank – so wie sich unser Führer seine Jugend vorstellt! Da hat Lena wirklich Glück, so einen strammen Kerl wie dich zu bekommen!“

Fritz schluckte, als er sich im Spiegel betrachtete: War der Junge den er vor sich sah wirklich ein echter Deutscher? Vom Aussehen her entsprach er wohl den Vorstellungen des Führers, aber vom Inneren her? Alle erwarteten von ihm, Lena auszuführen und womöglich auch, sie so schnell wie möglich zu heiraten. Aber konnte er das auch? Wollte er das? Die Last auf seinen Schultern kam ihm tonnenschwer vor, als er das Haus verließ. Seinetwegen könnte der Abend schon wieder vorbei sein. Wenigstens war er nicht ganz allein, denn die gesamte Familie (bis auf die 5-jährige Rosa, die man bei der Nachbarin untergebracht hatte) hatte sich aufgedonnert und war ebenfalls auf dem Weg ins Gasthaus Brunner. Schließlich musste man dort gesehen werden.

Kurz vor sieben stand Fritz also vorm Haus der Wuttkes und klopfte an die Tür, um Lena abzuholen. Lutz öffnete die Tür und bat ihn freundlich einzutreten.

„Lena ist schon fertig, aber bei unserem Vater dauert es wohl noch etwas“, meinte Lutz und schob Fritz in die Küche, wo der dicke Ulf vor dem Spiegel stand und sich irgendwelche Abzeichen an den Kragen heftete.

„Na Junge?“, sprach er ohne seinen Blick vom Spiegelbild abzuwenden. „Steh nicht so steif in der Gegend rum. Setz dich. Lutz, bring ihm ein Bier!“, forderte er seinen Sohn auf und dieser tat, wie ihm befohlen wurde.

„Wer bin ich?“, hörte Fritz schließlich und zwei Hände bedeckten von hinten seine Augen.

„Na, Lena!“, antwortete er kurz, nahm ihre Hände weg, drehte sich um und küsste sie schüchtern links und rechts. Er war so verkrampft, dass ihm nicht mal im entferntesten einfiel, spaßhalber den Namen irgendeiner anderen Person zu nennen. „Hier, Blumen!“ Alles was er sagte klang nervös, kurz und abgehackt. Er kam sich vor wie in einem Theaterstück, in dem er nur seine Rolle sprach und eigentlich war es ja auch so – bald würde es Lena merken und irgendwie tat sie ihm leid. Doch Lena merkte es nicht, oder tat sie bloß so, weil sie einfach das sah, was sie sehen wollte? Sie nahm ihm die Blumen ab, zupfte eine Lilie heraus, brach ihr den Stil ab und heftete sie sich an ihre Bluse.

„Wie romantisch, du weißt, wie man eine deutsche Frau behandelt“, meinte sie und küsste ihn kurz auf den Mund, ehe Lutz mit dem Bier in die Küche zurückkam.

„Kommt deine Schwester Anna eigentlich auch zum Tanz?“, wollte er wissen, während er die Flasche öffnete und Fritz in die Hand drückte.

„Ja, meine ganze Familie ist schon los“, meinte er und nahm einen kräftigen Schluck Bier, während Lena die Blumen in eine Vase gab und neben ein Bild stellte, das Frau Wuttke zeigte, Lenas und Lutz’ Mutter. Sie war drei Jahre zuvor an einer Grippe gestorben. Seitdem lebten die drei alleine, nicht unweit vom Haus der Lenkes entfernt. Viele bezweifelten, ob der dicke Ulf je wieder eine Frau finden würde, da er manchmal doch ziemlich ungehobelt sein konnte und außerdem – dem neuen Wohlstand sei Dank – immer dicker wurde. Lutz und Lena mussten daher nach ihrer Mutter kommen, denn Fritz mochte sie beide eigentlich ganz gerne – würde sich Lena ihm nur nicht dauernd so an den Hals werfen.

Ein wenig später kam Fritz zusammen mit den Wuttkes in Brunners Wirtshaus an, wo bereits der Teufel los war: Ein paar ältere Männer – artig in ihren alten Uniformen – standen an der Theke und umklammerten ihre riesigen Bierkrüge, während sie sich unterhielten und gleichzeitig auf die Tanzfläche starrten, die bereits gut gefüllt war. Rechts neben der Tanzfläche befand sich die Kapelle, die deutsches Liedgut zum Besten gab und damit einige jüngere Männer zum Mitgröhlen animierte. Diese durften schon ziemlich betrunken sein – und das kurz nach sieben. „Wahrhaft diszipliniert“, dachte sich Fritz, der von Lena vor sich Richtung Tanzfläche hergeschoben wurde. Wenig später wirbelte Lena bereits um ihn herum – ihre zu Zöpfe geflochtenen Haare flogen durch die Gegend und Fritz kam sich relativ albern vor, da er das Gefühl hatte, ein jeder könne sehen, wie sehr er das Tanzen hasste.

Nur einmal musste er schmunzeln, als er in der Menge seinen Bruder entdeckte, der still in einer Ecke stand und ein Mädchen betrachtete, dass etwas drei Meter von ihm entfernt stand. Das musste wohl Lotte sein. Auch Lutz war bereits auf der Tanzfläche der - welch Überraschung - Fritz’ Schwester Anna in seinen Armen hielt.

Und plötzlich durchzuckte es ihn: Auch Peter war hier, tanzend, mit einem etwa 18-jährigen Mädchen. Fritz war dermaßen erschrocken, dass er beinahe in ihn reingelaufen wäre.

„Oh, guten Tag Fritz!“, schrie Peter, denn die Musik war ziemlich laut, „Kommst du nachher an unseren Tisch?“

„Vielleicht!“, konnte Fritz nur sagen, denn da schleifte ihn Lena schon wieder weiter.

„Aus! Ich brauch eine Pause!“, meinte er zu Lena.

„Was? Jetzt schon? Ausdauer bringen die euch scheinbar nicht bei!“

„Doch, doch. Ich bin nur durstig, außerdem möchte ich kurz zu meiner Familie schauen.“

„Na gut. Ich komme mit!“

Na toll, das war es nicht, was er eigentlich wollte, Lena den ganzen Abend im Schlepptau zu haben. Außerdem machte es ihn verrückt, nicht zu wissen, wer dieses schöne Mädchen in Peters Armen war.

Am Tisch seiner Eltern war Fritz zunächst erleichtert, denn neben ihnen saß auch Lutz mit seiner Schwester Anna. Lena und Anna waren ziemlich gute Freundinnen und ein wenig später erfüllten sich Fritz’ Hoffnungen: Die beiden saßen nebeneinander und begannen aufs Heftigste loszuquatschen. So ließ sie ihn wenigstens mal für kurze Zeit in Ruhe. Da er auch nicht gerade viel Lust hatte, mit Lutz zu sprechen und ihm überdies hinaus wirklich heiß war, beschloss er ins Freie zu gehen, um eine zu rauchen. Allerdings ging er in den Hinterhof – er wollte eine Weile allein sein und nicht Zeuge von etwaigen Besoffenen sein, die entweder aus dem Wirtshaus raus oder rein stolperten. Da hinten hatte er wenigstens seine Ruhe.

Der Hinterhof war klein und finster und es stank übel nach Essensresten – trotzdem fühlte sich Fritz das erste Mal seit einer halben Stunde wieder etwas wohl, wahrscheinlich auch deshalb, weil der Lärm im Inneren nur sehr gedämpft nach außen drang. Ihm waren eindeutig zu viele Menschen im Saal und die Tanzerei mit Lena musste ziemlich peinlich auf andere gewirkt haben.

Er zog an seiner Zigarette und starrte in den Nachthimmel. Drinnen erklang gerade das `Westerwald – Lied´, als er plötzlich eine Figur neben sich wahrnahm. Es war Peter, der ihm ins Freie gefolgt war.

„Du stehst wohl auch nicht auf den Rummel da drinnen, wie?“, fragte er. Scheinbar war er auch nicht gerade ein großer Freund des deutschen Tanzes.

„Mhm“, antwortete Fritz knapp, ohne seinen Blick vom Himmel abzuwenden.

„Hast du Feuer?“, fragte ihn Peter. „Ich muss meine Streichhölzer am Tisch liegen gelassen haben.“

Fritz entzündete ein Streichholz, während ihm Peter sein Gesicht mit der Zigarette im Mund entgegen hielt. Die kleine Flamme flackerte und erhellte Peters Gesicht, was Fritz für einen kurzen Augenblick die Möglichkeit bot, dieses zu betrachten. Wie gesagt, er hatte kurzes schwarzes Haar, die Haut seines Gesichts war braun gebrannt und wies – so empfand es Fritz zumindest – leichte feminine Züge auf. Seine Haut schien ziemlich sanft zu sein und nur zu gern hätte er sein Gesicht gestreichelt. Doch da stieg schon der Rauch von Peters Zigarette empor und er musste das Streichholz ausblasen.

„Danke!“, meinte er während er einen tiefen Zug nahm und den Rauch in die Luft blies.

„Du bist also wirklich mit Lena zusammen!“, sagte er schließlich zögerlich und Fritz bemerkte sofort, dass es ihn Mühe kostete, dies zu fragen.

„Mhm“, log Friedrich, der die Antwort eigentlich nicht wirklich wusste. Er hatte sie bereits geküsst und sie hatten zusammen getanzt – das bedeutete doch eindeutig, dass sie auch zusammen waren. Oder etwa nicht?

„Ich dachte, es wäre bloß Gerede“, meinte er.

„Und, wie heißt deine Freundin?“ wollte nun Fritz wissen.

„Ich hab keine. Die, mit der ich getanzt habe ist meine Schwester Hertha“, schien zumindest Peter die Wahrheit zu sagen. „Möchtest du nicht an unseren Tisch kommen?“, wiederholte er seine Frage von zuvor. „Du kannst Lena gerne mitnehmen! Ich will dich meinen Eltern vorstellen. Außer dir hab ich ja noch keine Freunde hier gefunden. Ich meine, ich hoffe du willst mein Freund sein…“

„Gerne“, antwortete Fritz, der es nicht wagte Peter in diesem Moment anzublicken.

Beide dämpften ihre Zigaretten aus und während Fritz Anstalten machte wieder hineinzugehen, blieb Peter wie angewurzelt stehen und blickte in den Nachthimmel. Seine Augen funkelten und fast schien es Fritz, als würden Tränen in seinen Augen stehen.

„Alles in Ordnung?“, fragte er.

„Hast du auch manchmal Angst? Und du weißt nicht mal genau wovor eigentlich?“ Tatsächlich spürte Fritz ein Beben in Peters Stimme, als ob er jeden Moment in Tränen ausbrechen würde. Doch Peter beherrschte sich.

„Was meinst du? Wovor sollten wir Deutschen Angst haben? Niemand kann uns etwas anhaben!“

Peter schüttelte den Kopf. „Das meine ich nicht. Naja, auf gewisse Weise vielleicht doch. Manchmal, manchmal habe ich einfach Angst vor uns selbst. Vor uns Deutschen.“

„Ich glaube, mein Bruder hatte Recht, als er heute sagte, du wärst verrückt“, schüttelte jetzt Fritz den Kopf. Er wollte sich nicht eingestehen, dass Peter scheinbar vor denselben Dingen Angst hatte, wie er selbst. Auch er fühlte eine alles einnehmende Furcht tief in sich drinnen. Also blieb er stehen.

„Vielleicht bin ich das ja“, und jetzt war es eindeutig – zwar ließ es sich Peter nicht anmerken, aber in dem Moment kullerte ihm eine einzelne Träne übers Gesicht. Beschämt wischte er sie hastig vom Gesicht.

„Bist du ein Freund, oder ein Feind?“, wollte Peter wissen.

„Wie meinst du das?“, antwortete Fritz, der sich ziemlich unwohl vorkam.

„Freund oder Feind?“, schrie in Peter plötzlich an. „Und hör auf damit, ständig so herum zu stammeln!“

„Freund!“, schrie in Fritz genauso laut an und wenig später fiel ihm Peter in die Arme. Zunächst wusste Fritz nicht so Recht, wie er damit umgehen sollte, doch schlussendlich erwiderte er die Umarmung. Nicht nur das – es gefiel ihm. Was ihm nicht gefiel war die Tatsache dieser unendlich großen Traurigkeit, die Peter befallen hatte und der noch immer leise und kaum hörbar weinte.

„Ich gehöre nicht hier her. Ich passe nicht in deren System!“, sprach Peter schließlich wieder mit klarer Stimme. Er löste sich aus der Umarmung und blickte Fritz direkt in die Augen. „Entschuldigung…. für die Umarmung, ich hoffe das kam dir nicht zu weibisch vor, aber irgendwie brauchte ich das jetzt.“

Peter blickte nervös Richtung Ausgang, doch sie waren nach wie vor alleine. „Ich glaube, ich weiß was du meinst“, hörte er sich plötzlich sagen. „Irgendwie scheine ich auch nicht das zu sein, was die anderen von mir verlangen. Auch ich weiß nicht, in welche Richtung ich gehen soll, oder gehen darf. Und noch eins: Ich bin nicht wirklich mit Lena zusammen. Sie ist ein guter Freund von mir – aber ich bin nicht verliebt in sie.“ So, jetzt war es raus. Beide schwiegen und rauchten eine weitere Zigarette. Sie schwiegen und jeder beschloss für sich, dem anderen noch nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Dafür kannten sie sich noch zu wenig und außerdem war die Furcht eines möglichen Verrats zu groß. Und überhaupt sprach man solche Dinge nicht so einfach aus. Schließlich betraten die beiden wieder den Saal.

Dort war die Stimmung nahezu am Kochen: Es wurde nach wie vor getanzt und der Großteil aller Männer war bereits schwer betrunken. Man sang Lieder und immer wieder hörte man Leute lautstark den Führer loben. Ein Tisch war für Mitglieder der SS reserviert worden, die ebenfalls bereits ziemlich abgefüllt waren – Lutz hatte an deren Tisch Platz genommen, er hoffte ja bald Bestandteil dieser Gruppierung zu sein.

„Das ist meine Familie“, sagte in dem Moment Peter und gab Fritz zu verstehen, er möge doch zum Tisch seiner Eltern mitkommen. Eigentlich hätte Fritz wieder zu Lena gehen sollen, aber alles in ihm sträubte sich dagegen und außerdem war er neugierig auf Peters Eltern. Am Tisch saßen außerdem noch seine beiden Schwestern, Hertha, das Mädchen mit dem er zuvor getanzt hatte und Siegrid, die um 5 Jahre jünger war als Peter. Peters Vater war ein relativ kleiner Mann mit einem freundlichen Gesicht und sofort hielt er Fritz seine Hand hin.

„Guten Tag, Peter hat mir bereits von eurer gemeinsamen Strafabbüßung gestern erzählt“, schmunzelte er.

Fritz kratzte sich verlegen grinsend am Hinterkopf und stammelte zur Begrüßung ein `Heil Hitler´! „Setz dich doch“, sprach Peters Vater weiter und machte zwischen sich und seiner jüngsten Tochter Platz für die beiden Jungs in ihren HJ-Uniformen.

Peters Mutter gab ihm ebenfalls die Hand, verabschiedete sich allerdings gleich wieder, da sie Siegrid nach Hause bringen wollte. Sie war etwas dicker als ihr Mann und auch fast um einen ganzen Kopf größer. Die beiden waren ihm sofort sympathisch, auch wenn sie nebeneinander stehend ein seltsam anmutendes Paar abgaben.

„Nun ich denke“, sprach Peters Vater weiter, nachdem seine Frau gegangen war, „die beiden Herren wollen in Ruhe ein Bier zusammen trinken. Darf ich daher um einen Tanz mit meiner Ältesten bitten?“, forderte er seine Tochter zum Tanz auf, die diesem Wunsch lachend nachkam.

Als die beiden die Tanzfläche betraten, saßen Peter und Fritz schweigend nebeneinander und sahen sich zunächst nur in die Augen. Beide wussten wohl, dass es sie ziemlich erwischt hatte und dafür bedurfte es keine Worte, außerdem sagte man damals nicht so nebenbei `Ich liebe dich´ zu einem anderen Burschen. Selbst gegenseitiges Anblicken konnte von irgendjemandem in diese Richtung gedeutet werden und selbsternannte Spitzel gab es in dieser Zeit leider zuhauf.

„Also, mir ist es hier entschieden zu voll und zu laut – in Ruhe reden ist hier garantiert nicht drinnen. Dabei hätte ich dir einiges zu sagen“, sagte Peter mit lauter Stimme. „Wie wär’s? Komm doch einfach morgen bei mir vorbei“, fuhr er fort und kritzelte Fritz seine Adresse auf einen Bierdeckel.

„Warum nicht, morgen ist sowieso Sonntag. Abgemacht“, erwiderte Fritz und steckte den Bierdeckel in seine Hosentasche, nicht allerdings ohne sich vorher noch umzublicken, ob ja niemand davon Wind bekommen hatte.

„Da bist du ja!“, hörte er schließlich die überraschte Stimme von Lena neben sich. „Möchtest du mich nicht deinem Freund vorstellen?“

Fritz fuhr zusammen und er bildete sich ein, Lena hätte das Wort `Freund´ irgendwie eigenartig betont – aber wahrscheinlich sah, beziehungsweise hörte er nur Gespenster.

„Nun, das ist Peter. Er ist vor kurzem mit seiner Familie aus Leipzig hier hergezogen. Peter, Lena!“

Beide reichten sich die Hand und Fritz konnte erkennen, dass Lena Peter ziemlich argwöhnisch betrachtete.

„Also du bist mir ja einer, lässt mich einfach hier sitzen“, meinte sie wieder in Richtung Fritz, während sie Peter keine Beachtung mehr schenkte.

„Naja, du hast dich ja sowieso mit meiner Schwester unterhalten, also dachte ich, ich würde dich nur stören. Außerdem hatte ich mit Peter etwas zu besprechen!“

„So? Was denn?“

Ja, was denn eigentlich? „Wir sprachen über das Zeltlager Anfang August“, fiel es Fritz ein und war sehr zufrieden über diese glaubhaft klingende Lüge. Lena hatte inzwischen Platz genommen – sie hatte sich genau zwischen Peter und Fritz gedrängt und schmiegte sich an Fritz, dem sie einen verliebten Blick zuwarf. „Lass uns etwas an die frische Luft gehen, gut?“, fragte sie und ohne eine Antwort abzuwarten, packte sie Fritz’ Arm und stand wieder auf.

„Lass uns hinten raus!“, meinte sie und griff nach seiner Hand.

Fritz wurde nahezu schlecht. Er blickte nochmals zu Peter zurück, der da saß und gerade einen großen Schluck Bier aus seinem Krug nahm. Mit flehendem Blick gab er ihm zu verstehen, dass er nicht freiwillig mit Lena mitwollte, doch er konnte nicht erkennen, ob Peter dies auch verstanden hatte.

So stand Fritz wenig später also erneut im Hinterhof, dieses Mal mit Lena, die ihn sofort an die Wand drückte und seinen Hals mit Küssen überdeckte. Peter presste seine Hände krampfhaft gegen die Wand hinter sich und ließ es geschehen. Während ihn Lena `bearbeitete´, blickte er um sich – auf dem Boden sah er die Zigarettenkippen liegen, die er und Peter noch wenige Augenblicke davor dort ausgedämpft hatten. Fast war es ihm, als könne er die Anwesenheit Peters spüren, denn in irgendeiner Form war es ja auch so. Lena schien nicht mitzubekommen, dass Fritz in diesem Moment komplett geistesabwesend war und griff nach seiner Hand um sie auf ihrer Schulter zu positionieren. Schließlich ließ sie von seinem Hals ab und wandte sich seinem Gesicht zu. Wie am Vorabend hatte sie sofort ihre Zunge in Fritz’ Mund, der vor Anstrengung keuchte. Es ging ihm alles nicht nur zu schnell, nein, er wollte das alles auch nicht – am liebsten hätte er sie weggestoßen und nach Hause gelaufen, doch würde sie dann nicht alles ahnen? Also spielte er das Spiel mit und erwiderte ihren Kuss.

Gerade als er dachte, dass wäre es gewesen, spürte er plötzlich Lenas Hand in seinem Schritt und instinktiv stieß er sie mit einem Schrei der Überraschung weg.

„Sag mal, kriegst du keinen hoch?“, meinte Lena enttäuscht und auch wütend, weil Fritz sie weggestoßen hatte.

„Doch, nur…. Ich glaube….Also….Ich finde, du bist noch zu jung dafür“, stammelte Fritz schließlich zusammen.

„Spinnst du? Ich bin fast sechzehn, also alt genug. Außerdem ist es meine Pflicht, dem Führer Kinder zu schenken.“ Erneut versuchte sie, sich Fritz zu nähern, doch als sie ihn küssen wollte, drehte er seinen Kopf zur Seite. Am liebsten hätte er ihr in diesem Moment die Wahrheit gesagt, doch das ließ er sein – Lena schien eine aufrechte Nationalsozialistin zu sein, wer weiß wie sie reagiert hätte, hätte er ihr gesagt, dass er in Peter verliebt war. Wieder schoss es wie ein Stromschlag durch seinen Körper: in Peter verliebt! Wie sich das anhörte! Seine Augen hatten sich mittlerweile mit Wasser gefüllt und er wagte es nicht, Lena anzuschauen.

„Was ist hier los?“, fragte diese schließlich. „Kannst du nicht oder willst du nicht?“, bohrte sie weiter.

„Doch“, antwortete Fritz leise. „Aber….“

„Du hast doch nicht etwa eine Andere, oder? Sag mal heulst du etwa?“, wurde Lena jetzt regelrecht laut und beschloss das Gespräch abzubrechen.

„Du bist mir ja ein schöner Deutscher!“, wurde sie jetzt regelrecht wütend. Sie schnaubte noch etwas in seine Richtung, was so ähnlich klang wie `impotentes Schwein´, ehe sie hastig wieder in den Saal eilte. Fritz blieb zurück und nun brach alles aus ihm heraus. Er stand da und heulte. Er liebte Peter! Und Lena? Hatte sie etwas geahnt? Würde sie es ihrem Vater erzählen, der doch auch schon den Schuster Böhmer verraten hatte? Fritz malte sich die schrecklichsten Bilder aus – schließlich wusste er von diesen Lagern, die die Nazis eingerichtet hatten und wohin sie alle `Volksschädlinge´ brachten. Die Juden. Politisch anders Denkende. Homosexuelle - einen wie ihn.

Es dauerte eine Weile, bis sich Fritz wieder gefangen hatte, dennoch wollte er unbedingt nach Hause. Er betrat den Saal und kam drauf, dass er wohl ziemlich lange im Hinterhof gestanden haben musste, denn auch Peter und seine Familie waren nicht mehr hier und auch sonst hatte sich der Saal ziemlich entleert.

Am Tisch seiner Eltern hatten mittlerweile Lenas Familie Platz genommen. Lutz schäkerte heftig mit Anna, während ihm Lena keines Blickes würdigte.

„Mir ist nicht gut. Ich denke ich werde nach Hause gehen“, log er.

„Was?“, rief sein Vater erstaunt und blickte nicht nur ihn an, sondern auch Lena, die ins Leere starrte. Sein Vater schien nicht zu begreifen, dass zwischen ihm und der Metzgertochter scheinbar doch nichts lief. „Lass ihn doch“, meinte da seine Mutter. „Er wird müde von der Arbeit sein. Ach Fritz, sei so gut, nimm doch auch gleich deinen Bruder mit. Er gehört schon längst ins Bett. Er ist irgendwo da hinten“, deutete sie quer durch den Saal. „Ich komme auch bald nach, schließlich muss ich ja auch noch Rosa abholen“, meinte sie, die sie bei einer Nachbarin untergebracht hatte.

„Abgemacht. Gute Nacht“, verabschiedete er sich und wenig später hatte er auch schon seinen Bruder entdeckt, der sich mit Lotte in eine Ecke verdrückt hatte und dort mit ihr ungeniert Händchen hielt.

„Hallo Fritz“, rief er ihm bereits entgegen, voller Stolz, weil er es geschafft hatte, Lotte anzusprechen. „Das ist mein Bruder Fritz“, stellte er ihn nicht minder stolz seiner Freundin vor.

„Wir sind seit heute zusammen“, meinte er, als sich die beiden wenig später auf dem Heimweg befanden. „Ich hab sie sogar auf den Mund geküsst, jetzt weiß ich wie es sich anfühlt, verliebt zu sein!“ Der Kleine redete und redete und Fritz war es ganz recht: Da Max so sehr beschäftigt war, ihm von seinem tollen Abend zu berichten, fiel es ihm gar nicht auf, wie schlecht es seinem großen Bruder eigentlich ging. Immer mehr beneidete dieser Max - er hatte also bereits eine Freundin, warum also konnte nicht auch er normal sein, wie alle anderen?

Max war schnell eingeschlafen und murmelte schon wenig später im Traum den Namen von Lotte, ehe er einem tiefen Seufzer folgend wieder einschlief. Fritz lag eine halbe Ewigkeit wach im Bett herum, er hörte auch noch seinen Vater heimkommen, der wohl schlimm betrunken sein musste und einen Stuhl in der Küche umstieß – ein heftiges Fluchen folgte, was wiederum die kleine Rosa aufschreckte, die sofort zu weinen begann. Fritz war beruhigt über den kleinen Tumult, der die angsterfüllte Stille, die ihn bis dahin umgeben hatte, zumindest für einen Augenblick durchbrach. Danach war alles wieder ruhig und wieder legte sich die Angst wie ein schwerer Mühlstein auf seine Schultern, ehe Fritz schließlich auch einschlief.

Fritz und Peter spazierten über den Alexanderplatz. Obwohl die Sonne vom Himmel strahlte, waren seltsamerweise nur wenige andere Menschen unterwegs. Da man sich unbeobachtet fühlte, griff Fritz nach Peters Hand, was dieser geschehen ließ. Hand in Hand bogen die beiden in die Alexanderstraße ein, wo sie vor der Auslage eines Blumenladens stehen blieben. Fritz drehte den Kopf und blickte nun direkt in Peters Augen – wie schön er doch war. Langsam näherten sich ihre Gesichter und ihre Lippen näherten sich zu einem Kuss. Bald würde er wissen, wie es sich anfühlte einen Jungen zu küssen. Fritz schloss die Augen, als er plötzlich Lärm aus einer Seitengasse wahrnahm, dass sich wie das Getrampel von Stiefeln anhörte. Als er die Augen wieder öffnete, war Peter plötzlich verschwunden und da Fritz ein mulmiges Gefühl ergriff, beschloss er davonzulaufen. Als er sich umdrehte, sah er Männer in braunen Hemden und schwarzen Hosen mit Gebrüll auf ihn losstürmen. Am Kragen der Hemden hatten die Männer Totenkopfsymbole – es handelte sich also eindeutig um die SS, die gekommen war, um ihn zu holen. Fritz lief so schnell er konnte, doch das Trampeln der Stiefel auf dem Kopfsteinpflaster wurde immer lauter und kam immer näher. Jetzt konnte Fritz auch das Bellen von Hunden vernehmen, die direkt hinter ihm zu sein schienen. Ob er wollte oder nicht, er musste sich abermals umdrehen – zu seinem Schock waren die großen, schwarzen Hunde bereits dicht hinter ihm. Als eine der Bestien gerade zum Sprung ausholte, stieß Fritz einen lauten Schrei aus – aber es war bereits zu spät: Der Hund hatte ihn gepackt und riss ihn zu Boden. Er spürte den stinkenden Atem des Viehs, dessen Maul sich bedrohlich seinem Gesicht näherte – bereit, zuzubeißen. Bereit zu töten. Ein SS-Offizier lehnte sich ebenfalls über den am Boden liegenden `Volksschädling´ - ein diabolisches Grinsen lag auf seinem Gesicht, als er Fritz an den Schultern packte.

„Was ist los mit dir?“, rief er und es hörte sich nicht böse, sondern eher besorgt an.

„Was ist los mit dir?“, fragte Max, der sich zu Fritz ans Bett gesetzt hatte, nachdem dieser plötzlich wie wild zu schreien begonnen hatte.

Fritz schreckte hoch – es war einer der schlimmsten Alpträume, die er bis dahin gehabt hatte. Sein Bruder blickte ihn sorgenvoll an, es musste gegen drei Uhr morgens gewesen sein.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte Max seinen immer noch sprachlos daliegenden Bruder, dessen Nachthemd nassgeschwitzt war. Fritz’ Herz raste, als er sich atemringend aufrichtete und sich seinem Bruder in die Arme warf.

Dieser war sichtlich erstaunt darüber und erwiderte die Umarmung nach kurzem Zögern – noch nie hatte er seinen von ihm so bewunderten Bruder in solch einem Zustand gesehen und das machte auch ihm Angst.

Als Fritz die Unsicherheit des Kleinen bemerkte und sich selbst wieder etwas gefangen hatte, beruhigte er ihn: „Entschuldigung, dass ich dich aufgeweckt habe. Ich hatte einen furchtbaren Alptraum, aber jetzt geht es wieder. Schön, dass du dich um mich gesorgt hast, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung. Geh schlafen“, flüsterte er und strich seinem Bruder eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Kam Peter auch in deinem Traum vor?“, fragte Max leise, nachdem er wieder unter seine Decke gekrochen war.

„Wieso fragst du?“, durchfuhr es Fritz.

„Weil du laut seinen Namen gerufen hast!“, konnte Max noch von sich geben, bevor er wieder einschlief.

Wieder polterte Fritz’ Herz bis zum Hals. Was hatte er noch alles im Schlaf gesprochen? Ein kalter Schauer nach dem anderen kroch seinen durchgeschwitzten Rücken hinunter – es würde nicht mehr lange dauern und jeder würde über seine Veranlagung Bescheid wissen. Bald würden es echte Hunde und Menschen sein, die auf ihn Jagd machten. So sehr er auch wollte, aber Fritz fand in dieser Nacht keinen Schlaf mehr.

Als er gegen halb sechs Uhr morgen immer noch nicht schlafen konnte, beschloss er aufzustehen, um seiner Mutter – einer Frühaufsteherin – beim Frühstück zu helfen. Doch an diesem Sonntag war er tatsächlich der Erste, der die noch menschenleere Küche betrat, wo sonntags immer gemeinsam gefrühstückt wurde - unter der Woche kam das eher selten vor. Fritz feuerte den riesigen Ofen an und setzte Kaffee auf.

„Na, seit wann machst du denn Weiberarbeit?“, hörte er plötzlich die Stimme seiner Mutter hinter sich. Deutsche Männer arbeiteten grundsätzlich nicht in der Küche, also schob sie ihn liebevoll zur Seite. „Na los, setz dich, ich bring dir gleich Kaffee. Warum bist du überhaupt schon auf heute? Normal bist du doch immer der Letzte, der zum Frühstück erscheint!“

„Ich konnte nicht mehr schlafen, hab schlecht geträumt!“

„Was war gestern eigentlich los? Du bist ja sehr früh weg vom Tanzen, hattest du Streit mit Lena? Das sah für alle so aus, sauer wie sie war!“

„Hat sie irgendwas gesagt?“, wollte Fritz zaghaft wissen.

„Nein, sie ist kurz nach dir gegangen, mit ihrem Vater – der konnte sich ja schon gar nicht mehr auf den Beinen halten vor lauter Rausch“, lachte sie. „Na hoffentlich kommt Lutz nicht nach ihm, wäre schade für Anna. Die zwei dürften sich bestens verstehen.“

„Ja, scheint so.“

„Das wäre ja was: Bruder und Schwester heiraten Schwester und Bruder!“, schien sie sich zu freuen.

„Mutter?“, fragte Fritz leise.

„Ja?“

„Ich glaube nicht, dass ich Lena heiraten werde. Ich meine, ich mag sie ja und alles, aber verliebt bin ich nicht in sie. Sie ist mehr so etwas wie eine kleine Schwester für mich, verstehst du?“

„Verstehe, gibt es eine andere?“, fragte sie besorgt, während sie ihm eine Tasse Kaffee hinstellte. „Langsam solltest du schon daran denken, du bist ja kein kleines Kind mehr!“

„Nein, es gibt niemanden“, antwortete Fritz so ehrlich wie möglich und nahm einen kleinen Schluck des noch dampfenden Kaffees. In Wirklichkeit gab es nämlich sehr wohl jemanden.

Seine Mutter blickte ihn argwöhnisch an. „Naja, schade, ich hätte mir Lena gut als Schwiegertochter vorstellen können, aber was soll’s – du wirst dich sicher bald verlieben, wirst sehen.“ Mittlerweile hatte sie sich zu ihm an den Tisch gesetzt und genoss ebenfalls den ersten Schluck Kaffee des noch so jungen Tages.

„Ich bin verliebt“, dachte sich Fritz und blickte in eine andere Richtung, um seiner Mutter nicht zeigen zu müssen, dass sein Kopf in diesem Moment hochrot anlief.

„Wer war eigentlich dieser Junge, bei dem du gestern gesessen hast. Sieht nett aus“, fragte sie ausgerechnet in diesem Moment, als er gerade an Peter dachte.

„Och, das ist Peter. Ein Freund aus der HJ“, antwortete Fritz und versuchte so normal wie möglich zu klingen, auch wenn er sofort vom Gegenteil überzeugt war und sofort nach einer ungewöhnlichen Reaktion im Gesicht seiner Mutter suchte. Als diese nicht kam. fuhr er fort: „Er hat mich übrigens für heute Nachmittag zum Kaffee eingeladen. Er wohnt nur einige Straßen von hier entfernt, übrigens erst seit kurzem. Er ist mit seiner Familie aus Leipzig hier hergezogen.“ Fritz hörte auf zu reden als er bemerkte, dass es regelrecht aus ihm heraussprudelte, wenn er von Peter sprach. Wieder kam es ihm vor, als würde ihn seine Mutter unglaubwürdig betrachten, doch wieder zeigte sie keine Regung, stand auf und schob den bereits am Vortag von ihr zubereiteten Teig in den Ofen, um Brot zu backen, was sie immer selbst tat.

„Mit dem Rest des Frühstücks dauert es noch eine Weile. Willst du dich vielleicht nicht noch einmal hinlegen?“, fragte sie ohne sich in seine Richtung umzudrehen.

„Ne, ich denke, ich geh mal eine Runde laufen“, meinte er und ging zurück in seine Kammer, um sich seine Sporthose anzuziehen. Max lag ruhig in seinem Bett und bekam nichts mit – er schlief nach wie vor tief und fest.

Fritz war ein ziemlich gut trainierter, sportlicher Junge und daher kam es ihm sehr gelegen, dass sich nicht weit entfernt von seinem Elternhaus ein kleiner Sportplatz mit Laufbahn befand. Früher war er oft mit seiner Schulklasse dort gewesen und an Samstagen nutzte er den Platz gelegentlich, um mit seinem Bruder zu kicken. Der Tag schien nicht so heiß zu werden wie die vergangenen und am Himmel schoben sich bereits dunkle Wolken zusammen, als Fritz begann, einige Runden zu drehen. Er war mutterseelenallein und es fühlte sich prächtig an, den Sportplatz ganz für sich allein zu haben.

Wieder dachte er über alles nach, während er Runde für Runde sein Tempo steigerte. „Es wird schon nicht so schlimm werden, so lange keiner davon merkt“, dachte er sich. „Die einzige Gefahr könnte von Lena ausgehen, wer weiß was so verliebten Weibern alles in den Sinn kommt.“ Außerdem beschloss er, Peter über seine Gefühle in Kenntnis zu setzen, was er bis zum tatsächlichen Treffen am Nachmittag allerdings einige Male revidierte.

Die letzten Runden lief er dermaßen schnell, dass er schlussendlich vollkommen außer Atem war und sich erschöpft auf den abgetretenen Rasen neben der Laufbahn sinken ließ. Lange lag er noch nicht, als er plötzlich die ersten Tropfen spürte.

„Schnell nach Hause“, dachte er sich, doch kurz bevor er dort ankam, begann es dermaßen zu schütten, dass er vollkommen durchnässt zu Hause ankam. In der Küche hatten neben seiner Mutter mittlerweile seine Geschwister am Tisch Platz genommen – der einzige der noch fehlte war sein Vater, der im elterlichen Schlafzimmer seinen Rausch vom Vortag ausschlief – zumindest konnte man das anhand des lauten Schnarchens das durch die Wände drang erahnen.

Als ihn seine Mutter vollkommen durchnässt dastehen sah, sprang sie sofort auf, um einen großen Topf Wasser auf dem Ofen zu erhitzen. „Los, ab ins Bad bevor du dich verkühlst!“ Nur wenig später reichte sie ihm den Topf durch den Türspalt und Fritz genoss das heiße Wasser, das seinen müden Körper belebte. Dennoch wäre er fast eingeschlafen, wäre da nicht plötzlich die Tür aufgegangen und Max auf einmal im Bad gestanden.

Ungeniert entledigte er sich seiner Kleidung und stieg zu Fritz in die Wanne, um sich am anderen Wannenende hinzusetzen. Als Kinder hatten sie oft zusammen gebadet, um das heiße Wasser auszunutzen, doch seitdem Fritz praktisch ein Mann war, hatte er das Bad lieber für sich allein.

Verstohlen blickte er Max zwischen die Beine und musste schmunzeln – obwohl er erst zwölf war, hatte sein Pimmel schon beinahe dieselbe Größe wie sein eigener. „Vielleicht wollte er mir ja genau das beweisen“, musste er weiterschmunzeln, allerdings so, dass es sein Bruder nicht bemerkte, der inzwischen angefangen hatte, seinen Oberkörper und sein Haar einzuseifen.

„Alles wieder in Ordnung mit dir?“, fragte ihn Max und schaute ihn mit halb geöffneten Augen an, um keine Seife ins Auge zu bekommen, während er sich mit dem Schwamm die Haare rubbelte.

„Danke, es geht mir wieder gut, es war wirklich nur ein böser Traum!“

Damit schien die Sache für Max erledigt, der Fritz allerdings gleich wieder in Verwirrung bringen sollte. „Jetzt wo ich verliebt bin, werde ich ja bald mit Lotte poppen. Denkst du, meiner ist groß genug dafür?“, wollte er von ihm wissen. Und ohne die Antwort abzuwarten, fragte er schon wieder weiter: „Hast du Lena schon gepoppt?“ Er hatte aufgehört sich einzuseifen und blickte Fritz an, um dessen Antwort einzufordern.

Fritz wusste nicht was er sagen sollte, langsam machte ihn sogar die Fragerei seines geliebten Bruders nervös. Also beschloss er, nur seine erste Frage zu beantworten – vielleicht würde er dann ja auf die zweite vergessen.

„Also, deiner hat schon eine beachtliche Größe für dein Alter, aber für Sex bist du wirklich noch viel zu jung. Stell dir vor sie wird schwanger – also warte noch ein paar Jahre damit!“

„Einverstanden“, gab sich sein Bruder zufrieden – die Meinung seines Bruders zählte für ihn, da gab es keine Diskussion. „Und hast du? Sie gepoppt?“

„Nein, aber es wird vielleicht bald so weit sein“, log Fritz und beendete das Gespräch, indem er aus der Wanne stieg.

„Naja, du hast ja zwei gesunde Hände“, lachte sein Bruder, der noch in der Wanne sitzen blieb, während sich Fritz ein Handtuch um die Lenden wickelte und in die Küche zurückkehrte.

Gegen halb neun saß schließlich die gesamte Familie – einschließlich des noch stark in Mitleidenschaft gezogenen Vaters – am Tisch, trank Kaffee und Kakao und aß Butterbrote. Sonntags gab es auch immer einige Speckstücke aus Ulfs Laden, die man besonders genoss – Fleisch war nichts Alltägliches in dieser Zeit.

Nach dem heißen Bad und dem Frühstück war Fritz dermaßen erholt, dass sich nun doch der fehlende Schlaf in ihm bemerkbar machte und er sich schließlich nochmal hinlegte um zu schlafen.

Er wurde erst kurz vor dem Mittagessen wieder wach, dass er ziemlich schnell hinunterschlang – er hatte es eilig zu Peter zu kommen. Zitternd fingerte er den Bierdeckel aus seiner Hosentasche, um nochmals Peters Adresse zu lesen – mittlerweile kannte er sie natürlich auswendig, nur gefiel ihm seine Schrift einfach gut und es war bislang auch das persönlichste, dass er von ihm besaß.

Nur wenige Minuten später stand Fritz vor einem riesigen Mietshaus, in dem Peters Familie wohnte. Einen Moment zögerte er noch, ehe er bei Kakoschke klingelte. Es war Peter selbst, der ihm die Tür öffnete und der ziemlich überrascht dreinblickte – scheinbar hatte er nicht mit seinem Erscheinen gerechnet.

„Guten Tag Fritz. Schön, dass du gekommen bist. Komm mit, wir wohnen im dritten Stock“, forderte er ihn auf mitzukommen. „Meine Schwestern sind gerade mit Mutter zu meiner Tante gegangen. Wir sind also mit meinem Vater allein“, meinte er, als er die Haustür aufschloss.

„Heil Hitler, Herr Kakoschke“, begrüßte er Peters Vater auf die Art, wie man es damals machen musste.

„Guten Tag, Fritz. Schön dich hier begrüßen zu dürfen. Wie geht’s dir?“, sagte sein Vater genauso freundlich, wie ihn Fritz am Vorabend kennen gelernt hatte. Im Wohnzimmer, das Herr Kakoschke scheinbar auch als Arbeitszimmer verwendete, lagen einige Biologiebücher herum – auf dem Kasten stand ein ausgestopftes Eichhörnchen sowie eine ausgestopfte Eule.

„Ich bin – ich war Biologielehrer“, beantwortete er die neugierigen Blicke Fritz’.

„War?“, wollte Fritz wissen.

„Die Nazis haben ihm die Zulassung entzogen. Mein Vater wollte die neue Rassenlehre nicht in den Unterricht miteinbeziehen. Ein paar Eltern haben davon Wind bekommen – und schon war er seinen Job los. Toll, nicht wahr?“, regte sich Peter auf.

„Warum haben Sie das getan?“, fragte ihn Fritz so höflich wie möglich, „Sie hätten doch wissen müssen, dass Ihnen das passieren kann!“

Herr Kalkosche lächelte nur milde über Fritz’ jugendliche Naivität.

„Weil ich nicht wollte und weil ich der Meinung bin, dass diese `Theorien´ nicht der Wahrheit entsprechen. `Juden sind minderwertig´. Das ich nicht lache – meine besten Schüler waren überwiegend Juden.“

Was Herr Kakoschke hier behauptete, kam Fritz ziemlich kühn vor, obwohl er ihm Recht geben musste. In der Grundschule saß er neben einem jüdischen Kind namens David, der der Beste seiner Klasse war und außerdem zu so etwas wie Fritz’ bestem Freund wurde. Damals, als es noch kein Verbrechen war, neben einem Juden zu sitzen, damals als Juden noch öffentliche Einrichtungen wie Schulen besuchen durften. Irgendwie schämte sich Fritz, dass er erst jetzt, das erste Mal seit langem wieder an seinen Freund aus Kindestagen dachte und den er schon lange nicht mehr gesehen hatte. Aber wahrscheinlich war er – so wie alle jüdischen Familien aus seinem Viertel – mittlerweile auch von der Bildfläche verschwunden.

Zu Hause wurde nicht darüber geredet, was mit ihnen passierte – sein Vater polterte stets nur darüber, was wegen ihnen passierte. „Nimm dich vor den Juden in Acht!“, sagte sein Vater stets. Jetzt wo er an David dachte, kamen ihn langsam Zweifel an diesen Aussagen. War David etwa schuld an der Niederlage im Ersten Weltkrieg? Dieser zarte, intelligente Junge, war das auch ein Volksschädling? Die alte Frau, die Fritz vor kurzem ein paar Straßen weiter sah, die Blut von der Straße schlecken musste, war sie Schuld?

„Ich sehe dir an, dass du dir Gedanken darüber machst. Mach das – bleibe kritisch und lass dich nicht verbiegen. Hörst du? Sei du selbst, egal welche Konsequenzen es haben könnte. Und jetzt entschuldigt mich, ich muss mich kurz hinlegen. Seitdem mir die GESTAPO einige übergebraten hat, leide ich zeitweilen an Kopfschmerzen“, entschuldigte sich Herr Kakoschke und breitete sich auf dem Diwan aus. Fritz mochte Herr Kakoschke auf Anhieb – trotz allem durfte er seinen Sinn für Humor noch nicht verloren haben.

„Komm mit“, sagte Peter leise, während er sich den Zeigefinger auf die Lippen legte und Fritz in seine Kammer führte, wo sie an seinem Schreibtisch Platz nahmen. Da Peter noch zur Schule ging und es erst die zweite Ferienwoche war, lagen noch allerhand Schulsachen herum.

„Du gehst noch zur Schule?“, fragte ihn Fritz überrascht, als er die Bücher erblickte.

„Klar, ich habe vor Abitur zu machen!“, meinte er. „Falls es sich noch ausgeht!“, fügte er hinzu.

„Was meinst du damit?“

„Mein Vater meint, dass es bald einen weiteren Krieg geben wird, noch viel schlimmer als der letzte“, sagte er und blickte ziemlich nachdenklich drein. „Und dieses Mal werden wohl wir diejenigen sein, die den Kopf hinhalten müssen.“

„Ach, Quatsch, wer sollte uns angreifen?“

„Überleg doch mal: Das Sudetengebiet, die Tschechei und Österreich hat sich dieser Hitler schon gekrallt, glaubst du er gibt sich damit zufrieden, dieser Wahnsinnige?“

„Was redest du da?“, rief Fritz erbost, „Wer hat uns Arbeit gegeben, als es uns schlecht ging?“

„Und wer hat sie anderen weggenommen? Und wer lässt andere verhaften, weil sie anders sind oder anders denken? Denk doch mal an deine eigene Lage und öffne die Augen! Es passiert hier bei uns – und keinen scheint es zu jucken!“, redete sich Peter in Rage, ehe ein paar Wuttränen seine Backen runter rannen.

„Meine Lage?“, stammelte Fritz und tat so, als wüsste er nicht, was Peter meinte. Die Offenheit, mit der Peter gewisse Dinge ansprach, bereitete ihm Angst.

„Du weißt genau, was ich meine“, antworte Peter, jetzt wieder ruhig und legte seinen Arm um Fritz’ Schultern. Dieser zögerte nur kurz – und ließ es schließlich gesehen.

„Ich habe es sofort erkannt. Die Art, wie du mich angesehen hast, als ich das erste Mal im Volksheim war. Da wusste ich: Du empfindest so wie ich.“

Peter sprach ganz ruhig, fast sanft, doch Fritz schnürte es die Kehle zu – er rang nach Atem und war den Tränen nahe.

„Sei du selbst!“, wiederholte Peter die Worte seines Vaters und legte seinen zweiten Arm um seine Schultern. Er saß jetzt direkt vor Fritz. „Und um deine Frage zu beantworten: Die Antwort ist `Ja´!“

„Welche Frage?“, stammelte Fritz, der allerdings eine leichte Ahnung hatte, was er damit meinte.

„Die Frage, die du dir selbst dauernd stellst: Liebt er mich? Die Antwort ist `Ja´! Ich denke die ganze Zeit an dich und obwohl es gefährlich ist, möchte ich das Risiko eingehen, mit dir zusammen zu sein. Ich mag dich… sehr!“

Langsam näherte sich Peters Gesicht dem von Fritz – und schließlich küsste er ihn auf den Mund. Fritz saß wie gelähmt da: Es war nur ein harmloser Kuss – zwar auf die Lippen - aber harmlos, doch es war 1000fach besser als alles, was er bislang mit Lena erlebt hatte.

Peter blickte ihn liebevoll an. „Das habe ich mir so gewünscht“, bemerkte er leise.

„Wir müssen verdammt vorsichtig sein“, fügte er hinzu, „aber du bist es mir wert.“

Fritz war noch immer überfordert von der ganzen Situation, also nahm ihn Peter zärtlich in die Arme, während er ihm durchs Haar strich. Noch nie war er einem anderen Menschen so nahe – es fühlte sich so verdammt gut an. Peter hatte seinen Kopf auf Fritz’ rechte Schulter gelegt und atmete ruhig ein und aus, so dass Fritz Peters warmen Atem in seinem Nacken spüren konnte. Seine Härchen richteten sich auf und ein Schauer nach dem anderen jagte seinen Rücken hinunter. Egal ob falsch oder nicht – Fritz küsste nun auch Peter und aus dem Küssen wurden bald leidenschaftliches Knutschen! Fritz spürte, dass Peter vor Erregung bebte und ihm selbst ging es nicht anders – sein bereits steifes Glied wartete nur darauf, von Peters Hand befreit zu werden. Am Abend zuvor hatte er Lena weggestoßen, die ihm in den Schritt fasste – nun wollte er nichts sehnlicher als das. Da es Peter genauso zu gehen schien, wagte Fritz den ersten Schritt und führte seine Hand in Peters Hose um dessen Penis aus seinem engen Gefängnis zu befreien. Dieser tat es ihm gleich und beide kamen schon nach wenigen Minuten – schnaufend und nach Luft japsend.

Danach legten sie sich auf Peters Bett, rauchten eine Zigarette und starrten an die Decke.

„Warum bist du eigentlich in der HJ?“, fragte Fritz nach einer Weile.

„Naja, was bleibt mir anderes über. Du weißt doch, was sie mit Leuten machen, die nicht `freiwillig´ eintreten wollen? Denen treten sie die Fresse ein – hab ich selbst erlebt in Leipzig, nicht an mir, aber bei anderen. Nun ja und mein Vater? Eine aktenkundige Widerstandsperson? Zu meinem Schutz hielt er es für angemessen, dass ich eintrete – die beste Tarnung ist oft die, in die Haut des Feindes zu schlüpfen. Aber keine Sorge: Meine Finger waren gekreuzt beim Hitlerschwur!“

Er versuchte zu lachen, aber nun wurde er sich erneut der Gefahr bewusst, in die sich beide begaben.

„Wir müssen höllisch aufpassen, das ist dir hoffentlich klar?“, sagte Fritz angsterfüllt.

„Denn eines ist klar: Wenn uns irgendjemand entdeckt und verrät, dann bringen die uns um! Ohne Zweifel, sie bringen uns um!“

Beide waren sich ihrer ernsten Situation bewusst. Sie fielen sich seufzend in die Arme und genossen die Nähe zueinander so lange es noch ging.


© MaXXie


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Beschreibung des Autors zu "Herbst in Berlin/Teil 1"

Fritz ist begeistert vom neuen Deutschland, insbesondere von der Hitlerjugend, in der er auch Mitglied ist. Dort lernt er auch Peter kennen, der ihn von Beginn an fasziniert. Aus Bewunderung wird Liebe, die von Peter auch erwidert wird - für beide ein gefährliches Unterfangen. Langsam werden Fritz die Augen geöffnet und er erkennt, dass `einer wie er´ in Deutschland nicht erwünscht ist...

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