Jeder Mülltonne war der blaue Harald bekannt. Egal ob braune Biotonne, schwarze Restmülltonne, blaue Papiertonne oder gelbe Tonne. Harald war mehr als eine ein-fache blaue Tonne, er war ein Papiercontainer auf Rollen. Er war sehr stolz darauf, dass er die Bremsen lösen und durch das Städtchen rollen konnte. Jedoch nur nachts, wenn keine Menschen unterwegs waren. Die würden ihn sonst an der Later-ne anketten.
Harald genoss diese Ausfahrten. Auch bei Regen. Er mochte es, wenn die Regen-tropfen auf seinen Deckel prasselten. Mal langsam und schwer, dann wieder schnell und trommelnd. Doch heute Nacht regnete es nicht. Der Mond stand voll und rund am Nachthimmel und es war bitterkalt. Heute würden viele Katzen unterwegs sein. Harald hatte die Katzen gern. Sie hatten immer viel zu erzählen, und der blaue Pa-piercontainer liebte Geschichten.
In seinem Bauch hatte er auch viele Geschichten. Die Menschen warfen alle mögli-chen Papiere hinein. Manche waren wütend, wenn sie seinen Bauch füllten, andere weinten. Besonders wenn auf den Papieren viele Zahlen standen. Die bunten Papie-re gefielen Harald besonders gut. Das waren meistens Bilder die Kinder gemalt hat-ten. Zu diesen Bildern konnte er sich schöne Geschichten ausdenken, die er dann den Katzen erzählen konnte.
Heute befand sich ein besonders schönes Bild in seinem Bauch. Ganz oben standen viele Buchstaben, die Harald mit viel Mühe entzifferte: WUNSCHZETTEL AN DAS CHRISTKIND. Darunter waren kleine Bilder gemalt: ein rotes Auto, Bauklötze, eine Eisenbahn auf Schienen, ein Bagger und eine Trommel. Ganz unten auf dem Blatt stand LAURENZ.
Harald kannte Laurenz. Der kleine Junge wohnte in dem Haus vor dem er stand. Der Papiercontainer hatte keine Ahnung was ein Wunschzettel war oder wer Christkind hieß. Er würde die Katzen fragen, oder die Mäuse. Die wussten auch eine ganze Menge. Da sah er schon eine zu den Mülltonnen hinter der Pizzeria huschen. Harald rollte hinterher.
„Hallo Remus“, rief Harald. „ich möchte dich was fragen“.
„Hallo Harald, was willst du wissen?“, antwortete die Maus.
„Du bist doch auch in den Häusern der Menschen unterwegs. Weißt du was ein Wunschzettel ist, und wer hier in der Stadt Christkind heißt?“
„Jetzt im Winter wohnt das Christkind in der Kirche.“, erwiderte Remus. „Dort liegt es zwischen seinen Eltern in der Futterkrippe eines Esels und eines Ochsen. An Weih-nachten hat es Geburtstag und bringt deshalb den Kindern Geschenke. Und damit es weiß, was sich die Kinder wünschen, schreiben und malen diese ihre Wünsche auf ein Blatt Papier und schicken den Wunschzettel in den Himmel zum Christkind. Dort wohnt es, wenn nicht Winter ist“.
„Der Wunschzettel von Laurenz landete aber in meinem Bauch. Irgendwie müssen wir ihn zum Christkind bringen“, überlegte Harald.
„Dann gehen wir doch zur Kirche und schauen nach, ob das Christkind schon dort eingezogen ist“, meinte Remus. „Dann hole ich den Wunschzettel aus deinem Bauch und bringe es ihm“.
Harald gefiel die Idee und er rollte los. Die Maus lief neben ihm her, und schon bald hatten sie die Kirche erreicht. Für Remus war es leicht in die Kirche zu kommen und nachzuschauen. Und richtig, neben dem Altar fand er das Christkind. Gleich lief er zurück und gab dem Papiercontainer Bescheid. Harald öffnete seinen Deckel und Remus sprang hinein. Die Maus wühlte sich durch das Altpapier. Das kitzelte gewal-tig und Harald musste lachen. Endlich kam Remus mit dem Wunschzettel heraus. Er schob das Blatt unter der Kirchentür hindurch und kroch hinterher. Als Remus in der Kirche war, packte er mit den Zähnen vorsichtig den Wunschzettel und lief zur Krip-pe. Dort legte er den Wunschzettel auf den Bauch des Christkindes. Schnell huschte er wieder hinaus zu Harald.
Beide waren froh, dass der Wunschzettel von Laurenz schließlich doch beim Christkind angekommen war. Zufrieden rollte der blaue Harald zurück zu seinem Stellplatz zurück. Morgen würde er den Katzen sein Abenteuer erzählen.


© Sabine Axnick


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