Der Mann, der aufhörte zu klatschen
I.
Er hieß Rudi Kern, war achtundfünfzig Jahre alt und hatte sein Leben lang geglaubt, dass die Welt sich langsam zum Besseren dreht.
Das war kein Glaube aus Büchern. Es war ein Gefühl aus Erfahrung: Er war als Kind in eine Wohnung ohne warmes Wasser gezogen, und jetzt gab es warmes Wasser. Er hatte als junger Mann einen Wehrdienst geleistet, und jetzt gab es keinen mehr. Er hatte seine Tochter in eine Welt gesetzt, in der Mädchen studieren konnten, und jetzt studierte sie.
Es wird besser, dachte er. Langsam. Aber es wird.
Dann hörte er auf zu denken.
II.
Es war nicht ein Ereignis.
Es waren die Bilder. Jeden Abend. Immer neue. Immer dieselben.
Zerbombte Häuser. Kinder in Trümmern. Mütter, die schrien, ohne dass ein Ton kam. Und dann der Kommentator, der sagte: "Die Lage ist angespannt."
Rudi schaltete den Fernseher aus. Schaltete ihn wieder an. Aus. An.
Seine Frau sagte: "Schau nicht hin, wenn es dich kaputtmacht."
Aber er konnte nicht wegsehen. Und er konnte nicht zusehen.
Das war das Problem: Er war im Dazwischen gefangen.
III.
Die Politik wurde lauter.
Jeden Tag ein neuer Skandal. Jeden Tag ein neuer Satz, der den vorherigen Satz vergessen machte. Menschen in Anzügen, die sich anschrien, als ob Worte Waffen wären. Und unten – weit unten – die Leute, die keine Anzüge trugen.
Rudi war einer von unten. Früher hatte er gesagt: "Die da oben machen das schon." Jetzt sagte er: "Die da oben machen das für sich."
Seine Tochter sagte: "Dann geh wählen."
Er ging wählen. Nichts änderte sich.
Seine Tochter sagte: "Dann demonstriere."
Er demonstrierte. Nichts änderte sich.
Seine Tochter sagte: "Dann spenden."
Er spendete. Nichts änderte sich.
"Dann schreib einen Brief."
Er schrieb. Niemand antwortete.
IV.
Die Ungerechtigkeit war kein System. Sie war ein Muster.
Rudi erkannte das Muster, weil er früher Lagerist gewesen war – und ein Lagerist erkennt Wiederholung.
Oben die Reichen. Unten die Armen. Oben die Mächtigen. Unten die Ohnmächtigen. Oben die, die Kriege beginnen. Unten die, die sie ausfechten.
Das Muster wiederholte sich. Überall. Immer. In jeder Nachricht. In jeder Statistik. In jedem Gespräch, das mit "Man müsste mal" anfing und mit "Aber ich kann ja nichts tun" endete.
Rudi konnte nichts tun.
Das war das Schlimmste.
V.
Eines Abends saß er auf seinem Balkon.
Die Stadt lag vor ihm – tausend Lichter, tausend Leben, tausend Probleme. Er trank ein Bier, das nicht schmeckte. Er hörte Musik, die nicht berührte.
Dann passierte etwas.
Ein Kind auf der Straße – vielleicht vier, fünf Jahre alt – ließ einen Luftballon steigen. Der Ballon stieg langsam, rot, klein, verloren. Das Kind lachte. Dann weinte es, weil der Ballon weg war.
Rudi sah zu.
Und in diesem Moment – in diesem winzigen, sinnlosen, alltäglichen Moment – begriff er etwas:
Die da oben lassen auch nur Ballons steigen. Und wir unten weinen, weil sie weg sind.
Es war kein großer Gedanke. Es war kein neuer Gedanke. Aber es war der erste, der sich richtig anfühlte.
VI.
Er stand auf.
Er ging in die Küche. Er nahm einen Stift und einen Block – den alten, mit der Werbung für ein Autohaus, das es nicht mehr gab.
Er schrieb:
"Ich bin traurig."
Dann strich er es durch.
"Ich bin wütend."
Strich es durch.
"Ich bin müde."
Lies es stehen.
Dann schrieb er darunter:
"Die da oben schlafen gut. Ich nicht."
Er faltete den Zettel zusammen. Steckte ihn in die Tasche. Zog seine Jacke an.
Seine Frau fragte: "Wohin?"
Er sagte: "Ich weiß nicht. Aber ich kann nicht mehr hier sitzen."
VII.
Er ging durch die Stadt.
An den Geschäften vorbei, die noch offen hatten. An den Menschen vorbei, die lachten, als ob nichts wäre. An der Polizeistation vorbei, an der Bank, an dem Parteibüro, das geschlossen war – aber die Lichter brannten.
Er wusste nicht, wohin er wollte. Er wusste nur, dass er gehen musste.
Irgendwann blieb er stehen. Vor einem Krankenhaus. Neonlicht. Stille.
Er setzte sich auf eine Bank. Der Zettel in seiner Tasche knisterte.
Er nahm ihn heraus. Las ihn noch einmal.
Dann steckte er ihn zurück.
Er wusste nicht, was er tun sollte. Aber er wusste, dass er nicht aufgeben wollte. Auch wenn Aufgeben das Einfachste wäre.
VIII.
Um drei Uhr morgens kam er nach Hause.
Seine Frau schlief. Das Licht im Flur brannte – sie hatte es für ihn angelassen.
Er zog die Schuhe aus. Stellte sie neben ihre. Ihre waren kleiner. Das war das ganze Geheimnis des Zusammenlebens: Man stellte seine Schuhe neben die des anderen, und irgendwie ging es weiter.
Er legte sich ins Bett. Sie drehte sich um, ohne aufzuwachen, und legte eine Hand auf seine Brust.
Er schloss die Augen.
Die Welt war nicht besser. Die Kriege waren nicht vorbei. Die Ungerechtigkeit war nicht verschwunden. Die da oben schliefen immer noch gut.
Aber er hatte geschrieben. Er war gegangen. Er war zurückgekommen.
Und das war kein Sieg. Aber es war kein Verlust.
Es war einfach ein Dienstag im März.
IX.
Am nächsten Morgen machte er Kaffee.
Seine Tochter rief an: "Geht's dir gut, Papa?"
Er sagte: "Nein. Aber ich bin noch da."
Sie schwieg. Dann sagte sie: "Das ist genug."
Rudi trank seinen Kaffee.
Er würde heute nichts ändern. Aber er würde auch nicht aufhören, es zu versuchen.
Vielleicht war das die einzige Wahrheit, die blieb:
Kommentar:Hallo, da brauche ich doch gar nicht zu schauen, von wem das ist. Mal wieder eine typische Johann-Geschichte.
Leider ist mein Kommentar abgestürzt.
Vielleicht versuche ich es ja nachher noch einmal.
Kommentar:Wooooooooooooowwwwwwwwwwwwwww.............gut, dass Du hier den Leser eine Geschichte beschreibst, die offen bleibt, die kein Ende hat. Das macht mehr Spannung als ein erlösendes Aufhängen der Person, das macht mehr Sinn für diese Figur, weil das Moment des Fragens bleibt und nicht gelöst ist. So ergeht es vielen von uns. Und Du glaubst es nicht. Gestern habe ich einen Brief an den DFB geschrieben wegen dieser blöden Weltmeisterschaft in einem Land, dass es nicht wert ist dort überhaupt Fuß zu fassen. Ich habe heute Nacht noch ein Gedicht darüber verfasst und vor lauter Wut über sooooooooooo vieeeeeeeeeeeeel Doofheit eine Illu dazu gemacht. Mir stinkt auch so vieles, kann dem Mann in Deiner Geschichte 100% verstehen. Du hasst diese derzeitige Situation genauso wie ich, wenn ein mächtiger Mensch wie Trumpel sagt, dass er eine Zivilisation mit A-Waffen auslöschen will. Wir sind an der Schwelle nun angelangt. Es braucht nur noch ein General, der diesen Befehl nach unten gnadenlos durchprügelt. Zum Glück hat sich dieser General dagegen entschieden. Wenige Wahnsinnige, terrorisieren fast 9 Milliarden Menschen. Wenn ich könnte wie ich wollte würde ich sie erschlagen wie einen tollwütigen Hund! Danke für Deinen Beitrag, der haut rein ohne Blutvergießen, dass kann nicht jeder Schreiber. Vielleicht noch die ELLA die hat das gleiche Kaliber wie Du.
Kommentar:Michael, danke dir.
Man spürt in jedem Satz, wie sehr dich das alles beschäftigt – und ich glaube, genau deshalb hat dich die Geschichte getroffen. Nicht weil sie laut ist, sondern weil sie das zeigt, was viele von uns im Moment fühlen: dieses permanente Schwanken zwischen Wut, Müdigkeit und dem Versuch, trotzdem noch ein Mensch zu bleiben.
Ich verstehe deinen Zorn.
Ich verstehe auch die Ohnmacht dahinter.
Wir leben in einer Zeit, in der ein paar wenige Entscheidungen über das Leben von Milliarden bestimmen – und das ist schwer auszuhalten, egal wie oft man versucht, es wegzuschieben.
Was du über deinen Brief, dein Gedicht, deine Illu schreibst: Das ist genau das, was bleibt.
Man kann die Welt nicht im Alleingang reparieren, aber man kann verhindern, dass man innerlich abstumpft.
Und das tust du.
Mit jedem Wort, jedem Bild, jedem Aufschrei.
Ich glaube, das verbindet uns alle hier:
Wir klatschen nicht mehr, weil es nichts zu feiern gibt –
aber wir hören auch nicht auf zu fühlen.
Danke für deine offenen Worte.
Sie tun gut, gerade weil sie weh tun.
Lg Johann
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