Tim - die Geschichte eines Fußballspielers Kapitel 1-3

© Eberhard Schulz

1. Das Fußballereignis
„Tooooor!“, tönt es vielstimmig vom Spielfeldrand. Die Spieler von Tims Mannschaft liegen sich in den Armen. Die zahlreich erschienenen Zuschauer, vorwiegend junge Leute, aber auch viele Mütter und Väter der jugendlichen Fußballspieler, klatschen sich ab, als ob es sowieso keinen anderen Spielstand auf dem Spielfeld hätte geben können. Ein klares 3:0 ist zu verzeichnen und nur noch wenige Minuten sind zu spielen. Wie auch in den vergangenen Spielen ist Tim der beste Spieler auf dem Platz und soeben hat er sein 2. Tor für seine Helden vom FC Grün-Weiß Lindhausen erzielt.
Inzwischen hat der Schiedsrichter die vorletzte Begegnung der Saison für die Jungen der B-Junioren abgepfiffen. Die Mannschaft um Kapitän Tim Kurzweg stand bereits vor dem Spiel als Saisonsieger fest und trotzdem feiern alle so, als ob der Erfolg erst mit diesem Spiel vollendet wurde.
Der stolze Trainer ist von seinen Schützlingen umringt. Eine Saison wie diese hat er in seiner Zeit als Trainer noch nicht erlebt. Langsam geht er mit den glücklichen Gewinnern zum Umkleideraum, während die Zuschauer die Feierlichkeiten zum „gefühlten“ Weltmeistertitel fortführen.
Die Fans stehen auf dem Parkplatz und warten auf die siegreichen Spieler, aber die eben noch auf dem Höhepunkt befindliche Stimmung, scheint gekippt zu sein. Aufgeregt diskutieren vor allem die männlichen „Fußballfans“ miteinander. Eine schon seit Wochen kursierende Nachricht nimmt erneut die Runde. Eine große Katastrophe bahnt sich an und sorgt für eine nicht endende Unruhe. Der überragende Spieler der Mannschaft soll den Verein mit Beginn der neuen Saison verlassen. Nicht endende, unschöne Begriffe prallen auf die Eltern von Tim ein. Die Beteuerungen von seinem Vater, dass es keinerlei Überlegungen für einen Vereinswechsel gibt, werden von den unruhigen Fans als Lügen niedergebrüllt.
Dann endlich erscheinen die jungen Helden mit ihrem Trainer. Ihm werden die gleichen Fragen in entsprechender Tonlage offenbart. In aller Ruhe versucht er die Stimmung zu beruhigen.
„Mir ist nichts von einem Vereinswechsel bekannt. Stellen Sie diese Fragen doch demjenigen, der diese Lügen in die Welt gesetzt hat. Womöglich soll ja die Stimmung bei uns getrübt werden?“
Dann wendet er sich wieder seinen Schützlingen zu und bespricht noch schnell die nächsten Trainingseinheiten im Beisein der ruhiger gewordenen Fußballfans.
Tim ist sofort in das Auto seiner Eltern gestiegen, die in letzter Zeit kein Heimspiel mehr verpassen, um sich vor eventuellen Fragen zu schützen. Seine Eltern haben es heute auch eiliger, den Parkplatz zu verlassen. Kaum sind sie in Bewegung, da hat er auch schon eine Frage an die Beiden: „Wie kommen die Leute auf so eine Idee und warum gerade jetzt, so kurz nach einem gewonnenen Spiel?“
„Ich glaube, das hat mit einem besonderen Gast bei eurem Spiel zu tun“, antwortet sein Vater und führt fort:
„Ich habe einen Verantwortlichen des Spitzenreiters der 1. Liga gesehen. Vielleicht sind sie ja auf der Suche nach neuen Spielern? Deine guten Leistungen sprechen sich wohl herum.“
„Aber ich will doch gar nicht woanders hin. Hier habe ich meine Freunde und es gefällt mir hier auch.“
„Und das soll auch so bleiben“, schließt sein Vater die Unterhaltung.
Zuhause geht sein Vater mit in die Küche, wo seine Mutter sofort beginnt, das Mittagessen vorzubereiten, während Tim auf dem Hof noch ein wenig mit seinem Ball dribbelt. Ihr Thema in der Küche sind dabei nur das Spiel und die darauf folgenden Geschehnisse.
„Wir müssen etwas unternehmen. Ich befürchte, dass Tim die Lust am Spielen vergehen könnte, wenn er weiterhin derartig bedrängt werden sollte.“
Die fußballbegeisterten Eltern sehen sich fragend an. Dann hat seine Mutter einen Einfall:
„Wollen wir uns an den Journalisten vom örtlichen Tageblatt wenden? Er schreibt doch den Spielbericht für die Zeitung. Vielleicht kann er ein paar erklärende Worte für unser Problem einfügen?“
„Das ist eine gute Idee. Ich werde mich sofort auf dem Weg zu ihm machen. Vielleicht ist sein Bericht ja noch nicht fertig?“
Er greift sich seine Jacke und verlässt zügig das Haus. Eine gute halbe Stunde später ist er schon wieder zurück und erzählt stolz:
„Wir haben noch Glück gehabt. Nachdem ich ihm die Geschichte kurz erzählt habe, willigte er ein und änderte den Schluss seines Berichts. Nun werden alle lesen können, wie sich die Sache wirklich verhält.“
Tim und seine Mutter sind nun erleichtert. Die Drei setzen sich beruhigt an den Tisch und genießen in aller Ruhe das Mittagessen.

2. Zeit der Änderung
Nach den unschönen Vorfällen auf dem Sportplatz am Sonntag macht sich Tim am nächsten Morgen nichtsahnend auf den Weg zur Schule. Auf dem fünfminütigen Fußweg ist er nicht lange allein. Einige Häuser weiter stößt sein Freund Rico hinzu und das Thema ist natürlich das Fußballspiel. Begeistert lassen sie das tolle Spiel und den Sieg Revue passieren. Sie sind schon seit dem ersten Schultag befreundet und spielen auch genau solange gemeinsam im örtlichen Fußballverein. Seit einigen Wochen träumen sie natürlich vom Aufstieg und die dann folgenden, gehobenen Ansprüche an jeden Einzelnen.
In der Schule erwartet sie allerdings eine Neuauflage der Geschehnisse vom Sonntag. Es wird nicht nur in seiner Klasse über die Ereignisse vom Wochenende gesprochen. Tim wird von vielen Mitschülern argwöhnisch betrachtet und kann die ganze Situation nicht nachvollziehen. Wortlos nimmt er seinen Platz im Klassenzimmer ein. Er packt die benötigten Hefte, Bücher und Schreibutensilien aus und lehnt sich tief durchatmend zurück.
„Du musst das alles nicht so wichtig nehmen. Morgen spricht niemand mehr über die Geschichte vom Sonntag.“
Diese versuchte Beruhigung von Rico geht ins Leere. Tim grübelt über seine Zukunft und findet keine Lösung.
Nach Unterrichtsschluss machen sie sich wortlos auf den Heimweg. Außer den beidseitigen Worten: „Bis morgen“, gibt es keine Unterhaltung.
Auch seine Eltern können ihm keine erklärenden Worte entlocken. Er erledigt seine normalen Tagesabläufe, geht wie gewohnt zum Training und man merkt ihm durchaus seine absolute Lustlosigkeit an.
Nach drei Tagen suchen seine Eltern erneut das Gespräch. Seine Mutter beginnt vorsichtig: „Was denn los, Tim? Du hast doch immer so gern Fußball gespielt und von dem Sonntag redet auch schon keiner mehr.“
Im ruhigen Ton versucht Tim die richtigen Worte zu finden.
„Ich möchte nicht mehr vor Leuten spielen, die mein Spiel nur gut finden, wenn ich für sie spiele. Ob es mir dabei gut geht, ist ihnen egal. Ich muss noch Hausaufgaben machen.“
Er sieht seine Eltern an und geht dann auf sein Zimmer. Diese schauen ratlos dem Treiben zu und Pascal schließt die Unterhaltung resignierend ab: „Was ist nur aus dem Jungen geworden? Wo hat er den Scharfsinn her?“
Die nächsten Wochen verlaufen ruhig. Tims Mannschaft hat das letzte Spiel der Saison knapp gewonnen und wird in der nächsten Saison eine Klasse höher starten. Alle sind begeistert. Tim sieht das ein wenig ruhiger und es ist immer noch zu erkennen, dass er die Vorfälle noch nicht ganz verarbeitet hat.
Die Ferien stehen vor der Tür und alle bereiten sich auf den Urlaub vor. Als Zeitvertreib für den Urlaub an der Nordsee hat sich Tim ein Buch von seinem Taschengeld gekauft. Er möchte mal etwas anderes machen. Um die Querelen bei dem vorletzten Spieltag zu vergessen, kommt dieser Urlaub gerade richtig. Alle wissen, dass es wohl der letzte gemeinsame Urlaub sein wird und so hoffen sie auf erholsame Ferientage. Sie unternehmen gemeinsam sehr viel und die Stimmung ist hervorragend. Bei einem Strandfußballspiel allerdings nimmt Tim nicht teil, weil er keine Lust hat. Er zieht es vor, sich weiterhin hinter seinem Buch zu verschanzen. Seine Eltern sind nun doch sehr erstaunt, gab es doch vor wenigen Wochen kaum noch einen Tag, wo er nicht mit einem Ball spielend, gesehen wurde.
So kann sich sein Vater nicht mehr bremsen und spricht ihn darauf hin an.
„Wieso spielst du nicht mit den anderen Fußball und was ist das für ein Buch, dass dich so fesselt?“
„Ich habe lange überlegt, wie das mit dem Fußball spielen weitergehen kann. Nun weiß ich es. Ich werde in der kommenden Saison nicht mehr auflaufen. Die Jungs schaffen das auch ohne mich.“
Seine Eltern schauen sich fragend an.
„Und wie soll es weitergehen?“, fragt ihn sein Vater, der immer noch nach Fassung ringt.
„Wir können ja nach dem Urlaub zum Trainer gehen und es ihm mitteilen. Ich werde mich mit einer anderen Sportart beschäftigen. Deshalb habe ich mir auch das Buch zugelegt.“
Jetzt kommt auch seine Mutter zu Wort. Vorsichtig fragt sie:
„Und was ist das für ein Sport?“
„Schach.“

3. Neue Zeiten
Nach dem Schock im Urlaub haben sich die Wogen geglättet. Sein Vater ist mit ihm zum Trainer gegangen und hat dem die Situation erklärt. Mit viel Bedauern wird Tim nach längeren Diskussionen doch verabschiedet. Damit ist seine so vielversprechende Fußballerkarriere beendet.
Zu seinem 17. Geburtstag erhält er dann ein besonderes Geschenk. Ein Schachspiel. Fortan versucht er die Vielfältigkeit des Spiels auf dem Brett zu verstehen. Dabei erkennt er, dass er dringend einen Spielpartner benötigt. Ihm fällt allerdings niemand in seiner Klasse ein, der Schach spielt. Einen Schachverein gibt es in der näheren Umgebung auch nicht. Sollte er seine Suche in der Schule an der Info-Tafel anschlagen? Eine Lösung für sein Problem ist nicht zu sehen.
Heute steht der erste Schultag in der 11. Klasse vor der Tür. Mit den vielen Veränderungen im Gepäck macht sich Tim auf den Weg zur Schule. Nach wenigen Schritten trifft er wie gewohnt Rico. Da der noch nichts von seinem Ausstieg vom Fußballspielen weiß, haben sie sofort ein heißes Diskussionsthema. Während sie sich laut unterhalten, geht eine blonde, ihnen unbekannte Schülerin freundlich grüßend an ihnen vorbei. Sie schauen beide nur kurz zu ihr, murmeln ein ’Morgen’ und wenden sich wieder ihrem Thema zu. Bei der Schule angekommen, geht Tim zielstrebig auf ihren Klassenraum zu. Eine weitere Diskussion versucht er damit erst einmal aus dem Weg zu gehen. Die Klassenlehrerin ist heute auch schon da und nun weiß er auch warum. Auf dem Platz neben ihm hat eine neue Schülerin ihre Sachen abgelegt. Nachdem Lena offiziell vorgestellt ist, geht es mit der Organisation des Schulablaufs weiter.
Tim schaut zur Seite, wo ihm seine blonde Nachbarin mit großen Augen ansieht.
„Ich bin Tim. Wenn du Fragen hast, helfe ich dir gern“, flüstert er vorsichtig und will sich wieder seinen Problemen widmen.
„Danke“, antwortet sie genauso leise.
„Ich habe viele Fragen und werde darauf in der Pause zurückkommen.“
Dann verfolgen sie die Ausführungen der Lehrerin, die geänderte Regelungen für das neue Schuljahr vorstellt und genau erklärt, was in den nächsten Tagen alles organisiert werden muss.
Die Klingel deutet das Stundenende bzw. die Pause an. Sofort ist es wieder laut in der Klasse. Die Meisten unterhalten sich über die Ferienerlebnisse, nur Tim nicht. Er schaut auf Lena und erwartet nun ihre Fragen. Er wird nicht enttäuscht. Ein Schwall von Fragen über Schulabläufe, Bibliothekszeiten, Arbeitsgruppen u.ä. fällt auf ihn ein. Er will gerade antworten, da kommt noch eine Frage hinterher.
„Besonders interessiert mich aber eins. Gibt es an der Schule die Möglichkeit, gemeinsam Schach zu spielen?“
Eine solche Frage hat er nicht erwartet. Voller Freude und mit einem Lächeln im Gesicht beginnt er Lenas Fragen zu beantworten. Er erklärt ihr die Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, welche Arbeitsgruppen sie besuchen kann und auch die Öffnungszeiten der Bibliothek. Als letztes erwähnt er dann die fehlende Möglichkeit des Schachspielens, worauf sich ihr Gesichtsausdruck zunehmend verschlechtert.
„Ich kann dir aber sagen, dass du mit dem Problem nicht allein da stehst.“
Lena hebt betrübt den Kopf. Sie hatte sich ein wenig mehr versprochen. Nun erzählt ihr Tim von seiner beendeten Fußballerkarriere und dass er nun auch gern Schach spielt, aber keinen Partner gefunden hat.
„Vielleicht sollten wir einen Schachclub gründen und neue Mitstreiter finden?“
„Wir können aber auch klein anfangen und einfach nur miteinander Schach spielen“, antwortet Lena und strahlt ihn dabei glücklich an.“
„Das können wir.“
Der Rest des Schultages läuft oberflächlich an ihnen vorbei. Ihre Gedanken sind vorwiegend beim Schachspielen. Beide sind zufrieden mit der Entwicklung des Schachproblems und sehen mit Zuversicht in die Zukunft. Lena wie auch Tim sind froh, demnächst einen Gegner beim Schach zu haben. Bisher spielten sie ja lediglich gegen einen professionellen Gegner im Schachprogramm.
Am Nachmittag versucht Tim die organisatorischen Vorgaben der Klassenlehrerin umzusetzen. Währenddessen kreisen seine Gedanken bei seinem Gespräch mit Lena.
„Tim, kommst du zum Abendessen.“
„Bin gleich da“, antwortet er wie gewohnt. Mittlerweile ist seine Mutter nach Hause gekommen und hantiert in der Küche. Da er in seiner Freizeit sehr oft Fußball spielt, hat sie sich abgewöhnt, nachzusehen, ob er wieder zu Hause ist.
Heute beeilt er sich besonders schnell, in die Küche zu kommen, denn es gibt doch viel Neues zu berichten.
„Du glaubst nicht, was heute in der Schule geschehen ist“, beginnt er seinen Bericht über die Geschehnisse. Dann erzählt er mit Begeisterung von seiner neuen Banknachbarin und natürlich von ihrem großen Interesse am Schachspiel.
„Na dann entwickelt sich ja alles nach deinen Vorstellungen“, gibt sein Vater hinzu, der nun auch dazugekommen ist.
„Stimmt, und gleichzeitig habe ich am Nachmittag mehr Zeit für andere Dinge.“


© Eberhard Schulz


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Beschreibung des Autors zu "Tim - die Geschichte eines Fußballspielers Kapitel 1-3"

Tims Liebe zum Fußballspielen prägt sein Leben. Seit seiner Einschulung gibt es nur eine Freizeitbeschäftigung für ihn. Fußballspielen.
Seine Fußballerkarriere scheint unaufhaltsam. Kleinere Höhen und Tiefen meistert er ohne Probleme, bis etwas Unvorhersehbares seinen Traum ins Wanken bringt. Plötzlich zweifelt er an der Richtigkeit seines eingeschlagenen Weges.

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