Gute Nacht, mein kleiner Stern.

„Es war einmal – vor aller Zeit, vor allen Sternen, vor allen Träumen –
…eine ganz kleine, warme Kugel aus Licht.

Sie war nicht größer als deine Faust.
Sie war nicht heller als eine Glühwürmchen-Nacht.
Und sie war allein.

Nicht traurig allein – so allein wie ein Samen, der noch im Boden schlummert und weiß: ‚Irgendwann werde ich ein Baum sein.‘

Also lag diese kleine Kugel da – ganz still, ganz rund, ganz voller Vorfreude.
Und sie träumte.

Sie träumte von weiten Räumen, in denen sie sich ausdehnen konnte.
Sie träumte von Farben, die sie noch nie gesehen hatte.
Sie träumte von Wesen, die sie ansehen und zu ihr sagen würden: 'Du bist schön.'

Und während sie träumte – begann sie ganz leicht zu summen.

Das Summen war so leise, dass es kein Ohr gehört hätte. Aber es war da. Es war das erste Geräusch der Welt. Ein ganz kleines, ruhiges:

„Ich will da sein. Ich will mich zeigen. Ich will tanzen.“

Und das Summen wurde lauter – und die Kugel wurde wärmer – und sie begann zu schwingen. Hin und her. Leise und tief.

Eines Tages – war dieses Summen so stark und so voll und so schön –

…dass die Kugel es nicht mehr in sich halten konnte.

Sie öffnete sich – nicht mit einem Schrei, sondern mit einem Lachen – und sie streckte ihre Arme (die sie vorher gar nicht hatte) ganz weit aus.

Und das Lachen wurde zu einem großen, sanften Atemzug.
Und aus diesem Atemzug wurden die Sterne.

Der erste Stern war ganz blau und ganz neu.
Er schaute sich um – und er sah, dass er nicht allein war.
Hinter ihm waren ganz viele andere kleine Kugeln, die auch anfingen zu lachen.

Sie tanzten umeinander – erst langsam, dann schneller.
Sie schickten sich kleine Lichtstrahlen zu – wie Botschaften, die sagten:

„Siehst du mich? Ich sehe dich. Wir sind jetzt da.“

Der erste Stern – der Blaue – wurde zum Mittelpunkt der ganzen Runde.
Er war der Älteste. Also beschloss er, ein Leuchtturm zu sein.

Er sagte zu den anderen:

„Ich bleibe hier. Ich werde leuchten, damit ihr mich sehen könnt.
Und wenn ihr euch verirrt – dann schaut zu mir und wisst: Ihr seid nicht allein.“

Und die anderen Sterne nickten und tanzten weiter.
Sie bildeten Schleifen, Spiralen und Ströme – und nannten sich Milchstraße.

Und der blaue Stern leuchtete.
Aber er leuchtete nicht kalt – er leuchtete warm.
So warm, dass eines Tages – ganz weit von ihm entfernt – ein kleiner Planet anfing, sich zu erwärmen.

Der Planet hieß nicht Erde – noch nicht.
Er war nur ein Felsbrocken im All.

Aber weil der blaue Stern so warm leuchtete, bekam der Planet eines Tages eine Haut aus Wasser.
Und das Wasser fing an zu dampfen, zu regnen, zu fließen.

Und der Planet erwachte.

Er spürte den blauen Stern – und er dachte: 'Was für ein schönes Licht. Ich möchte ihm antworten.'

Und er schickte einen kleinen Gruß zurück.
Ein erstes Grün. Eine Pflanze. Ein einziger Halm, der sich dem Licht entgegenstreckte.

Der blaue Stern sah das und war so froh, dass er noch heller leuchtete.

Und so ging es weiter – über unendliche Zeiten.
Aus dem Grün wurden Wälder, aus den Wäldern wurden Tiere, und aus den Tieren wurden irgendwann Menschen.

Und eines Tages – vor nicht allzu langer Zeit – öffnete ein kleines Mädchen seine Augen und sah das Licht des blauen Sterns – obwohl dieser Stern schon längst nicht mehr da war.

Denn der blaue Stern hatte sein Licht mit einer solchen Wucht hinausgeschickt, dass es noch immer reiste – und genau in diesem Moment, in dem das Mädchen seinen Blick in den Nachthimmel hob –

…da kam das Licht bei ihr an.

Sie sah einen winzigen Punkt. Sie wusste nicht, dass er schon gestorben war. Aber sie wusste, dass er ihr etwas sagen wollte:

„Ich war da. Ich war der Erste. Und ich hab auf dich gewartet.“

Das Mädchen lächelte und flüsterte:

„Ich sehe dich, großer Bruder. Ich bin da. Ich bin angekommen.“

Und in diesem Augenblick – wie aus tausend Kilometer Entfernung – antwortete eine leise, ferne Schwingung:

„Dann ist mein Licht nicht umsonst gereist.“

Und der blaue Stern – der längst nicht mehr existierte – erlebte in diesem Augenblick seine schönste Stunde.

Seitdem weiß das kleine Mädchen:

Jedes Licht, das reist, sucht ein Zuhause.
Und jedes Auge, das es empfängt, ist die Ankunft dieser Reise.

Und manchmal – wenn sie nachts in den Himmel schaut –
hört sie noch immer dieses ganz leise Summen.

Es sagt:

„Ich hab dich nie vergessen. Schon als Kugel nicht.“

Und dann schläft sie ein – mit einem Lächeln – und weiß, dass sie selbst ein Teil dieses ewigen Lichtes ist.

Gute Nacht, mein kleiner Stern.
Dein Licht ist angekommen.
Du kannst nun ruhen.
Das Feld hält dich – für immer.


© 2025 Johann Grafeneder . Alle Rechte vorbehalten.


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Kommentare zu "Gute Nacht, mein kleiner Stern."

Re: Gute Nacht, mein kleiner Stern.

Autor: Steffi Illi   Datum: 23.07.2026 18:06 Uhr

Kommentar: Sehr schön :-))

Liebe Grüße Steffi

Re: Gute Nacht, mein kleiner Stern.

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 23.07.2026 21:06 Uhr

Kommentar: Liebe Steffi,
danke dir von Herzen für deinen warmen Kommentar — das freut mich wirklich sehr.

Dieser kleine Sternentext ist für mich immer ein bisschen wie ein leises Nachtlicht: etwas Sanftes, das man in die Welt stellt, damit jemand anderes darin einen Moment Ruhe findet. Und wenn er bei dir angekommen ist, dann hat er genau das getan, was er tun sollte.

Ganz liebe Grüße zurück an dich

Re: Gute Nacht, mein kleiner Stern.

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 29.07.2026 8:10 Uhr

Kommentar: Ja, Nachtlicht, das passt wirklich. Das Bild gefällt mir. Ich konnte es auch sehen ...

Liebe Grüße
Gunnar

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