3. LAND UND LEUTE

Uwes Eltern hatten einen Bauernhof in einem kleinen Dorf erwa 60 km von der Großstadt entfernt. Uwes Bruder sollte den Betrieb übernehmen und Uwe selbst schlug deshalb die Beamtenlaufbahn ein. Viele Stellen bei der Polizei in der Nähe seines Wohnorts gab es nicht, aber er hatte die Zusage, in zwei Jahren in einer Kleinstadt auf einem Posten anfangen zu dürfen.

Jetzt hatte er sich in der stinkenden und staubigen Großstadt ein möbliertes Zimmer mieten müssen. Das und die Kosten für Verpflegung und Benzin rissen ein ordentliches Loch in sein nicht gerade üppiges Gehalt als Polizeioberwachtmeister.

Deshalb war er auch nicht sehr begeistert, dass seine neuen Kollegen nach jedem Schichtwechsel auf ein Bier in die nächst gelegene Kneipe gehen wollten. Aber natürlich konnte er sich nicht immer davor drücken.

Den Schichtführer nahmen sie nie mit. Den konnten sie alle nicht leiden. Helmut schloss sich den Schluckspechten eigentlich auch nur sehr selten an, aber die restlichen Typen waren eigentlich ganz angenehme Zeitgenossen. Da war sein Bärenführer Charly, ein blitzgescheiter und stets gut gelaunter junger Mann Mitte 20, dann die Obermeister-Pärchen Manni und Rudi sowie Klaus und Alfred, die jeweils zusammen eine feste Streifenbesatzung bildeten und noch der Wachhabende, ein älterer gutmütiger Kollege namens Richard.

Manni war der Durchtriebenste von allen. Er hatte nichts als Blödsinn im Kopf. Wenn er ein, zwei Bier intus hatte, heckte er die tollsten Streiche aus, unter denen die Kollegen dann zu leiden hatten.

Öfters hatte er schon dem angesoffenen Hauptkommissar Fröhlich Hähnchenknochen und Apfelbutzen in die Aktenmappe gesteckt, die dieser dann in der Straßenbahn mit heimschleppte. Nachts hatte er mal Rudi mit dem Feuerzeug die Schnürsenkel durchgebrannt, als dieser kurz auf einer Holzbank ausruhte. Rudi musste die Schuhe wechseln, als es einen Alarm gab. Der Wachhabende, der nach Mitternacht gerne einnickte, wenn nichts los war, fand auf seinem Schreibtisch einmal einen Igel vor, den Manni von der Streife mitbrachte.

Alfred war der Dümmste von allen. Er musste bei jedem Wort überlegen, wie es richtig geschrieben wurde und war ständig am Fragen, wenn er an der Schreibmaschine saß. Dafür hatte er das Talent, überall günstig einzukaufen, oft auch unter Zuhilfenahme des Polizeidienstausweises. Wenn irgendwo eine Feier anstand, musste Alfred diese organisieren.

Rudi war von Natur aus stinkfaul und langsam. Sein Talent bestand darin, Manni einen Teil seiner Arbeit aufzuhalsen.

Klaus war streitsüchtig. Er führte eine unglückliche Ehe. Den Kollegen gegenüber gab er sich kameradaschaftlich, aber wenn ihm irgendein Straftäter krumm kam, setzte es sofort eine gewaltige Tracht Prügel. Oft mussten die anderen das ausbaden und ihn aus solchen Situationen heraushauen.

Richard war immer am Kichern. Wenn er eine dicke Zigarre im Gesicht und ein Viertel Rotwein in Griffweite hatte, war er zufrieden und glücklich.

Uwe fühlte sich wohl in der Gemeinschaft dieser Leute.

Pfundner jedoch konnte er nicht ausstehen. Dieser meckerte an allem herum und ließ öfters Berichte noch einmal neu schreiben, wenn sie ihm zu viele Fehler aufwiesen. Außerdem war er ständig tagsüber bei Grieb und berichtete diesem über schichtinterne Unzulänglichkeiten.

Nachts verschwand Pfundner öfters und meldete sich bei Richard zur Fußstreife ab. Dann besuchte er angeblich eine alleinstehende Dame, die in der Nähe des Reviers wohnte.

Manchmal hatte er Wutanfälle. Dann jagte er z. B. nachts um vier alle Leute raus auf Streife. Doch diese nahmen dann immer Skatkarten mit und klappten im 14/1 hinten den Klapptisch herunter.

Uwe hätte es schlimmer treffen können.


4. ARBEITSAUFWAND

Dieser Schichtdienst war eine verzwackte Angelegenheit. Er begann z. B. Montagabend um 20 h mit der Nachtschicht, die um 6 h endete. Tags darauf startete dann 6 h der Frühdienst, der ging bis 13 h. Näcchsten Mittag gings um 13 h los bis 20 h, das war die Spätschicht, der dann wiederum eine Nachtschicht folgte. Am Wochenende wurde es dann kompliziert. Auf eine Freitag-Frühschicht folgte eine 12-Stunden-Tages-Schicht am Samstag, auf die sich dann am Sonntagabend eine 12-Stunden-Nachtschicht anschloss. Am anderen Wochenende hatte man dann am Samstag die 12-Stunden-Nachtschicht, dann wiederum am Freitag. Jedes vierte Wochenende war komplett frei von Freitagabend 20 h bis Montagabend 20 h. Ganz schön kompliziert.

Aber man konnte pro Halbjahr noch jeweils eine Freischicht nehmen, und zwar eine Früh-, eine Spät-, eine Nacht- und eine 12-Stunden-Schicht. Das musste man mit den Kollegen absprechen und rechtzeitig beantragen. Schaffte man das nicht, teilte einem der Schichtführer die Freischichten so zu, wie er sie für seine Zwecke als angemessen erachtete.

Während der Wochenend-Schichten musst man meist noch Einsätze schieben z. B. bei Bundesliga-Fußballspielen, Messen, bei Objektschutzmaßnahmen oder auf Demonstrationen. Dafür war man irgendwelchen Einsatzzügen zugeteilt, natürlich vorrangig als jüngerer Kollege.

Zur Verstärkung kamen dann am Wochenende ein paar Freizeitpolizisten, sogenannte „Hiwis“, die mit im Streifenwagen saßen, aber selbst keine Anzeigen bearbeiten durften. Zu Uwes Schicht kamen da immer der Arthur, der bei der Stadt schaffte und der Robbi, der einen Fotoladen betrieb. Beide trugen komplette Uniformen nebst Pistolen und waren für diese Tätigkeit 14 Tage lang ausgebildet worden. Die zwei waren schwer in Ordnung, gaben auch immer mal ein Bier für die anderen aus, aber natürlich wollte keiner mit ihnen Streife fahren.

Ein richtiger Polizist muss zur Ausbildung zuerst fast drei Jahre zur Bereitschaftspolizei (mit mehrmaliger fachlicher, berufsschulartiger, Führerschein-, Sport- und DLRG-Prüfung), dann in der Großstadt 6 Monate zur Ausbildungs- und Einsatzbereitschaft (Ausbildung Verkehrsregelung, Fahrprüfung Großstadt-Verkehr, Anzeigenbearbeitung), dann kommt er so wie Uwe etwa ein Jahr aufs Revier und anschließend muss er auf einen halbjährigen Fachlehrgang mit Laufbahn-Prüfung (Strafrecht, Strafprozessrecht, Verkehrsrecht, Kriminologie u.a.), und erst dann wird er mit der Beförderung zum Polizeihauptwachtmeister richtiger Polizist, allerdings nur auf Probe. Ab dem 27. Lebensjahr wird man Beamter auf Lebenszeit. Was sind da schon zwei Wochen. Allerdings bekommen die „Hiwis“ etwa 5 Mark Vergütung pro Stunde Einsatz. Dafür kann der Wachhabende im Wachbuch immer die Mindestanzahl der benötigten Kräfte eintragen.

Während der normalen Wochenarbeitszeit muss man als Polizist noch einmal im Monat zur Schießausbildung und mindestens zweimal zum Dienstsport.

Außerdem gabe es noch beim Frühdienst Spezialaufträge. So darf immer einer von der Vorstadt ins Stadtzentrum fahren und dort Blut zum Chemischen Untersuchungsamt und Führerscheine zur Staatsanwaltschaft bringen, außerdem von der Verwaltung Material fürs Geschäftszimmer holen bzw. dort die Verwarnungsgelder abrechnen. Diese Aufgabe erledigte bei uns immer freiwillig Helmut, wenn er nicht gerade krank war. Dazu benutzte er einen alten grünen Polizeikäfer ohne Funk, der unserer Revierleitung zur Verfügung stand.

Ansonsten war dieser Dienst als Streifenhörnchen relativ anspruchslos. Gut, die Unfälle musste man komplett selbst bearbeiten (A-Unfall = Verwarnung, B-Unfall mit erheblichen Verstößen oder großem Schaden = Ordnungswidrigkeiten-Anzeige, C-Unfall mir Verletzten oder Alkohol = Strafanzeige). Aber bei Verletzten forderte man in der Regel das Unfallkommando zur Bearbeiung an. Bei anderen Straftaten wie Körperverletzung, Sachbeschädigung, Beleidigung u. ä. tippte man eine A1-Ursprungsanzeige mit freiem Text in die Maschine. Die wurde dann von den Kollegen des Revier-Ermittlungsdiensts zu Ende bearbeitet, d. h., die führten noch Vernehmungen durch und fertigten eine Strafanzeige für die Staatsanwaltschaft. Bei größeren Delikten wie Diebstahl, Betrug u. a. ging die A1 zur weiteren Bearbeitung an die Kriminalpolizei.

Im Normalbetrieb kamen die Aufträge für die Streifenbeamten über Telefon ins Revier oder über Funk im Auto. Dann fuhr man die Tat- oder Unfallorte an und nahm seine Arbeit auf. Sich nebenher noch selbst irgendwelche Verstöße zusammenzusuchen kam eher selten vor.

Wenn draußen nicht viel los war, z. B. im 12-Stunden-Dienst am Sonntag, hing jeder an der Schreibmaschine und arbeitete seine Rückstände auf.


© bruddlsupp


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Beschreibung des Autors zu "ALS STREIFENHÖRNCHEN IN DER VORSTADT (Teil 3 und 4)"

Erlebnisse eines Polizeianfängers.

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