1. NEU IM KOLLEGENKREIS

Es war irgendwann Anfang der 1970er-Jahre. An einem Montagfrüh um 7.30 Uhr betraten Uwe, Norbert und Michael in Uniform die alte Polizeiwache in der tristen Vorstadt. Keiner von ihnen wollte eigentlich hier her, aber nach einem halben Jahr in der Ausbildungsbereitschaft hieß es, etweder da hin oder wir stecken euch ins umtriebige Innenstadtrevier, wo ihr jeden Tag auf die Schnauze kriegt. Und das wollte eigentlich kein junger Kollege, der frisch auf einem Großstadtrevier anfangen musste.

Nun meldeten sie sich halt hier beim Wachhabenden, und der schickte sie ins Geschäftszimmer am Ende eines Flurs. Dort saß ein Weißhaariger in einem grauen Hausrock am Tisch, ließ sie herumstehen und notierte ihre Personalien. Dann teilte er ihnen mit, dass sie in drei verschiedene Schichten eingeteilt wären. Uwe musste in die C-Schicht. Jetzt erfuhren sie noch, an welchem Tag und zu welcher Stunde sie anfangen mussten, dann ging der Weißhaarige mit ihnen in den Keller und teilte jedem einen Spind zu, in dem ein Schlüssel steckte. Ihre Namen standen schon auf einem Kärtchen an der Tür. „Jetzt noch zum Revierführer“, raunzte der Geschäftszimmermensch und schleppte sie in den ersten Stock in ein Büro, in dem es furchtbar nach Alkohol stank. „Das ist Herr Fröhlich. Hier sind die neuen, Chef,“ der Weißhaarige verschwand gleich wieder.

Hinter dem Schreibtisch saß ein aufgedunsener Glatzkopf mit Hosenträgern. Dem Kragenspiegel der über dem Stuhl hängenden Jacke nach war der Typ Hauptkommissar. Vor ihm stand ein großes Bierglas. „Wollt ihr auch eins?“ fragte er. Als alle plichtschuldigst nickten, holte er hinten aus einem Kühlschrank drei Flaschen, stellte sie auf den Tisch und öffnete sie. „Nehmt Platz, Männer, prost!“ Der Hauptkommissar zeigte auf ein paar Stühle, sie setzten sich und nahmen einen ordentlich Schluck aus der Pulle.

„Willkommen bei uns, Leute. Ihr seid schon in Schichten eingeteilt und werdet hier im Streifendienst verwendet. Ihr kriegt einen Bärenführer, der euch einlernt. Eure Hauptaufgabe wird hier darin bestehen, Verkehrsunfälle aufzunehmen. Von morgens bis abends knallen alle fünf Minuten so ein paar Idioten zusammen. Da ihr die Jüngsten seid, müsst ihr auch immer im Berufsverkehr Verkehrsregelungsaufgaben übernehmen. Außerdem dürft ihr auf dem Weg dahin in den Geschäftsstraßen verkehrsüberwachend Zahlkarten an Falschparker verteilen. Nachts seid ihr mehr auf Objektstreife im Industriegebiet unterwegs, weil hier ziemlich viel eingebrochen wird. So, trinkt aus, dann zeige ich euch die Diensstelle.“

Sie stolperten hinter den Hosenträgern her und kamen in ein Großraumbüro. „Hier sitzt der Bezirks- und Ermittlungsdienst, das sind erfahrene Kollegen, die im Tagesdienst Straftaten bearbeiten und auswärtige Ersuchen erledigen.“ Ein paar graumellierte Polizeiköpfe starrten sie missmutig an. „Weitermachen, Männer,“ rief der Chef jovial und zerrte sie dann ins Erdgeschoss in den Wachraum vor. Der Wachhabende musste zwei Telefone, sechs Rufmelder und einen laut ratternden Fernschreiber bedienen und außedem die Leute betreuen, die aus irgendeinem Grund auf die Wache kamen.

„Da müssen natürlich immer einige Leute unterstützen und Anzeigen aufnehmen.“ wurde erklärt. Neben dem Wachraum war ein Vernehmungsraum, in dem zwei Schreibmaschinen standen. Gegenüber befand sich ein Aufenthaltsraum, in dem ein paar Kollegen rumlungerten, lachten und Bier tranken. „Ah, Frischfleisch, kommt einer von euch tapsigen Streifenhörnchen zu uns?“ scherzte ein Jüngling frech. „Man müsste grad mal wieder Bier aus dem Keller holen.“ „Nein, A-Schicht muss keiner, sie haben Glück gehabt,“ grinste der Chef.

Er führte sie nebenan in ein kleines Büro, in dem ein älterer Kollege vom Tisch aufstand und sich vor ihm verneigte. „Da sitzt der Schichtführer, der teilt ein und überwacht den Betrieb. Wenn was größeres passiert, muss er raus an die Front. Wir sind schon wieder weg.“ Jetzt lieferte sie der Chef in einem weiteren Büro ab. „Da sitzt mein Stellvertreter, Herr Grieb. Das ist tagsüber der Chef vom Streifendienst. Nachts ist der Schichtfüher der Höchste. So, Männer, ich wünsch euch guten Anfang!“ Er drückte jedem der drei neuen die Hand und ging dann zu seinem Kühlschrank zurück.

Der Stellverteter (mit dem Kragenspiegel eines Oberkommissars) hielt ihnen jetzt noch steif und umständlich eine Stunde lang einen Vortrag über die Besonderheiten und Anforderungen des Streifendiensts in der Vorstadt. Dann waren sie entlassen und wurden nochmals auf die Anfangszeiten ihrer jeweiligen Schichten aufmerksam gemacht.

Na ja, Uwe hatte sich das schlimmer vorgestellt. Es gab wohl genügend Leute um einen rum, die einem alles zeigten. Da fing er halt mal am nächsten Nachmittag in der C-Schicht an. Er würde sich schon durchkämpfen.


2. STREIFENBEGINN

Uwe stellte sich am nächsten Tag seinem neuen Schichtführer, einem undurchsichtigen Polizeihauptmeister namens Pfundner, gleich mit den richtigen Worten vor, um sich unbeliebt zu machen.

„Von mir werdet ihr eh nicht viel haben. In spätestens zwei Jahren bin ich hier wieder weg. Mir wurde versprochen, dass ich auf eine Dienststelle in meiner Heimatstadt komme, wenn ich bis zu meinem Fachlehrgang bei euch in der Großstadt abhänge. Mein Versetzungsantrag ist schon gestellt und genehmigt.“

„Ja, das gibt’s hier ständig. Es sind nur wenige Kollegen von auswärts, die hier hängen bleiben. Na, wer weiß, vielleicht lernen Sie ja hier in der Gegend ein nettes Mädchen kennen. Aber Ihre Arbeit müssen Sie wohl trotzdem richtig machen. Da werde ich schon dafür sorgen.“

Pfundner erklärte ihm, dass er einem jungen Polizeimeister namens Charly zugeteilt wäre, der ihn in die Polizeiarbeit einführen würde. Allerdings war Charly an zwei Tagen in der Woche auf Fortbildungsschulung für den gehobenen Dienst. Deshalb sollte er jetzt erstmal mit dem alten Helmut auf Streife fahren. Dieser könnte ihm die Reviergrenzen zeigen und auch erste Maßnahmen mit ihm zusammen treffen.

Helmut war ein grummeliger alter Sack mit wenig Haaren und viel Bauch. „Ich hab noch zwei Jahre bis zur Pensionierung. Du glaubst doch nicht, dass ich mir da noch einen abbreche?“

Vor dem Revier standen ein VW-Bus und ein Variant, beide dunkelgrün lackiert. „Wir nehmen den Waran 14/2,“ Helmut deutete auf den Variant. Uwe setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an, Helmut meldete sie über Funk bei der Zentrale an. „Waran 14/2 Streifenbeginn.“ „Waran 14/2, fahren Sie gleich Ecke Burgunder-Unterländer Straße zu Verkehrsunfall ohne Verletzte.“

Helmut lotste Uwe durch den Verkehr. „Du musst immer eine Schreibmappe dabei haben und am besten ein paar Formulare. Wenn wir ankommen, sofort die Kennzeichen notieren. Danach ausgiebig Personalien aufschreiben. Ich zeige dir alles.“

An der Unfallstelle musste Uwe zur Absicherung das Blaulicht einschalten. „Lass den Motor laufen, sonst ist nachher die Batterie von der Schrottkarre leer.“ Dann erklärte Helmut Uwe genau, was er alles aufschreiben müsse. Außerdem wurde der Stand der Autos mit Unfallkreide angezeichnet, damit der Verkehr nicht allzu lange behindert würde. Während Uwe Notizen machte, hörte er, wie sie über Funk gerufen wurden. „Waran 14/2, neuer Auftrag, bitte kommen.“ „Finger weg vom Funkgerät, wir sind beschäftigt. Nach 1 kommt 2.“ Einer der beiden Autofahrer wurde jetzt von Helmut gebührenpflichtig verwarnt. Er nahm ihm 10 Mark ab und gab ihm eine Quittung.

„Waran 14/2 Streifenfortsetzung.“ In der Zwischenzeit war der 14/1 ausgerückt, um einen weiteren Unfall aufzunehmen. Helmut erklärte Uwe jetzt den Revierbereich. „Wir betreuen pro Schicht mit höchstens 9 Streifenbeamten etwa 50000 Einwohner, und da sind die natürlich nicht mitgezählt, die jeden Tag zweimal mit dem Auto hier durchfahren. Vor Unfällen kannst du dich hier kaum retten.“

Prompt wurden sie zu einem weiteren Blechschaden gerufen.

Anschließend fuhren sie zuerst bei einem Metzger vorbei und dann aufs Revier. Helmut zeigte Uwe, in welche Bücher er die Unfälle eintragen musste und welche Formulare er danach ausfüllen sollte.

Nach zwei Stunden ging´s wieder raus auf Streife. So verging die erste Schicht wie im Flug. Der Grantler hatte sich als höflicher und hilfsbereiter Kollege entpuppt. Nur einmal kurz vor Feierabend musste sich Uwe doch über den Alten wundern. Uwe hatte zwei junge Männer beobachtet, die offenbar miteinander Streit hatten. Sie schubsten einander auf dem Gehweg hin und her. Er machte Helmut darauf aufmeksam.

„Ich hab nichts gesehen. Ich steig auch nicht aus kurz vor Schichtende. Wenn, musst du das allein bearbeiten.“ Uwe lenkte den 14/2 vors Revier.


© bruddlsupp


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Beschreibung des Autors zu "ALS STREIFENHÖRNCHEN IN DER VORSTADT (Teil 1 und 2)"

Erlebnisse eines Polizeianfängers.

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