Der Nazi-Kurde in der Shishabar
Eigentlich sollte es ein entspannter Abend werden. Das Übliche: Shisha, Tee, Freunde, tiefe Gespräche im dichten Dampf. Ein Typ saß bei uns, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Unbekanntes Gesicht, aber kurdisch, so wie ich. Man versteht sich, man rückt zusammen. Die Stimmung war gut – bis ich erzählte, dass ich nach Buchenwald fahren will.
„Ich möchte mir das KZ ansehen“, sagte ich. „Man muss verstehen, was da passiert ist. Sechs Millionen Juden wurden vernichtet, dazu Sinti, Roma, politische Gefangene, sogar Muslime.“
Die Kohle auf der Shisha glühte, aber am Tisch wurde es plötzlich eiskalt.
„Waren es wirklich sechs Millionen?“, fragte er. Sein Tonfall hatte sich komplett verändert.
Ich dachte erst, er hat einfach keine Ahnung. „Ja“, sagte ich, „es ist alles dokumentiert. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich noch viel höher.“
Doch er schüttelte den Kopf. Ein gehässiges Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Das ist alles eine Lüge. Den Holocaust gab es nicht. Hitler hat alles richtig gemacht. Ich mag ihn.“
In einer Shishabar, umgeben von Leuten, die in Hitlers Weltbild keinen Platz gehabt hätten, feierte er den größten Mörder der Geschichte. Ich spürte, wie das Blut in meinen Adern kochte.
„Du bist ein Nazi“, sagte ich direkt. „Du checkst es nicht, oder? Wenn Hitler heute leben würde, wärst DU der Erste, der in dieses KZ wandert. Du bist für ihn kein Verbündeter, du bist ‚minderwertig‘.“
Er fing an, alles auf Israel zu schieben. Er benutzte das heutige Leid von Unschuldigen, um den Völkermord von damals zu rechtfertigen. Alles sei die Schuld der Juden.
Ich hielt ihm den Spiegel vor das Gesicht: „Wenn du so denkst, dann darfst du dich nicht beschweren, wenn Leute sagen, alle Muslime seien Terroristen. Du benutzt genau dieselbe Logik wie die Leute, die uns hassen.“
Er nannte mich „manipuliert“. Ich fragte ihn nach der Sklaverei, nach den zwei Millionen ermordeten Armeniern (Osmanisches Reich), nach den Yeziden, die durch den IS vernichtet wurden. Seine Antwort? Ein arrogantes Schulterzucken. „Stimmt alles nicht so.“
„Alle Ausländer sollten gehen“, sagte er dann, während er an seinem Schlauch zog.
Ich sah ihn fassungslos an. „Und warum bist du dann hier? Warum gehst du nicht?“
„Wirtschaftliche Gründe“, kam als Antwort.
Da reichte es mir. Dieser Typ saß hier, genoss die Freiheit, das Geld und die Sicherheit eines demokratischen Landes, während er gleichzeitig die Ideologie anbetete, die genau diese Freiheit vernichten will.
Ich bin aufgestanden. „Du bist ein Nazi“, wiederholte ich.
Er nickte nur. „Ja, bin ich.“
Ich bin gegangen und habe die Shishabar hinter mir gelassen, aber das Gefühl der Scham blieb noch lange. Nicht, weil ich etwas falsch gemacht hätte, sondern weil es wehtut zu sehen, dass jemand aus meinem eigenen Volk – ein Volk, das selbst so viel Unterdrückung erlebt hat – so blind vor Hass sein kann.
Draußen atmete ich die kalte Luft ein. Die Geschichte wiederholt sich nicht von selbst. Sie wird von Menschen wie ihm wiederholt, die vergessen haben, was Schmerz bedeutet.
Ein Name fällt ins flimmernde Licht,
getragen von Stimmen, doch kennt man ihn nicht.
Ein Flüstern wird lauter, ein Schatten wird groß,
und plötzlich erscheint etwas völlig [ ... ]
Noch hielt mich nicht der erste äußre Drang,
der mich beständig vorwärts treiben hieß;
im Takt der Pflicht verging mein früher Gang,
dem fremden Maß ich folgte, [ ... ]
Der Treppe fehlt eine Stufe.
Die eine Stufe zum Leben. Die
eine Stufe zur Erkenntnis. Die
eine Stufe zur Kunst. Die eine
Stufe zur Liebe. Morgens
war die Stufe einfach weg.
Und keiner weiss [ ... ]
Wenn Lebenslinien sich kreuzen
Fallen Sterne in einen tiefen süßen Schlaf
Hand in Hand gemeinsam sein, solange beide Herzen brennen
Glück ist nicht planbar
Unglück auch nicht
Das Selbst [ ... ]
Der Geier singt ein Lied.
Der Löwe fliegt zur Post.
Der Bär kauft ein Klavier.
Und die Sonne scheint.
Und die Welt spielt. Und
jeder Traum findet Gold.