„12 Jahre sind eine lange Zeit. Genauer genommen waren es für uns ja nur acht.“ Im Raum macht sich Zustimmung für das Gesagte bemerk bar. Es wird geschmunzelt und einzelne Leute klatschen auch schon. „Trotzdem blickt jetzt jeder von uns auf 12 Jahre Schule zurück. Davon haben wir acht gemeinsam verbracht und ich für meinen Teil habe sie sehr genossen. Ich hoffe auch ihr werdet voller Freude auf unsere gemeinsamen Jahre zurückblicken können.“

Aus anfänglicher Zurückhaltung entwickelt sich im Raum eine euphorische Stimmung. Freunde werden mit Blicken in der großen Halle gesucht und es wird sich angelacht und bedeutungsvoll zugenickt. Natürlich mag hier nicht jeder jeden, aber die vielen Jahre sind nicht spurlos an einem vorbeigegangen. Manch einer freut sich sicherlich auf die Zukunft, die Jahre außerhalb der Schule. Auch diesen Leuten kann man es nicht verdenken.

„Ich möchte mich auf jeden Fall schon einmal bei euch für die wundervollen Jahre bedanken!“, fährt sie weiter fort und strahlt dabei ihre Zuhörer an. „Wir auch bei dir, du bist die Größte!“, ruft einer aus dem Publikum. Ein verlegenes Grinsen huscht ihr über das aufwendig geschminkte Gesicht. Die Menge applaudiert, einzelne Pfiffe sind zu hören – fast so, als würde eine Schönheit eine Baustelle passieren.

Im Folgenden erstreckt sich ihre Rede über weitere 5 Minuten. Es geht um unsere Zukunft, den starken Verbund im Jahrgang und den hoffentlich nicht abreißenden Kontakt untereinander. Natürlich werden auch die Lehrkräfte und Eltern mit Dank bedacht. Sie seien die Motoren im Hintergrund, die uns unseren Weg geebnet haben.

Als sie schlussendlich ihre Rede beendet, folgt langer Applaus. Über der Veranstaltung schwebt eine Gesamteuphorie, die kaum zu beschreiben ist. Zwölf lange Jahre komprimiert auf einen Abend. Da gilt es jetzt noch eine unvergessliche Nacht draus zu machen, damit sich die lange Arbeit auch gelohnt hat.

Doch kaum will ich zur Bar gehen und den feierlichen Teil des Abends mit meinen Freunden einleiten, trifft es mich wie einen Schlag in die Magengrube. Mir wird ganz anders. Der Raum um mich herum verändert sich. Die Deko hat plötzlich eine andere Farbe. Und wo ist unsere Schülersprecherin, die gerade noch eine Rede auf der Bühne gehalten hat? Jetzt steht da vorne nur noch ein DJ, aber das ist nicht der DJ, den wir engagiert haben.

Ich drehe mich zu meinem besten Freund um. Doch auch hier stimmt etwas nicht. Er hat zwar dasselbe Jacket an, aber statt einer Anzughose trägt er eine Jeans. Auch seine Frisur ist anders. Ich habe doch noch gar nichts gesoffen. Ich versuche mich kurz auf meinen Körper zu konzentrieren. Nein, eindeutig nichts. Mein Freund merkt, dass ich auf seine Hose starre und die Situation bekommt einen wirklich unangenehmen Charakter. Doch bevor ich ihn fragen kann, was zur Hölle hier los ist, platzt Anne zu uns.

„Alles klar bei dir? Du siehst so verwirrt aus.“
„Äh ja. Also an sich schon. Nur sag mal, wo ist Lisa?“ Anne guckt mich mit gerunzelter Stirn an. „Wieso Anne, die habe ich schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Sicher, dass alles ok ist? Oder hast du schon mit Tom zu viel gesoffen?“ Sich lacht mich an. Nur mir ist gerade irgendwie gerade gar nicht nach Lachen zu mute. „Wie meinst du das? Seit Ewigkeiten nicht gesehen?“, entgegne ich verdutzt. „Naja, genauer gesagt seit unserem Abiball. Was willst du denn auf einmal mit ihr?“

Das ist es!

„Ach nichts. Nur so.“, lüge ich Anne an. „Lass uns weiter tanzen!“ Da Anne schon ordentlich einen im Tee stört sie das ganze nicht weiter und sie zieht mich tatsächlich ohne zu fragen wieder auf die Tanzfläche. Auch Tom lässt sich nichts weiter anmerken, lacht nur kurz und haut mir freundschaftlich auf die Schulter.

Zwei Jahre war es schon her. Zwei Jahre seitdem wir selbst unseren Abiball hatten. Jetzt stehen wir hier auf dem Abiball von Annes Schwester. Das war echt ein gruseliger Flashback!

„Aber Lisa hatte damals schon Recht oder?“, frage ich Tom. „Womit hatte sie Recht?“, er steht auf dem Schlauch. „Na mit den 12 Jahren. Haben echt zusammen viel erlebt.“

„Scheiße man und wie wir das haben! Aber bin auch ganz froh, die ganzen anderen Idioten nicht mehr sehen zu müssen!“

Zwölf Jahre waren eine lange Zeit, aber die letzten zwei Jahre – verdammte über 700 Tage – sind so schnell wie ein paar Monate vergangen. Nur mit dem Zusammenhalt hat sie sich getäuscht. So eine Scheiße aber auch.


© J.F.Horn


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Beschreibung des Autors zu "12 Jahre"

Aus Gelübten auf ewige Freundschaften bleibt am Ende nur ein Kater, resultierend aus dem dazugehörigen Umtrunk.

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