Heißer Kaffee rieselt durch die Maschine in die Tasse. Es dampft. Er gibt Milch dazu und rührt um. Der braune Strudel droht ihn zu verschlucken. Wie gern würde er den ganzen Ballast aus der Seele spucken. Starre Augen, müde Glieder. Die Sonne, so denkt er bei sich, sieht er nie wieder.
Er beginnt zu trinken. Er verbrennt sich die Zunge. Er ist froh, überhaupt etwas zu spüren. Schöne Träume sollen mich verführen, denkt er sich und sieht an die Decke, als könne er sie mit seinen Gedanken durchdringen. Sie dreht sich wie ein Karussell, obgleich er doch seit Wochen keinen Schnaps mehr angerührt hat. Das Karussell aus Kindertagen, ringsum lustige Visagen. Bunte Streifen vor seinen Augen tanzen. Wie im Schlafwandel erhebt sich Erik. Er taumelt im Zimmer herum, dreht sich selbst, als wäre er ein Helikopter vor dem Abflug in den Himmel. Dann chaotisches Gewimmel.
Plötzlich sucht ihn ein Albtraum heim. Erik wird niedergeworfen. Die Verdrängung drängt in den Traum. Die Wahrheit bahnt den Weg durchs Feuer. Es knistert. Diese Gefühle sind ihm nicht geheuer. Im Zeitstrudel ertrinkt die Freiheit. Geknechtete Geister der Ahnen. Ein epochaler Todeskampf. Die Evolution des Geistes ist sein eigener Henker, sprach der verwirrte Denker. Aus dem wilden Zauber der Gegenwart und in Stücke gerissen, bleibt nicht viel am Ende, als: Die Hoffnung auf eine Legende.
Geköpfte Hühner rasen durch den stinkenden Raum, gefolgt vom gefällten Baum des Mammut. Mut ist geflüchtet und hat sich somit selbst gerichtet. Niemand mehr der aufbegehrt, das hat uns der große Fortschritt beschert. Die Herzen noch hier und da entflammen, während sie doch die Welt schon längst verdammen. Giftwolken verdunkeln den Himmel, der schwarze Tod sie trifft, wie eine Kugel zwischen die Augen. Kann keinen Menschen mehr vertrauen, wenn sie ohne Tiefe in die Zukunft schauen. Die Völker zerbersten in Kastration ihrer Selbst, die Katastrophe sich wie eine Lawine auf sie zu wälzt. Der Gesang des Lebens verstummt vor dem Brüllen der Sklaven.
Noch im Moment der Detonation, der toten Stille am Ende, ragt aus dem Nebel ein Licht hervor und begleitet die reine Seele zum Paradiese empor. Der Sitz der Freiheit bleibt im Herzen, ob versteinert vor Schmerzen oder gewachsen in Liebe; es ist der Sieg über Knechtschaft und alle Kriege.


© Copyright 2019 J. Renner


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