GENERATIONENVERSCHIEBUNG

I. DER RAUM
Die Bibliothek riecht nach Papierstaub und vergessenen Jahrzehnten. Ein junger Mann sitzt am Fenster, das Smartphone neben sich, ein aufgeschlagenes Buch vor sich, aber seine Augen starren durch das Glas auf die Straße unten. Dort ziehen Demonstrierende vorbei. Ihre Schilder tragen Aufschriften, die er nicht mehr lesen muss, weil er sie auswendig kennt.

Sein Großvater saß vor sechzig Jahren an ähnlichen Fenstern, sah ähnliche Züge, aber die Schilder trugen andere Worte.

Der junge Mann spürt etwas in sich, das er nicht benennen kann. Es ist nicht Trauer. Es ist nicht Wut. Es ist etwas anderes. Eine Art von Müdigkeit, die nicht vom Schlaf kommt. Eine Art von Gewissheit, die nicht von Erfahrung kommt.

Er schließt das Buch. Der Titel ist nicht wichtig. Es geht um nichts, was ihm helfen könnte, das zu verstehen, was gerade in ihm vorgeht. Er steht auf, lässt das Buch liegen, geht hinaus.

Die Luft draußen ist kalt. Die Demonstranten sind weitergezogen. Er atmet ein. Er atmet aus. Er weiß, dass er zu einer Generation gehört, die die Welt anders sieht als alle vor ihr.

Aber er weiß nicht, ob das ein Fortschritt ist oder ein Verlust.

II. DAS SYSTEM
Im Westen, in diesem Raum, der sich einmal "freie Welt" nannte, hat sich etwas verschoben. Nicht plötzlich. Nicht laut. Sondern wie die Kontinentalplatten, die über Jahrzehnte gegeneinander drücken, bis eines Tages der Boden bebt, und alle sagen: "Das kam unerwartet."

Die junge Generation denkt nicht mehr in Kategorien von richtig und falsch. Sie denkt in Kategorien von oben und unten. Sie sieht nicht mehr Handlungen, sie sieht Machtverhältnisse. Sie fragt nicht mehr: "Was hast du getan?" Sie fragt: "Wer bist du?"

Das ist die neue Grammatik der Moral.

Ein Polizist, der einen jungen Schwarzen anhält, ist nicht mehr ein Polizist, der seine Pflicht tut. Er ist ein Vertreter des Systems, das den jungen Schwarzen seit Jahrhunderten unterdrückt. Die Handlung ist zweitrangig. Die Identität ist alles.

Ein Professor, der über Geschlechterrollen doziert, ist nicht mehr ein Wissenschaftler, der Fakten präsentiert. Er ist ein Träger des Patriarchats, dessen Worte die Unterdrückung reproduzieren, selbst wenn er das nicht will. Die Absicht ist zweitrangig. Die Position ist alles.

Ein Unternehmen, das Gewinne macht, ist nicht mehr ein Wirtschaftsakteur, der Arbeitsplätze schafft. Es ist ein Ausbeutungsapparat, der von der Ausbeutung der Schwachen lebt. Der Nutzen ist zweitrangig. Die Struktur ist alles.

Der junge Mann auf der Straße spürt das. Er hat es nicht gelernt. Er hat es aufgesogen wie die Luft, die er atmet. Es ist das Wasser, in dem er schwimmt. Er kennt kein anderes.

III. DIE REIBUNG
Sein Großvater hätte diese Denkweise nicht verstanden. Für ihn war die Welt einfacher: Gut und Böse, Freund und Feind, richtig und falsch. Er kämpfte für Freiheit, weil er wusste, was Unfreiheit war. Er kämpfte für Gleichheit, weil er wusste, was Ungleichheit war. Er kämpfte für Gerechtigkeit, weil er wusste, was Ungerechtigkeit war.

Aber sein Kampf war ein Kampf für etwas. Der Kampf der jungen Generation ist ein Kampf gegen etwas.

Das ist der Unterschied.

Der Großvater hatte ein Ziel vor Augen. Der Enkel hat einen Feind vor Augen.

Und der Feind ist überall. Im Klassenzimmer. Im Parlament. In der Polizeiwache. Im Aufsichtsrat. In der eigenen Familie. Der Feind ist nicht eine Person. Der Feind ist ein Prinzip. Das Prinzip der Unterdrückung. Und alle, die nicht aktiv gegen dieses Prinzip kämpfen, sind Teil davon.

Das ist die Logik, die sich in den Köpfen der jungen Menschen eingenistet hat. Sie ist nicht falsch. Sie ist nicht richtig. Sie ist einfach da.

Und sie erzeugt Reibung.

Reibung zwischen den Generationen, die unterschiedliche Sprachen sprechen. Die Alten sprechen von Verantwortung. Die Jungen sprechen von Empowerment. Die Alten sprechen von Anpassung. Die Jungen sprechen von Authentizität. Die Alten sprechen von Fortschritt. Die Jungen sprechen von Dekolonisierung.

IV. DIE LEERE
In der Wohnung des jungen Mannes hängt ein Poster an der Wand. Es zeigt eine Landschaft. Keine Menschen. Keine Spuren von Menschen. Nur Berge, ein Fluss, ein Himmel. Er hat es vor zwei Jahren gekauft, weil es ihn an etwas erinnerte, das er nie gesehen hatte. Eine Welt vor der Welt.

Manchmal sitzt er davor und spürt eine Sehnsucht, die er nicht erklären kann. Es ist die Sehnsucht nach einer Einfachheit, die es nie gab. Es ist die Sehnsucht nach einer Klarheit, die er nicht leben kann.

Er ist gebildet. Er ist informiert. Er ist sensibilisiert. Er weiß alles über Unterdrückung, über Privilegien, über strukturelle Gewalt. Er kann die Kategorien benennen. Er kann die Begriffe definieren. Er kann die Theorien zitieren.

Aber er kann nicht sagen, wer er ist.

Nicht jenseits all dieser Kategorien.

Nicht jenseits all dieser Zuschreibungen.

Er ist ein weißer Mann. Er ist ein privilegierter Mann. Er ist ein Teil des Problems. Das hat man ihm gesagt, und er hat es geglaubt, weil es wahr ist. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Es ist nicht die Wahrheit über ihn. Es ist die Wahrheit über sein System.

Und das System ist größer als er. Größer als seine Gedanken. Größer als seine Gefühle. Größer als sein Leben.

Er könnte aufstehen und gegen das System kämpfen. Aber das System ist überall. Und wenn es überall ist, wo soll er dann anfangen? Wenn der Feind allgegenwärtig ist, wird der Kampf endlos. Wenn der Feind unsichtbar ist, wird die Paranoia zur Methode.

Er spürt diese Paranoia in sich. Sie ist leise. Sie ist keine Stimme. Sie ist ein Gefühl. Ein Gefühl, dass alles, was er tut, falsch ist. Dass alles, was er sagt, falsch ist. Dass er selbst falsch ist.

Und in diesem Gefühl, in dieser Leere, wächst etwas anderes.

Die Wut kommt nicht wie ein Gewitter. Sie kommt wie ein Wasser, das durch einen Riss im Fundament steigt. Langsam. Unaufhaltsam. Man merkt es nicht, bis der Boden feucht wird. Bis der Geruch von feuchtem Stein in die Nase steigt. Bis man die Füße nicht mehr trocken halten kann.

Die Wut ist nicht laut. Sie ist nicht heiß. Sie ist kalt. Sie ist das Gegenteil von dem, was die Alten denken, wenn sie "Jugend" sagen. Sie ist nicht das Feuer der Revolution. Sie ist das Eis der Erschöpfung.

Es ist eine Wut, die nicht weiß, wohin. Eine Wut ohne Ziel. Eine Wut ohne Namen. Eine Wut, die sich nicht aussprechen lässt, weil sie zu groß ist für die Wörter, die sie zur Verfügung hat.

Unterdrücker. Das Wort ist zu klein. System. Das Wort ist zu abstrakt. Ungerechtigkeit. Das Wort ist zu sauber.

Die Wut ist schmutzig. Sie ist unordentlich. Sie ist das, was übrig bleibt, wenn alle anderen Gefühle aufgebraucht sind. Wenn die Trauer zu oft gefühlt wurde. Wenn die Angst zu lange gedauert hat. Wenn die Hoffnung zu oft enttäuscht wurde.

Dann bleibt die Wut.

Und die Wut hat keine Geduld mehr für schöne Sätze.

Sie will keine wohlgeformten Perioden. Sie will keine eleganten Übergänge. Sie will keine ausgewogene Argumentation.

Sie will schreien.

Aber das Schreien hilft nicht. Weil niemand zuhört. Oder weil alle zuhören, aber keiner versteht. Oder weil alle verstehen, aber keiner etwas ändert.

Also verstummt die Wut.

Und wird zu etwas anderem.

Zu etwas, das keinen Namen hat.

Zu etwas, das sich nicht in Sätze fassen lässt.

Zu etwas, das da ist, aber nicht da sein darf.

Zu etwas, das der junge Mann jeden Morgen beim Aufwachen spürt. Bevor er die Augen öffnet. Bevor er den ersten Gedanken denkt. Bevor er sich in die Kategorien zurechtbiegt, die ihm die Welt vorschreibt.

In diesem kurzen Moment, dieser halben Sekunde zwischen Schlaf und Wachsein, ist er noch nicht wer. Er ist einfach.

Und dann erwacht er.

Und die Worte kommen.

Und mit den Worten kommt die Ordnung.

Und mit der Ordnung kommt der Schmerz.

V. DIE SPANNUNG
Nicht alle jungen Menschen sind gleich.

Das ist wichtig zu verstehen.

Es gibt die Aktivistinnen, die auf die Straße gehen. Es gibt die Intellektuellen, die in den Seminaren debattieren. Es gibt die Unentschlossenen, die zwischen den Welten stehen. Es gibt die Abgestumpften, die nichts mehr spüren.

Aber sie alle teilen etwas.

Sie teilen die Sprache.

Sie teilen die Kategorien.

Sie teilen die Gewissheit.

Die Gewissheit, dass die Welt, in der sie leben, grundlegend ungerecht ist. Und dass sie, weil sie jung sind, die Verantwortung haben, diese Ungerechtigkeit zu beenden.

Diese Gewissheit ist nicht verhandelbar. Sie ist nicht diskutierbar. Sie ist nicht hinterfragbar. Sie ist der Boden, auf dem sie stehen. Und wer diesen Boden infrage stellt, ist nicht nur falsch. Er ist gefährlich.

Hier entsteht die Spannung.

Die ältere Generation – die Lehrer, die Eltern, die Politiker – sie sehen die Welt anders. Sie sehen Fortschritte. Sie sehen Errungenschaften. Sie sehen Verbesserungen. Sie sehen, dass die Welt heute besser ist als vor fünfzig Jahren, und sie fragen sich: Warum reicht das nicht?

Die jüngere Generation sieht keine Fortschritte. Sie sieht nur noch mehr Ungerechtigkeit. Sie sieht nur noch mehr Verkleidung. Sie sieht nur noch mehr Heuchelei. Sie sieht, dass die Welt heute schlimmer ist als vor fünfzig Jahren – weil die Unterdrückung heute raffinierter ist, unsichtbarer, systemischer.

Und sie fragen sich: Wie können die Alten das nicht sehen?

Das ist die Kluft.

Die Kluft ist nicht eine Meinungsverschiedenheit. Sie ist nicht ein Missverständnis. Sie ist nicht ein Kommunikationsproblem.

Die Kluft ist ein Bruch.

Ein Bruch in der Wirklichkeit.

Die Alten und die Jungen leben nicht in derselben Welt. Sie leben in Welten, die sich überlappen, aber nicht decken. Welten, die sich berühren, aber nicht durchdringen. Welten, die nebeneinander existieren, ohne sich zu verstehen.

Die Alten sehen eine Welt der Fortschritte. Die Jungen sehen eine Welt der Niederlagen.

Die Alten sehen eine Welt der Möglichkeiten. Die Jungen sehen eine Welt der Sackgassen.

Die Alten sehen eine Welt der Freiheit. Die Jungen sehen eine Welt der Zwänge.

Beide haben recht.

Und beide haben unrecht.

Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte. Die Wahrheit liegt in der Spannung. In der Reibung. In dem, was passiert, wenn zwei Welten aufeinandertreffen und keine nachgibt.

Das ist die Situation.

Das ist der Konflikt.

Das ist der Moment, in dem die Gesellschaft entscheidet, wer sie sein will.

VI. DIE KONFLIKTE
Die Polizei ist der sichtbarste Konfliktpunkt. Wenn ein junger Schwarzer von einem weißen Polizisten angehalten wird, ist das nicht nur ein Verkehrsverstoß. Es ist ein Akt der Gewalt. Es ist eine Wiederholung von Geschichte. Es ist ein Beweis dafür, dass das System nicht funktioniert.

Die Polizei sieht das anders. Sie sieht einen Beamten, der seinen Job macht. Sie sieht ein Problem, das gelöst werden muss. Sie sieht keine strukturelle Unterdrückung, sondern einen Einzelfall.

Diese beiden Perspektiven sind unvereinbar. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen. Sie leben in unterschiedlichen Wirklichkeiten.

Die Politik ist der nächste Konfliktpunkt. Wenn eine Politikerin über Wirtschaftswachstum spricht, hört die junge Generation: "Wir wollen euch weiter ausbeuten." Wenn eine Politikerin über Sicherheit spricht, hört die junge Generation: "Wir wollen euch noch mehr kontrollieren." Wenn eine Politikerin über Tradition spricht, hört die junge Generation: "Wir wollen euch in der Vergangenheit halten."

Die Medien sind ein weiterer Konfliktpunkt. Wenn ein Journalist über Kriminalität berichtet, sieht die junge Generation: "Ihr zeigt nur die Opfer, die in euer Bild passen." Wenn ein Journalist über Integration berichtet, sieht sie: "Ihr redet über uns, aber nicht mit uns." Wenn ein Journalist über Diskriminierung berichtet, sieht sie: "Ihr macht das Thema zum Spektakel, statt etwas zu ändern."

Die Schulen sind der heimliche Konfliktpunkt. Wenn ein Lehrer Geschichte unterrichtet, hört die junge Generation: "Ihr erzählt uns die Geschichten der Sieger." Wenn ein Lehrer Literatur unterrichtet, hört sie: "Ihr zeigt uns nur die Perspektiven der Mächtigen." Wenn ein Lehrer Naturwissenschaften unterrichtet, hört sie: "Ihr bringt uns bei, die Welt zu beherrschen, statt sie zu verstehen."

VII. DIE FOLGEN
Die Spannungen haben Konsequenzen.

Die ersten Konsequenzen sind sozial. Junge Menschen ziehen sich zurück. Sie bilden eigene Räume. Sie schaffen eigene Netzwerke. Sie leben in einer Parallelwelt, die von der älteren Generation nicht verstanden wird. Die Freundschaften sind politisch. Die Beziehungen sind politisch. Die Freizeit ist politisch. Nichts ist mehr privat. Alles ist öffentlich.

Die zweiten Konsequenzen sind psychisch. Die jungen Menschen sind erschöpft. Sie sind wütend. Sie sind ängstlich. Sie haben das Gefühl, in einem Krieg zu leben, den sie nicht gewinnen können. Die Depressionen steigen. Die Ängste steigen. Die Einsamkeit steigt. Sie sind vernetzt, aber nicht verbunden. Sie haben tausend Freunde, aber keinen, dem sie vertrauen.

Die dritten Konsequenzen sind politisch. Die Demokratie leidet. Die Kompromisse werden unmöglich. Die Debatten werden zu Kämpfen. Die Gegner werden zu Feinden. Die Politik wird zur Fortsetzung des Kulturkampfes mit anderen Mitteln. Die Parteien zerfallen. Die Institutionen verlieren ihre Legitimität. Die Wahlen werden zu Plebisziten über Identität statt über Politik.

Die vierten Konsequenzen sind kulturell. Die Kunst wird politisch. Die Musik wird politisch. Die Filme werden politisch. Die Bücher werden politisch. Alles wird zum Statement. Nichts ist mehr einfach schön. Nichts ist mehr einfach unterhaltsam. Nichts ist mehr einfach menschlich.

VIII. DER RAUM DER STILLE
Der junge Mann sitzt wieder am Fenster. Es ist Abend geworden. Die Straße ist leer. Die Demonstranten sind nach Hause gegangen. Die Schilder sind verschwunden. Die Parolen sind verklungen.

Er denkt an seinen Großvater.

Der Großvater war kein perfekter Mensch. Er hatte Vorurteile. Er hatte Schwächen. Er hatte Fehler. Aber er hatte etwas, das der Enkel nicht hat.

Der Großvater hatte eine Geschichte, die er erzählen konnte. Eine Geschichte, die er verstand. Eine Geschichte, die er fühlte.

Der Enkel hat viele Geschichten. Aber keine ist seine eigene.

Er hat die Geschichte der Unterdrückten. Er hat die Geschichte der Ausgebeuteten. Er hat die Geschichte der Marginalisierten. Er hat alle Geschichten außer seiner eigenen.

Und in diesem Mangel, in dieser Leere, entsteht die Sehnsucht.

Die Sehnsucht nach einer Geschichte, die nicht politisch ist. Nach einer Identität, die nicht kämpferisch ist. Nach einem Leben, das nicht überwacht wird. Nach einem Raum, der nicht kontrolliert wird.

Er weiß, dass diese Sehnsucht unmöglich ist. Die Welt ist politisch. Das Leben ist politisch. Er selbst ist politisch. Es gibt keinen Rückzug. Es gibt keine Neutralität. Es gibt keine Unschuld.

Aber trotzdem sehnt er sich.

Vielleicht ist das die eigentliche Tragödie seiner Generation. Nicht die Wut. Nicht der Kampf. Nicht die Erschöpfung. Sondern diese Sehnsucht nach etwas, das es nicht mehr gibt. Oder vielleicht nie gab.

Die Sehnsucht nach einer Welt, in der man einfach Mensch sein kann.

IX. DIE TRANSFORMATION
Die Gesellschaft wird sich verändern. Das ist unvermeidlich. Die jungen Menschen werden älter werden. Sie werden Macht übernehmen. Sie werden die Institutionen prägen. Sie werden die Kultur gestalten.

Die Frage ist: Was werden sie daraus machen?

Es gibt zwei Möglichkeiten.

Die erste Möglichkeit ist die Eskalation. Die jungen Menschen bleiben in ihrer Wut gefangen. Sie sehen weiterhin überall Unterdrückung. Sie bekämpfen weiterhin jeden, der anders denkt. Sie zerstören weiterhin die Institutionen, ohne neue zu bauen. Die Gesellschaft wird gespalten bleiben. Die Konflikte werden schärfer. Die Demokratie wird zerbrechen.

Die zweite Möglichkeit ist die Transformation. Die jungen Menschen lernen, ihre Wut zu kanalisieren. Sie erkennen, dass die Welt komplexer ist als ein Raster von Unterdrückern und Unterdrückten. Sie entwickeln eine neue Sprache. Sie schaffen neue Institutionen. Sie überwinden die Spaltung und finden eine neue Einheit.

Der junge Mann am Fenster weiß nicht, welcher Weg der richtige ist. Er weiß nur, dass er sich entscheiden muss. Dass seine Generation sich entscheiden muss.

Die Entscheidung wird nicht laut sein. Sie wird nicht in den Schlagzeilen stehen. Sie wird nicht in den Parlamenten getroffen werden.

Sie wird in den Köpfen der jungen Menschen getroffen werden. In den stillen Momenten. In den Zweifeln. In den Sehnsüchten.

Sie wird dort getroffen werden, wo niemand sie sieht.

X. DAS ECHO
Die Nacht ist hereingebrochen. Der junge Mann steht auf, schließt das Fenster, geht ins Bett. Er legt sich hin, schließt die Augen.

Er träumt von einer Landschaft. Keine Menschen. Keine Spuren von Menschen. Nur Berge, ein Fluss, ein Himmel.

Aber es ist nicht die Landschaft von seinem Poster. Es ist eine andere. Eine, die er nicht kennt. Eine, die er noch nie gesehen hat.

In diesem Traum ist er frei.

Nicht frei von Unterdrückung. Nicht frei von Schuld. Nicht frei von Verantwortung.

Einfach frei.

Er atmet ein. Er atmet aus.

Der Traum endet nicht. Er bleibt.

Und am nächsten Morgen, als er aufwacht, ist etwas anders. Nicht viel. Nur ein kleines bisschen.

Aber es ist da.

Es ist der Anfang von etwas Neuem.


© 2025 Johann Grafeneder. Alle Rechte vorbehalten.


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Beschreibung des Autors zu "GENERATIONENVERSCHIEBUNG"

Geschichte eines jungen Mannes, der zwischen zwei Welten steht. Er sieht, wie seine Generation alles durch die Brille von Macht und Ohnmacht betrachtet – Polizei, Politik, Medien, Schule – und daraus entsteht bei ihm keine revolutionäre Energie, sondern eine tiefe Müdigkeit und innere Leere. Er vergleicht sich mit seinem Großvater, der noch für konkrete Ziele kämpfte, während er selbst nur gegen ein allgegenwärtiges, unsichtbares „System“ kämpft. Diese Denkweise führt zu ständiger Selbstüberwachung und dem Gefühl, selbst falsch zu sein. Der Text zeigt, dass die jungen Menschen zwar die richtigen Worte und Theorien kennen, aber keine eigene Geschichte mehr haben – sie sind gefangen in fremden Narrativen. Die Folge sind psychische Erschöpfung, politische Blockaden und kulturelle Verflachung. Am Ende aber gibt es einen zarten Hoffnungsschimmer: In einem Traum von einer menschenleeren Landschaft und in einem stillen inneren Moment spürt der junge Mann eine Freiheit jenseits aller Kategorien. Das Buch endet mit der leisen Ahnung, dass Veränderung nicht im lauten Kampf, sondern in diesen stillen, persönlichen Augenblicken beginnen könnte – ein sehr menschliches, kein politisches Signal.

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Kommentare zu "GENERATIONENVERSCHIEBUNG"

Re: GENERATIONENVERSCHIEBUNG

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 08.07.2026 22:24 Uhr

Kommentar: Lieber Johann,
ich bin mir nicht sicher, ob unser letzter Austausch zu dieser Art der Darstellung geführt hat oder ein inneres Bedürfnis. Aber das spielt letztlich auch keine Rolle.
Ich habe mich jedenfalls irgendwie in dieser Geschichte wiedergefunden. Und dass ich mich wiederfinden werde, habe ich schon nach den ersten Zeilen gespürt.
Ich muss sagen, das, was du da geschrieben hast, sehe ich sofort. Ich sehe es in Bildern, ich sehe es in Erinnerungen, ich sehe es in Menschen, die ich in Berlin kennengelernt habe, bei den Montagsspaziergängern, die von ihren Kämpfen mit der Polizei berichteten, bei der Gruppe, die ein eigenes Geldsystem entwickelt hat und überlegte, wie in einer Stadt wie Berlin die Selbstversorgung machbar zu machen wäre, bei einer christlichen Gemeinde, die hinter zugezogenen Jalousien Gottesdienst hielt, damit niemand sah, dass sie sich der Maskenpflicht widersetzten, bei den Menschen, die immer hinten im Bus saßen, abgesondert und immer in Alarmbereitschaft, falls doch einmal wieder eine Maskenkontrolle zusteigen sollte, bei Freunden, die mit Gitarren "bewaffnet" einen Edeka Markt ohne Masken eroberten und ein Lächeln auf die Gesichter der Verkäuferinnen und Verkäufer zauberten und ich sehe es in meiner persönlichen Erfahrung, als sich meine Sprache änderte und ich begann zu schreiben, weil ich dieses Bild mit Worten malen wollte, dieses Bild, was der junge Mann sich erträumt, doch bei mir gibt es auch Menschen in diesem Bild. Menschen, die sich begegnen, die sich berühren können und dürfen.
Und nun, nachdem ich deine Geschichte gelesen habe, sehe ich auch beinahe überdeutlich, warum ich so schreibe, wie ich schreibe.
Ich möchte dieses Bild in allen möglichen Varianten unter die Menschen bringen, als Utopie, als Sehnsucht, als Anker in einer Zeit, die es noch nicht gibt, aber wenn immer mehr Menschen diese Utopie, diese Sehnsucht träumen, glaube ich, dass sie wirklich werden kann.
Denn alles, was wir denken, wünschen, träumen und visualisieren, wird sich in irgendeiner Weise verwirklichen, da bin ich mir sicher.
Darum möchte ich die Zuckerkristalle in den Sirup werfen, an denen sich das Übermaß an ungelebten Träumen auskristallisiert.
Auch das ist nur ein Traum, aber ich glaube fest daran, dass es funktioniert, wenn es immer mehr Schreiber gibt, die einem solchen Traum folgen.
Liebe Grüße
Gunnar

Re: GENERATIONENVERSCHIEBUNG

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 08.07.2026 23:15 Uhr

Kommentar: Lieber Gunnar,

danke für deine Worte – und dafür, dass du dich in meinem Text wiedergefunden hast. Es bedeutet mir viel, dass du darin Bilder, Erinnerungen und Menschen erkennst, die dir wichtig sind. Genau solche Resonanzen sind der Grund, warum ich überhaupt schreibe.

Aber ich muss dir etwas ehrlich sagen, und es fällt mir nicht leicht:

Ich sehe immer deutlicher, wie wenige Menschen diese Tiefe überhaupt wahrnehmen. Während du dich darin wiedererkennst und vieles siehst, scheinen andere vollkommen blind zu sein. Manchmal habe ich das Gefühl, sie leben in einer völlig anderen Welt – oder wollen gar nicht sehen, was direkt vor ihnen liegt.

Und genau das nimmt mir zunehmend die Lust, solche Texte zu schreiben.

Nicht, weil ich die Menschen aufgegeben habe. Sondern weil ich merke, dass diese Art von Schreiben nur bei sehr wenigen ankommt. Bei den meisten prallt es ab wie Regen auf Glas. Man fragt sich irgendwann: Wozu noch? Für wen?
Es wirkt, als würden viele nur noch durch Nebel gehen – blind, taub, ohne Resonanz.

Darum werde ich mich in Zukunft stärker auf RRT konzentrieren und auf systemische Analysen, Nachrichtenbeiträge, klare Diagnosen. Dort habe ich das Gefühl, dass meine Arbeit tatsächlich etwas bewirkt, dass sie verstanden wird, dass sie einen Zweck erfüllt.

Die literarischen Texte – so schön sie sind – scheinen in dieser Zeit kaum noch Sinn zu machen. Vielleicht schreibe ich sie wieder, wenn die Welt bereit ist, sie zu lesen.

Aber deine Rückmeldung zeigt mir, dass es Menschen wie dich gibt, die diese Tiefe noch spüren. Und dafür bin ich dir dankbar.

Herzliche Grüße
Johann

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