5. ABENTEUERERFAHRUNG

Charly und Uwe erlebten auf ihren Einsatzfahrten etliche Abenteuer, die Uwe vorher nicht für möglich gehalten hätte. Man wusste bei Dienstbeginn nie, was in den nächsten Stunden auf einen zukam. Natürlich nervte es, von Verkehrsunfal zu Verkehrsunfall zu fahren und für irgendwelche Kfz-Versicherungen Daten und Beweise zu sichern. Aber dafür wurde man ab und an dann wieder mit einem schönen Hausstreit versöhnt.

Vor allem an den Feiertagen war das extrem. Die Leute hingen daheim aufeinander, dröhnten sich die Birne zu und zankten dann so heftig, bis irgendwelche fürsorglichen Nachbarn die Polizei riefen. Gegen die „Bullen“ vereinigte man sich wieder schnell oder man schwärzte den Partner so ganadenlos an, dass die Gendarmerie den Ehegatten zur Ausnüchterung mit aufs Revier nehmen durfte.

Einmal wurden Charly und Uwe von einer besorgten Vermieterin in eine Wohnung gerufen, in der es zu blutigen Gewaltszenen gekommen war. Sie öffnete mit ihrem Schlüssel eine Wohnungstür, und im Flur war eine riesige Blutlache zu sehen. Dort lag auch eine Bierflasche mit Blutantragungen. Also stimmte die Angabe der Vermieterin. Jetzt hörte man aus einer Ecke noch ein heftiges Gekeuche und Gestöhne. Charly zog vorsichtshalber seine Pistole aus dem Holster. Die Vermieterin wich beiden nicht von der Seite. Dann sahen sie auf dem Sofa ein nacktes Paar. Beide waren blutüberströmt, aber in eindeutiger Stellung heftigst zugange. Die Vermieterin japste und griff sich ans Herz. Für sie musste schließlich noch ein Rettungswagen angefordert werden. Charly bat Uwe am Ende der Veranstaltung, noch die Namen der Beteiligten für den Eintrag im Tätigkeitsbuch des Reviers festzustellen. Das gab Uwe Gelegenheit zu einem witzigen Beitrag. Er schrieb: „Der Mann hieß Locher. Er lag auf der Blutüberströmten und machte seinem Namen alle Ehre.“

Dafür wurde er von Oberkommissar Grieb einbestellt und getadelt. „Wir sind hier kein Jux-Verein. Solche Beiträge verbiete ich mir. Pfundner sollte Sie öfters zum Verkehrsregeln schicken, damit sich ihre Hirnzellen nicht so frei entfalten.“

Allen Kollegen des Streifendienstes wurde bei Dienstbeginn vom Schichtführer das Tätigkeitsbuch vorgelesen. Man musste wissen, welchen Gefahren die Leute der Vorschicht ausgesetzt waren und mit welchen Subjekten man es immer wieder zu tun bekam. Was Uwe nicht wusste, war, dass alle hier versuchten, sich gegenseitig an scherzhaften Einträgen zu übertrumpfen. Prompt wurde er zum Scherzkeks der Woche gekürt.

Weniger lustig war dann die Episode mit dem angefahrenen Schäferhund. Der Köter lag mitten auf einer Kreuzung, zuckte immer wieder kurz auf und ließ dabei einen Blutschwall auf die Straße fließen. Irgendein 2CV-Fahrer hatte ihn erledigt. Und der stand mit einem verbeulten Kotflügel am Fahrbahnrand und heulte Rotz und Wasser. Natürlich wandte sich Charly gleich diesem Entnervten zu. Zu Uwe meinte er nur: „Ich nehme den Unfall auf. Kümmer du dich um den Hund. Gib ihm den Gnadenschuss. Ich sicher hier nebenbei noch ab.“

Ja, Scheiße, das meint er doch nicht ernst? Ein Mann sprach Uwe jetzt an: „Das ist mein Hasso, der hier ermordet wurde. Können Sie ihn nicht von seinen Qualen erlösen? Bitte, Sie sehen doch, Herr Wachtmeister!“ Jetzt kotzte der Köter gerade wieder eine Lache auf die Straße.

Uwe zog widerwillig die gut geölte Unique aus dem Holster, eine Automatik Kaliber 7,65. Aus respektvoller Entfernung gab er den ersten Schuss auf den Hund ab. Kopftreffer, leichtes Zucken, erneuter Blutschwall. Okay, dann halt nochmal. Dieselbe Prozedur. „Näher hin“, rief Charly. „Der beißt dich doch nicht mehr!“ Immer wieder gab Uwe einen Schuss ab, aber erst beim sechsten rührte sich das Tier nicht mehr. Der Hundehalter war ganz weiß im Gesicht. Man sah ihm an, dass er Uwe am liebsten erwürgt hätte.

Auf dem Revier musste Uwe seinen Schusswaffengebrauch erst dem Schichtführer, dann dem Stellvertreter und schließlich dem Revierführer melden und wurde dreimal zusammengestaucht. Da schwor er sich, nie wieder seine Pistole einzusetzen.

Mit der nächsten Dienstpost erhielt er sechs neue Patronen.


6. IMMER DIESE STREICHE

Wenn Charly in der Schule war und Rudi frei hatte und außerdem Helmut noch auf Botentour war, kam es selten mal vor, dass Uwe mit dem gewitzten Manni in der Gegend rumkurven musste. Da wusste er schon bei der Einteilung im Vorfeld: das wird heut bestimmt kein Glückstag. Manni war Zyniker aus Leidenschaft und immer klebten ausgerechnet ihm die absonderlichsten Vorkommnise an den schwabbligen Hinterbacken, wovon er aber immer total begeistert war, vor allen Dingen, wenn er dabei nebenher seine Kollegen veralbern konnte.

So trafen sie mal nachts einen total besoffenen Pennbruder an, der quer über dem Gehweg lag. Auf Mannis Geheiß verfrachteten sie die Bierleiche auf den Rücksitz des Streifenwagens. Dann musste Uwe das Nachbarrevier anfahren. Dort luden sie den Betrunkenen aus und setzten ihn an die Eingangstür. Dabei kotzte der Typ Uwe einen halben Liter Jägermeister auf die Uniformhose. „Zeit, dass die den hier ausnüchtern. Bei denen hat er´s bestimmt gut,“ lachte Manni. „Jetzt hat er sich ja auch schon ein bisschen erleichtert.“ Dann fuhren sie zurück in ihren Revierbereich.

Ein anderes Mal wurden Manni und Uwe mal nachmittags über Funk zur Unterstützung von ein paar Kollegen der Kripo angefordert, um irgendwelche Schaulustige von einem Tatort fernzuhalten. In einem Kleingarten hatte sich ein älterer Mann am Türkreuz seiner Laube mit einem Wäscheseil erhängt.

Die Gartennachbarn wurden vertrieben. Irgendwelche Kollegen der Spurensicherung schwirrten am Tatort rum. Manni schien alle zu kennen und blödelte mit ihnen rum. Plötzlich bat ein Kollege der Mordkommission Uwe, ob er ihm nicht helfen könnte, die Leiche zu halten, während er das Seil über dem Knoten abschnitt. „Der Körper darf nicht auf den Boden plumpsen. Bitte halte ihn von hinten fest, Kollege.“

Der Kripomann stieg auf eine Bockleiter und säbelte mit einem Messer oberhalb des Knotens herum. Uwe hielt den Toten von hinten umklammert. Manni und Kollegen standen daneben und feixten erwartungsvoll.

Es gab einen Ruck, die Leiche drückte gegen Uwe, dann hörte er ein seltsames Geräusch. Der Tote entleerte zum letzten Mal lautstark seinen Darm in Richtung seines Hintermanns. Welch eine ekelhafte Erfahrung. Manni lachte Tränen.

An einem Vormittag waren sie mit dem 14/1 unterwegs und Uwe musste den VW-Bus auf einem engen Feldweg wenden. Dabei blieb er mit den Hinterreifen im aufgeweichten Acker stecken. Die Räder drehten durch.

„Uwe, hinten liegt ein Leichentuch im Kofferraum. Das holst du raus und wickelst es um einen Reifen. Dann schiebst du hinten kräftig an, während ich leicht Gas gebe.“ Mannis Tipp klang vernünftig und wurde so gleich ausgeführt. Uwe stemmte sich von hinten gegen die Karosserie, Manni trat das Gaspedal voll durch und ließ die Kupplung schnalzen. Die Hinterräder spritzten den halben Acker auf Uwes Uniform und Manni stieß wieder sein seltsames Lachen aus. Der 14/1 war frei, aber wieder mal musste Uwe die Uniform wechseln, nachdem er mit Manni unterwegs gewesen war.


© bruddlsupp

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Beschreibung des Autors zu "ALS STREIFENHÖRNCHEN IN DER VORSTADT (Teil 5 und 6)"

Erlebnisse eines Polizeianfängers.

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