Traurig lag der kleine Elefant in der Wüste, denn er hatte keinen Freund. Rund um ihn war der Sand schon ganz nass, so weinte er. Als die Sonne unterging, lag der kleine Elefant noch immer dort und wartete auf einen Freund. Es wurde kälter und kälter in der Wüste, deshalb konnte der kleine Elefant nicht liegenbleiben, sonst wäre er erfroren.
Also stand er auf und ging in die schwarze Nacht hinein. Stunde um Stunde lief er durch die Dunkelheit, und die eisige Kälte ließ ihn zittern wie Espenlaub.
Plötzlich sah er in der Ferne ein Licht. Freudig trabte er darauf zu und trompetete laut, denn er dachte, es sei vielleicht jemand, der eine Laterne angezündet hatte, damit man ihn besser fände. Aber als er näher kam, sah er, dass dort ein Stern lag, der vom Himmel gefallen war, weil er sich nicht richtig festgehalten hatte. Der Stern schluchzte und rief immerzu: "Ach, hätte ich mich doch festgehalten, ganz fest mit beiden Händen, jetzt bin ich hier unten ganz allein, und keiner ist da, der mir hilft!"
"Ich kann dir helfen, ich will dein Freund sein", sagte der kleine Elefant, und er streichelte den Stern ganz sacht mit seinem Rüssel.
"Du bist lieb", sagte der Stern, "aber helfen kannst du mir auch nicht. Sterne können nur am Himmel leben, denn sie ernähren sich von der Milch der Milchstraße. Am Boden aber müssen sie sterben." Und er wurde immer blasser und blasser, bis er schließlich für immer erlosch.
Da wurde der kleine Elefant noch trauriger. Er streute mit seinem Rüssel Sand über den toten Stern und trompetete zum Abschied einen langen, traurigen Zapfenstreich. Dann ging er langsam weiter, aber einen Freund hatte er immer noch nicht.
Es wurde wieder Tag in der Wüste, und die Sonne begann erbarmungslos zu brennen. Der kleine Elefant musste sich schließlich in seinen eigenen Schatten legen, sonst wäre er auf der Stelle versengt worden.
"Warum haben alle Wesen auf der Erde einen Freund, nur ich nicht?" sagte er und begann wieder zu weinen.
Da kam der Wind und trocknete seine Tränen. Der kleine Elefant schaute auf und sagte: "Vielen Dank, lieber Wind, für das bisschen kühle Luft, aber wirklich trösten kannst du mich nicht, denn du weißt ja gar nicht, wie furchtbar traurig ich bin. Ich habe nämlich keinen Freund."
Da hatte der Wind Mitleid mit dem kleinen Elefanten und nahm ihn in seine starken, stürmischen Arme und flog mit ihm über Länder und Meere, bis er in Deutschland angelangt war. Dort legte er ihn auf einer Wiese nieder, ganz behutsam, denn der kleine Elefant war unterwegs eingeschlafen.
Als er aufwachte, war es schon mitten am Tage. Rechts und links neben sich hörte er feines Läuten, und als er sich umsah, erblickte er lauter rote und blaue Blumen, die sich hin und her wiegten und ganz feine Musik dabei machten. Es waren nämlich Glockenblumen.
Da wurde der kleine Elefant munter, und er ging zu dem Bach, der am Rand der Wiese floss, um für die Blumen Wasser zu holen.
"Hallo, Herr Bach", fragte er höflich, "Sie gestatten, dass ich einen einen kleinen Schluck aus Ihnen schöpfe? Ich gebe ihn gleich weiter an die Blumen."
Der Bach antwortete: "Oh bitte, bedienen Sie sich, auf diese Weise kann ich mich sozusagen bedanken für die schöne Musik, die mich jeden Tag erfreut. Aber sagen Sie mal, was sind Sie eigentlich für ein Tier? Tiere mit so große Ohren gibt´s bei uns in Deutschland nicht."
Da lachte der kleine Elefant und erklärte dem Bach, dass er aus Afrika komme, und dass man dort große Ohren braucht, um sich in der Hitze Luft zuzufächeln.
Dann brachte er das Wasser zu den Blumen, und diese bedankten sich mit einem vielstimmigen Lied, und es war das schönste Lied, das sie je gespielt hatten. Das merkten sie auch selber, und sie spielten vor lauter Stolz immer lauter, bis es klang wie eine richtige große Kapelle und der Bach vor lauter Freude in seinem Bett auf und ab hüpfte.
Der Elefant brachte den Blumen noch einmal Wasser, dann verabschiedete er sich und ging über die Wiesen auf die Straße zu.
Als er so ganz alleine auf der Landstraße entlang trottete, fiel ihm plötzlich wieder ein, dass er ja noch immer keinen Freund gefunden hatte, und sein Gesicht wurde so traurig, dass die Leute stehenblieben und sagten: "Sieh mal einer an, so einen missmutigen Elefanten haben wir schon lange nicht mehr gesehen." Aber es war kein Missmut, sondern Traurigkeit, doch das verwechseln die Leute oft, wenn sie nicht mit dem Herzen hinsehen.
Als er verzweifelt weiterging, kam ihm ein kleines Mädchen entgegen. Das kleine Mädchen bemitleidete ihn nicht, sondern ging ganz selbstverständlich auf ihn zu und sagte: "Ich möchte auf dir reiten!"
Der Elefant streckte gehorsam seinen Rüssel aus, hob das kleine Mädchen auf seinen breiten, grauen Rücken und trug es spazieren.
"Ich muss jetzt heim", sagte das Mädchen, und es zeigte dem Elefanten, wo es wohnte. Der kleine Elefant brachte das Mädchen nach Hause und legte sich vor die Türe, um dort zu schlafen.
"Ja, bleib schön hier draußen", sagte das Mädchen, "wenn du hineingehst, bricht das ganze Haus zusammen. Aber morgen früh komm ich wieder zu dir heraus, Ehrenwort!"
So kam wieder eine Nacht, aber diesmal war der kleine Elefant nicht traurig, denn er spürte ganz tief in seinem Herzen, dass er jetzt eine richtige Freundin gefunden hatte. Und da die Nächte bei uns nicht so kalt sind wie in der Wüste, brauchte der kleine Elefant auch nicht zu frieren. Er deckte sich mit seinen Ohren zu, sah müde aber glücklich zu den Sternen hinauf und war bald darauf eingeschlafen.
Es war schon hell, als das kleine Mädchen mit ihrer Schultasche aus der Türe kam. Sie kletterte auf seinen Rücken und sagte: "Komm schnell, bring mich in die Schule! Ich habe mich verspätet, aber wenn du galoppierst, schaffen wir es vielleicht noch." Da stapfte der kleine Elefant los, so schnell er konnte.
Als sie in der Schule ankamen, freuten sich die Mädchen und Jungen aus der Klasse, und sie riefen: "Wen hast du uns denn da mitgebracht?"
"Einen echten Elefanten!" antwortete das kleine Mädchen, "und spielen kann man mit ihm und auf seinem Rücken reiten, und sprechen kann er auch, und lieb ist er – und er gehört mir ganz allein!"
Da beneideten alle das kleine Mädchen, aber dieses sagte großzügig: "Ihr dürft auch mit ihm spielen, ihr seid ja nicht schwer, und er ist klein aber kräftig."
Das ließen sich die Kinder nicht zweimal sagen. Sie schaukelten an seinem Rüssel, kletterten auf seinem Rücken herum und brachten ihm Wasser, mit dem er die Schultafel von oben bis unten voll spritzte.
Da kam der Lehrer herein. Er machte ein so böses Gesicht, dass die Kinder sich schnell in ihre Bänke setzten und mit gesenkten Köpfen auf ein Donnerwetter warteten.
"Wie viel ist zwei und zwei?" fragte der Lehrer den Elefanten in strengem Ton.
"Das sag ich dir nur, wenn du ein freundlicheres Gesicht machst!" antwortete der.
"Ach so", rief der Lehrer, "erst in das Klassenzimmer eindringen, obwohl das für Elefanten streng verboten ist, dann die Schüler vom Lernen abhalten und jetzt auch noch frech werden, das hab ich gerne!" Und er holte einen Rohrstock heraus, um dem kleinen Elefanten eins überzuziehen.
Der aber hatte jetzt endgültig die Geduld verloren. Er nahm den Lehrer, setzte ihn auf den Schrank und sagte: "Wenn du nicht ein bisschen freundlicher bist, lass ich dich nicht mehr herunter. Und außerdem hole ich mir Verstärkung. Ich habe nämlich gehört, dass es hier in Deutschland einen berühmten Elefanten gibt, der Benjamin Bäumchen oder Bienchen oder so ähnlich heißt. Der wird mir bestimmt helfen."
"Nun gut, nun gut", meinte der Lehrer beschwichtigend, "erstens heißt dieser Elefant nicht Bäumchen oder Bienchen, sondern Benjamin Blümchen, und zweitens darfst du mit auf unseren Klassenausflug kommen, aber nur wenn du mich hinunterlässt."
Da hob der kleine Elefant den Lehrer ganz vorsichtig vom Schrank herunter und setzte sich folgsam in die letzte Reihe.
Er lernte so schnell lesen und schreiben, dass er dem kleinen Mädchen sogar bei den Schulaufgaben helfen konnte. Jeden Morgen ritt sie auf ihm in die Schule, und jedermann grüßte sie freundlich, denn es gab keinen, der den kleinen Elefanten nicht lieb gewonnen hatte.
So erging es auch dem Lehrer. Er schimpfte nie wieder mit dem kleinen Elefanten. Und manchmal hielt er sich an seinem Rüssel fest und schaukelte fröhlich hin und her. Aber nur ganz heimlich, wenn keiner zuschaute.


© Peter Heinrichs


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Kommentare zu "Der kleine Elefant (ein Kindermärchen)"

Re: Der kleine Elefant (ein Kindermärchen)

Autor: Wolfgang Sonntag   Datum: 26.04.2019 0:19 Uhr

Kommentar: Lieber Peter,
das hast du so schön geschrieben, da wünscht man sich, nochmal viele Jahre jünger zu sein ...
Liebe Grüße Wolfgang

Re: Der kleine Elefant (ein Kindermärchen)

Autor: mychrissie   Datum: 26.04.2019 10:05 Uhr

Kommentar: Danke,

es gefällt auch den Kindern, die ich ehrenamtlich betreue. Vorallem die Stelle, als der Elefant den Lehrer auf den Schrank setzt. Ich mach ihnen dann beim Vorlesen auch gerne vor, wie er da oben zetert und zappelt.

Gruß Peter

Re: Der kleine Elefant (ein Kindermärchen)

Autor: Wolfgang Sonntag   Datum: 26.04.2019 14:31 Uhr

Kommentar: Ja, lieber Peter,
du bist eine Bereicherung für unsere Gesellschaft. Selten so Menschen in unserer nach Profit hechelnden Zeit.
Und sorry, ich hatte mein -Gefällt mir- vergessen (alte Leute, hihihi), aber jetzt. Es kommt so sehr von Herzen. Mach weiter so.
Liebe Grüße Wolfgang

Re: Der kleine Elefant (ein Kindermärchen)

Autor: mychrissie   Datum: 26.04.2019 17:05 Uhr

Kommentar: Danke Wolfgang,

aber bei der Betreuung der Schulkinder ist durchaus auch etwas "Egoismus" im Spiele, ich brauche eben Kinderlachen um mich, um glücklich zu sein, es ist also eine Win-Win-Situation. Und übrigens, was heißt "alte Leute"? Ich bin 80, das ist doch heute kein Alter. :-)

Liebe Grüße, Peter

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