Am Mittwoch haben sie im dritten Stock einen Bildschirm aufgestellt, als wäre es eine Messe.
Kein Witz. Ein großes Display auf einem Rollständer, die Räder blockieren immer genau dann, wenn man sie schieben will. Kabel lagen herum wie Eingeweide. Darunter ein Aufsteller: **WILLKOMMEN ZUR KI-SPRECHSTUNDE**. Jemand hatte Kekse hingestellt, diese trockenen Butterdinger, die im Mund zu Staub werden und trotzdem jedes Mal „Danke“ heißen sollen.
„Kommt alle vorbei“, sagte Mareike aus HR, mit dieser glasigen Begeisterung, die entsteht, wenn jemand gerade ein neues Spielzeug bekommen hat, das andere bedienen müssen. „Sie hilft euch beim Formulieren.“
Beim Formulieren. Als wäre Sprache ein Formular im Intranet, das man nur korrekt ausfüllen muss, damit es durch drei Freigaben rutscht und niemand sich zuständig fühlt.
Ich stand hinten in der Tür und zählte im Kopf bis drei, damit ich nicht gleich anfange, giftig zu grinsen. Nicht aus Protest, eher aus Instinkt. Bei solchen Terminen steht man hinten, wenn man nicht ganz sicher ist, ob man lachen darf. Oder ob man gleich irgendwem an die Gurgel will.
Die Stühle quietschten, wenn jemand sich bewegte. Also bewegte sich kaum jemand. Alle sahen nach vorn, geschniegelt konzentriert, und ich dachte kurz: So schaut man sonst nur auf Ultraschallbilder oder Preisverleihungen.
Der Moderator war einer von diesen Typen mit Mikrofon, mit Firmenlanyard und Namensschild („Kai, Transformation“), die immer wirken, als hätten sie gerade eine gute Nachricht über sich selbst bekommen. Er sagte „Gamechanger“ und „Synergie“ und „Disruption“, als würde er Bingo spielen, und machte dabei diese Handbewegung, als würde er eine unsichtbare Zukunft kneten, die leider immer nach Flipchart roch. In meinem Kiefer zog etwas an, wie bei einem schlecht sitzenden Zahn.
„Wir sind jetzt vierzig Prozent produktiver“, sagte er, in diesem Tonfall, in dem Menschen Zahlen sagen, die nie jemand nachrechnen wird.
Vierzig Prozent. Auf der Folie hinter ihm wuchs ein blauer Balken heroisch in die Höhe, flankiert von einem Beraterlogo, das vermutlich mehr gekostet hat als mein Jahresbonus. Ich fragte mich, aus welcher Körperregion man solche Zahlen zieht, wenn nicht aus der, in der eigentlich das Gewissen sitzen müsste. Vierzig Prozent wovon, dachte ich. Von den Pausen vielleicht, oder von den Nachfragen, die jetzt keiner mehr stellt, von diesem kurzen Zögern, wenn man merkt, dass man gerade Mist erzählt.
Dann zeigte er uns die KI.
Sie hatte eine Stimme, die klang wie eine dieser Hotline-Ansagen, bei denen man weiß, dass sie sich bedankt, während man innerlich schon in der Warteschleife hängt. Freundlich, glatt, ohne die kleinste Unebenheit, die verraten würde, dass da jemand mitgedacht hat.
„Stellt eure Fragen“, sagte der Moderator.
Eine Hand ging hoch, sofort, als hätte jemand Angst, die neue Religion könnte ohne ihn beginnen.
Es war Timo aus Controlling, der schon gestern im Flur gesagt hatte, er wolle „endlich mal weniger Missverständnisse“.
„Kannst du mir eine Mail schreiben“, sagte jemand, „die bestimmt klingt, aber nicht unfreundlich?“
Die KI antwortete noch bevor Kai mit dem Mikro Luft holen konnte, als hätte sie nur darauf gewartet, endlich zeigen zu dürfen, wie schnell sie ist. Sätze wie Firmen-Poloshirts vom letzten Teamevent, frisch aus der Plastikfolie gezogen, das Logo noch steif auf der Brust, aber unter den Armen schon feucht. Kein Fleck, keine Falte.
Die Leute nickten, erst vereinzelt, dann im Takt, als hätten sie sich unbewusst abgestimmt. Neben mir hustete jemand trocken in seine Faust, ein Handy vibrierte zu lange, und trotzdem lief dieses Nicken weiter, beharrlich, fast erleichtert. Dieses „Ahhh“, als hätten sie gerade entdeckt, dass man Wasser trinken kann, ohne nass zu werden.
„Noch ein Beispiel“, sagte der Moderator.
Jemand wollte eine Entschuldigung formulieren, die sich nicht wie eine Entschuldigung anfühlt. Jemand wollte eine Kündigung „wertschätzend“ schreiben, also schmerzfrei für den Absender. Jemand wollte eine Leistungsbeurteilung „klar, aber empathisch“, was hier so viel bedeutet wie: ehrlich, aber bitte ohne Konsequenzen.
Also ließ man die Maschine die Dinge tun, die Menschen früher selbst tun mussten, wenn sie mit anderen Menschen umgehen wollten – dieses lästige Geschäft namens Haltung, das hier ohnehin schon lange als ineffiziente Altlast gilt. Ton treffen. Verantwortung tragen. Den eigenen Charakter riskieren. Manchmal auch den eigenen Ruf. Und ja, manchmal den Job.
Und es war angenehm. So angenehm wie eine Betäubungsspritze, bevor man merkt, dass nicht der Zahn gezogen wird, sondern man selbst.
Ben atmete hörbar aus, als hätte ihm jemand eine zu enge Krawatte gelöst. Mareike strahlte, als hätte sie gerade einen Bonus freigeschaltet. Zwei Reihen weiter tippte jemand schon die nächste Mail, schneller als sonst, fast gierig.
Es war nicht einmal böse gemeint, auch nicht dramatisch – nur so angenehm, dass man kurz übersieht, was man da eigentlich mit sich macht.
Am nächsten Morgen hing die KI nicht mehr als Test da. Sie hing da wie ein Rauchmelder über der Tür, nur dass sie bei jedem Satz piepte, den man selbst schrieb. Mareike hatte ein Formular gebaut: „Bitte zuerst KI-Formulierung nutzen, dann an Kolleg:innen eskalieren.“ Und plötzlich war das Praktische keine These mehr, sondern ein Prozess. Ein zusätzlicher Schritt. Erst denken lassen. Dann prüfen. Dann umformulieren, damit es nicht zu sehr nach KI klingt. Dann rechtfertigen, warum man es trotzdem benutzt hat. Effizienz nennt man das hier. Wenn man drei Schritte mehr einführt und sie Fortschritt nennt, klatschen hier sogar die, die jetzt länger bleiben müssen.
Nach der Sprechstunde standen wir in kleinen Grüppchen auf dem kaffeefleckigen Teppich neben dem Roll-up-Banner, hielten unsere Pappbecher fest und taten so, als müssten wir nur noch kurz etwas Wichtiges zu Ende denken.
„Das nimmt einem so viel ab“, sagte Ben, fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und lachte zu laut, während auf seinem Handy schon die Mail-App offenstand, als wollte er es sofort wieder benutzen. „Endlich keine Angst mehr vor der falschen Formulierung.“
Ich dachte: Abnehmen? Seit gestern schreibe ich jede Mail zweimal. Einmal für mich. Einmal für die Maschine. Und am Ende klingt beides gleich müde. Vielleicht bin ich einfach nicht klug genug, effizient genug, glatt genug für diese neue Welt. Vielleicht ist das hier kein Systemproblem. Vielleicht bin ich nur langsam.
Ich schaute ihn an und dachte: Genau. Endlich keine Angst mehr. Und irgendwo dazwischen der Gedanke, dass ich vielleicht einfach nur neidisch war. Neidisch auf eine Maschine, die nie stottert. Wie erbärmlich ist das eigentlich. Endlich auch keine Wahrheit mehr. Keine Kante mehr, vielleicht. Keine Schuld – zumindest keine, die man merkt. Nur noch Text, der so tut, als wäre er ein Mensch.
Am Abend saß ich zu Hause. Müde auf eine Art, die Schlaf nicht repariert. Müde wie nach diesen Meetings, in denen man fünfzig Minuten lang zustimmt und am Ende trotzdem nichts gesagt hat.
Ich öffnete das Ding.
Ich tippte: „Schreib mir eine Nachricht an meine Mutter. Ich melde mich zu selten. Seit ihrem letzten Anruf, den ich weggedrückt habe, weil ich ‚kurz in einem Meeting‘ war.“
Die Antwort kam schnell. Zu schnell.
„Liebe Mama, es tut mir leid, dass ich mich so selten melde …“
Es klang ordentlich. Warm genug. Fehlerfrei.
Ich las es zweimal und merkte, dass nichts darin nach mir roch. Kein schiefer Satz. Kein Zögern. Kein falsches Wort, das man später bereut.
Ich hätte es nur noch kopieren müssen.
Ich tat es.
Nicht, weil es besser war.
Sondern weil es einfacher war.
Und während die Nachricht rausging, dachte ich nur, dass es sich gerade verdammt erwachsen anfühlt – und genau das machte mich misstrauisch.
Am nächsten Tag im Büro fragte meine Chefin: „Kannst du kurz was zur Teamkultur sagen? Für den Newsletter?“
„Teamkultur“, sagte sie, und ich sah schon den Betreff vor mir: *Wir sind mehr als Kollegen* ????. Da wusste ich: Das Wort ist kein Begriff, es ist ein Deckel.
„Klar“, sagte ich. Mein Mund sagte es schneller als mein Kopf.
Ich tippte: „Schreib einen Text über Teamkultur. Motiviert, menschlich, nicht zu kitschig.“
Die KI spuckte eine Zeile aus, die nach Obstkorb roch: „Wir halten zusammen, wir ziehen an einem Strang, wir sind mehr als Kolleg:innen.“ Als wären wir nicht dieselben Leute, die im Aufzug schweigen, weil ein „Guten Morgen“ schon zu intim geworden ist.
Ich schickte den Text ab.
Zehn Minuten später kam eine Nachricht von Mareike: „Wow. So schön geschrieben! So echt! ????“, schrieb Mareike, und ich merkte, wie mich gleichzeitig Stolz und Ekel trafen – Stolz, weil ich gelobt wurde, und Ekel, weil ich wusste, dass nicht ich es gewesen war.
So echt.
Ich lachte zu kurz und zu laut, wie ein Husten, der sich als Humor verkleidet hat, und hasste mich in genau diesem Moment ein bisschen dafür, dass ich mich über Lob freue, das mir nicht gehört. Es war dieses Lachen, das kommt, wenn man merkt, dass die Welt einen schlechten Witz nicht als Witz erkennt.
In der Mittagspause saßen wir wieder im Konferenzraum. Der Bildschirm stand noch da, und unter ihm stand ein frischer Karton Kekse wie ein Opfergaben-Nachschub. Auf dem Deckel klebte ein Post-it: „Bitte nur KI-Formulierungen im Newsletter.“ Das Wunder hatte jetzt einen festen Termin, wie Rückenschule oder Quartalszahlen.
Ich stellte mich vorne hin. Ich stand da und merkte erst, als alle mich ansahen, dass ich offenbar beschlossen hatte, den Mund aufzumachen. Vielleicht, weil man irgendwann nicht mehr nur nicken kann, ohne innerlich zu platzen.
„Können wir bitte einmal aufhören“, sagte ich, und meine Hände waren plötzlich feucht, „so zu tun, als wäre das Magie?“
Stille.
Der Moderator lächelte schon, als hätte ich ihn um ein Statement gebeten.
„Es ist im Grunde wie ein Taschenrechner für Worte“, sagte er und deutete mit dem Laserpointer auf die Folie hinter sich, als hätte er gerade das Feuer entdeckt und wir müssten nur noch klatschen, damit er sich selbst für mutig hält.
„Ein Tool ist ein Schraubenzieher“, sagte ich. „Das hier ist ein Staubsauger für Verantwortung. Und wir legen uns rein, weil es weich ist.“
Mareike zog die Augenbrauen hoch. Ben starrte auf seine Hände. Jemand räusperte sich. Ein Stuhlbein scharrte über den Boden. Ein Kugelschreiber klickte nervös, immer wieder. Jemand sah auf sein Handy, als hätte dort plötzlich etwas Dringenderes begonnen.
„Wir müssen mit der Zeit gehen“, sagte meine Chefin, in diesem weichen Ton, in dem man Dinge sagt, die sich wie Naturgesetze anhören sollen, als hätte Darwin persönlich das Intranet erfunden und wir seien die besonders anpassungsfähige Spezies: Homo Promptus.
Natürlich gehen wir.
Wir gehen halt mit, auch wenn der Boden schon bröckelt und keiner fragt, wer hier eigentlich schiebt. Hauptsache, wir gehen gemeinsam und nennen es Transformation, damit es nicht so klingt wie Kapitulation.
Ich sah den Bildschirm an. Der blinkende Cursor im Eingabefeld, der geduldig wartete, während unter ihm der Button „Generieren“ blau leuchtete, bereit, uns das Sprechen abzunehmen.
Und weil ich offenbar ein Idiot mit Prinzipien bin, sagte ich: „Schreib mir eine Meinung.“
Die KI lieferte.
Ausgewogen, geschniegelt, mit so wenig Risiko, dass man es Kindern in die Brotdose packen und noch ein Nachhaltigkeits-Label draufkleben könnte.
Eine Meinung ohne Haut, wie der Satz eben: "Ich verstehe beide Seiten und empfehle einen ausgewogenen Mittelweg."
Es traf mich nicht wie eine Erkenntnis. Es war eher dieses langsame Einsickern, das schon die ganze Zeit da gewesen war.
Schlauer ist sie nicht – sie klingt nur ruhiger dabei. Sie wiederholt nur mit ruhiger Stimme, was wir uns selbst nicht trauen laut zu sagen.
Sie schreibt "Ich verstehe Ihre Bedenken" und wir nicken trotzdem.
Der Bildschirm im dritten Stock steht noch immer auf dem Rollständer. Das Post-it klebt schief am Rahmen. Unter ihm bröseln die Kekse in den Teppich.
Zwei Wochen später kam die Rundmail: Alle Texte künftig vor Veröffentlichung „KI-gestützt optimieren“. Zusätzlich wurde ein neues Feld im Intranet eingeführt: „Prompt dokumentieren“. Transparenz, hieß es. Qualitätssicherung. Seitdem dauert jede verdammte E-Mail drei Schritte länger, wir dokumentieren unsere Gedanken wie Beweismittel, und niemand nennt es Mehrarbeit, weil Mehrarbeit hier nur existiert, wenn sie nicht strategisch klingt.
Ben reagierte mit einem Daumen-hoch, als hätte er gerade persönlich den Fortschritt erfunden und wir sollten ihm dankbar sein, dass wir jetzt kontrollierter denken dürfen.
Mareike schrieb: „So gehen wir mit der Zeit ????“, als wäre die Rakete nicht an unseren Rücken, sondern an unseren Stolz geschnallt.
Im nächsten Newsletter stand mein Text als Best Practice, mit meinem Namen darunter, und jemand schrieb im Chat ein kleines Raketen-Emoji dazu. Ich habe noch nie so viel Anerkennung dafür bekommen, dass ich nichts selbst gesagt habe. Darunter stand mein Name, sauber formatiert.
Beschreibung des Autors zu "Homo Promptus: Gegenwarts-Satire über KI im Großraumbüro"
Eine gesellschaftskritische Bürosatire in Ich-Form: In einem Unternehmen wird KI zur neuen „Heilslehre“ erklärt, samt Ritualen, HR-Sprache und Prozesswahn. Der Erzähler merkt, dass das Tool nicht Arbeit abnimmt, sondern Mehrarbeit, Selbstverleugnung und moralische Glätte produziert – bis hin zur absurd-bitteren Pointe, dass er für KI-Text Anerkennung bekommt, mit seinem Namen darunter.
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Sand aus der Wüste,
Sand vom Strand.
Doch er legte sich und sank
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