Kapitel 9
in dem eine Morgenandacht in einer psychedelischen Kapelle gehalten wird, eine Frage über das Nachtleben von Brennnesseln auftaucht und die Welt im Tangwald eines Farbenmeeres versinkt

Nach und nach kommen alle an den Tisch, Natascha schneidet noch das restliche Brot auf und Pjotr organisiert noch eben zwei Stühle aus der Bar.
Die Morgensonne steht noch tief und scheint durch die Büsche draußen vorm Fenster direkt auf den Frühstückstisch. Aqualung hat sich wieder die schwarze Brille aufgesetzt und dreht irgendetwas an den Gläsern. Ich werde ihn nachher einmal fragen.
Natascha und Shiria sitzen Leya und mir gegenüber und immer wieder huscht ein heimliches Grinsen über ihre Gesichter, wenn ich zu ihnen schaue. Irgendwann kann ich auch nicht mehr umhin und mir breitet sich ein verschämtes Grinsen übers Gesicht. Leya sieht mich an, dann wieder Shiria und Natascha und fängt an zu kichern.
„Natascha“, unterbreche ich unsere Albernheit. „Sag mal, wie nimmst du denn eigentlich Zone dreizehn wahr? Das würde mich jetzt echt mal interessieren.“
Natascha sieht mich verdutzt an, aber ohne groß zu überlegen, antwortet sie: „Ja, wir sind hier in einem ehemaligen Stützpunkt einer Minengesellschaft auf einem bewohnbaren Planeten. Der Stützpunkt wurde vor langer Zeit schon verlassen, weil die Minen nichts mehr hergaben. Die Gebäude sind verfallen, aber es hat sich eine Gesellschaft von Freaks hier eingefunden, die sich in dieser technokratischen Welt da draußen, an den neuen Minenstandorten, nicht mehr zurechtfinden.“ Ich nicke und was Natascha mir erzählt, ist mir sofort absolut verständlich. Ja, natürlich, und es widerspricht unseren Vorstellungen überhaupt nicht.
„Und für dich? Was ist Zone dreizehn für dich?“, fragt Natascha mich und sagt im gleichen Zug: „Ich kann es mir schon denken …“ Sie sieht mir mit lachenden Augen ins Gesicht.
„Ja, für mich …?“
Es fällt mir ein wenig schwer, gleich von einer verlassenen Minengesellschaft auf meine Sicht umzuschwenken, doch im nächsten Moment bin ich mir ganz sicher.
„In einer Welt, in der Zirkus verpönt geworden ist, haben sich die übrig Gebliebenen des Cirque du Soleil in ein verfallenes Gebäude zurückgezogen, wo sie nicht behelligt werden. Diese bunte Gesellschaft hat hier, so verschieden sie auch ist, eine neue Form des Zusammenlebens gefunden.“
„Das passt zu dir. Wunderbar“, sagt Natascha leise und Lysienne sagt von hinten am Tisch: „Cirque du Soleil. Da war ich einmal. Das ist wunderschön. Wie ein Traum. ––– Und bei euch ist auch wie ein Traum …“
Aus dem Augenwinkel sehe ich Gustav, der sich mit Karl unterhält. Lysienne wendet sich wieder den beiden zu und Aqualung dreht irgendetwas an seiner Brille.
„Sag mal, Elisa, mit dem Cirque du Soleil, das bleibt? Ich meine –– ich hab da ne Idee.“
„Ähh, ja.         Ich denke schon. Wieso?“
„Okay, pass auf. Wenn du nach dem nächsten oder übernächsten Wochenende immer noch im Cirque du Soleil bist, biete ich dir an, ein eigenes Kostüm zu nähen. Ein Cirque du Soleil-Kostüm – wenn du magst. Wir könnten uns bei mir treffen und schauen uns mal ein paar Filme über den Zirkus an und dann entwerfen wir dein Kostüm nach deinen Ideen. Ich sage dir dabei nur, was für mich machbar ist. Ansonsten hast du freie Hand.           Was hältst du davon?“
Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll, und ein wenig steht mir das Wasser in den Augen vor Rührung.
„Elisa, das ist jetzt aber kein Grund zum Weinen“, sagt Shiria lachend. „Und ganz umsonst ist es auch nicht. Das Material müsstest du schon bezahlen – aaber, –– ich weiß, wo ich Material günstig beziehen kann. Ich bekomme als Stammkundin schon Rabatt.“
Ich weiß gar nicht, was ich so schnell dazu sagen soll und nicke einfach.
„Ja, du gehörst schon dazu, Elisa. Dafür, dass du einfach so hier reingeschneit gekommen bist, ging das ziemlich schnell“, sagt Shiria mit einem schelmisch zweideutigen Grinsen.
„Na, ja, ein wenig wurde ich ja auch hier reingeschneit. Aber ich bin echt froh, euch kennengelernt zu haben.“
Leya gibt mir einen Kuss auf die Wange.
„Und Leya natürlich …“
„Und deine?“, frage ich Leya.
„Wie? Was meine …?“
„Na, was erlebst du hier, oder was ist das hier für dich?“
„Oh,            ich bin eine Elfe im Cirque du Soleil“, antwortet Leya lächelnd und sieht in mein verwundertes Gesicht.
„Du glaubst mir nicht?        Schau mich doch an. Als die Regierung den absoluten Realismus ausgerufen hat, haben wir Zirkusmenschen, die ihre Träume nicht aufgeben konnten oder wollten, uns in diese Ruinen zurückgezogen. Hier werden wir von niemandem gestört, oder ganz selten nur, und die, die hier eindringen, verscheuche ich auf meine Weise …“
Leya lächelt in mein verdutztes Gesicht und gibt mir einen Kuss.
Plötzlich bin ich verwirrt. Dieses Gefühl, dass mich meine Realität so plötzlich einholt …
„Dann, ähh,           dann war der Cirque du Soleil schon immer hier?“
„Ja, aber du hast ihn erschaffen“, mischt sich Pjotr ein.
„Das verstehe ich jetzt gar nicht mehr …“, sage ich mit vollem Mund.
„Ach, Elisa, das musst du jetzt auch noch gar nicht verstehen“, sagt Shiria lächelnd und Leya nimmt mich in den Arm und gibt mir noch einmal einen Kuss.
Nachdenklich frühstücke ich weiter, bis mir irgendwann ein erhellender Gedanke kommt. Ganz offenbar spiegelt mein Gesicht genau das wider. Natascha lächelt mich an und sagt: „Ja, Elisa, genau so …“, und ihr Satz hallt in mir nach wie ein Echo.
Gedankenverloren frühstücke ich zu Ende und dieses Echo hallt noch immer in mir nach.
„Alles in Ordnung mit dir?“, fragt Natascha und ich nicke.
„Ja. Ja, doch wirklich …“
Um mich herum bemerke ich, dass die noch morgendliche, etwas angeregte Stimmung einer wohligen Behaglichkeit weicht. Die Gespräche werden leiser und schließlich fragt Gustav in die Runde: „Wer kümmert sich um die Reste?“
Leya sieht mich an und fragt: „Magst du noch ein bisschen länger bleiben? Bis heut Abend? Ich fahr dich auch nach Hause.“
„Ich bin mit meinem Fahrrad da …“
„Das ist kein Problem. Ich hab nen Kombi. Da passt auch noch ein Fahrrad mit
rein.               Also, wie sieht’s aus? Magst du?“
„Mein Grinsen verrät mich mal wieder, also sage ich zu.
„Ich kümmer mich um die Kiste. Pack alles rein, was übrig ist …“, antwortet Leya und Gustav nickt.
„Jetzt noch eine Frage an alle.           Haalloo, hört mal zu bitte.     Wer bleibt noch bis zum Mittag? Ich muss das wissen, wegen kochen.“
Rufe und hochgehobene Hände folgen.
„Okay. Alle. Mehr wollte ich doch gar nicht wissen.     Und wer hilft mir beim Abräumen und Abwasch? Hallo, nicht immer dieselben bitte. Ihr dürft euch auch mal abwechseln“, sagt Gustav mit einem frechen Grinsen in die Runde.
Pjotr erhebt sich ächzend und geht zum Spültisch. Shiria folgt ihm und Lysienne ist im Begriff aufzustehen, da ruft Shiria: „Nee, ihr seid Gäste. Bleibt mal sitzen.“
„Wir dürfen auch sitzen bleiben“, sagt Leya und grinst.
„Und was ist mit der Kiste?“
„Ach, das hat keine Eile. Da packen wir die Reste rein. Das ist unser Proviant für den Rest des Tages“, und bei diesen Worten sehe ich eine heimliche Vorfreude in Leyas Augen.
Louisa ist noch in ein Gespräch mit Lysienne und Aqualung verwickelt und will sich gerade daraus lösen, da bietet sich Karl an, mitzuhelfen, steht auf und lässt sich auch nicht von Shiria davon abbringen.
Mir ist es aber unangenehm, sitzenzubleiben, während die anderen sich um alles kümmern, doch Leya schlingt ihre Arme um mich und küsst mich stürmisch.
„Bleib mal ganz entspannt, mein Schatz. Du darfst auch mal zuschauen und dich mir hingeben“, flüstert Leya und lacht amüsiert, als sie meinen unsicheren Blick bemerkt. Es fällt mir schwer, aber ich lehne mich an Leyas Schulter und versuche mich zu entspannen. Den anderen beim Aufräumen zuschauen kann ich aber nicht. Und Leya sorgt auch gleich dafür, dass ich gar nicht dazu komme. Irgendwann versinkt die Zone in einem Dämmerzustand und ich flüstere Leya ins Ohr: „Ich könnt schon wieder …“
Leya kichert wie ein pubertierendes Mädchen und flüstert dann zurück: „Deswegen will ich auch mit dir bis heute Abend bleiben.“ Ihr schmachtender Blick und ihr plötzlich dunkles Timbre wühlen mich so auf, dass ich mir auf die Lippe beiße.
„Ich hoffe, du kannst noch warten“, hauche ich ihr ins Ohr und ich sehe, wie Leya eine Gänsehaut über den Arm ausbreitet.
„Vielleicht hätten wir doch abtrocknen sollen – aber Gustav hat ja gesagt, nicht immer dieselben …“
„Tja, wenn man uns nicht beschäftigt …“, lache ich und drücke Leya einen dicken Schmatzer auf die Wange.
„Kommst du mit in Aqualungs Kapelle?“, frage ich unvermittelt und Leya sieht mich erstaunt an, dann kommt sie zurück in die Zone und lächelt.
„Wenn du möchtest.          Eigentlich gehe ich sonst nicht mit, aber wenn du gehst …, ja doch, ich komme mit …“
„Echt jetzt, meinetwegen? Das ist ja lieb.     Ich geh aber nicht nur wegen der Fenster. Ist das okay für dich?“
„Aber Elisa, ich hab kein Problem damit, aber ich                gut, ich sags mal so,             ich glaube schon, aber, ja,       wie soll ich sagen?          Ich kann mir schwer was sagen lassen. Verstehst du?          Nein, verstehst du jetzt nicht, ne? Ist auch egal. Ich komme mit, fertig!“, sagt Leya und gibt mir einen Kuss. „Ich sag’s dir später mal …“
Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass Aqualung aufsteht. Einen Moment steht er vor dem Tisch und scheint nachzudenken oder sich zu sammeln. Dann dreht er sich um und geht durch den seitlichen Durchgang, verschwindet einen Moment und taucht draußen vor dem Fenster wieder auf. Aqualung scheint nachdenklich, setzt seine Schritte anders als sonst. Dann folgen Pjotr, Louisa und Natascha. Gustav hängt noch gerade die Handtücher über die Mauer und geht hinterher.
„Nun, du wolltest doch auch. Lass uns gehen.“
„Wohin gehen die?“, höre ich Lysienne fragen und Shiria antwortet: „Sonntagsandacht – nicht so meins, aber wenn ihr wollt, geht doch ruhig mit.“
„Ich bleib hier“, höre ich Karl. „Aber geh du doch ruhig,          kannst du mir ja nachher erzählen.“
„Wir schließen uns Lysienne an und gehen nach draußen. Die anderen sind schon verschwunden, aber ich weiß ja von gestern Abend den Weg. Und so geht Lysienne neugierig mit uns. Ein wenig unsicher folgt sie uns in den engen Vorbau, zieht den Kopf ein, als wir durch den Durchgang gehen, dabei ist er hoch genug und dann stehen wir vor der offenen Kapellentür.
Es ist still.
Von drinnen schimmern die Farben der Fenster auf dem Boden bis zur Tür hinaus. Vorsichtig trete ich ein. Es ist eine besondere Stimmung, die ich so noch nie erlebt habe. Die hohen Fenster leuchten im Sonnenlicht, das durch die Bäume einfällt. Die Farben tauchen den Raum in ein Farbenmeer und ein ganz leichter Windhauch bewegt zuweilen die Äste der Bäume, deren Schattenspiel die Farben zu bewegen scheinen.
„Das ist schon beinahe psychedelisch …“, flüstere ich und Leya lächelt.
Es ist nur noch ein Stuhl frei, und Leya bietet ihn Lysienne an, die sich mit einem artigen Knicks und einem geflüsterten Merci bedankt.
„Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, aber es ist so völlig anders. Die Stühle sind nicht ausgerichtet. Wir sitzen zusammen, eine Gruppe und doch jeder für sich, im Gebet versunken, Gustav steht hinten und Leya hat sich bei mir untergehakt, sodass ich die Hände frei habe zum Gebet. Louisa beginnt leise zu singen, und erst jetzt bemerke ich die erstaunliche Akustik dieses unscheinbaren Raumes. Ein leichter Hall, der Louises Stimme mit einem Mal vervielfältigt und voluminöser macht. Dann legt sich das Flüstern der Gebete darunter und ich fühle mich in eine andere Sphäre versetzt.
Ich danke dem Herrn, dass ich Leya finden durfte und sie mich. Und ich danke für diese Gemeinschaft, zu der ich mich nun zugehörig fühle. Und ich bin voll des kindlichen Staunens und einer Freude, dass ich das Gefühl habe, gleich überzufließen, bis mir die Tränen übers Gesicht laufen. Die Zeit löst sich auf, steht still und irgendwann dreht sich Pjotr um und bietet mir seinen Stuhl an. Als ich mich setze, stellt sich Leya hinter mich, legt ihre Hände auf meine Schultern und streichelt mich langsam mit sanften Fingern. Das leise Gemurmel ist wie ein Bächlein, dass durch die Farben fließt, und ich kann nicht anders als Gott dafür zu danken, dass ich so etwas erleben darf.
Irgendwann tauche ich aus dem Fluss der Zeit auf, als Aqualung seinen Zylinder aufsetzt und aufsteht. Niemand sieht das als Signal zum Aufbruch. Gustav setzt sich auf Aqualungs Platz. Hinter mir Schritte. Pjotr ist wohl auch gegangen. Und irgendwann habe ich das Gefühl, so erfüllt zu sein, dass ich nicht noch mehr würde ertragen können. Etwas benommen stehe ich auf und Leya hakt sich bei mir ein, wir gehen leise hinaus, und langsam komme ich wieder zu mir.
„Mit dir war es aber schön“, flüstert Leya. „Und es war anders als sonst …“
Draußen im Grünen halte ich Leya fest, sie dreht sich überrascht um und ich ziehe sie zu mir.
„Ich liebe dich“, flüstere ich ihr ins Ohr und küsse Leya auf ihr überraschtes Lächeln.
„Und was ist sonst anders?“, frage ich auf dem Weg zurück.
„Sonst ist immer eine junge Frau da, die den Gottesdienst hält – eine richtige Pfarrerin. Sie kommt immer sonntags. Manchmal auch schon am Samstag.“
„Ach so …“
„Ja, und sie ist immer so,        wie soll ich sagen? Ja, belehrend. Aber sie ist noch jung, noch in der Ausbildung.      Und   ganz ehrlich, manchmal macht sie mir Angst mit dem, was sie sagt. Deswegen …“
„Kommst mit? Ich muss mal. Dann können wir noch ein bisschen reden …“
Wortlos schlägt Leya den Weg zur Toilette ein.
„Nun sag mal, was hast du für ein Problem mit ihr?“
„Eigentlich habe ich ja kein Problem mit ihr, sondern mit dem, was sie sagt. Sie lässt aber auch nicht mit sich reden – weil sie ja studiert.“
„Ja, kann ich jetzt nicht so was zu sagen. Hab sie ja noch nicht gehört.“
„Na ja, so lange studiert sie ja auch noch nicht, und …“, flüstert Leya. „Sie ist katholisch erzogen. Ihre Eltern sind erzkatholisch. Sie ist aber an einer evangelischen theologischen Hochschule.“
„Na, dann besteht ja Hoffnung auf Besserung …“, kommentiere ich diesen Umstand mit einem Grinsen und wir stehen vor der Markise.
„Augenblick noch!“, ruft Pjotr von drinnen. Und kurz darauf schiebt er sich am Markisenvorhang vorbei.
„Kann man’s da drin aushalten?“, fragt Leya ohne eine Miene zu verziehen.
„Ich denke schon.“
„Na, ansonsten hab ich ja meinen Blumengarten dabei.“
„Nicht nötig“, lacht Pjotr im Gehen.
„Deinen Blumengarten?“
Leya grinst und fasst unter ihrem Umhang an die Seite, ein kaum hörbares Klick, dann zeigt sie mir ein Sprühfläschchen.
„Mein Betörungsspray“, lacht Leya und in ihren Augen ist schon wieder dieser Glanz. Die Halle, der Bach und dann mit einem Mal die Blumenwiese. Mit einem Mal ist es noch einmal ganz deutlich, und ein Leuchten geht über mein Gesicht.
Leya klickt das Spray wieder an ihr Kostüm, geht die paar Stufen hinauf und schiebt die Markise beiseite.
„Die Luft ist rein“, sagt sie. „Kannst kommen.“
Sie hält die Markise beiseite und ich steige hinauf.
„Wer zuerst?“, frage ich.
„Wir können ja abtentern. Ene, mene miste, es rappelt …“
„So lange kann ich nicht warten!“, sage ich lachend, ziehe mir den Rock mitsamt der Unterwäsche runter und setze mich.
Leya pellt sich aus ihrer Elfenhaut und mein Blick bleibt auf ihrer nackten Haut.
„Das heben wir uns aber für später auf, ja?“ Leya kichert verhalten und ihre Augen verraten, dass sie eigentlich nicht bis später warten möchte.
„Hmhm, ja … bis später“, murmele ich in Tagträumen verloren.
„Wenn du fertig bist, muss ich auch mal“, lacht Leya und ich bin zurück, verlegenes Grinsen, und ich lasse mir Papier geben.
„Ich weiß, der Eimer …“, sage ich und mache Platz für Leya.
Leya sitzt und ich kann meinen Blick nicht von ihr abwenden. Dieses Kribbeln in mir. Wie gerne würde ich jetzt ihre … Ja, ich warte, bis die anderen abgefahren sind. Mir wird warm bei dem Gedanken und ich reiche Leya das Papier.
„Meinst du, wir kriegen die Zeit noch irgendwie rum, bis alle weg sind, ohne übereinander …“ Ich muss schlucken. „Her zufallen?“
Leya kichert, sagt aber nichts, während sie sich anzieht. Ich warte ein wenig darauf, dass sie mich fragt, ob ich helfen kann. Aber das wäre wohl gerade zu viel.
Wir gehen zurück und Lysienne kommt uns entgegen.
„Da hinten die Markise“, sagt Leya, und Lysienne sieht uns etwas verwundert an.
„Und Pipipapier bitte in den Eimer neben dem Klo.“
Lysienne nickt, grinst verschämt und geht weiter.
Wir gehen weiter und durch das große Fenster sehen wir in den Essraum. Niemand ist zu sehen. Ich höre aber Stimmen.
„Sag mal, die Brennnesseln, – sind die eigentlich nachtaktiv?“, frage ich lachend.
„Vielleicht liegt es ja an deinem doch ziemlich bauschigen Outfit. Ich glaube nicht, dass da ne Brennnessel durchkommt. Aber nur, wenn du dir von denen nicht gerade unter’n Rock gucken lässt …“, sagt Leya mit schelmischem Blick.
Wir kommen in den Essraum. Die Kiste steht auf dem Tisch.
„Gustav hat wohl gedacht, ich nehm die mit nach Hause …“ Leya kommt ganz dicht und flüstert: „Da ist Stärkung für nachher drin.“
„Meinst du, das wird so anstrengend?“ Mein schelmischer Seitenblick bringt Leya zum Lachen.
„Man weiß nie. Lassen wir uns überraschen“, kichert sie und geht voran in Richtung der Bar.
„Ach warte, die Kiste bringen wir gleich hoch. Hilfst du mir? Wegen der Treppe. Die gehe ich ungern hoch, ohne zu sehen, wo ich hintrete.“
„Verstehe.“
Leya nimmt die Kiste, und die Treppe tragen wir sie beide hinauf. Oben in der Halle weht ein noch kühler Morgenwind und bewegt sanft die Vorhänge.
„Das ist ja schön … Ich könnt gleich hier bleiben“, flüstere ich.
„Hmm, jaah, geht mir genauso. Aber warte noch ein Weilchen, dann haben wir sturmfreie Bude.“
„Leya, du hast da was losgemacht. Nach diesem Morgen bin ich jetzt hungrig nach mehr … Hm, nach dir …“
„Oh, ich hoffe, du hältst es noch ein wenig aus.“
Leya stellt die Kiste ins Zelt, kommt zu mir, nimmt mich in den Arm und flüstert mir ins Ohr, dass ein Guss warmes Wasser durch mich hindurch rauscht.
„Ich kann’s gar nicht erwarten, dass wir allein sind, Elisa. Hoffentlich fällt es nicht so auf …“ Leya hält sich kichernd die Hand vor den Mund.
„Wir sind wie pubertierende Mädels“, lache ich.
Leya wird rot im Gesicht. Das erste Mal, dass ich Leya rot werden sehe.
„Elisa, du bist mein Jungbrunnen. Ist schon lange her, dass ich mich mal so gefühlt hab. Und dann, mit einem Mal, sehe ich etwas in Leyas Gesicht, mit dem ich jetzt gerade überhaupt nicht gerechnet habe. Plötzlich mischt sich in diese jugendliche Freude und Aufgeregtheit etwas, das so gar nicht passt.
„Kann ich mal mit dir reden? Ich möchte die Zeit nachher eigentlich unbeschwert genießen.           Aber ich will dich auch nicht runterziehen. Jetzt auch nicht.“
Ich bin nicht gerade neugierig, aber ich will Leya damit auch nicht allein stehen lassen.
Ich gehe in unser Zelt, schiebe mit einem Fuß die Kiste beiseite und setze mich auf die Bettkante.
„Komm, erzähl mal. Was ist los?“
Ich weiß nicht, was mich erwartet. Ich habe auch so gar keine Vorstellung, aber ich habe irgendwie ein wenig Angst vor dem, was da kommen mag.
„Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll … wie ich anfangen soll … oh, scheiße, Mann …“, fängt Leya stockend an und beginnt zu weinen.
Ich streife schnell meine Schuhe ab und krabbele aufs Bett, strecke meine Arme aus.
„Komm her, Leya. Schnell …“
Leya kommt aufs Bett gekrochen und legt sich neben mich. Ich ziehe sie zu mir heran, dass sie sich auf die Seite dreht und mich ansieht. Ich gebe ihr einen Kuss und flüstere: „Leya, du kannst mir alles erzählen. Hab keine Angst. Ganz egal, was es ist, ja?“
Leya nickt und weint. Ich streichle ihr Gesicht, küsse ihre Tränen ab und warte. Irgendwann lässt das Weinen nach.
„Darf ich dir das wirklich erzählen?“
„Alles, Leya“, sage ich leise und hoffe, dass ich mir da nicht zu viel zutraue.
„Weißt du, warum ich auf Frauen           also warum ich Frauen, nein eigentlich     also warum ich mich in dich verliebt hab?                  Mann, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Ich kann nicht mit Männern. Und als ich dich durch die Halle geführt hab, da wusste ich       also, ich habs gespürt, dass du anders bist. Auch anders als andere Frauen. Sonst hätte ich es mit dir gemacht, wie mit anderen, die hier herkommen und einfach nur neugierig sind.        Da hab ich angefangen, mich in dich zu verlieben. Ich wollte dich unbedingt behalten.            Nein, du bist nicht meine Gefangene, kein Besitz. Ich wollte dich nicht mehr verlieren. Verstehst du, was ich meine?“
„Bis jetzt ja. Und ich liebe dich auch. Ich hab noch nie mit einer Frau,     also, ich hab mich noch nie in eine Frau verliebt. Ganz ehrlich …“
„Aber da ist noch was …“ Leya schluckt.
„Das hab ich schon gemerkt.“
„Also,           da war mal was. In der Schule. Ich war vielleicht zehn oder elf. Weiß ich nicht mehr so genau. Da war ein Schüler.        Abiklasse. Der hat …“
Leya stockt und ich nehme sie in den Arm, streichele sie, küsse ihre Tränen und ahne Schlimmes.
„Kann ich dir das wirklich sagen?“
Leya zuckt von unterdrücktem Weinen.
„Du kannst …“
„Also, der hatte nen Auto. Und irgendwann hat er mal gesagt, er könne mich auch nach Hause fahren. Das war doch ziemlich weit. Er schien ganz nett und hilfsbereit zu sein, also hab ich mich mitnehmen lassen.           Er fuhr aber       Oh, scheiße …“ Leya haut sich mit der Faust aufs Bein und beginnt wieder zu weinen, sie zittert am ganzen Leib.
Nach einer Weile fängt sie sich wieder. In ihrem Gesicht sehe ich, wie sich das Erlebte immer wieder abspult wie ein Film, der immer wieder von vorn beginnt.
„Er fuhr in den Wald. Ich hab gesagt, ich will nach Hause. Was das soll. Er hat gelacht. Ich hör es heute noch, diese dreckige Lache. Nur ein bisschen Spaß. Nur wir beide, sagte er und stieg aus. Er kam auf meine Seite und ich drückte die Verriegelung runter, doch er hatte den Autoschlüssel dabei und schloss wieder auf, riss die Wagentür auf und befahl mir, ich solle mich zu ihm drehen und sitzen bleiben.       Schei… Ich kann nicht. Nein, kann nicht …“
Leya zittert.
„Du musst mir keine Details erzählen. Ich kann mir vorstellen, was jetzt kommt“, flüstere ich und küsse immer wieder ihre Tränen ab und streichle ihr Gesicht.
„Das war aber erst der Anfang. Er hat gesagt, wenn ich was sage, würde er mich umbringen und im Wald vergraben und niemand würde mich finden. Und dann begann er immer wieder, immer wenn ihn seine perverse Lust überkam,            dann nahm er mich mit dem Auto mit. Er behandelte mich wie ein Stück Dreck. Wie etwas, das man benutzt und dann wegwirft. Und irgendwann brachte er mich noch nicht einmal mehr nach Hause. Ich konnte noch nicht einmal mehr schnell auf mein Zimmer gehen und für mich sein. Ich musste den ganzen Weg auch noch laufen und manchmal hielten Autos an und Leute fragten, ob sie mich mitnehmen sollten.           Ich wollte nie wieder mit irgendjemandem mitfahren. Irgendwann war die Abiprüfung und dann war er weg. Ich dachte, der Albtraum wäre jetzt vorbei,           aber er war nicht vorbei. Er war jetzt in meinem Kopf und wollte nicht mehr aufhören.
Ich habe mich gehasst. Ich habe Männer gehasst und meine Eltern, weil sie nichts gemerkt hatten.        Aber wie sollten sie auch? Ich hab mir ja nichts anmerken lassen. Immer noch steckte die Angst, umgebracht und irgendwo im Wald verscharrt zu werden.        Diese Angst spukte die ganze Zeit in meinem Kopf herum.“
„Bouff. Krass …“
„Du musst nichts sagen. Was soll man dazu auch sagen?“
Ich ziehe Leya ganz dicht zu mir. Sie tut mir so leid. Und ich möchte sie ganz bei mir haben, wie ein Kind, dem Schlimmes widerfahren ist. Ich wiege sie sanft hin und her und küsse ihre Tränen, die immer wieder kommen, weg, bis ich spüre, dass Leya wieder weich wird. 
„Ich möchte dir aber noch was sagen“, flüstert Leya und in ihrem Schmerz taucht von ganz tief ein Lächeln auf.
Ich sage nichts, warte gespannt.
„Darf ich?“
„Aber Leya, natürlich darfst du …“
„Elisa, ich möchte nicht, dass du falsch von mir denkst. Ich fange mir hier nicht Frauen ein wie eine Spinne im Netz. Davon ab waren nur zwei Mal Frauen hier und als ich sie eingefangen habe, reagierten sie so was von zickig, wollten mich anzeigen und so was. Dafür hab ich sie über die unheimlichsten Stellen geführt, bis sie richtig Schiss bekommen haben und nichts lieber wollten, als verschwinden.“ Leya kichert immer noch ein wenig tränenerstickt.
Und ein Typ meinte, es würde mir noch leidtun, doch dann kamen die Jungs dazu und er hat es sich dann wohl anders überlegt. Sie haben ihm gedroht, ihn unten ins Bassin zu werfen – im Dunkeln, wenn er noch einmal wieder kommen würde.“
„Dann waren die anderen also die ganze Zeit irgendwo in der Halle? Hab ich doch richtig gehört.“
„Ja, bis ich Entwarnung gegeben habe …“
„Dein Klickergeräusch?“
„Hmhm                    Ich sag immer die Jungs, weil      ja, weil Männer, du weißt,     komm ich nicht so mit klar. Für mich sind es die Jungs.“
„Na, ja. Ich glaube, wir alle hier wirken jünger als wir sind. Unter nem Mann stelle ich mir auch was anderes vor …“, sage ich und muss grinsen.
„Aber sag ihnen das nicht!“, flüstert Leya.
„Aber ich möchte dir sagen, warum ich dich anders behandelt habe.“
„Okkaay. Bin neugierig.“
„Ich hab dich schon kommen sehen. Hab gerade zufällig oben aus dem Fenster geguckt hinter dem Vorhang. Eigentlich mache ich das nie. Und dann hab ich dich beobachtet. Du warst so beschäftigt, du hast mich gar nicht bemerkt.“
„Der Vorhang ist mir gar nicht aufgefallen“, sage ich.
„Den haben wir auch nicht direkt vors Fenster gehängt, damit er nicht so auffällt.       Aber zu dir. Ich hab gesehen, wie du über die gelbe Linie gehüpft bist. Das fand ich schon erst mal besonders. Hat noch nie einer gemacht. Dann bin ich zurück und durch einen schmalen Spalt zurück in die Halle, um dich weiter zu beobachten. Du warst irgendwie ganz anders als die, die sich sonst hierher verirrt haben. Die meisten schreckt sowieso Heiners Schild vorn ab.“
„Schild? Hab ich gar nicht gesehen“, lache ich.
„Na, umso besser. Sonst hätten wir uns vielleicht gar nicht kennengelernt. Also hab ich dich beobachtet, wie du dastandest. Du hast gelauscht. Ich habs gesehen. Der Bach hat es dir angetan. Die hier sonst herkommen, fotografieren, nehmen irgendwelche Dinge mit, untersuchen die Halle und suchen nach Relikten, die verraten, was hier einmal war oder was auch immer, aber sie haben keinen Sinn für diese eigentümliche Atmosphäre hier.
Du hast dich augenscheinlich nicht für so etwas interessiert. Außer für das Rohr, aus dem der Bach zu hören ist. Es ist mir gleich aufgefallen, weil es sonst niemanden interessiert hat. Und dann hast du dagestanden und geträumt.        Ich fand dich süß.    Und ich wollte dich haben. Schon, als ich dich beobachtete, hab ich mich in dich verliebt. Und ich wollte dich nicht erschrecken, also nicht vergraulen. Da hab ich erst mal mein Betörungsspray eingesetzt“, lacht Leya. „Und dann hab ich das Lasso geworfen. Ich war gar nicht weit hinter dir.“
Ich muss lachen. „Weißt du, ich habe das leise Sirren für ein Insekt gehalten, aber nur einen Schmetterling gesehen. Der passte allerdings zu der Blumenwiese.“
Leya lächelt und sagt leise: „Ja, oh schön. Mein Lasso wurde zum Schmetterling ... Und ja, den Rest weißt du ja …“
„Weißt du was?“, frage ich leise.
„Na, sag …“
„Ich hab gleich gemerkt, dass ich dir vertrauen kann. Du hast mich den sicheren Weg durch die Halle geführt und keine fiesen Spielchen mit mir gemacht. Das hab ich gleich gespürt. Und dein Flüstern an meinem Ohr … Oh, das war sooo, huuu … Das war     Das ging mir so richtig durch. Ich konnte gar nicht genug davon bekommen, so schön war das. Ich glaube, da hab ich mich auch schon verliebt, obwohl ich dich nicht sehen durfte.     Irgendwie war das wie im Märchen. Na gut, ich kenn jetzt so keins, das so ist, aber egal.“
„Elisa, wolln wir wieder runter?“
„Ach nee, jetzt muss ich dich erst mal’n bisschen kuscheln. Da kann ich nicht gleich wieder zu den anderen“, sage ich und ziehe Leya ganz dicht zu mir. Leya braucht immer noch Zeit, um sich ganz zu entspannen.
„Ist doch gut, dass wir nicht gleich wieder runtergegangen sind, oder?“, frage ich leise und Leya nickt. Sie kämpft schon wieder mit den Tränen und ich streichele ihr Gesicht. Die Zeit wird lang und versickert irgendwann durch die Zeltwände. Leya ist ganz bei mir und das ist gerade das Einzige, was für mich wichtig ist. Irgendwann habe ich das Gefühl, dass Leya ein gedöst ist. Ich lasse sie. Irgendwann wird uns Gustav sicherlich wecken, wenn es Essen gibt, oder die Düfte seiner Kochkünste werden nach hier oben aufsteigen. Ich lasse meinen Arm über Leya, schließe die Augen und tauche ab in ein Farbenmeer, in einen Tangwald, der hohe Räume bildet, Kathedralen mit bunten Plastikfolienfenstern, Sonnenlicht, dass in einer überwältigenden Vielfalt von Strahlen von oben durch die sanften Wellen in die Räume strahlt. Leya kommt geschwommen, umarmt mich, küsst mich leidenschaftlich, und ihr Lachen blubbert, Seifenblasen gleich, schillernd zur Wasseroberfläche.


© Gunnar Buchheister


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