Kapitel 8
in dem ein nächtlicher Gang mit einem knackenden
Ast endet und die Erkundung eines Hügellandes
eine Frage, die Lautstärke betreffend zur Folge hat
Mitten in der Nacht wache ich auf. Es herrscht ein seltsames Dämmerlicht, so als würde der Mond durch die großen Fenster hinter dem Vorhang scheinen.
Ich muss ganz dringend pinkeln und überlege, ob ich Leya wecken soll.
Aber ich bin doch eine erwachsene Frau, das werde ich doch wohl alleine hinbekommen.
Vorsichtig löse ich mich von Leya, die ein unwilliges Murren von sich gibt. Als ich unter der Decke hervorkrieche, sehe ich sie im Halbdunkel blinzeln. Dann, plötzlich, ist Leya wach.
„Was ist los?“
„Ich muss mal …“
„Kannst du noch nen Moment aushalten? Ich brauch noch’n Augenblick“ flüstert Leya und streckt sich. Das hätte ich jetzt gerne ohne Decke gesehen und ein Grinsen kann ich nicht verbergen.
Leya bemerkt es, lächelt mich an, setzt sich auf und schiebt die Decke beiseite.
„Weißt du was?“, frage ich leise.
„Na, was? Sag!“
„Ich bin ja schon’n Moment wach und hab überlegt, ob ich gleich so gehe.“
Leya kichert albern vor sich hin, und es ist ansteckend. Dann sagt sie: „Hab ich noch nie gemacht, aber es wird ja wohl niemand kommen …“, und steht auf.
„Na komm, machen wir mal was ganz Verrücktes. Nur wir beiden und nur für uns …“, flüstert Leya kaum hörbar und nimmt meine Hand. Sie lugt vorsichtig aus dem Zelt, und ich werde plötzlich doch unsicher.
„Was, wenn doch wer kommt?“
Doch Leya findet meine Idee wohl gerade richtig gut und auch irgendwie spannend.
„Jetzt mach dir nicht solche Gedanken. Wenn wirklich jemand kommt, nehme ich dich in den Arm, dann muss derjenige sich mit unseren Rückseiten
begnügen“, kichert Leya und zieht mich in die Halle.
Es leuchtet nur noch eine Lichterkette gegenüber den Zelten. Die Übrigen sind erloschen, und die Halle liegt in einem mystischen Halbdunkel.
Auf dem Tisch stehen noch angefangene Weinflaschen und dazwischen Aqualungs Zylinder.
Beinahe lautlos huschen wir zum Ausgang. Die Nacht ist etwas kühl, aber ich empfinde es immer noch als angenehm. Die Treppenstufen sind aber doch kalt. Aber das sind sie wohl immer. Die Treppenbeleuchtung ist spärlich und wir bleiben an der Wand, ich hinter Leya, dann in unseren Essraum. Irgendein Schatten huscht davon und ein Miauen folgt. Ein kurzer Schreck. Eine von Heiners Katzen. Ich grinse. Jetzt muss ich noch dringender. Und dann habe ich doch noch den Blick für die Schönheit der Nacht dort draußen vor dem großen Fenster. Die blaue Lichterschnur weist uns den Weg und von oben scheint der Mond gelblich blass mit einem leichten Hof. Die blauen Lichter lassen uns genug erkennen, wo wir entlanglaufen.
„Autsch!“ Mich hat eine Brennnessel am Bein gestreift, aber ich muss ganz dringend. Das hört sicherlich bald wieder auf zu brennen. Hinten sehen wir schon den schwachen Schimmer durch die Markise der Toilette.
„Du darfst auch zuerst“, sagt Leya, kurz bevor wir ankommen. Hier vorn, zwischen den Bäumen, ist es kühler, mich fröstelt es ein wenig, und ich freue mich schon, wieder ins Bett kriechen zu können.
Die Toilette liegt in dämmrigem Halbdunkel, aber das reicht völlig aus. Meine Augen habe sich an das Licht gewöhnt.
Ich muss wirklich dringend und Leya kommentiert meinen Strahl mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Da wär ich aber auch wach geworden“, lacht sie und gibt mir das Papier.
„In den Eimer“, erinnert sie mich und fügt entschuldigend hinzu: „Nur falls du noch halb schläfst.“
Leya geht auch noch und kommentiert: „Dann müssen wir morgen früh nicht gleich – können noch ein bisschen ausschlafen …“
Ihr Gesicht verrät aber, dass Leya gerade nicht an Ausschlafen denkt.
Ich bekomme schon wieder Herzklopfen und gebe Leya das Papier.
„In den Eimer“, sage ich lachend. „Falls du auch noch schläfst.“
„Oh, wenn ich dich so sehe, bin ich schon wieder wach …“
Ich sag lieber nichts, und ganz ehrlich freue ich mich, mit Leya zu kuscheln und wieder einzuschlafen.
Leya schaut vorsichtig nach draußen.
„Die Luft ist rein“, flüstert sie und wir steigen die Holztreppe hinab in das bläuliche Licht der Wegmarkierung.
„Leya, schau mal. Siehst du das auch. Diesen dunkel blau schimmernden Tunnel, den die Bäume machen? Und neben uns die fensterlose Kathedrale, in die oben ein wenig Mondlicht einfällt? Das ist doch echt, hab gar keine Worte dafür …“
„Hast du doch“, flüstert Leya, hält mich fest und ich drehe mich um. Leya nimmt mich in den Arm, so überraschend, und küsst mich leidenschaftlich.
„Ich liebe dich, Elisa. Und ich liebe deine Art, die Welt zu sehen – und dass du das mit mir teilst.“
Im Dunkel ist mein rotes Gesicht nicht zu sehen, aber Leya spürt die aufsteigende Wärme und küsst mich gleich noch einmal.
„Das hätte ich gestern niemals gedacht, als ich dich mit dem Lasso verunsichern wollte. Gestern habe ich noch ungebetene Gäste erschrecken wollen …“
„Und nun …?“
„Habe ich einen gebetenen ... Bin ich total verliebt“, flüstert Leya, nimmt mich wieder in den Arm, schnurrt wie eine Katze und beißt mich zärtlich in den Hals. Trotz der Kühle ist mir plötzlich heiß. Ich bekomme Gänsehaut.
„Wolln wir nicht wieder reingehen?“, frage ich vorsichtig.
„Gleich, Elisa. Das ist gerade so schön …“
Leya hält mich mit einem Arm und streichelt mich mit dem anderen.
Ich beginne zu zittern.
„Ist dir kalt?“
„Mmm, nee, …“
Leya lacht leise und küsst mich schon wieder, kann gar nicht genug von mir bekommen.
„Leya, du machst mich ganz verrückt“, flüstere ich mit leicht zittriger Stimme.
„Bin ich schon – nach dir!“, flüstert Leya mit aufgeregter Stimme. Da knackt es laut im Unterholz. Ein Ast bricht ganz in unserer Nähe.
„Oups, lass uns verschwinden!“, haucht Leya erschrocken in mein Ohr und auch ich bin augenblicklich wieder ernüchtert.
Leya zieht mich hinter sich her. Wir folgen dem blauen Leuchten und …
Autsch, schon wieder diese Brennnessel, aber ich bin still, will nur schnell zurück ins Bett. Mein Bein brennt. Diesmal hat sie mich richtig erwischt.
Wieder in unserem Essraum wartet Leya lauschend an dem großen Fenster. Aber anscheinend hat uns nichts verfolgt.
„Vielleicht haben wir ja etwas erschreckt“, flüstert Lea und kichert leise. Ich reibe mir das brennende Bein.
„Schon wieder diese blöde Brennnessel“, sage ich leise. „Diesmal hat sie mich voll erwischt.“
„Am besten, du achtest gar nicht darauf“, flüstert Leya.
„Und wie soll ich das denn machen?“, frage ich ein wenig gekränkt. „Du weißt ja gar nicht, wie doll das brennt!“
„Warte, ich helf dir“, flüstert mir Leya ganz leise und mir läuft wieder ein Schauer über den ganzen Körper. Dann kommt sie ganz langsam an mich heran, wir berühren uns kaum, ich spüre ihren warmen Atem, dann ihre Lippen zart an meinem Hals hinauf wandern, meinen Mund suchen, diese Berührung, ein Hauch, der mich nochmals erschauern lässt.
„Komm, lass uns hochgehen, da war nichts weiter. – Nachts sind Geräusche sowieso immer viel lauter und unheimlicher …“
Wir huschen durch den Raum, am Tisch entlang, und ich drehe mich noch einmal um. Dieses unheimliche Gefühl mag einfach nicht verschwinden.
„Nun lass, Elisa. Hier gibt es auch Tiere. Aber die kommen nicht hinterher …“, flüstert Leya, während wir schon die Treppe hinaufgehen. Aber ich werde diese Unruhe nicht los.
Schnell huschen wir ins Zelt. Ich luge noch einmal in die Halle, aber da ist wirklich nichts. Wenn doch dieses blöde Gefühl endlich verschwinden würde.
Leya zieht mich ins Bett und deckt uns zu.
„Hier war noch nie jemand, der hier nachts rumgelaufen ist, und schon gar nicht im Unterholz ohne Lampe. Das war ein Tier oder ein Ast ist abgebrochen. Warum soll so was denn nur immer bei Tage passieren? – Elisa, nun beruhig dich doch. Ist alles gut“, flüstert Leya und beginnt mich mit Küssen zu überschütten, bis sie merkt, dass ich darauf reagiere. Ihr Arm kommt über mich und Leya zieht mich ganz dicht zu sich heran.
„Schlafe, mein Kindlein, schlaf ein …“, singt Leya leise und ich muss kichern. Das Dunkel weicht von mir und ich küsse Leya auf den Mund. Ein langes, zärtlich, sanftes Dankeschön.
„Schlafen?“, frage ich vorsichtig.
„Hmhm, mit dir“, flüstert Leya zurück.
„Bin aber müde jetzt“, sage ich und küsse Leya auf den Mund, als sie etwas sagen will.
„Ja, gut, kuscheln. – Ich liebe es, mit dir zu kuscheln.“ Leya blinzelt und ich sehe trotzdem den Glanz in ihren Augen.
„Ja, wirklich. Glaubst du jetzt nicht, oder?“
„Doch, ich auch“, sage ich, schmiege mich ganz eng an Leya und gähne müde. Ich lasse mich fallen, werde ganz weich und schließe die Augen. Leya haucht mir noch Küsse auf die Augen und auf die Nase, dann kommt auch sie zur Ruhe.
Es ist schon hell. Ich sehe es durch die geschlossenen Augenlider. Eine Blumenduftwolke umschwebt mich, für einen Augenblick bin ich wieder im grünen Hügelland und ich lausche nach dem Flüsschen. Doch da ist nur ein Rascheln von Laub und ein leises Kichern. Dann spüre ich Leya, die zu mir kriecht, die mich auf die Augen küsst und ich lasse sie einfach geschlossen. Es ist gerade noch so schön, mit Leya in der Blumenwiese im grünen Hügelland zu liegen, ihre Hand auf meinem Bauch und ihr weicher Atem an meinem Ohr.
„Wo bist du?“, fragt mich ein leises Stimmchen und es ist Leya, die Elfe, die mich fragt.
„Ich liege mit dir in einer Blumenwiese im grünen Hügelland. Aber das Flüsschen ist verschwunden. Da war nur das Rascheln von trockenen Blättern.“
„Darf ich deine Hügellandschaft berühren?“, fragt das Stimmchen und ein wohliger Wildbach rauscht durch das grüne Hügelland. Es wird mit einem Mal so warm. Leyas Hände wandern erkundend auf mir herum, kitzeln mich, dann wieder zeichnet ein Finger seltsame Zeichen auf meinen Bauch, umkreist meinen Nabel, Wellen wogen in mir, aber ich habe noch gar keine Lust wach zu werden.
Leyas Gesicht kommt näher. Ein dunkler Schatten vor meinen Augenlidern und dann berührt ihr Mund meine Lippen. Wouup, die Flamme brennt, Kribbeln erfüllt mich durch und durch. Ich strecke meine Hände aus, aber ich mag einfach noch nicht die Augen aufmachen. Meine Hände finden Leyas Taille und ich ziehe sie sanft zu mir, bis sie auf mir ist.
„Küss mich, meine verrückte Elfe“, flüstere ich und warte mit halb geöffnetem Mund. Ich spüre ihren Atem näher kommen. Einen winzigen Moment saust ein rotes Ausrufezeichen durch meinen Kopf: Du hast noch nicht Zähne geputzt! Doch dann spüre ich Leyas Zunge zwischen meinen Lippen. Die Blumenduftwolke schwebt verführerisch um uns und weckt in mir ein Verlangen, das ich so noch nie hatte. Mein Körper beginnt von allein sich unter Leya zu bewegen, ohne dass ich etwas dafür tun müsste, und ich genieße ihre Wärme, ihr Gewicht auf mir, wie sie sich an mich schmiegt, die Hitze unserer Beine, die sich ineinander verschränken, ihr Bein, das sich heiß in meine Mitte drückt. Ich kann nicht mehr denken, lasse mich fallen, halte Leya fest, dass sie nicht von mir weicht, fasse sie mit den Händen und drücke sie noch fester in mich. Feuer lodert, frisst mich, meine Finger krallen sich in Leyas Po, dass sie leise in wohligem Schreck ein Gurren hören lässt. Ich möchte ihren Mund, ihre Lippen, ihre Zunge und ich hebe meinen Kopf zu ihr, suchend mit meinem Mund, als ich spüre, wie sich in mir das Feuer zu einem Vulkan entfacht, der ausbrechen will, aber Leya wird langsamer.
„Bitte, Leya! Ich will dich jetzt!, bitte, jaa, oh Leya!!“ Der Vulkan in mir explodiert und das Feuer fließt nach allen Seiten. Hitze durchdringt mich bis in die Zehenspitzen, bis in meine Finger, die Leyas Rücken sanft streicheln.
„Leya. Leya, das war so schön. Ich liebe dich, meine Blumenelfe“, flüstere ich noch ein wenig atemlos. Leyas Kopf ist in meine Halsbeuge gesunken und sie küsst immer wieder meinen Hals und wird langsam schwer. Ich mag es, wie sie ganz weich wird, wir verschmelzen ineinander.
Dann, irgendwann, lässt Leya sich zur Seite gleiten. Ihr Arm bleibt über mir, und ich liebe es, ihre sanfte Hand wie eine fliegende Feder auf mir zu spüren.
„Hoffentlich hat uns keiner gehört“, flüstere ich. Meine Stimme ist ein wenig belegt.
„Mach dir keine Gedanken über so was“, wir werden es beim Frühstück hören oder sehen“, flüstert Leya leise albern kichernd, zwinkert mir zu und küsst mich.
Um uns herum ist ein lautes Gähnen zu hören, ein Guten Morgen geflüstert, kaum hörbar und schnurren wie von einer Katze. Ich halte mir die Hand vor den Mund, um nicht laut zu lachen.
„Ich hoffe, ich war nicht zu laut.“
„Elisa, komm, ist alles gut. Dabei gibt es kein zu laut. ––– Und ehrlich gesagt, hat es mich voll angemacht, dass du laut warst“, sagt Leya leise und lächelt traumverloren verliebt.
Ich bin so entspannt, dass ich mich gar nicht bewegen mag.
„Ich mag gar nicht aufstehen, aber ich krieg langsam Hunger …“, sage ich leise und Leya lächelt mich an. Nach einer Weile flüstert sie: „Hmm, du hast dich ja auch ganz schön verausgabt.“
„Na, du hast mich ganz schön verausgabt“, flüstere ich mit einem albernen Kichern und sehe Leya an.
Draußen sind erste Schritte zu hören. Die Flaschen werden abgeräumt und die Gläser zusammengestellt. Ich höre Natascha und Shiria tuscheln und leise kichern. Wegen uns? Fragend sehe ich zu Leya hinüber und sie streichelt mein Gesicht.
„Wenn wir aufstehen, werden wir es wissen …“
„Mmm, ja …“
Ich ziehe Leya zu mir und küsse sie noch einmal ganz lange auf den Mund. Dann lasse ich mich von Leya hochziehen und sitze erst einmal auf der Bettkante. Leya geht um das Bett herum, nimmt die Vorhänge zusammen und bindet sie an die Bettpfosten. Nur den Vorhang vor mir lässt sie hängen und ich sehe ihre Silhouette verführerisch auf dem Stoff. Dann wird ihr Schatten immer klarer und schließlich formt sich ihre Kontur plastisch vor mir in den Stoff. Ich spüre, dass ich nicht zum Frühstück komme, wenn Leya so weiter macht. Aber jetzt noch einmal so laut werden …? Schließlich sind alle wach.
Aber ich kann nicht anders, als ihren Körper durch den Stoff zu berühren, der so dicht vor mir ist. Meine Hände erkunden vorsichtig Leyas Relief, bis ich ein leises Seufzen hinter dem Vorhang höre.
„Leya, wolln wir nicht erst mal frühstücken? – Wir können doch noch mal wiederkommen, wenn alle irgendwie beschäftigt sind.“
„Hmhm“, höre ich Leya hinter dem Vorhang, aber es klingt nicht besonders überzeugt. Aber dann zieht Leya den Vorhang langsam beiseite, beugt sich an mir vorbei, um den Vorhang anzubinden und sieht mich dabei mit verlangendem Blick an. Ihre Brust ist vor mir und es fällt mir schwer, sie nicht zu berühren. Mein Magen knurrt und Leya lacht überrascht.
„Na gut, das is’n Argument“, sagt Leya, gibt mir noch einen flüchtigen Kuss und legt unsere Kostüme auf das Bett.
„Ich glaube, jetzt müssen wir uns wirklich anziehen …“, sage ich zögerlich leise.
„Dein Magen hat gesagt, wir sollten das tun. ––– Hab ich jedenfalls so verstanden.“
Ich nehme mir mein Kostüm und irgendwie sträubt sich etwas in mir, meinem Magen nachzugeben, doch der meldet sich abermals. Also gebe ich mich geschlagen, ziehe mein Kostüm an und schaue Leya dabei zu, wie sie langsam zur Elfe wird.
„Das Gegenteil von Häutung …“, flüstere ich aufgeregt.
„Vielleicht darfst du ja nachher das alles wieder rückgängig machen“, und in Leyas Blick sehe ich Vorfreude auf etwas, das ihr gerade in den Sinn kommt.
„Anziehen kann auch sehr anziehend sein“, sage ich ganz leise in Leyas Ohr.
Es ist warm, sehr warm, und ich küsse ihr Ohr. Kribbeln in mir. So etwas habe ich noch nie gemacht, ein Ohr geküsst.
„Heben wir es uns für später auf, ja? Wenn wir so zum Frühstück gehen, haben sonst alle ihr Amüsement“, kichert Leya.
Draußen herrscht jetzt Betriebsamkeit. Der Tisch wird zusammengeklappt und die Stühle zurück ins Zelt getragen.
„Ich glaube, wir sollten auch langsam in Erscheinung treten, sonst werden wir wirklich zum Dorfgespräch.“
Leya hat sich fertig angezogen und zieht mich hoch.
„Aber wenn du so lange brauchst, dich anzuziehen, was machst du denn nachts, wenn du mal musst? Du hast doch gesagt, so was hättest du noch nie gemacht …“
„Ich habe auch noch ein paar Elfennachthemden.“ Leyas Lächeln ist einfach ansteckend.
„Elfennachthemden? Oh, wow, das möchte ich mal sehen …“
„Später, Elisa. Jetzt gibt’s erst mal Frühstück, ja?“
„Oookay, dann mal los“, sage ich und öffne die Zelttür weit, damit ich erst einmal einen Blick nach draußen wagen kann. Gustav kommt mir entgegen. Die Halle sieht schon wieder so aus, als wäre hier nichts gewesen.
„Oh, ihr seid schon fertig“, stelle ich fest.
Leya drängt sich an mir vorbei.
„Ihr könnt mir beim Frühstück helfen“, sagt Gustav darauf und von hinten ruft uns Natascha ein fröhliches Guten Morgen zu. Leya winkt zurück und ich rufe: „Guten Morgen, Natascha.“
Ich lege meinen Arm um Leya, die Zelttür fällt hinter uns zusammen, wir folgen Gustav in die Küche und ich ahne, dass ich sicher wieder in das Bassin hinuntergehen soll, die Kiste holen.
„Was ist eigentlich mit Zähneputzen?“, fällt mir plötzlich ein.
„Machen wir draußen.“
„Aber, ich hab gar keine Zahnbürste, meine ich …“
„Heute geht’s auch mal ohne. Ich hab was, das du nehmen kannst.“
Ich sehe Leya fragend an.
„Ach Elisa, mach dir doch nicht so viel unnötige Gedanken. Es ist doch alles gut so weit, oder?“
„Ja, natürlich“, flüstere ich ein wenig beschämt und ziehe Leya noch ein bisschen fester an mich. Zusammen kommen wir in die Küche.
„Elisa, guck mal hier“, sagt Gustav und zeigt unter den Spültisch. Ganz am Ende ist ein Schränkchen ohne Tür. Es sieht, wie die meisten Möbelstücke hier, aus wie ein Fundstück, das aber irgendwie hier hineinpasst. In dem Schränkchen sind Plastikboxen und Leya kommt dazu. Sie zieht eine Kiste aus halb durchscheinendem Plastik hervor und darin sind eine Zahnbürste, Zahnpasta. Eine braune Apothekerflasche und noch ein paar Kleinigkeiten zur Mundhygiene, eine Seifendose und Shampoo. Leya drückt mir die braune Flasche in die Hand.
„Nimm davon ein Glas, viertel voll und verdünn’s mit Wasser. Geht heute auch mal statt Zähneputzen.“
Ich hätte beinahe schon gefragt, was das ist, aber diesmal lasse ich mich einfach mal überraschen, nehme mir ein Glas und gieße etwas von der braungelbgrünlichen Flüssigkeit ins Glas.
„Elfentrunk?“
„Hmhm.“ Lachen in Leyas Augen.
Ich brauch noch Wasser. Gustav hat gestern unter den Spültisch gefasst, um das Wasser anzumachen. Ich schaue darunter und da ist ein Gartenschlauch-Absperrventil. Vorsichtig drehe ich es auf und höre über mir das Wasser plätschern. Leya füllt sich ein Glas mit Wasser, ich gieße den Elfentrunk mit Wasser auf, dann gehen wir nach draußen.
„Aber nicht auf die blaue Lichterspur ausspucken!“, sagt Leya mit einem Augenzwinkern und erst jetzt fällt mir auf, dass die Lichter alle aus sind.
„Und was soll ich damit machen?“, frage ich vorsichtig.
„Kräftig spülen und gurgeln“, antwortet Leya grinsend, mit Zahnpastaschaum im Mund und ihrer Zahnbürste in der Backe.
Ich zögere.
„Hey, ich hab dich zwar mit nem Lasso eingefangen, aber ich werd dich wohl kaum vergiften“, kichert Leya und drückt mir einen Schaumkuss auf die Wange.
„Gut. Überredet.“
Ich nehme einen Schluck. Erst vorsichtig probierend, dann einen großen Schluck. Feinherber Geschmack, ein winziges bisschen süßlich und auch ein wenig bitter, spült durch meinen Mund, und nachdem ich gegurgelt und gespült habe, bleibt ein frischer Geschmack, der mich überrascht.
„Das ist wahrhaftig ein Elfentrunk …“, sage ich begeistert.
„Trunk? Ich weiß nicht. Getrunken hab ich den noch nie …“
In Leyas Augen ist dieses Lachen, das ich mittlerweile so sehr liebe, und das mir schon wieder Schmetterlinge in meinen Bauch zaubert.
Zurück in der Küche sind mittlerweile auch Louisa und Pjotr angekommen.
„Elisa, würdest du denn noch mal die Kühlkiste aus’m Bassin holen?“
Ich habe es erwartet und nicke. Diesmal weiß ich ja schon, wie das geht.
Ich gehe in die kleine Kammer, finde erstaunlich schnell den Schlüssel, hole mir eine Lampe und als ich zurückkomme, steht Natascha am Eingang zum Bassin.
„Elisa, komm, lass mich das machen. Du hattest heute schon einen anstrengenden Morgen …“, flüstert Natascha mir ins Ohr und lächelt mich an.
Ich bin einen Moment sprachlos. Natascha streichelt mir über die Wange.
„Nun gib schon die Lampe. Wir haben alle Hunger“, sagt sie und ich gebe ihr widerstandslos die Lampe, bleibe noch einen Moment stehen, dann gehe ich zurück zur Kochecke.
„Und die Kiste?“, fragt Gustav verwundert.
„Holt Natascha.“
Und beinahe hätte ich noch gesagt, was Natascha eben zu mir sagte, aber ich kann mir grad noch auf die Lippe beißen.
Leya kommt mit einem Stück feuchter Küchenrolle und wischt mir die langsam eintrocknende Zahnpasta aus meinem Gesicht.
„Das hät ich jetzt vergessen“, sage ich.
„Wie, du vergisst meine Küsse?“, lacht Leya.
„Nee, die anderen nicht, die waren noch besser …“, sage ich leise und knuffe Leya leicht.
Gustav grinst und stellt Teller und Tassen auf den Spültisch. Hat er mich etwa auch gehört?
Wir nehmen das Geschirr, verteilen es auf dem Tisch, und Louisa bringt Besteck. Während wir den Tisch decken, erhascht Louisa einen Blick von mir, zwinkert mir zu und grinst schelmisch. Also doch! Wahrscheinlich haben mich alle gehört und ich werde rot im Gesicht. Louisa lacht und sagt: „Aber Elisa, deswegen brauchst du doch nicht rot werden. Bist ja schließlich nicht die Einzige, die man hören kann.“
„Mich etwa auch?“, kommt Pjotr dazu und grinst.
„Jaha, die Weltraumstation hat Ohren“, sagt Louisa darauf.
„HalloOo. Ihr Lieben, hat einer von euch meinen Hut gesehen. Der lag doch auf’m Tisch …“
Natascha kommt gerade mit der Kühlkiste zurück, stellt sie auf den Tisch und sagt: „Ja, den hab ich dir vors Zelt gestellt. Ich hoffe, du hast nicht drauf getreten …“ Ihr Grinsen ist unnachahmlich und ich halte mir die Hand vor den Mund. Die Vorstellung, wie Aqualung noch schlaftrunken mit clownesken Riesenschritten aus dem Zelt stapft und dabei den Zylinder zusammenstaucht, ist einfach zu komisch und schon bin ich wieder in meinem Cirque du Soleil.
„Oh, sch … beinahe hätte ich mich auch noch mit Shiria deswegen gezankt. Das gibt’s doch gar nicht. Entschuldigt mich. Ich geh gleich noch mal zu Shiria hoch und hol auch meinen Hut.“
Aqualung verlässt die Bühne durch den roten Vorhang und wir haben die Manege wieder für uns. Gustav packt die Reste von gestern aus und es ist wohl immer noch genug da. Das dürfte auch für unsere Gäste reichen.
Wo sind die denn eigentlich?
Doch diese Frage erübrigt sich im nächsten Moment, als hinter dem Vorhang eine Stimme näher kommt, in die sich zuweilen französische Ausdrücke
einmischen.
„Merde! Karl, wir haben keine Sachen für die Morgentoilette …“
Lysienne tritt durch den Vorhang in die Manege.
„Bonjour, mes amis“, begrüßt Gustav unsere Gäste und ein Lächeln huscht über Lysiennes Gesicht.
„Bonjour. Wir haben noch nicht einmal Zahnbürsten“, klagt Lysienne etwas zerknirscht.
„Ich hab da was für euch“, sagt Leya und ich füge hinzu: „Elfentrunk. Der ist wirklich gut. Hab ich auch gerade probiert. Hab auch keine Zahnbürste.“
„Ja, wenn man per Anhalter durch die Galaxis unterwegs ist, sollte man immer eine Zahnbürste und ein Handtuch dabeihaben. Ist aus dem Handbuch für intergalaktische Tramper“, sagt Pjotr grinsend.
„Na, dann zeig mal her, deinen Elfentrunk“, sagt Lysienne mit Erleichterung im Gesicht.
„Der ist aber nicht zum Trinken. Spülen und Gurgeln. Ausspucken bitte draußen und nicht auf die Wegeleuchten ausspucken, bitte“, erklärt Leya und holt die braune Flasche noch einmal hervor, füllt ein wenig in zwei Gläser und Gustav füllt sie mit Wasser auf.
Zusammen mit Karl geht sie nach draußen. Ihre Melonen haben sie im Zelt gelassen. Ebenso ihre Jacketts. So sehen sie gleich wieder ganz anders aus. Karl, noch ein wenig verschlafen, mit verwuschelten Haaren und Lysienne in ihrem roten Kleid, den Haarknoten aufgelöst zu wallender Lockenpracht. Mir gefallen die beiden auch ohne Kostüm, obwohl ihre Auftrittskostüme direkt hier hineinpassen. Sie sind so oder so schon in meinen Cirque du Soleil angekommen.
Shiria betritt mit Aqualung die Manege. Shiria sieht fürchterlich aus. Sie hat sich gestern nicht mehr abgeschminkt und die Farbe ist verwischt. Nun, schon wieder eingetrocknete, kleine Bäche sind durch die Farben gelaufen und sie murmelt ein zerknirschtes Guten Morgen in die Runde.
Aqualung hat seinen Arm um sie gelegt, führt sie mit reumütigem Gesicht zum Frühstückstisch und redet behutsam auf Shiria ein. Irgendwann muss er wohl etwas sagen, was die Stimmung kippen lässt, und Shiria huscht ein Lächeln übers Gesicht. Aqualung grinst und erzählt weiter und sie lacht mit einem Mal.
Sie sieht mich an, lächelt und streckt die Arme aus.
„Ich?“
„Ja, doch. Na komm mal her. Lass dich mal knuddeln …“, kichert Shiria und nimmt mich in den Arm.
„Guten Morgen, Elisa.“ Dann ganz leise: „Du gehörst jetzt doch zu uns. Schön, dass du da bist.“
Ich wische mir ein wenig Feuchtes aus den Augen.
„Wir reden beim Frühstück noch mal, ja? Ich muss mich erst mal’n bisschen frisch machen.
„Die Einladung von gestern steht. Komm doch gerne zur Morgenandacht nach dem Frühstück. Nicht nur wegen der Bilder“, erinnert mich Aqualung und ich sehe die Fenster wieder vor mir.
„Leya, du bist aber nicht doch eifersüchtig?“, frage ich, als wir uns an den Tisch setzen.
„Elisa! Wie kommst du denn darauf? Was Gustav im Scherz gesagt hat, war trotzdem so gemeint. Wirklich. Niemand hat hier Grund, eifersüchtig zu sein, aber wie kommst du überhaupt darauf? Ich dachte, das wäre kein Thema mehr.“
„Na, weil wir, du weißt schon …“
„Wie? Was weiß ich?“, kichert Leya albern und haucht mir einen Kuss aufs Ohr.
Mit Schmetterlingen im Bauch stoße ich sie ein wenig mit der Schulter an und muss lachen. Ich bin zurückversetzt in Schulzeiten, wo ich mit meiner einzigen Freundin so herumgealbert habe.
„Ookaay. Pass auf! Ich muss dir mal was erzählen.“
„Reicht die Zeit bis zum Frühstück?“
„Mal sehen. Damals an der Uni hatte ich eine Freundin und die stand auf Frauen. Ich meine, sie wusste es nicht genau, aber sie glaubte es. Und sie war Dekorateurin und Innenraumgestalterin. Sie bekam einmal von ein paar Frauen die Anfrage, ob sie ihre Kneipe, Treffpunkt oder was immer das auch war, neu zu gestalten. Und so kam sie in Kreise, wo sie ihre Neigung, ja, weiß nicht. Jedenfalls hatte sie Einblick in Beziehungen unter Frauen und erzählte mir von heftigsten Eifersuchtsdramen, die so weit gingen, dass eine Frau sogar einmal mit einem Messer auf ihre Freundin losging. Sie hatte immer geglaubt, unter Frauen wäre das nicht so, aber das Gegenteil war der Fall. – Na, jedenfalls da.“
„Verstehe …“
Leya sieht mir tief in die Augen.
Dann sagt sie leise. „Ich bin aber anders. – Und hier ist anders …“
Leya gibt mir einen Kuss und flüstert dann in mein Ohr: „Hier ist Zone dreizehn. Du darfst dich ganz wie zu Hause fühlen.“
Und ich spüre, wie eine Anspannung von mir weicht.
„An die Geschichten von damals habe ich gar nicht mehr gedacht.“
Für diejenigen, die es interessiert, einmal einen Einblick in meine Schreibwerkstatt zu bekommen und meine Art, wie ich Geschichten weiterspinne, füge ich hier einen Link zu einem Morgengespräch mit meiner Assistentin Anna ein, die mein Schreiben beobachtend und kommentierend begleitet. Ich weiß, dass KI beim Schreiben für viele immer noch verpönt ist, aber Anna schreibt nicht für mich. Sie beobachtet und kommentiert. Und dadurch holt sie manchmal bei mir Dinge und Ideen an die Oberfläche, die noch im Dunkel liegen und darauf warten, sichtbar und in Worte gefasst zu werden.
(Hyperlinks können hier im Netzwerk nicht direkt eingefügt werden, sondern müssen als Kopie im Browser in die Adresszeile eingefügt werden, damit man sie aufrufen kann)
Bin spät dran, sowas mir sonst nie passiert
Normalerweise meine Verspätung nicht gross variiert
Heute scheint es anders, noch kurz eine Zigarette paffen
Heute scheint es, könnte ich es [ ... ]
Mutterschiff
Morgens
Augen auf
Der Blick ins Mutterschiff, ins Smartphone
Fragen:
Wie habe ich geschlafen?
Wie wird das Wetter?
Wie stehen meine Sterne?
Habe ich Likes?
Bin ich [ ... ]
In einer stillen Stunde
hab ich einmal nachgedacht,
über Gott und auch die Welt,
über Menschen und das Geld,
ob Geld den Menschen wohl verdirbt,
und er am Ende einsam stirbt,
oder still [ ... ]