Die Wahrheit, die jeder fürchtet
Der Beichtstuhl roch nach Mottenkugeln und verlorenen Wetten. Pater Brenner, Atheist im dritten Burnout-Jahr, döste vor sich hin. Dann kam sie.
„Seit meiner letzten Beichte...“, begann die Stimme hinter dem Gitter.
„Spar dir die Einleitung, Helga. "Hast du wieder von der Steuer abgeschrieben?
„Ich bin die Wahrheit“, sagte die Stimme.
Brenner seufzte. „Dann such dir einen besseren Job. "Ich kann dir nicht helfen.“
„Aber ich hasse meinen Job!“, jammerte die Wahrheit. „Immer dieser Druck, immer diese Erwartungen.
Jeder will mich hören, aber wehe, ich zeige mich! "Dann laufen sie schreiend davon.“
Brenner gähnte. „Willst du beichten oder dich nur beschweren?“
„Kann ich beides?“, schluchzte die Wahrheit. „Außerdem... "Ich habe mich verliebt.“
„In wen?
„In die Lüge. Sie ist so... charmant. "So flexibel."
Da betrat sie den Beichtstuhl. Die Lüge. Sie trug ein rotes Kleid und roch nach etwas, das es nicht gab.
„Küss mich“, flüsterte die Wahrheit.
„Nur wenn du versprichst, heute mal nicht so anstrengend zu sein“, erwiderte die Lüge.
Ihr Kuss war das Perfideste, was Brenner je gesehen hatte. Er schmeckte nach fairtrade Kaffee und brennenden Waisenhäusern.
„Fertig?“, fragte Brenner und blickte auf seine Uhr. „Ich hab in zehn Minuten Yoga.
Die Wahrheit strahlte. „Ich fühle mich so... erlöst!“
„Das sagt jede Wahrheit nach dem ersten Mal Lügen“, meinte die Lüge und zündete sich eine Zigarette an.
„Komm, Schatz, wir gehen was trinken. "Ich kenne da einen Club, wo die Fakten
tanzen.“
Brenner schloss die Tür. Er zog den schwarzen Rosenkranz hervor. Eine Perle fehlte. Wie immer.
Draußen begann es zu regnen. Nasses Pflaster. Nasse Wahrheiten. Alles wie immer.
Ein perfektes Ende für eine kaputte Geschichte. Und wie alle perfekten Enden – es kotzt einen nur an.
© 2025 Johann Grafeneder . Alle Rechte vorbehalten.
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Harald (Tom) Gressel
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