Taufpate Regenbogen

Irgendwann fiel den beiden Wolkenkindern auf, dass alle Menschenkinder Namen hatten. Oft hörten sie die Eltern nach ihren Kindern rufen. Das fanden sie sehr gut.

„Es muss schön sein, einen eigenen Namen zu haben“, sagte ein Wolkenkind zu dem anderen. Sie fragten ihre Eltern, warum das bei ihnen nicht so wäre.
„Weil es hier bei uns nicht üblich ist“, erklärte ihnen ihr Papa.
„Wir können uns doch selbst Namen aussuchen, warum sollte das nicht möglich sein?“

In den nächsten Tagen lauschten sie ganz intensiv zur Erde hinunter. Sie wollten wissen, wie die Menschenkinder gerufen wurden, denn sie waren fest entschlossen, sich zwei schöne Namen auszusuchen.

Da hörten sie eine Mutter ihre beiden Kinder rufen: „Nele, Stina, kommt herein, das Essen ist fertig.“
Das waren ihre Namen, genau diese sollten es sein, sie erzählten es sogleich Mama und Papa. Auch den Wolkeneltern gefielen sie, also beschlossen alle zusammen, dass die Wolkenkinder Nele und Stina heißen sollten.
„Dann machen wir aber einen Feiertag daraus, es ist sehr außergewöhnlich, dass Wolkenkinder Namen bekommen. Das wird euer Namensgeburtstag sein“, freute sich die Mama.
Dazu warten wir, bis es regnet und gleichzeitig die Sonne scheint, denn dann zeigt sich der Regenbogen am Himmel. Er soll euer Taufpate sein.“

Die Wolkenkinder konnten nun kaum noch warten, sie waren sehr aufgeregt.
Wann endlich würde es regnen?
Noch nie hatten sie sich Regen gewünscht. Ihnen war es lieber, wenn die Sonne schien und sie am Himmel toben konnten, bei einem leichten Wind, der sie durcheinander wirbelte und zum Juchzen brachte.
Nun aber sehnten sie den Regen herbei, zusammen mit der Sonne, damit der Regenbogen sie besucht und ihr Taufpate werden konnte.
Sie wussten, dass das nicht sehr oft der Fall war und tatsächlich mussten sie sich ein paar Wochen gedulden.

Dann endlich; der Wolkenpapa hatte es zuerst bemerkt und rief seine Familie zusammen.
Am Himmel stand die Sonne und strahlte, aber in der Ferne sah man schon die Regenwolken kommen.
Es sah ganz so aus, als könnten sie heute Glück haben. Die dunklen Regenwolken kamen tatsächlich immer näher und die Sonne ließ sich nicht vertreiben.

Da waren nun auch die Wolkeneltern ganz aufgeregt, denn gleich sollten ihre Kinder die Namen Nele und Stina bekommen.
Die beiden Kleinen tanzten aufgeregt hin und her und sangen immer wieder: „Nele und Stina werden wir gleich heißen, Nele und Stina, ach wie wunderschön. Endlich haben wir Namensgeburtstag heute.“

Da fing es auch schon an zu regnen, die Sonne stand im Süden und freute sich. Sie hatte ihren Spaß, den tanzenden Wolkenkindern zuzusehen.
„Papa, da ist ein Regenbogen“, rief eines der Kinder und hüpfte zu den Eltern.
„Ach ja, ein wunderschöner sogar“, sagte die Wolkenmama.
„Lasst uns gleich zu ihm gehen, bevor er wieder verschwunden ist, denn das passiert manchmal sehr schnell.“

Alle vier flogen los Richtung Regenbogen. Als sie ihn endlich erreicht hatten, war er noch kräftiger geworden und schillerte in den allerschönsten Farben.
Der Wolkenpapa begrüßte ihn: „Guten Tag Regenbogen, schön dich einmal wieder zu sehen, wir haben lange auf dich gewartet.“
„Ach ich weiß, wie gerne man mich sieht, weil ich so schön bunt bin. Die Menschen sagen sogar, dass ich ihnen Glück bringe, darauf bin ich sehr stolz“, antwortete der Regenbogen.

„Wir haben eine Bitte an dich, lieber Regenbogen. Gerade weil du so schön bunt bist und weil du Glück bringst, möchten wir gerne, dass du der Taufpate unserer beiden Wolkenkinder wirst. Sie sollen heute nämlich ihre Namen bekommen“, verriet der Wolkenpapa.
„Wir hoffen, dass du unsere Bitte nicht abschlägst, denn unsere Kinder sind ganz aufgeregt, sie warten schon viele Wochen auf dich!“

„Aber nein, mein Freund, ich fühle mich geehrt, dass ihr mich als Taufpaten ausgesucht habt. Ich werde sehr gerne für dieses Amt zur Verfügung stehen.
Ihr seid klug, dass ihr mich ausgewählt habt, ich werde euren Kindern sicher viel Glück bringen“, meinte der Regenbogen und vor lauter Stolz leuchtete er noch kräftiger in seinen herrlichen Farben.
Da hüpften die beiden Wolkenkinder unter den Regenbogen. Behutsam breitete er sich über ihnen aus, um ihnen zu zeigen, wie gerne er seine beiden Patenkinder beschützen würde.

Die Eltern kamen hinzu und der Wolkenpapa sprach:
„Mama und ich geben unseren beiden Wolkenkindern nun ihre Namen, die sie sich selbst ausgesucht haben. Nele heißt unser erstes Kind, Stina wird die Zweite heißen. Ab sofort werden wir euch nur noch bei euren Vornamen rufen.
Die Sonne und alle Wolken sind Zeugen und werden eure Namen überall bekannt geben. So werden auch der Mond und alle Sterne davon erfahren.
Der Regenbogen aber ist euer Taufpate und wird immer ein Auge auf euch haben und euch helfen, solltet ihr einmal in Not sein.“
Die Sonne lauschte den Worten des Wolkenpapas, auch die Regenwolken hörten ergriffen zu. Vor lauter Freude weinten sie dicke Regentropfen. Der Regenbogen aber wurde vor lauter Stolz noch viel schöner in seinen Farben.
Nun feierte die Wolkenfamilie, indem sie sich von einem leichten Wind hin- und herschaukeln ließ. Sie kullerten übereinander und dann wieder stieben sie auseinander, um sich gleich wieder in die Arme zu schließen.
Ein wunderschöner Tag war das, die beiden Kinder hatten endlich ihre Namen. Ab heute würden ihre Eltern immer nach ihnen rufen können und jeder von ihnen würde wissen, wer damit gemeint ist.

Der Regenbogen wurde langsam blasser, denn der Regen ließ nach. Er versprach,
bald wieder zu kommen, um seine Patenkinder zu besuchen.
(c) Eleonore Görges


© Eleonore Görges


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