Die Tränen des Wassermanns K. 4

© Santos-Aman

Die Tränen des Wassermanns

4. Kapitel
Das große Schweigen

Tage vergingen, ohne dass mein weise gewordenes Schaf einen Satz zu mich sprach. Es beschlich mich das Gefühl, ich hätte das, was bisher geschah, eventuell nur geträumt. So oft ich auch hinaus auf die Weide ging, mein Schaf trottete Gras kauend vor sich hin. Ab und zu stellte ich ihm eine Frage, die mir gerade in diesem Moment auf der Seele brannte, jedoch, es blieb stumm, schaute mich nur mit seinen riesigen Augen dumm an. Was war geschehen, brauchte dieses Tier etwa eine meditative Pause? Sollte es so sein, wollte ich mich dem anschließen. So legte ich mich, an diesem sonnigen Tag, an ein schattiges Plätzchen, um mich zu entspannen. Die wärme der Sonne tat meinem Körper gut, das Gras duftete frisch, es lag eine angenehme Atmosphäre in der Luft. Ab und zu setzte sich eine Fliege auf meine Nase, die ich gewähren ließ, bis sie von alleine, ich war ihr wahrscheinlich zu langweilig, das Weite suchte.

Plötzlich geschah etwas seltsamen. Vor meinen Augen öffnete sich ein großer, heller Tunnel, in den ich mit großer Kraft hinein gezogen wurde. Rasend schnell schoss ich durch ein scheinbares Nichts, das aus purem Licht bestand. Es wurde immer heller, meine Augen waren geblendet ohne das es unangenehm wurde. So raste ich dahin, nicht wissend, wohin mich diese Reise führte. Doch ein großes Vertrauen machte sich in mir bemerkbar, ein Vertrauen, das sich mit nichts vergleichen ließ, da es um nichts ging was ich fassen konnte. Da war einfach nichts. Abrupt wurde diese Reise unterbrochen, das grelle Licht wich einem mattweißen seidenen Glanz. Alles schien inne zu halten, selbst mein Atem. Schwebend sah ich unter mir diesen braunschimmernden Flecken, der mich an einen Teller oder etwas ähnlichem erinnerte. Langsam senkte ich mich in dessen Richtung, um mich herum alles in weißer Stille gehüllt. Nur noch wenige Meter, dann würde ich es berühren. Was dann geschah, war beinahe unbeschreiblich, jedoch versuche ich es. Als meine Füße diesen braunen Teller berührten, zersprang dieser, wurde wie ich selbst, eins mit der weißen Stille, eins mit dem Wind der aufkam, eins mit allem was in meinem und außerhalb meines Bewusstseins wahrzunehmen ich bereit war. In mir das Gefühl endlich, nach langem Suchen, die Heimat gefunden zu haben. Mein Gott, was hattest du mir bis dahin vorenthalten. Warum ein Leben leben, in dem das Getrennt sein von allem, tagtäglich neue Nahrung gegeben wird. Ist es nicht so, wenn der Verstand lacht, das Herz weint und der Körper friert? Und warum, ausgerechnet mir, zeigtest du, dass alles in Harmonie miteinander sein kann? Heute stelle ich mir diese Fragen wieder und weiß dennoch, das sie unbeantwortet bleiben.

Genauso wie ich dieses Erlebte niemals mit Worten beschreiben kann, suche ich dennoch danach, um dir diese Fragen mit Worten zu formulieren. Ist meine Sehnsucht nicht ausreichend genug, werden die Schreie meines Herzens, welches seinen Ausweg durch aarrhythmisches Pochen sucht, überhört? Dieses eine Mal frei gewesen zu sein von allen Ketten erscheint mir heute, als würde ich einem verhungernden Menschen einen Löffel Reis schenken, obwohl der Topf bis zum Rande gefüllt ist. Mich würdest du unbarmherzig nennen, mich vor deinem Gericht dafür anklagen. Du jedoch bist niemanden Rechenschaft schuldig, außer dir selbst. Warum also hast du mir dieses Wunder der Wandelbarkeit, in allem und alles zu sein, gezeigt, welch tieferer Sinn liegt dahinter? An welcher Stelle meines Herzens sollte ich suchen, damit ich so sein kann, wie du es mich erfahren lassen hast? Dein Wirken ist unendlich, dimensionslos, sagt man. Dann könntest du mir wenigsten einen Gehilfe schenken, damit ich nicht bei jedem Stolpern auf die Nase falle. Sei dir aber Gewiss, so wie ich dich benötige um zu leben, benötigst du auch mich. Denn was willst du ohne mich, ohne den, der dein Wort zu erfüllen versucht? Denke auch du einmal darüber nach, sollte ich falsch liegen, könntest du mir sicher einen Hinweis geben. Ich werde lauschen, mit offenen Augen und Ohren durch diese Welt gehen. Nun liegt es an dir, es mir so mitzuteilen, dass ich es verstehen kann.

Langsam kehrte ich in die Wirklichkeit zurück in der ich zu allererst mein geliebtes Schaf wieder erblickte, das mit sanfter Stimme sprach, “Er, der hinter mir stand, hat dir doch tatsächlich einen Teil seiner Herrlichkeit gezeigt. Nun verstehst du sicher auch, warum ich eine Zeit lang schweigen musste. Es wird immer Momente geben, in denen du dich in dich selbst zurückziehen musst, um Antworten zu finden. Heute ist dir sicher vieles klarer geworden, wenn auch manche Frage hinzugekommen ist.” So sprach es und ging seinen Weg weiter ohne sich noch einmal zu mir umzuschauen. Da stand ich nun wie ein begossener Pudel. Einerseits fasziniert von dem Erlebnis, andererseits wieder in diese kalte, unbarmherzige Welt hineingeworfen. Alles vermischte sich wieder, nichts war mehr von jener Klarheit, die ich für einen Moment erkennen durfte. Und er, der hinter ihnen stand, schaute nun sicher direkt in mein Herz um zu lesen, was von all dem noch übrig geblieben war, das mich vor kurzem noch so viel erkennen ließ. Ich möchte es jetzt schon verraten, es blieb etwas übrig.


© Santos-Aman


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