Im fernen Reich Arendel lebte einst ein König, der drei wunderschöne kleine Töchterchen hatte. Er liebte sie über alles und lächelte fröhlich, wenn er sie im Schlossgarten mit einer goldenen Kugel spielen sah. Ja, ihr Spielzeug war aus Gold wie auch jeder andere Gegenstand im Schloss, denn der König liebte außer seinen drei Kindern vor allem das Gold. Sogar sein Schloss und der Wetterhahn, der die Spitze des Schlossturms krönte, waren aus massivem Gold gefertigt.

Außer dem Gold war der König leidenschaftlich der Archeologie zugetan. Er war gemeinsam mit seinen Beratern ständig auf der Suche nach verschütteten alten Gräbern und Gruften, denn er wusste, dass den Toten – insbesondere, wenn sie im Leben besonders vornehm gewesen waren – wertvolle goldene Gaben mit ins Grab gegeben wurden. Und für diese, eigentlich nur für diese, interessierte er sich wirklich. Statt eines Wissenschaftlers, der sorgfältig die Geheimnisse der Altertümer erforscht, war er also eher ein habgieriger Golddieb.

Eines Tages, als er sich auf der Suche nach Schätzen durch ferne Wüsten und Sandstürme gekämpft hatte, wies er seine Begleiter an, ihre Schaufeln in einem Bereich anzusetzen, der geschützt im Schatten eines hohen Felsens lag. Sie begannen zu graben, und siehe da, der Instinkt des Königs, der so goldgierig war, dass er das Edelmetall förmlich riechen konnte, hatte ihn nicht getäuscht. Die Männer schaufelten einen Höhleneingang frei, der verborgen unter einer metertiefen Sandschicht lag. Es war offensichtlich der Eingang zu einem Grab, aber weil er verschüttet gewesen war, hatte bisher kein Räuber ihn entdeckt. Und die im Grabe lagen, lagen dort noch genau so, wie sie vor Jahrtausenden hingebettet worden waren. In der Höhle standen auf einem steinernen Podest drei Sarkophage, große goldene Särge, in denen die mumifizierten Körper von drei Brüdern ruhten, die einst gemeinsam das Reich regiert hatten, in dessen Mitte der Felsen mit der Höhle stand.

Der König ließ die drei Särge auf Wagen laden und schaffte die funkelnde und in der Sonne gleißende Last auf ein Schiff, das sie heim in sein Königreich brachte. Dort ließ er sie in eine Kammer tragen, die mit einem großen stählernen Schloss verriegelt war. Dieses Schloss konnte nur er mit dem einzigen Schlüssel öffnen, der gefertigt worden war. Zur Sicherheit hatte er den Schlosser auch noch durch gedungene Mörder beiseite schaffen lassen, damit keiner außer ihm selber jemals die Kammer mit den drei Goldsärgen öffnen konnte.

Einmal um Mitternacht, als alle Bediensteten im Schloss schliefen, hörte der König ein leises Wispern. Er sprang auf, um die Diener, die sich da offensichtlich noch in den Gängen herumtrieben, in ihre Kammern zu scheuchen. Als er jedoch aus seinem Schlafgemach trat, war niemand zu sehen. Das Wispern aber war jetzt noch deutlicher zu hören. Es kam aus der Kammer mit den Goldsärgen. Wie war das möglich? War beim Abschließen der Kammer ein menschliches Lebewesen versehentlich mit eingekerkert worden? Der König ging zu der schweren Tür und legte das Ohr an die Eichenbohlen. Was er hörte, war kein Hilferuf eines Eingeschlossenen, sondern ein leise geführtes Gespräch, das ihn erstarren ließ. Eine der Mumien in den Särgen sprach flüsternd mit den anderen beiden.

„Meine Brüder, ich bereue, dass ich einst ohne eure Begleitung diese weite Reise gemacht habe, an die ihr euch sicher erinnert. Ihr wisst ja, ich war für drei ganze Jahre verschollen. Aber auf meiner Reise habe ich einen Schatz gefunden, von dem ich euch jetzt berichten will. Es ist eine Eiche, die im rauen Sturm auf einem Berggipfel wächst und Zauberkräfte hat. Wer drei Blätter aus ihrer Krone pflückt und sie über seine Schulter wirft, darf sich eine ganze Wagenladung Goldstücke wünschen, wie groß der Wagen auch sein mag. Er muss jedoch die Hälfte dieses Schatzes an die Armen verteilen, sonst wird ihm großes Leid widerfahren“. „Wo steht diese Eiche?“ fragten die beiden Mumienbrüder. „Man muss zuerst über das weite Meer in Richtung Westen segeln und dann gelangt man an die Insel ... In diesem Moment schlug die Glocke einmal und kündigte das Ende der Geisterstunde an. Und das Gespräch in der Kammer verstummte.

Doch die Goldgier des Königs war geweckt. Er stellte sich vor, wie er einen Wagen bauen lassen würde, so groß wie Noahs Arche, um mit einer Wagenladung möglichst viel Gold in seinen Besitz zu bringen. Aber wie sollte er die zauberkräftige Eiche finden? Während er darüber nachgrübelte, sank er wieder in den Schlaf.

Am nächsten Morgen fiel ihm das nächtliche Erlebnis wieder ein. „So ein Unsinn“, dachte er bei sich, „wie konnte ich nur so wirres Zeug träumen?! Eichen, die zaubern können... sprechende Mumien... wahrscheinlich brauche ich wieder einmal Urlaub, um mich zu entspannen“.

Doch in der nächsten Nacht weckten ihn wieder die zwölf hallenden Schläge der Schlosskirchenuhr. „Es ist zwar absolut unsinnig, aber warum soll ich nicht noch einmal an der Türe horchen?“ sagte sich der König, „es kostet mich ja nur ein paar Schritte und ich verliere nichts dabei“. Er schlich sich leise zu der Kammertür, hinter der die drei goldenen Särge lagen. Wieder hörte es ein leises Wispern, doch viel leiser als in der Nacht zuvor. „Ich glaube, wir sind belauscht worden“, hörte der König aus der Kammer, „deshalb will ich euch den Namen der Insel jetzt nicht sagen. Aber ihr wisst ja, was auf dem Talisman steht, den ich auf meiner Brust trage, wer dieses Wort enträtselt, wird unermesslich reich werden“. Dann hörte der König ein leises Kichern, das von alles drei Mumien stammen musste, und vernahm, wie eine der beiden anderen Mumien flüsterte: „Wozu sollten wir eigentlich den Namen der Insel wissen wollen? Wir können weder zu der Insel segeln, noch dort Gold aufladen, denn wir ruhen tot und kalt in goldenen Särgen und auch der größte Reichtum dieser Welt könnte uns noch zu etwas nütze sein“. „Ihr habt recht, ich sage euch den Namen der Insel trotzdem, sie heißt ...“ Und auch diesmal schnitt der Ein-Uhr-Glockenschlag, der die Geisterstunde beendete, die Rede der Mumie ab. Und es herrschte wieder absolute Stille im Schloss.

Diesmal glaubte der König nicht an einen wirren Traum, sondern dieses Gespräch zwischen den Mumien war ganz real und wirklich geschehen. Die Goldgier ließ ihn fiebern und er wartete ungeduldig auf die nächste Nacht, um vielleicht doch noch den Namen der geheimnisvollen Insel zu erfahren. Als es Mitternacht wurde, horchte er wieder an der Tür der Sargkammer. Aber diesmal schwiegen die Toten in ihren Goldsärgen. Da wurde der König wütend und ließ augenblicklich alle Diener wecken. „Öffnet die Särge und wickelt die Toten aus ihren Bandagen! Ich will den Talisman sehen, den eine der drei Mumien auf der Brust trägt!“. Den Dienern schauderte es, denn sie fürchteten sich davor, die Totenruhe der drei Brüder zu stören. Doch der König schloss die Kammertüre auf und herrschte sie an: „Wer von Euch auch nur eine Sekunde zögert, meinem Befehl Folge zu leisten, den lasse ich bei lebendem Leibe in siedendes Öl werfen“.

Da wickelten die Diener die mit duftenden Essenzen getränkten Binden von den Leichnamen, bis diese nackt und knochig vor dem König lagen. „Und nun lasst mich allein!“, rief der König und ging zu den unbekleideten Toten. Und wirklich, um den Hals des einen hing an einer goldenen Kette ein kleines Medaillon, das mit einem geheimen Mechanismus verschlossen war. Mit einer einzigen Bewegung riss der König dem Toten das Medaillon vom Hals und verschloss die Kammer wieder.

Am nächsten Tag ließ er die klügsten Goldschmiede und Konstrukteure geheimer Verschlüsse kommen, verbannte sie in das tiefste Gewölbe des Schlosses und befahl ihnen herauszufinden, wie das Medaillon zu öffnen sei. Drei Jahre benötigten sie, um das Geheimnis des Schließmechanismus' zu enträtseln. Der König ließ es sich verraten und schloss dann die Gewölbetüren wieder, um die Männer verhungern zu lassen, denn er fürchtete, sie würden, wenn sie weiterlebten, das Geheimnis vielleicht an irgend einen Schatzjäger verraten, der die Zaubereiche vor ihm finden könnte.

Was stand nun auf dem Medaillon? Es waren nur ein einziges Wort „SITNALTA“. Der König ließ Sprachwissenschaftler in den Palast kommen und legte ihnen das Wort „NALTA“ vor, denn dass „SIT“ auf lateinisch „Es sei...“ hieß, wusste er selber. Die Gelehrten entwickelten in langen Streitgesprächen verschiedene Theorien und einigten sich schließlich auf eine, die lautete: Das N ist eine Abkürzung von NON also „Nicht“ und „ALTA“ bedeutet „hoch“. Der König jagte sie aus dem Schloss, denn dass eine Eiche auf einer Insel und auch noch auf dem Gipfel eines Berges wuchs, aber zugleich „nicht hoch“ war, erschien ihm vollkommen unsinnig.

Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und rätselte viele Tage, bis einmal das Medaillon zufällig vor seinem Toilettenspiegel lag. Jetzt wurden die Wörter, die eingraviert waren, im Spiegel umgedreht und schlagartig war dem König klar, dass der geheime Namen der Insel „ATLANTIS“ war, denn so lautete ja die Inschrift, wenn man SIT NALTA von hinten nach vorne las. Er triumphierte, dass die Lösung nun gefunden war und verfluchte zugleich die Gelehrten, die offensichtlich zu dumm gewesen waren, um diese Lösung selber zu finden.

Er ließ ein Schiff ausrüsten, auf dem ein riesiger Wagen stand, der den Goldschatz aufnehmen sollte. Seine drei geliebten Töchter begleiteten ihn auf seiner Seereise zu der Stelle im Atlantischen Ozean, wo er die versunkene Insel Atlantis zu finden hoffte. Drei geübte Taucher begleiteten ihn ebenfalls und in seiner Kabine hatte er ein Regal einbauen lassen, in dem alle Bücher standen, in denen jemals über den geheimnisvollen Kontinent Atlantis und seinen Untergang berichtet worden war.

Sie segelten westwärts und der König glaubte auch, den Ort, an dem Atlantis versunken war, aus seinen Büchern herausgelesen zu haben. Er ließ das Schiff ankern und überprüfte noch einmal die Koordinaten des Schatzortes. Seine drei Töchter spielten auf dem Schiffsdeck und waren vom Umhertollen ganz verschwitzt. „Dürfen wir ein wenig im ruhigen Meer schwimmen, um uns etwas abzukühlen?“ baten sie den Vater. „Von mir aus, aber nur, wenn auch die Taucher mit ins Wasser gehen, um euch zu schützen, wenn eine Welle oder ein Fisch euch belästigt“.

Als die Kinder und die Taucher im Wasser planschten, rief plötzlich einer der Männer: „Ich sehe am Grund der See einen Berg, auf dem eine Eiche wächst. Es ist gar nicht tief, denn der Berg und die Eiche sind so hoch, dass sie bis auf fünf Mannshöhen unter die Wasseroberfläche aufragen“. „Dann ist die Baumkrone ja wohl leicht zu erreichen?“ sagte der König. „Sicher”, antwortete der Mann. „So taucht alle drei hinab, und jeder von euch soll mir ein Blatt vom höchsten Ast der Krone bringen“ befahl der König. Die Taucher schwammen zu der Stelle hin, tauchten und kamen nach einer Weile jeder mit einem Eichenblatt wieder an Deck. Der König warf die drei Blätter über seine Schulter, und in diesem Augenblick begann es zu poltern und unsichtbare Geisterhände begannen, den riesigen Wagen, der an Deck stand, mit Goldbarren zu beladen. Leise flüsterte der König vor sich hin: „Dieses Gold wird meine Schatzkammer bis zur Decke füllen, aber mit Sicherheit werde ich nicht die Hälfte davon an nutzlose und schmutzige Bettler verschenken”. Und laut rief er aufs Meer hinaus: “Nichts sollen sie bekommen! Kein einziges Goldstäubchen!“

In diesem Moment entstand auf dem Meer ein Strudel, der sich immer heftiger drehte. Schließlich raste er so mächtig im Kreise, dass sich ein tiefer Trichter auftat, der begann, die Taucher und die drei kleinen Töchter des Königs zu verschlingen. Die Kinder reckten die Arme mit erbärmlichen Hilferufen dem Vater entgegen, der zitternd am Reling des Schiffes stand und ihren Untergang mit ansehen musste, ohne ihnen helfen zu können.

Dann verschlang der Wirbel auch noch die schwimmgeübten Taucher und am Ende das Schiff mit dem König und all dem Gold, das das Schiff mittlerweile so schwer gemacht hatte, dass es sich ohnehin nicht hätte auf der Wasseroberfläche halten können.

So erfüllte sich das, was sich die Mumien in der Nacht zugeflüstert hatten. Und das prophezeihte Leid war dem goldgierigen König mit dem Tod seiner geliebten Töchter auch widerfahren. Dass dieses Leid ihn nur eine kurze Zeitspanne bis zum eigenen Tod hatte quälen können, war wohl einem Anflug von Mitleid zu verdanken, der das strafende Schicksal zuweilen für ein paar kurze Augenblicke innehalten lässt.

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© Peter Heinrichs


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