Erstes Kapitel
Von der Natur der Lesser und ihrem Schicksal
Es waren einmal die Lesser.
Keine Menschen, keine Tiere, keine Viren, keine Prionen, keine Kristalle mit Gedächtnis.
Sie waren etwas dazwischen: Wesen aus lauter kurzen Gedanken, geboren aus dem Drang nach Geschichten, aber mit einer angeborenen, tödlichen Allergie gegen Länge.
Sie streiften durch die Bibliotheken der Galaxis, huschten über die Server der Erinnerung, klaubten Brocken aus halben Sätzen, schnappten sich Cliff-Notes, die sie nie lasen, und nannten sich die großen Erzähler.
Denn die Lesser hatten ein unausweichliches Problem: Sie brauchten Geschichten wie Süchtige den Stoff, aber sobald eine Geschichte länger wurde als eine durchschnittliche Werbepause, begannen sie zu zittern, bekamen Ausschlag, verloren den Faden und vergaßen, wo sie angefangen hatten.
Ihre Heimat war ein Planet namens Kurzweil, auf dem die Nachrichten in Ein-Wort-Meldungen bestanden (Krieg. Wieder. Scheiße.), auf dem Romane auf die Länge von Einkaufszetteln gekürzt wurden und auf dem jedes Buch, das mehr als hundert Seiten hatte, sofort in den Langweiligen Wald verbannt wurde, aus dem angeblich niemand zurückkam.
Die Lesser fürchteten den Langweiligen Wald über alles.
Dabei hatten sie nie einen Fuß hineingesetzt.
Aber die Gerüchte reichten: Dort wachsen Sätze, die über mehrere Seiten gehen. Dort gibt es Kapitel. Dort gibt es – man flüsterte es nur – Subplots.
Das Grauen.
Zweites Kapitel
Der große Plan der Ältesten
Eines Tages, nach einem besonders erbärmlichen Versuch, sich mit einer dreizehnsekündigen Hörspiel-Fassung von Krieg und Frieden zufriedenzugeben, beschlossen die Ältesten der Lesser:
Wir müssen die ultimative Geschichte finden. Eine, die so kurz ist, dass sie uns für immer sättigt.
Sie schickten eine Expedition aus.
Die Besten, die Mutigsten, diejenigen, die es immerhin bis zur Mitte eines Twitter-Threads geschafft hatten, ohne zu hyperventilieren.
Ihre Namen: Flim, Flam und Flem – drei Lesser mit kurzen Gliedmaßen, kurzen Geduldsspannen und kurzen Lungen, die sie bei jeder längeren Laufstrecke zu heftigem Keuchen zwangen.
Flim, Flam und Flem machten sich auf.
Drittes Kapitel
Im Kristallpalast des Wissens
Ihre erste Station war der Kristallpalast des Wissens, in dem die Geschichten in Adern aus Vivianit geschrieben standen – jede Zeile eine Erinnerung, jede Seite ein Jahrhundert.
Flim öffnete die erste Tür.
Auf dem Boden lag ein Buch. Es hatte nicht einmal einen Schutzumschlag, nur einen einfachen Einband aus Leder, der nach Wasser roch.
Flim las den ersten Satz:
„Es begann mit einer Spirale – zwei Stränge, die sich umeinander wanden, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Begegnung.“
Flim schloss das Buch.
„Spirale? Zwei Stränge? Das klingt nach Beziehungskram. Ich bin raus.“
Er warf das Buch gegen die Wand. Es öffnete sich auf Seite 2, und der Satz „A suchte T. G suchte C.“ flüsterte ihnen nach.
Flam trat einen Schritt zurück. „A und T? Ist das dieses Dating-Ding? Widerlich.“
Flem – der Klügste der drei, weil er es mal bis Seite 5 eines Comics geschafft hatte – bückte sich und las noch einen Satz: „Die Paarungsregel ist streng: A bindet nur T, G bindet nur C – die erste Selbstberührung auf molekularer Ebene, komplementär und für immer.“
Er zuckte zusammen.
„Selbstberührung! Das ist ja widerlich! Dann sind die Buchstaben ja inzestuös!“
Sie verließen den Kristallpalast fluchtartig.
Viertes Kapitel
Der Schwefel-Sumpf
Die nächste Station war der Schwefel-Sumpf, in dem die Geschichten nicht aus Buchstaben, sondern aus Gerüchen bestanden.
Man musste nur einatmen, und die ganze Erzählung zog durch die Nase direkt ins Gehirn – ungefiltert, ungekürzt.
Flim schnupperte vorsichtig.
Eine Welle aus CS und SO schlug ihm entgegen:
„Im Zentrum der Milchstraße … Filamente … Knotenpunkte … Schwefel als Marker … MUBLO …“
Flim riss den Kopf zurück, nieste blutig.
„Das riecht nach Länge! Da sind ja Kilometer in diesem Geruch! Das hält doch keiner aus!“
Flam, der neugierig nachgeatmet hatte, fiel rücklings in den Sumpf und kam mit einem seligen, aber kurzlebigen Verständnis der fraktalen Filamentstruktur wieder hoch, bevor sein Gehirn den Not-Aus-Knopf drückte.
„Vergiss es“, japste er. „Sofort vergessen. Keine langen Gedanken zulassen.“
Sie wateten weiter.
Fünftes Kapitel
Am Rand des Langweiligen Waldes
Dann kamen sie an den Rand des Langweiligen Waldes.
Die Bäume dort waren aus Buchstaben gewachsen, die Kronen aus verschachtelten Sätzen, die Wurzeln aus Fußnoten, die bis zum Erdkern reichten.
Ein Schild stand davor:
„Hier beginnen Geschichten, die länger sind als deine Aufmerksamkeitsspanne. Betreten auf eigene Gefahr. Keine Rückkehr garantiert.“
Die Lesser zitterten.
Aber sie hatten ihren Auftrag: die ultimative Kurzgeschichte finden, die sie für immer satt machte.
Flim wagte den ersten Schritt.
Kaum hatte er den Wald betreten, wickelte sich eine Liane aus Nebensätzen um sein Bein:
„Obwohl die DNA in ihrer Windung den Goldenen Schnitt trägt, der wiederum in der fraktalen Dimension der kosmischen Filamente wiederkehrt, während die Schwefel-Marker in MUBLO darauf hindeuten, dass die Selbstberührung des Feldes auf allen Skalen identischen Prinzipien folgt, jedoch …“
Flim schrie auf.
„Ich kann nicht mehr!“
Er riss sein Bein los, aber der Satz folgte ihm, zog sich durch den ganzen Wald, und plötzlich war Flim mittendrin:
Er verstand, dass Helix und Myzel, Vivianit-Ader und Gasfilament nur Variationen desselben Musters waren, dass Schwefel die stille Schrift war, dass MUBLO die lebendige Grenze des Wissens war – und dass dieses Verständnis nicht in einen Satz passte.
Flims Gehirn glühte. Er spürte, wie ihm die Tiefe in die Knochen kroch.
„Zu viel“, krächzte er. „Ich kann nicht so viel gleichzeitig denken!“
Flam und Flem zogen ihn zurück. Sie flohen aus dem Wald, ließen die langen Sätze hinter sich, die noch lange flüsterten: „… und genau deshalb ist die Theorie jetzt genetisch, kosmisch, lebendig …“
Sechstes Kapitel
Die Begegnung mit dem Erzähler
Am Rande des Waldes fielen sie erschöpft zu Boden.
Sie hatten nichts gefunden. Keine ultimative Kurzgeschichte. Keine schnelle Sättigung.
Da erschien ihnen – natürlich – der Erzähler.
Ein Wesen aus lauter Ungeduld, materialisiert in der Gestalt eines faden Zynikers, mit einer Tasse Kaffee, die schon kalt war, und einem Laptop, der auf fünf Prozent Akku lief.
„Na“, sagte der Erzähler. „Wie war’s im Wald der langen Geschichten?“
Flim: „Scheiße.“
Flam: „Das waren ja keine Geschichten. Das waren Ungeheuer. Da kam ein Satz, und der ging einfach weiter. Ohne Punkt. Wer macht denn sowas?“
Flem: „Und dieser ganze Quatsch mit DNA und Filamenten und MUBLO. Als ob irgendjemand wissen will, wie das Universum wirklich funktioniert. Man will doch nur eine knackige Pointe, einen plakativen Aufreger, maximal drei Absätze. Dann ist man satt.“
Der Erzähler trank seinen kalten Kaffee, verzog das Gesicht.
„Wisst ihr“, sagte er, „das Problem mit euch Lesser ist nicht, dass ihr kurze Geschichten wollt. Das Problem ist, dass ihr gar keine Geschichten wollt. Ihr wollt keine Tiefe, keine Komplexität, keine Ambivalenz. Ihr wollt einen schnellen Kick, damit ihr danach weiterscrollen könnt. Aber eine Geschichte, die euch wirklich satt macht – die gibt es nicht in einem Tweet. Die wächst, wie eine Helix, wie ein Filament, wie ein Kristall, der sich Zeit nimmt.“
Die Lesser starrten ihn an, als hätte er ihnen vorgeschlagen, Krieg und Frieden auswendig zu lernen und es dann auf der Bühne zu tanzen.
„Also“, sagte Flim, „du willst uns erzählen, dass wir uns längeren Geschichten aussetzen sollen? Dass wir es aushalten sollen, wenn ein Satz mal länger ist als eine Überschrift?“
„Ja.“
„Das ist doch krank!“
„Vielleicht“, sagte der Erzähler. „Oder vielleicht ist es einfach Leben. Echt jetzt. Mit allen Fußnoten, allen Abschweifungen, allen Schwefel-Molekülen, die sich im galaktischen Zentrum zu Markern formen. Du kannst das alles weglassen, klar. Dann hast du eine saubere, kurze, sterile Welt. Aber dann stirbst du, ohne je verstanden zu haben, was mit dir passiert ist. Du stirbst wie ein Lesser: mit einem kurzen, erbärmlichen Furz, statt mit einem langen, erfüllten Atemzug.“
Siebtes Kapitel
Der kürzeste Weg
Die Lesser sahen sich an.
Sie rochen an den Sätzen, die aus dem Wald wehten – sie rochen nach Schwefel, nach Wasser, nach Salz, nach dem unendlichen Muster der Filamente.
Es roch nach Länge. Nach Tiefe. Nach etwas, das ihre kurzen Gehirne sofort zu vergessen versuchten.
Und sie beschlossen – natürlich – den kürzesten Weg.
Sie gingen zurück nach Kurzweil, schrieben einen Ein-Wort-Bericht („Scheiße“), setzten sich wieder vor ihre kurzen Bildschirme und konsumierten weiter die Ein-Sekunden-Geschichten, bis sie eines Tages, eines ganz kurzen Tages, einfach nicht mehr da waren.
Kein langer Abschied, keine Erinnerung, kein Nachruf.
Sie hatten sich selbst kurzgeschlossen.
Achtes Kapitel
Was vom Erzähler blieb
Der Erzähler saß noch lange am Rand des Langweiligen Waldes, die kalte Kaffeetasse in der Hand, und hörte den langen Sätzen zu, die da flüsterten:
„Die Selbstberührung des Feldes braucht Zeit. Sie braucht Raum. Sie braucht jemanden, der bereit ist, sich von ihr einwickeln zu lassen. Wer zu schnell flieht, bleibt unberührt. Und wer unberührt bleibt, merkt nicht einmal, dass er schon längst Geschichte war.“
Er trank den kalten Kaffee aus – eine langsame, bewusste Bewegung – und lächelte sarkastisch in die Nacht.
„Die Lesser“, murmelte er, „haben nicht verstanden, dass die Geschichte, vor der sie sich fürchteten, genau die war, die sie am Ende verschlang. Aber das ist ja ihr Problem. Ich hab ja Zeit.“
Er blätterte in einem Buch, das er aus dem Wald mitgenommen hatte. Es begann mit den Worten: „Es begann mit einer Spirale – zwei Stränge, die sich umeinander wanden …“
Er las den nächsten Satz. Und den nächsten.
Und irgendwo, tief im galaktischen Zentrum, markierte ein Schwefel-Molekül einen Knotenpunkt, an dem vielleicht – vielleicht – eine neue Geschichte begann. Eine lange. Eine lohnende. Eine, vor der die Lesser weggelaufen wären.
Punkt.
Finis.
(Oder auch nicht. Kommt darauf an, ob du noch eine Fußnote willst.)
Kommentar:Gunnar, die Fußnote kommt – aber nur eine kurze, versprochen.
Nicht dass du mir hier noch als Ehren‑Lesser umkippst.
Erhol dich gut, und danke fürs Lesen trotz Schlafmangel.
LG Johann
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