Wenn es Nacht wird in Norland, dem geheimnisvollen Land der Fantasie im hohen Norden, und die Sterne in der zunehmenden Dunkelheit wie Diamanten zu funkeln beginnen, dann setzt Throm, der Herrscher des Riesenvolkes der Thorsen, seinen gewaltigen silbernen Hut mit breiter Krempe auf, ergreift seinen langen gewundenen Wanderstab und macht sich auf den nächtlichen Weg.
Lautlos klettert er über zerklüftete Bergmassive, springt über tiefe Schluchten und verschwindet immer wieder hinter dichten Wäldern, deren Bäume bis zu den Wolken hinaufragen.
Von Zeit zu Zeit leuchtet er in dunkle Täler oder spiegelt sich im Wasser dunkler, tiefer Seen.
Sein Weg führt ihn hinauf zu den höchsten Gipfeln des Ostens von Norland, von wo aus er allen Bewohnern des Landes als Mond erscheint - hoch am Himmel stehend, mit mildem, silbern glänzendem Licht, das die Welt in ganz besonderer Weise verzaubert.
Throm musste den Weg jede Nacht gehen, denn der leuchtende Hut des „silbernen Wächters“ – wie die Riesen ihren König nannten - diente allen Bewohnern von Norland zur Einteilung ihrer Lebenszeit in Tage, Wochen, Monate und Jahre und die Regelmäßigkeit seines Erscheinens gab ihnen Vertrauen in die Abläufe der Natur.
Um die Veränderungen des Mondes sichtbar zu machen, positionierte Throm seinen Hut jede Nacht etwas anders auf seinem großen runden Kopf: wenn er ihn tief ins Gesicht zog, dann erschien er als schmale Sichel, setzte er ihn gerade auf, dann leuchtete er als halbmondförmiges Rund, und wenn er ihn in den Nacken schob, dann strahlte er als runder Vollmond - so klar, dass man sogar sein Gesicht darin erkennen konnte.
Nur ein einziges Mal in vier Wochen gönnte sich der König eine Pause: Dann ließ er den Hut und den Wanderstock zu Hause, stieg auf den mächtigen Felsen über dem Eingang zu seinem Palast und saß dort allein in stockdunkler Nacht und lauschte in die Dunkelheit hinein.
Von hier oben konnte er nämlich in die Herzen seiner Riesen im Land schauen und hören, welche Freude ihnen das Leben in Norland bereitete, aber auch welche Sorgen sie plagten.
Heute waren sie ausgelassen und feierten in Grimstadir eine Hochzeit. Wenn sie tanzten oder beim Zechen mit ihren Trinkbechern auf die Tische schlugen, weil sie nach mehr Bier und Wein verlangten, dann konnte er das leichte Beben der Erde bis zu seinem Felsen hinauf spüren.
Sie konnten aber auch hart arbeiten. Wenn neue Wege durch bisher unwegsames Gelände gebaut wurden, dann zerschmetterten sie mächtige Felsen mit bloßen Händen, dass die Brocken nur so durch die Luft flogen.
Alle zehn Jahre trafen sie sich zu sportlichen Wettkämpfen, bei denen sie über Flüsse und Schluchten sprangen und Steine über ganze Berge hinweg warfen. Dann staunten selbst die Wolken, wie viel Kraft und Ehrgeiz in ihnen steckte.
Streit war bei ihnen auch nicht selten und wenn sie wütend wurden, dann geschah das mit so großer Leidenschaft, dass der Himmel zu beben schien.
An den seltenen Tagen aber, an denen die Sonne aus blauem Himmel strahlte, und keine Arbeit auf sie wartete, hallte ihr Lachen und Singen durchs ganze Land. Ihre Lieder waren wild wie der Sturm, der oft über das Land fegte, und sie erzählten fast immer von früheren Abenteuern, von tapferen Riesen und verlorenen Zeiten.
Ja, Throms Riesen hatten ein raues Wesen und einen Umgangston, der so schroff war, wie das unwirtliche Klima im Osten des Landes.
Doch die Riesen von Norland hatten auch eine ganz andere Seite, die allerdings nur selten zum Vorschein kam. Tief in ihren Herzen wohnte nämlich der Wunsch nach Liebe und Verbundenheit. Brauchte ein Riese Hilfe, ließen sie alles stehen und liegen, versammelten sich an einem zentralen Ort und berieten, wie sie helfen konnten. Kein Riese ließ einen anderen im Stich und Freundschaften zwischen ihnen waren so stark und dauerhaft wie die Berge in ihrem Land.
Kamen Fremde ins Land, dann zeigten sie sich eher verschlossen und abweisend, was ihnen ihren Ruf als raue, grobschlächtige und unnahbare Gesellen eingebracht hatte. Wer allerdings einmal die Freundschaft eines Riesen gewonnen hatte, der hatte einen treuen Gefährten für sein ganzes Leben gefunden.
Finn, der Wichtel, wohnte in Laugarvatn, einem kleinen Dorf im Westen Norlands, dort wo Trolle und Wichtel noch die Nähe der Menschen suchten.
Trolle waren furchteinflößende Wesen: bis zu zwölf Fuß groß, mit einem Gewicht von manchmal mehr als einer Tonne. Sie waren nicht besonders klug, verfügten aber über enorme körperliche Kräfte, was sie häufig zu gewalttätigen und unberechenbaren Gesellen machte. Trolle hatten ein diebisches Vergnügen daran, Menschen zu ärgern und ihnen das Leben schwer zu machen – ganz besonders dann, wenn die Menschen sie nicht mochten, ihnen nie etwas zu essen hinstellten oder sie gar zu vertreiben suchten.
Wichtel waren klein und von menschenähnlicher Gestalt. Sie fühlten sich als Gäste in den Häusern der Menschen. Auch sie waren zu manchem Schabernack aufgelegt und spielten den Menschen oft kleine Streiche. Zugleich bemühten sie sich aber um ein gutes Verhältnis zu ihren Gastgebern.
Manche wurden sogar zu Hauswichteln und nahmen am Leben der Familien teil. In kinderreichen Familien räumten sie manchmal auf oder wuschen die Wäsche, sie wachten über die Kinder und hinterließen manchmal auch kleine Geschenke.
Finn hatte schon lange im Gerümpel auf dem Dachboden der Familie Björnsson und Einarsdottir gewohnt. Während andere Wichtel sich hinter Regalen und in den Schränken der Speisekammern versteckten oder einen ruhigen Platz im dunklen Keller gefunden hatten, hatte Finn sich ein Lager in einer alten Kinderwiege eingerichtet, von dem er das Hofgelände durch ein Giebelfenster und den Himmel darüber durch ein großes Dachfenster beobachten konnte.
Selbst für einen Wichtel war Finn ziemlich winzig – gerade mal einen Daumen groß. Doch er war ein neugieriger und mutiger Junge, der voller Ideen steckte. Er war ein scharfer Beobachter und da, wo anderen nichts mehr einfiel, hatte Finn immer eine Lösung parat. Viele seiner Fähigkeiten hatte er sich beim „Schmiere stehen“ angeeignet – einer Aufgabe, die ihm als Winzling besonders gut lag.
Die anderen Wichtel zollten ihm jedenfalls große Anerkennung und selbst unter den Trollen genoss er einen legendären Ruf. Und das wollte für einen Wichtel schon etwas heißen.
In den letzten klaren Sommernächten hatte Finn stundenlang in seiner Wiege gelegen und den Himmel beobachtet. Er verfolgte Sternschnuppen, kannte die Namen fast aller hell leuchtenden Sterne und natürlich auch den Lauf des Mondes mit all seinen wechselnden Gesichtern.
Seit Tagen hatte er das Gefühl, dass sich etwas verändert hatte. Er konnte nicht sagen, was es war - aber er spürte es: Der Mond hatte sich verändert!
In den Wochen, in denen die Tage langsam kürzer wurden und die Dämmerung immer früher hereinbrach, ging auch Finn immer früher ins Bett, so dass die anderen Wichtel schon glaubten, er wäre krank. Doch Finn beruhigte sie: „Nee, nee, ich bin nur einem Geheimnis auf der Spur. Dazu brauche ich viel Zeit zum Beobachten und viel Ruhe zum Überlegen.“
Und eines Nachts passierte es: Finn hatte wieder lange wach gelegen und den Mond beobachtet, der im Osten aufgegangen war und sich anschickte als Sichel über die Berge von Norland zu wandern.
Finn stutzte als sich auf der linken nach innen gebogenen Seite der Sichel eine dunkle Einbuchtung zeigte, die sich in den nächsten 3 Tagen immer deutlicher zu einem kreisrunden schwarzen Fleck entwickelte, der sich nicht von der Stelle rührte. „Eigenartig“, wunderte er sich, „das sieht ja fast so aus, als hätte der Mond ein Loch! Ob sein Licht deswegen wohl schwächer geworden ist?“
Finn behielt sein Geheimnis für sich, aber als sich das Loch nach vier Wochen wieder zeigte und sogar etwas größer geworden war, beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen.
„Für den Mond sind die Riesen zuständig“, das wusste Finn. Wenn er allerdings mehr erfahren wollte, dann musste er wohl das Land der Riesen besuchen, von dem sich Trolle, Wichtel und Feen aufregende Geschichten erzählten. Seine Einwohner lebten angeblich in felsigen Berghöhlen und in dunklen Wäldern, deren Bäume so hoch waren, dass sie die Wolken berührten. Doch Finn war nicht ängstlich, im Gegenteil, er liebte das Abenteuer und er hatte auch schon viele bestanden.
Schon nach drei Tagen stand sein Entschluss fest: große Abenteuer konnte man nur erleben, wenn man mutig war.
Also packte er seine kleine Seitentasche mit Brot und Beeren, setzte seine rote Mütze auf und machte sich auf den Weg.
„Sei vorsichtig, Finn,“ riefen die älteren Wichtel ihm nach. „Die Riesen sind groß und die Wege in ihrem Land sind gefährlich.“ „Danke für die Warnung“, rief Finn zurück, „ich werde aufpassen“.
Dann stapfte er wochenlang kraftvoll voran und erreichte endlich das Hügelland mit seinen weiten welligen Graslandschaften.
Es war an einem späten Nachmittag - einzelne aus dem Gras herausragende Felsenköpfe warfen schon lange Schatten - als Finn eine Gruppe von Feen entdeckte, die in den letzten wärmenden Sonnenstrahlen des Tages über einem Moltebeerenbusch tanzten. „Finn, wohin gehst du?“ fragten sie neugierig mit ihren hellen Stimmen. „Ich will zu den Riesen,“ antwortete Finn stolz. „Zu den Riesen? Das sind doch grobe und abweisende Gesellen.
Warum willst du die beschwerliche Reise auf dich nehmen und auch noch dein Leben im Land der Riesen riskieren?“
„Ach, sie sollen aber auch freundlich sein, wenn man ihr Vertrauen gewinnt,“ entgegnete Finn. „Ich muss ihnen etwas Wichtiges sagen und vielleicht kann ich ihnen sogar bei einer Sache helfen.“
„Dann viel Glück, Finn, hoffentlich schaffst du das!“ riefen sie ihm zu und verschwanden wie ein Schwarm Mücken nach oben in den blauen Himmel.
Finn nickte, „das kann ich bestimmt gebrauchen“. Nachdenklich nahm er seine Tasche auf und wanderte weiter.
„Pass auf, dass du nicht von einem Troll auf einen Irrweg geschickt wirst“, kicherte eine Stimme hinter einem Felsen: „Ihre Streiche sind nicht immer nett!“.
Finn blieb stehen und lachte: “Mensch Grumm, du alter Troll, was machst du denn hier?“ Der Troll kam hinter dem Felsen hervor.
„Bei den Trollen erzählt man überall von deinem verrückten Vorhaben.“ „Die meisten lachen sich schief, wenn sie sich vorstellen, wie du Winzling mit einem Riesen reden willst. Aber ich kenne dich schon so viele Jahre und wir haben manchen Streich zusammen ausgeheckt, deswegen glaube ich, dass an der Sache doch irgendetwas dran ist und dass du es tatsächlich ernst meinst.“
„Da hast du recht, Grumm, ich muss den Riesen unbedingt etwas ganz Wichtiges sagen.“
„Und was ist das, was du ihnen sagen willst?“ unterbrach ihn Grumm ganz aufgeregt.
„Das bleibt mein Geheimnis, bis ich es dem König der Riesen persönlich gesagt habe.“
„Ach so“, murmelte Grumm, „wenn das so ist!“
Als Finn sich zum Gehen anschickte, fiel es Grumm wieder ein.
„Mann, ich bin ja hergekommen, weil ich dir über den Fluss helfen wollte, an den du gleich kommen wirst. Der ist ziemlich reißend und es gibt weit und breit keine Brücke.“
„Danke Grumm, das ist ja ein echter Freundschaftsdienst“, freute sich Finn. „Wenn ich zurück bin, werde ich allen erzählen, dass ich die Reise ohne deine Hilfe kaum hätte schaffen können.“
Grumm platzte fast vor Stolz: „Komm ich hebe dich auf meine Schulter, halt dich gut am Hosenträger fest:“
„Ok, kann losgehen“, rief Finn und Grumm startete einen Dauerlauf, der erst endete, als das Rauschen des Flusses schon zu hören war.
Grumm blieb am Ufer stehen und deutete mit seinem dicken Zeigefinger auf den reißenden Fluss. „Da drüben beginnt das Land der Riesen“, brummte er. „Aber der Fluss ist heimtückisch. Wer hineinfällt, den trägt die Strömung weit fort, und keiner weiß, wie und wo er wieder an Land kommen kann.“
Finn nickte. Er hatte schon Flüsse gesehen, aber keiner war so breit und so wild wie dieser gewesen. Das Wasser schäumte über die Felsen, wirbelte in Strudeln und rauschte und gluckste bedrohlich. Mit einem kräftigen Satz sprang Grumm auf einen großen, platten Felsblock, der aus dem Wasser ragte. Dann auf einen weiteren und noch einen dahinter. Für einen Troll wie ihn war es ein Leichtes. Doch für Finn war jeder dieser Steine so groß wie ein Hügel.
Dann gab es keine Felsblöcke mehr, auf die Grumm hätte springen können. Dunkel drohend und schnell schoss die Strömung an ihnen vorbei. Das andere Ufer war wohl immer noch zwanzig Meter entfernt. „Komm“, sagte Grumm und streckte seine Hand aus. Finn kletterte in die halb geöffnete Hand.
„Was hast du vor, Grumm?“
„Festhalten!“ rief der Troll, und ehe Finn wusste, wie ihm geschah, flog er durch die Luft. Grumm hatte ihn mit einem kräftigen Wurf in hohem Bogen über den Fluss befördert. Finn landete am anderen Ufer und sprang lachend auf: „Das war ein unglaublicher Wurf, Grumm!“
„Pass gut auf dich auf, Finn“, brummelte Grumm verlegen. „Die Riesen sind anders als wir Trolle. Sie sind nicht leicht zu durchschauen.“
Finn nickte. „Ich werde vorsichtig sein. Wenn ich zurückkomme, erzähle ich dir alles!“
Grumm winkte noch einmal, drehte sich um und sprang zurück über die Felsen, bis er das andere Ufer wieder erreicht hatte und zwischen zwei Hügeln verschwand.
Finn sah sich um. Der Fluss rauschte hinter ihm. Nun war er ganz allein im Land der Riesen. Er schaute umher und überlegte, wo er wohl sein Nachtlager aufschlagen könnte, denn schon bald würde sich der Mond auf seine nächtliche Wanderung begeben. Eine kleine Baumhöhle oder ein Haufen Laub, das wäre schon etwas.
Gerade als er einen morschen Baum untersuchen wollte, erhob sich eine eigenartig klingende Stimme hinter ihm und fragte, „Wer bist du kleiner Wanderer, woher kommst du und wohin willst du?“
Finn hatte den Eindruck als sprächen mehrere Personen zugleich und die Stimmen kamen offensichtlich vom Flussufer. Neugierig ließ er seinen Blick schweifen.
Und dann entdeckte er sie: Drei Nixen schauten über den Uferrand zu ihm herüber. Ihre langen Haare glänzten silbern im Dämmerlicht und ihre Augen funkelten wie Sterne und wenn sie sprachen, dann sprachen sie immer zu dritt.
„Ich bin Finn, der Wichtel, und ich bin auf dem Weg zu den Riesen, mit einer wichtigen Botschaft für ihren König“, erklärte Finn mutig. Die Nixen schauten sich vielsagend an.
„Das wird nicht einfach, riefen sie!“ „Vor dir liegt ein weiter Weg durch endlose stockdunkle Wälder, bis du an zerklüftete Felsmassive kommst, über die die Stürme fegen und in ihren tiefen Schluchten heulen.“ „Warte, wir geben dir etwas mit, das dir Schutz und Hilfe gewähren kann“. Es plätscherte kurz und weg waren sie in ihrer Unterwasserwelt. Finn wartete und wartete und gerade als er schon losgehen wollte, um sein Nachtlager zu richten, da tauchten sie wieder auf.
„Vor kurzer Zeit ist eine Sternschnuppe vom Himmel gefallen und auf den Grund des Spiegelsees gesunken“, sprachen sie sanft. „Unser Schmied Mome hat aus ihr einen silbernen Taler geformt. Nimm ihn und bewahre ihn gut auf. Er wird dich beschützen und wenn du ihn in deine rechte Hand nimmst und dir von ganzem Herzen etwas wünschst, dann wird es in Erfüllung gehen.“ „Eile dich, kleiner Wichtel, die Zeit wird knapp.“
Finn nahm den Taler entgegen: „Danke ihr Nixen, ich werde gut auf ihn aufpassen.“ Die Nixen winkten und verschwanden in den dunklen Fluten, nur das Rauschen des Wassers blieb zurück.
Finn steckte den Taler in seine kleine Tasche und ging, sein Nachtlager herzurichten. Immer wieder fragte er sich, was die Nixen wohl gemeint hatten, als sie ihn mahnten: „Eile dich kleiner Wichtel, die Zeit wird knapp!“ Wussten sie vielleicht mehr als sie ihm gesagt hatten?
Finn erwachte früh. Die Nacht war kühl gewesen, aber der Laubhaufen, den er unter einer riesigen Buche entdeckt hatte, hatte ihn wunderbar warmgehalten. Er reckte und streckte sich, klopfte die Blätter von seiner roten Mütze und griff nach seiner kleinen Tasche, in der der silberne Taler der Nixen sicher verstaut war. Dann machte er sich voller Zuversicht auf den Weg.
Der Wald, durch den er wanderte, wurde jetzt dichter und dichter und die Bäume höher und höher. Die Rinde ihrer Stämme war rau und rissig und ihre knorrigen Wurzeln ragten wie Schlangen aus dem Boden. Manchmal musste Finn über sie hinweg klettern, manchmal darunter hindurchkriechen.
Im Halbdunkel des Waldes zwitscherte kein Vogel, kein Specht klopfte, nur das Rauschen des Windes in den Baumkronen war zu hören. Finn fühlte sich einsamer und winziger als je zuvor.
Nach einer Weile kam er an eine Lichtung, in deren Mitte ein Felsen groß wie ein ganzes Haus lag. Finn schnupperte. Der Geruch von Rauch und gebratenem Fleisch lag in der Luft. Sein Herz klopfte wild, hatte er endlich die ersten Riesen gefunden? Vorsichtig schlich er über eine Moosfläche und versteckte sich dann im tiefen Gras.
Wumm… Wumm… Wumm…, der Boden erzitterte. Dann ein donnernder Ruf: „Ist hier wer?“ Finn hielt sich die Ohren zu, duckte sich ins Gras und spähte zum Felsen hinüber.
Etwas Riesiges kam hinter dem Felsen hervor und fragte mit vorwurfsvoller Stimme: „Wer schleicht hier durch den Wald? Ein Troll? Ein Dieb?“ Finn wollte gerade weglaufen als ein gewaltiger Schatten auf ihn fiel und den Himmel verdunkelte. Er schaute nach oben und blickte an einem wohl 20 Fuß hohen menschlichen Körper mit langen Armen und breiten Schultern empor, auf denen ein kugelrunder Kopf mit einem kugelrunden geröteten Gesicht saß. Der Hüne hatte eng bei einander stehende Augen mit stechendem Blick und eine große knollige Rübennase, unter der ein dichter dunkler Bart hervorquoll, der ihm bis zum Gürtel reichte. Mistrauisch musterte er Finn. „Ein Wichtel?!“ Der Riese lachte dröhnend. „Was machst du Winzling in unserem Land? Hast du dich verlaufen?“
Finn schluckte dreimal, zog seine Mütze fester über den Kopf und stellte sich dann breitbeinig vor dem Riesen auf: „Ich bin Finn, der Wichtel, und ich komme mit einer wichtigen Botschaft für euren König Throm!“
Der Riese zog die buschigen Augenbrauen hoch und grinste.
„Für unseren König? Hoho! Du bist aber mutig, Kleiner.“
Finn nickte entschlossen.
„Ich muss dringend mit ihm sprechen. Es geht um den Mond!“
„Was? Um den Mond?“
Wie angewurzelt stand der Riese mit offenem Mund da, unschlüssig, was er tun sollte. Er kratzte sich am Kopf und musterte Finn von oben bis unten. Für einen langen Moment herrschte Stille. Dann kniff er die Augen zusammen.
„Ich bin Rodaklynt. Folge mir. Aber benimm dich – nicht jeder Riese mag Besucher…“
Finn atmete tief durch und trippelte so schnell er konnte hinter dem Riesen hinterher. Auf der Rückseite des Felsens saßen noch zwei Riesen und grillten Fleisch über einem Feuer. Sie musterten ihn mit ängstlichen Mienen.
Doch dann platzten sie plötzlich los und hielten sich die Bäuche.
„Du bist zwar mutig, kleiner Wichtel,“ grinste der eine, „aber unser König empfängt nicht einfach jeden,“ sagte der andere. „Warum sollte er also gerade dich anhören?“ fragte wieder der erste.
„Ja - eine Botschaft von einem Wichtel an den König der Riesen das ist schon seltsam,“ lachte Rodaklynt, doch diesmal klang es nicht spöttisch, sondern eher interessiert. „Komm mit, kleiner Kerl, wir werden sehen, ob der König Zeit für dich hat.“
„Ich bin in drei Tagen zurück,“ versprach er den beiden anderen Riesen, „dann jagen wir weiter!“
Sprachs, setzte Finn mit einer schwungvollen Armbewegung auf seine rechte Schulter und rief ihm zu: „Halte dich gut am Hemdkragen fest!“ Und los ging’s.
Das hatte Finn noch nicht erlebt, er glaubte zu fliegen, so gewaltig stürmte der Riese voran. Nach langem Lauf durch den Wald, kamen sie an eine breite Lichtung. Hier stritten sich gerade zwei andere Riesen um ein Bärenfell. Sie erschienen Finn noch größer und kräftiger als Rodaklynt. Ihre Arme waren so dick wie Baumstämme und ihre Fäuste groß wie Mühlsteine. Ihre Gesichter waren hart und wettergegerbt und als sie Finn auf der Schulter ihres Gefährten entdeckten, verzogen sie ihre Münder zu hässlichen Grimassen.
„Was ist das denn da für ein Floh auf deiner Schulter, Rodaklynt?“ lästerte einer der beiden. „Ein Wichtel!“, zischte der andere angewidert. „Diese kleinen Plagegeister treiben nur Schabernack. Wir sollten ihn sofort zerquetschen, bevor er uns noch Unheil bringt!“
„Er hat eine Botschaft für den König,“ warnte Rodaklynt.
„Also lasst ihn in Ruhe.“
Finn spürte, wie Rodaklynt sich anspannte.
Der größere der beiden Riesen, der eine Narbe quer über seiner Stirn hatte, trat näher.
„Eine Botschaft? Von einem Wichtel? Pah! Was kann so ein Winzling schon zu sagen haben, das uns interessieren könnte?“
Er ballte seine gewaltige Faust.
„Wir sollten ihn einfach in den Fluss werfen. Dann kann er zurückschwimmen, wo er hergekommen ist.“
Finn schluckte. Diese Riesen waren nicht wie Rodaklynt – sie waren voller Hass und Verachtung.
Er musste sich etwas einfallen lassen. Finn fasste in seine Tasche und spürte den kühlen, glatten Taler der Nixen zwischen seinen Fingern.
Er nahm ihn fest in die Hand und rief:
„Wenn ihr mich nicht zum König lasst, dann wird der Mond bald für immer dunkel bleiben!“
„Waas, wie soll das gehen, König Throm ist doch selbst der „silberne Wächter“!
„Deswegen muss ich ja zu ihm und zu niemand anderem! Und ihr müsst wissen, dass der Mond auch für uns Wichtel und die Trolle, die Feen und die Nixen in ganz Norland unentbehrlich ist.“
„Stimmt das oder ist das nur so daher gesagt,“ fragte der Riese mit der Narbe drohend und betrachtete Finn mit stechendem Blick. So ein zerklüftetes Gesicht, einen so großen Mund und eine so gewaltige Nase hatte Finn noch nicht gesehen. Er umklammerte den Taler in seiner Tasche.
„Wenn er es doch sagt“, bemerkte Rodaklynt sachlich.
„Na ja, ich will‘s mir nicht nochmal mit König Throm verderben“, sagte der Riese mit der Narbe, „und andere Teile von Norland interessieren mich auch nicht. Wir werden dich schon auf dem Rückweg wieder erwischen!“
„Und wenn deine Botschaft an König Throm falsch war, dann wird dein Weg hier zu Ende sein!“ drohte der andere.
„Die Zeit wird knapp, wir müssen weiter“, drängte Rodaklynt, wandte sich um und ließ die beiden anderen Riesen stehen.
Wieder stürmte er voran, dass der Gegenwind Finn fast die Zipfelmütze vom Kopf riss. Immer wieder musste er sie sich tief ins Gesicht ziehen, damit sie ihm nicht davonflog.
Endlich - nach zwei Stunden lichteten sich die dunklen Wälder und gaben den Blick auf ausgedehnte hügelige Felsenfelder frei, hinter denen in der Ferne hohe Berge aufragten.
Ohne in seinem Lauf innezuhalten drehte Rodaklynt sein Gesicht zu Finn auf seiner linken Schulter und rief:
„Noch etwa 1 Stunde, dann erreichen wir Thorsenborg, den Ort, an dem unser König regiert!“
Dann bog er auf einen von Felsen und Steinen befreiten Weg in Richtung auf die Berge ab.
Nach etwa einer halben Stunde ging es nur noch bergauf und Finn konnte hoch oben ein riesiges Felsmassiv erkennen, als Rodaklynt auch schon rief: “Da oben ist es!“
Der Weg wurde breiter und breiter und wandelte sich vom einfachen glatten Sandweg zu einem mit grauen, behauenen Steinen gepflasterten Aufgang zum Anwesen des Königs. Die letzten 500 m vor dem Eingang zum Königssitz waren als Treppe gestaltet, die zu einem Vorplatz führte, hinter dem sich ein mächtiges zweiflügeliges Tor aus senkrecht aneinander gereihten Baumstämmen befand. Seine Flügel waren weit geöffnet und ließen den aus hellen Granitsteinen gesetzten Torbogen des Eingangs zu einer Höhle erkennen. Die Sicht auf den Weg hinein verlor sich allerdings schon nach kurzer Strecke in der Dunkelheit des Ganges.
Über dem Eingangstor erhob sich eine Felswand, deren Spitzen in den Wolken verschwanden.
Überall hockten Krähen in Felsnischen und auf Felsvorsprüngen und machten einen ohrenbetäubenden Lärm seit Rodaklynt und Finn den Vorplatz betreten hatten.
„Fremde! Unbekannte Fremde“, krächzten die ganz oben und alle anderen wiederholten lauthals: „Fremde! Unbekannte Fremde, was die wohl wollen?“
„Ich glaube, wir sollten hier warten“, sagte Rodaklynt, „ich bin auch erst einmal hier gewesen. Bleib auf meiner Schulter.“
Er ging mit Finn auf die linke Seite des Vorplatzes hinüber, an dessen Ende das Gelände steil abfiel und den Blick auf ein Tal öffnete, in dem eine riesige Fläche aus grauen Felsen zu erkennen war, die von einem breiten Fluss durchzogen wurde.
„Das ist Thorsenborg, unsere Hauptstadt,“ sagte Rodaklynt.
Finn sah verwundert in das Tal: „Aber ich sehe keine Häuser und keine Wege?“
„Wir wohnen in großen geräumigen Felsenhöhlen. Die Eingänge kannst du von hier oben nur nicht erkennen,“ erklärte Rodaklynt.
Finn staunte nicht schlecht.
Wenn er wieder zu Hause war, musste er den anderen Wichteln und Grumm dem Troll unbedingt davon erzählen.
Als er gerade daran dachte, wie es in den Höhlen wohl aussehen könnte, drangen dumpfe Trittgeräusche aus dem dunklen Gang hinter dem Tor. Rodaklynt ging zum Tor zurück.
Dann tauchten sie aus der Dunkelheit auf: drei Riesen – einer vorne und zwei dahinter. Im Gleichschritt marschierten sie auf Rodaklynt zu.
„Was führt euch zum Palast des Königs der Riesen“? fragte Tharak der erste Riese mit harscher Stimme.
„Ohne Einladung können wir niemanden hereinlassen!“ ergänzte Thirak der zweite.
„Es ist Rodaklynt“, sagte Thurak der dritte, „Ich kenne ihn, er wohnt am Grenzfluss zum Reich der Trolle und der Wichtel“, und an Rodaklynt gewandt fragte er: „Wenn du einen so weiten Weg unternommen hast, dann hast du bestimmt einen wichtigen Grund für dein Erscheinen.
Sag, was führt dich her?“
Rodaklynt deutete auf seine Schulter, wo Finn unter dem Kragen von Rodaklynts Hemd saß und das Gespräch verfolgte. „Ich habe hier einen kleinen Gast, der behauptet, eine sehr wichtige Botschaft für unseren König Throm zu haben. Er sagt, dass es um den Mond gehe.“
Finn hielt es nicht länger in seinem Versteck unter dem Kragen.
Er sprang heraus, stellte sich breitbeinig auf Rodaklynts Schulter und rief so laut er konnte: “Der Gast bin ich – und ich bin Finn!“
„Oooh, ein richtiger Wichtel“, staunten die drei Riesen im Chor und traten dicht an Rodaklynt heran. Sie näherten sich Finn mit ihren Gesichtern bis auf wenige Zentimeter, starrten ihn aus weit aufgerissenen Augen an und musterten ihn von allen Seiten.
Nach einer Weile drehte sich Thirak zu Thurak um und sagte mit ängstlich verstellter Stimme: „Mann, Finn! Du jagst uns ja mit deinem Auftritt einen richtigen Schreck ein!“ Und Tharak spottete lachend: „Wenn deine Botschaft so wichtig ist, wie du groß bist, dann kann sie wohl nicht so viel wert sein.“
Finn zog seine rote Mütze bis zu den Augen herunter, stampfte mit seinem rechten Fuß auf und schrie ärgerlich: „Wollt ihr, dass euer König seinen großen silbernen Hut verliert?“
Den drei Riesen verschlug es die Sprache. Woher wusste der Winzling vom silbernen Hut? Wusste er vielleicht sogar von König Throms großer Traurigkeit über den Zustand seines Hutes?
Überrascht und ziemlich verwirrt fragte der strenge Tharak:
„Was … was weißt du vom silbernen Hut?“ Finn schaute Rodaklynt fragend an. Der nickte ihm aufmunternd zu.
„Im Land der Trolle und der Wichtel weiß jedes Kind, dass der Mond nichts anderes ist als der riesige silberne Hut, den euer König jeden Abend aufsetzt und über die Berge trägt.“ „Ich selbst habe den Mond immer wieder beobachtet und festgestellt, dass sein silberner Schein in der letzten Zeit schwächer geworden ist. Und ich kenne auch den Grund.“
„Waas? Dann mal raus damit“, drängten die Riesen. Tharak drohte sogar: „Sonst könnte deine Reise gleich hier zu Ende sein.“
„Nein, nein, nein, das verrate ich nur euerem König! Nur er kann mich verstehen und nur ich kann ihm vielleicht helfen!“
Finn umfasste den silbernen Taler in seiner Tasche und wünschte sich mit aller Kraft, vor dem Thron König Throms zu stehen.
Die drei Riesen gingen einige Schritte zur Seite und tuschelten. „Der weiß doch was“, flüsterte Thurak. „Der weiß sogar ne ganze Menge“, zischte Thirak. „Für König Throm ist die Sache mit dem Hut jetzt die wichtigste Sache der Welt“, murmelte Tharak, „seine Trauer ist tief und er selbst ist völlig ratlos.“
Thirak war ängstlich und warnte hinter vorgehaltener Hand: „Und wenn der König erfährt, dass jemand gerade jetzt eine weite Reise unternommen hat, um ihm einen Ratschlag zu überbringen und wir ihn abgewiesen haben, dann sind wir bestimmt die längste Zeit Diener am Hof des Königs gewesen!“
„Im Steinbruch zu arbeiten ist hart!“ ergänzte Thurak nüchtern.
„Dann bringen wir ihn hin“, entschied der strenge Tharak. Gemeinsam gingen sie zurück zu Rodaklynt und Finn.
„Also gut, wir machen eine Ausnahme und bringen euch zum Besuchersaal des Königspalastes. Dann wird der König entscheiden, ob er euch anhören will oder nicht!“
Tharak machte eine unmissverständliche Geste, ihm zu folgen und wandte sich dem Eingang zu. Dann verschwand der kleine Trupp im Dunkel des Ganges: Tharak vorneweg, dann Rodaklynt mit Finn und schließlich Thirak und Thurak.
Als sich Finns Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er die schwach leuchtenden Orientierungslichter in den kleinen Nischen rechts und links in den Seitenwänden des Ganges erkennen. Er hatte schon mal davon gehört, dass es auf Holz lebende Pilze geben sollte, die in der Dunkelheit Licht verbreiteten, aber jetzt sah er die leuchtenden Pilze zum ersten Mal mit eigenen Augen.
Nach wenigen Minuten versperrten Felsen ihren Weg. Tharak nahm einen offensichtlich dafür vorbereiteten Stein aus der linken Seitenwand des Ganges und rief in die Dunkelheit hinter dem Loch: „Radoh, Radoh - Besuch für den König!“
Bald darauf knirschte es heftig und die auf einer großen Steinplatte ruhenden Felsen der Wegsperre drehten sich und gaben den Weg in das Innere des Königssitzes frei.
Ab hier war der Gang durch den Schein vieler in schmiedeeisernen Halterungen befestigten Fackeln rechts und links des Ganges hell erleuchtet.
Nach etwa 50 Metern hob Tharak den Arm und winkte den kleinen Trupp zu einem Rundbogen, hinter dem sich ein Raum öffnete, in dessen Mitte ein Feuer in einer Grube loderte. „Hier könnt ihr warten“, herrschte er Rodaklynt und Finn an. „Thirak und Thurak, ihr postiert euch am Saaleingang und passt auf die beiden auf!“ „Ich gehe zum König und werde ihm sagen, dass ein Wichtel namens Finn ihn sprechen will!“
Finn und Rodaklynt sahen sich im Raum um. Er war größer als sie es anfänglich wahrgenommen hatten. Jetzt erst erkannten sie die vielen Reihen von Sitzsteinen, die hinter dem Feuer halbkreisförmig angeordnet waren.
„Dahinten liegen Pelze und Kissen“, wies Thirak sie an, „damit könnt ihr es euch warm und bequem machen.“
Finn merkte erst jetzt, dass es immer kühler geworden war, je weiter sie im Berg vorangekommen waren. Weil ihn fröstelte, rückte er dichter ans Feuer heran und genoss die Wärme.
Während sie warteten überlegte Finn, wie er wohl dem König gegenübertreten sollte. Würde der König auf einem hohen Thron sitzen und ihn mit abweisendem Blick mustern oder war er eher ein verbindlicher alter Herr, dem man sein Anliegen in Ruhe vortragen konnte. Na – wie dem auch sein sollte - Finn entschloss sich, einfach abzuwarten und je nach der Situation, die sich ihm bieten würde, zu handeln.
Kaum hatte er seinen Entschluss gefasst, hörte man schnelle Schritte auf dem Gang.
Tharak kam zurück und stand schwer atmend im Eingangsbogen zum Warteraum: „Kommt schnell, dem König geht es gar nicht gut. Wenn man ihn anspricht, schaut er durch einen hindurch, als wenn er mit seinen Gedanken völlig abwesend ist. Kommt schnell!“
Rodaklynt ergriff Finn, setzte ihn wieder auf seine Schulter und stürmte mit ihm hinter Tharak hinterher. Thirak und Thurak blieben immer weiter zurück. Der Gang wurde breiter. Rechts und links standen viele grob zugeschlagene Holzbänke, auf denen Besucher, Bittsteller und allerlei Unterhaltungskünstler saßen und sich mit gedämpften Stimmen unterhielten. Sie warteten darauf, König Throm ihr Anliegen vorzutragen oder ihn mit ihren Künsten aufzumuntern und erfreuen zu können. König Throm war beliebt im Land und die Anteilnahme an seinen Sorgen war groß.
Als sie bei zwei Artisten ankamen, die auf einer großen Steinkugel balancierten und jeder den anderen zu Fall bringen wollte, da endete der Gang und sie mussten auf Geheiß eines Dieners in roter Livree anhalten und warten.
Finn schaute sich um und stellte fest, dass sie den Eingang zum königlichen Thronsaal erreicht hatten. Vor ihnen öffnete sich eine weitläufige kreisförmige Halle mit ringförmig angeordneten hohen Pfeilern aus übereinander gestapelten Granitquadern, auf denen eine gewaltige Kuppel ruhte. Sie gab dem Thronsaal die Höhe und das Aussehen einer Basilika. In der Mitte des Saales erhob sich eine Stufenpyramide mit abgeflachter Spitze, auf der König Throm in einem goldenen Thronsessel saß.
Über dem Thron glänzte ein überdimensionaler silberner Hut mit hoher spitzer Krone und breiter Krempe. Er diente als Baldachin und sollte wohl jeden Herrscher der Riesen immer wieder daran erinnern, die ihnen bei der sagenumwobenen Erschaffung ihres Reiches zugewiesene Aufgabe – den Mond über den Himmel zu tragen - pflichtgemäß zu erfüllen. Immer wenn Sonnenstrahlen durch die Fenster der Kuppel fluteten wurden sie vom silbernen Hut zurück in die Kuppel gespiegelt, sodass dann im ganzen Thronsaal ein mystisches, unwirkliches Licht herrschte. Stimmen schienen von überall herzukommen und verhallten nur langsam in der Weite des Saales.
„Bis in den Königspalast bin ich schon mal gekommen“, dachte Finn, aber ihm wurde zugleich bewusst, dass er es ohne die Unterstützung durch Rodaklynt kaum bis hierher geschafft hätte. Deshalb kletterte er nochmals den Kragen von Rodaklynts Hemd hoch und flüsterte ihm ins Ohr: „Danke Rodaklynt, dass du mir geholfen hast. Alleine wäre ich wohl nicht bis hierher gekommen.“ Rodaklynt drehte den Kopf zu Finn und murmelte leise: „Als wir uns getroffen haben, habe ich sofort gemerkt, dass du ein aufrichtiger Kerl bist. Da hilft man doch gerne!“
Finn schmunzelte und betrachtete den polierten Fussboden aus schwarzem Basalt, das fein gefügte Mauerwerk aus hellem Granit und die davor hoch aufragenden Pfeiler. Alles was er sah kündete von der Macht und der Stärke des Königreiches der Riesen.
Die an Nüchternheit grenzende Schlichtheit des Raumes ließ allerdings auch die Bescheidenheit des Herrscherhauses erkennen. Riesen brauchten offensichtlich nicht den Glanz und den Prunk wie andere Königshäuser, deren Reichtum oft zur Demonstration ihrer Macht und ihres Einflusses diente. Die Riesen waren von der Wichtigkeit ihrer besonderen Aufgabe überzeugt und widmeten sich ihrer Erfüllung mit ganzem Herzen.
Finn ahnte sofort, dass der als Baldachin dienende große silberne Hut über dem Thron der war, den König Throm aufsetzen würde, wenn ihn sein nächtlicher Weg als Mond über die Berge seines Landes führte. Und auch sein Wanderstab stand griffbereit an den Thron gelehnt.
Doch Finn sah keinen stolzen König, der seine Besucher fröhlich willkommen hieß, mit ihnen sprach und ihre Anliegen interessiert und aufmerksam entgegennahm. Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit hatten ihn offensichtlich derart überwältigt, dass er nach vorn gebeugt auf seinem Thron saß und vor sich hinstarrte. Wenn ihn ein Besucher ansprach, dann hob er zwar kurz den Blick, doch seine Augen schauten durch ihn hindurch, als suchte er etwas in weiter Ferne und seine Gedanken kreisten wieder und wieder um dieselbe Frage: “Was kann ich nur machen, um meinem Hut die alte Leuchtkraft wieder zu geben? Schon morgen muss ich mich wieder auf den Weg machen!“
Finn umklammerte den Silbertaler in seiner Tasche. Die Traurigkeit des Königs hatte ihn tief berührt und er wünschte sich nichts sehnlicher, als dem König zu helfen.
Plötzlich entstand am Thron des Königs Unruhe und Finn sah, wie eine künstlerische Darbietung unterbrochen wurde. Der Hofmarschall stieg eilig die Treppen zum Thron hinauf und flüsterte dem König etwas zu. König Throm erhob sich mühsam, deutete auf seine neben einem Pfeiler stehende Sänfte und erteilte offensichtlich Anweisungen, die Finn aufgrund der großen Entfernung aber nicht verstehen konnte. Der Hofmarschall stürmte die Treppe wieder hinunter und rief mit lautem Befehlston die Diener herbei. Dann konnte Finn erkennen, dass vier Diener in roten Livreen zur Sänfte des Königs gingen, sie aufnahmen und im Gleichschritt in einem Gang verschwanden.
„Hoffentlich ist dem König nichts passiert“, dachte Finn gerade, als er die Diener mit der Sänfte wieder entdeckte. Sie marschierten an den Bittstellern, Artisten und Besuchern vorbei und riefen immer wieder etwas in die Menge.
Rodaklynt konnte es als erster verstehen. Wieder und wieder hallte es durch den Thronsaal: „Wir suchen Finn den Wichtel!“ „Ist ein Besucher hier, der sich „Finn der Wichtel“ nennt?“ „Wir suchen Finn, den Wichtel!“ Rodaklynt hob seinen rechten Arm und winkte: „Hier sind wir! Ich bin Rodaklynt aus Laugarbakki am westlichen Grenzfluss zum Reich der Trolle und der Wichtel. „Finn der Wichtel ist bei mir! Er ist mein Gast!“
Die Diener riefen sich etwas zu und beschleunigten ihren Marsch. Als sie bei Rodaklynt ankamen, waren sie ziemlich außer Atem.
Da sie aber nur Rodaklynt sahen, fragten sie noch einmal: „Ist hier ein Besucher, der sich „Finn der Wichtel“ nennt?“ Alle vier musterten Rodaklynt mit scharfem Blick.
Da stellte sich Finn mitten auf Rodaklynts Schulter, rückte seine rote Mütze zurecht und rief mit aller Kraft: „Hier bin ich! Ich bin „Finn der Wichtel!“
Im Thronsaal war es schlagartig still. Selbst einige Krähen, die oben in der Kuppel des Thronsaales gelärmt hatten, verstummten und beobachteten neugierig mit wiegenden Köpfen die Szene am Boden.
Langsam und stockend begannen sich die anwesenden Riesen zu räuspern, dann flüsterten und tuschelten sie miteinander. Sie glucksten und kicherten und dann brach ein spöttisches Gelächter los, das sich schließlich zu fröhlichem Gejohle steigerte.
Aufgeregt stoben die Krähen auseinander und flatterten in der Kuppel umher, bis ein scharfer Ruf den Lärm durchschnitt: „Ruhe im Saal!! rief der Hofmarschall. „Im Namen des Königs: Ruhe im Saal! Sollten einige von euch die Trauer des Königs vergessen haben?“ Langsam erstarb die Unruhe im Saal und wich gespannter Aufmerksamkeit.
Die Diener setzten die Sänfte ab. Der Anführer der Sänftenträger trat an Rodaklynt mit Finn auf der Schulter heran und sagte zu Finn: „Der König will dich sehen, steig ein!“ Rodaklynt mischte sich ein. „Finn ist mein Gast. Im Reich der Riesen bin ich für sein Wohlergehen verantwortlich. Er hat etwas Wichtiges entdeckt und kennt vielleicht den Grund der Traurigkeit unseres Königs. Er bietet uns seine Hilfe an. Ich bleibe an seiner Seite!“
Die Diener berieten sich kurz. Es stimmte, das Gastrecht war den Riesen heilig und vielleicht konnte Rodaklynt ja sogar etwas zum Gelingen der Audienz beitragen.
„Also los, dann steigt beide ein“, sagte der Anführer und öffnete die Tür der Sänfte. Sie stiegen ein, die Diener nahmen die Sänfte auf und bahnten sich einen Weg durch die neugierige Menge. Immer wieder riefen sie: „Platz da für die Sänfte des Königs!“
Doch es ging nur langsam voran, denn jeder versuchte seinen Kopf in das Fenster der Sänfte zu stecken, um Finn den kleinen Wichtel zu sehen.
Schließlich erreichten sie die Treppe zum Königsthron. Rodaklynt und Finn kletterten aus der Sänfte, der Riese setzte Finn wieder auf seine Schulter und dann stiegen sie gemeinsam die Stufen hinauf. Erwartungsvolle Ruhe setzt ein.
Auf den letzten drei Stufen verlangsamte Rodaklynt seine Schritte. König Throm saß bewegungslos mit nach vorne gebeugtem Oberkörper und hängenden Schultern in seinem Thronsessel und betrachtete die Ankömmlinge schweigend aus müden Augen. Es herrschte tiefe Stille im Saal und Finn spürte, wie sein Herz schneller schlug. Finn zögerte. Dann nahm er all seinen Mut zusammen, umklammerte den silbernen Taler in seiner Tasche mit der rechten Hand und sprang von Rodaklynts Schulter auf den kalten steinernen Boden. Ein Murmeln ging durch die Reihen und einige der Zuschauer drängten sich näher an die Treppenstufen zum Thron heran. Rodaklynt beugte sich noch einmal zu Finn hinunter und flüsterte: „Wenn du etwas zu sagen hast, dann ist jetzt der richtige Moment.“
„König Throm!“ sprach Finn mit fester Stimme. „Ich bin Finn, ein Wichtel aus dem Dorf Hrunalaug im Westen der Wälder hinter dem Grenzfluss. Ich bin gekommen, um euch zu sagen, dass der Mond sowohl für uns Wichtel, als auch für die Trolle, die bei uns wohnen, von ganz großer Bedeutung ist. Und auch die Feen und die Nixen verehren den Mond. Er hilft uns die Zeit einzuteilen und unser Leben mit Hoffnung und Zuversicht zu verbringen. Sein regelmäßiges Erscheinen, seine wiederkehrenden unterschiedlichen Gesichter und sein silbernes mildes Licht bescheren uns allen Frieden.“
Hier machte Finn eine Pause, doch der König rührte sich nicht. Teilnahmslos starrte er vor sich hin.
Finn holte tief Luft und sprach lauter: „Der silberne Hut verliert seinen Glanz. Der Mond, den ihr jede Nacht über das Land tragt, verblasst. Bald wird sein Licht vielleicht ganz verlöschen – wenn nichts geschieht.“ König Throm hob langsam den Kopf. Seine Augen blickten traurig, aber diesmal sah er Finn direkt an: „Ja, der silberne Hut …“ murmelte er mit brüchiger Stimme. „Ich weiß, dass sein Licht schwindet - aber ich weiß nicht warum!“ Mutlos fuhr er sich mit beiden Händen durch sein schütteres Haar.
„Vielleicht weiß ich es, denn ich habe ihn zu Hause genau beobachtet und den Grund dafür entdeckt: Der Hut hat wohl ein Loch!“
Die Artisten, die Bittsteller und die Besucher im Saal stöhnten auf: “Waas?“ „Ein Loch?“
„Ja“, sagte Finn, „und es wird langsam größer, wenn man es nicht stopft!“
„Auf meinem Weg zu dir habe ich Nixen getroffen, die mir etwas mitgegeben haben“, sagte Finn und ging zwei Schritte näher auf den König zu, nahm die Hand mit dem silbernen Taler aus der Tasche und hielt ihn dem König hin. „Diesen Taler haben sie mir gegeben. Er stammt aus den kalten Wassern des Spiegelsees, in den vor einiger Zeit eine Sternschnuppe hineingefallen ist.
Der Schmied Mome hat sie zu einem silbernen Taler umgearbeitet und wenn es stimmt, was ich vermute, dann könnte die Sternschnuppe ein Splitter aus deinem silbernen Hut gewesen sein.“ Ein Raunen ging durch den Saal. Die Riesen flüsterten untereinander, Artisten schauten sich an und die Bittsteller machten große Augen.
König Throm schaute Finn an: „Du machst mir Hoffnung kleiner Wichtel!“ Finn schloss die Augen und wünschte sich von ganzem Herzen, dass seine Vermutung richtig war.
Der Taler in Finns Hand begann zu vibrieren, dann erhob er sich plötzlich in die Luft, umkreiste hell leuchtend den Baldachin und schlug mit donnerndem Krachen an der Stelle, wo sich das Loch im Hut befand, ein. Der Thronsaal erbebte, die Pfeiler vibrierten, die Echos liefen im Gebäude hin und her und die Krähen in der Kuppel stoben krächzend in alle Richtungen davon.
Die Anwesenden hatten sich vor Schreck geduckt und den Blick auf den Boden gerichtet. Als das Getöse verebbt war, hoben sie ihren Blick und wurden Zeuge, wie der Baldachin zu leuchten begann – erst matt, dann hell silbern.
König Throm erhob sich aus dem Thronsessel . Alle Traurigkeit war von ihm gewichen. Er hob Finn vom Boden auf, setzte ihn in seine geöffnete rechte Hand, verbeugte sich vor ihm und betrachtete ihn mit großem Respekt. „Du hast mich daran erinnert, kleiner Finn, auch in aussichtslosen Situationen den Mut nicht zu verlieren und die Hoffnung nicht zu begraben. Dafür danke ich dir und den Nixen von ganzem Herzen. „Deine mutige Reise zu uns Riesen werden wir dir nie vergessen“.
Dann ergriff er den Wanderstab, der am Thronsessel lehnte, hob Finn und den Stab hoch und rief der Menge zu: „Heute Nacht wird der Mond wieder hell über Norland leuchten – heller als je zuvor! Das verdanken wir Finn, dem Wichtel, aus einem Dorf hinter dem Grenzwald. Er soll Ehrenbürger des Landes der Thorsen sein!“
Ein Jubelsturm brach los. Rodaklynt nahm Finn aus der Hand des Königs, setzte ihn sich wieder auf seine Schulter und drehte sich lachend im Kreis, während überall im Thronsaal Sprechchöre riefen: „Lang lebe Finn!“ – „Dank an die Nixen!“ – „Finn, der Hüter des Lichtes!“
Finn konnte kaum glauben, was geschah.
Voller Freude rief er Rodaklynt zu: „Ausgerechnet ein kleiner Wichtel hat den Mond gerettet!“
„Und einen riesigen Freund gefunden“, ergänzte Rodaklynt fröhlich.
Finn freute sich schon jetzt auf die ungläubigen Gesichter und die offenen Münder der anderen Wichtel im Heimatdorf, wenn er ihnen von seiner Reise erzählte.
Besonders gespannt war er aber auf seinen Freund Grumm, der vor lauter Stolz bestimmt fast platzte, wenn Finn den anderen berichtete, dass er das Land der Riesen wohl kaum erreicht hätte, wenn Grumm ihm nicht über den Grenzfluss geholfen hätte.
Doch das ist eine neue Geschichte.
Beschreibung des Autors zu "Finn besucht die Riesen"
Finn der Wichtel wohnt in Norland, einem Land der Fantasie.
Er hat eine wichtige Entdeckung gemacht, die den Mond betrifft, und dem König der Riesen große Sorgen bereitet.
Finn entschließt sich, den Riesenkönig Throm zu besuchen und ihm in Sachen "Mond" zu helfen.
Daraus wird eine abenteuerliche Reise in die Welt der Fantasie.
Geboren und Gestorben
Leben und Tod
Wachsen und Schrumpfen
Klein und Groß
Weiss und Schwarz
Dick und Dünn
Schmal und Breit
Hungrig und Satt
Nah und Fern
Innen und [ ... ]
Wann ist es an der Zeit für uns zu gehen,
selbst wenn noch völlig ungewiss wohin.
So wertbefreit manchmal auch jeglich Sinn,
was bringt uns der Versuch es zu verstehen.
Ob beim Schreiben, beim Malen, beim Musizieren, beim Spazieren gehen...
Dann, wenn ich ganz "leer" bin, meine Gedanken still stehen,
wenn ich irgendwo in einem "freien Raum" bin,
undefinierbar [ ... ]
Das leere Haus. Im Zimmer der
Löwen, leben jetzt Katzen.
Im Zimmer der Adler, leben jetzt
Spatzen. Im Zimmer der Hirsche
leben jetzt Hasen. Und alle sind
voller Bildung. Und alle sind [ ... ]
Dein Bild im Rahmen
Wandert.
Kippt.
Verblasst.
Neue Falten.
Alte Fragen.
Eine Stirn, die leise lacht.
Doch tief in dir hängen andere Rahmen.
Eingebrannt wie frische Narben.
Ohne [ ... ]