Die Decke über mir wird mit jedem Tag niedriger, die Wände rücken mir jedem Tag näher, der Raum nimmt mir den Atem. Die Stille, die mich immer mehr durchdringt, schmerzt. Wo ist das leise Säuseln des Windes an den Fensterläden? Wo ist das Spiel der Kinder geblieben? Wo die Stimmen der Menschen, die ich lieb gewonnen habe?
Die Stille hat alles langsam, unmerklich aufgefressen, hat es in die vergilbten Wände aufgesogen und nun will sie mich.
Doch ich ahne, dass es dort draußen etwas gibt, das größer ist als die Stille.
Wie lange habe ich die Tür nicht mehr geöffnet? Wie lange glaubte ich, dass sie verschlossen sei und habe es nie probiert.
Und dann halte ich den Griff in der Hand. Ich drücke ihn quietschend herunter, und er bewegt sich. Einen Spalt nur öffne ich die Tür, luge hinaus.
Wer gibt mir Antwort auf meine Fragen? Ist es das, was ich will? Erfüllt es meine Wünsche? Werde ich je zurückkehren, wenn ich die Sicherheit der Enge verlasse?
Ich öffne die Türe etwas weiter, gegen den Widerstand, den sie mir entgegenbringt.
Ich weiß, die Enge will mich nicht gehen lassen, aber ich drücke gegen den Widerstand, gegen die eingerosteten Scharniere, gegen die Unbeweglichkeit, die Starre und sie gibt nach.
Frisch weht mir ein Hauch entgegen, der den Geruch nach feuchter Erde mit sich bringt. Geruch nach Morgen, schlafenden Gräsern und einer Welt, die noch nicht erwacht ist, dringt durch den Türspalt. Er drängt sich in die Enge und füllt sie aus, füllt mein Herz aus und meine Gedanken beginnen ziellos zu kreisen.
Eine plötzliche Böe reißt mir die Tür aus der Hand. Und einen Moment scheint es mir, als habe ich sie nicht aufgedrückt, sondern festgehalten, unsicher, ängstlich. Als habe ich Angst, von einer unsichtbaren Hand dort hinausgezerrt zu werden, hinaus in die Weite und ich könnte mich verloren geben.
Der Ruck der Tür, das plötzliche Zerren hat mich hinaus purzeln lassen in eine feuchte Weite.
Wolken, dicht, wattig, nass zusammengeballt, hängen dunkel über mir, rätselhaft, unergründlich, ohne Anfang und ohne Ende, Sie sind einfach da, ziehen über mir, stoisch und streichen weich und nass, mit der einzigen Zärtlichkeit, die nur sie kennen, über meinen Kopf.
Meine Schuhe sind durchdrungen von Nachttau, kalt bis auf die Haut, Atemwölkchen zerfasern, lösen sich in Nichts und um mich die dunklen Wächter der Nacht, doch sie schlafen still, mein Blick vor diesem großen Bild demütig geneigt, verliert sich in den Perlen der Nacht, die auf den Gräsern liegend auf den Morgen warten.
Die Ärmel meiner Bluse kleben nass an meinen Handgelenken und auf einer Seite noch Spuren, dort, wo ich ins Heidekraut gefallen bin, als ich, mitgerissen von der plötzlichen Böe, in diese Welt hinein purzelte. Ich habe die feuchte Erde versucht abzuwischen, doch ich habe sie nur weiter verschmiert.
Nun stehe ich hier.
Mich fröstelt.
Mein Blick in die Ferne gerichtet, zwischen den dunklen Silhouetten der wenigen Wacholderbüsche hindurch in das ungewisse Grau, in dem alles zusammenfließt. Das Aquarell des beginnenden Tages lässt noch alles offen. Der Wind wird leiser, das leise Säuseln erstirbt und ich fürchte, die Stille könnte mir auch hierher folgen, doch in diesen grauen Morgen, der noch nicht ganz erwacht ist, zwitschern erste Vogelstimmen hinein. Eine Amsel, die sich nicht sicher ist, ob sie schon wach sein sollte, doch ein andere antwortet von fern, dann aufgeregte Sperlinge, die den Morgen herbeirufen, die mit Brausen plötzlich allesamt aus einem Busch aufstieben und sich dann in das Heidekraut tropfen lassen.
In dem Grau des Morgens erscheint ganz vorsichtig tastend ein schmaler rosiger Streif, der den Horizont vom Himmel trennt. Das dichtwattige Grau lockert sich und wird vom anbrechenden Licht rosigorange eingefärbt. Dieses freundliche Licht lässt mir das Herz aufgehen und dann wird es heller, wird zum glühenden Streif, der die Wolkenränder entzündet und golden brennen lässt.
Und dieses Feuer setzt auch mich in Glut, die mich die Feuchtigkeit am Arm und an den Handgelenken schlicht vergessen lässt. Mein Blick schweift in die Landschaft, die sich vor mir auftut, die mir scheinen will, als sollte ich sie kennen. Doch wie lang ist es schon her, dass ich als junges Mädchen mich hinter Wacholderbüschen versteckte und mich von meiner lieben Freundin finden ließ. Nie konnte ich mir leises Kichern verkneifen, sodass sie mich immer fand um ihren Fund dann fest in die Arme zu schließen und zu küssen. Ich liebte dieses Spiel und erst der Abend und das ferne Läuten der Abendglocke der Kirche im fernen Nachbarort rief uns nach Hause, wo wir dann müde und glücklich zu Abend essen durften. Oft kam sie noch mit zu mir und wenn meine Mutter fragte, was wir den lieben, langen Tag gemacht hätten, sahen wir uns an, grinsten verstohlen, doch das reizte immer eine von uns zum Lachen. Meine Mutter gab sich mit diesem Lachen zufrieden, zeigte es ihr doch, dass zwei glückliche Kinder an ihrem Tisch saßen.
Der leuchtende Streif am Horizont wird breiter, steigt auf und dann schiebt sich die heiße Sonnenscheibe über den Horizont. Wolken verbrennen im goldenen Feuer und die Wärme trifft mich ganz unvermittelt. Ich möchte ihr etwas zurufen, sie begrüßen, doch mein Mund ist trocken von der Stille, die mich so lange umgeben hat. Ich habe es schon lange nicht mehr gespürt, doch jetzt bemerke ich den staubigen Geschmack. Am liebsten würde ich einen Grasbuschen nehmen und den Nachttau in meinem Mund spüren wollen. Ich würde zu gern wissen, wie der Geschmack der Nacht ist, wie sich das Gras in meinem Mund anfühlt, doch irgendwo tief in meinem Gedanken ist noch etwas anderes, das mir sagt: „Du bist doch keine Kuh!“ So lasse ich den Gedanken wieder ziehen. Lasse ihn fortziehen mit den Wolken, die entzündet worden sind, und in einer Feuerlohe glühend davonziehen. Der ganze Himmel erstrahlt in rosigen Tönen bis ins Orange. Darüber ist ein noch dunkles Blau gelagert, in dem der Rest der Nacht noch hängt, doch auch der ist bald verschwunden.
Wärme streichelt mein Gesicht und die Farben kehren in die Welt zurück. Ein unerhörtes Glücksgefühl hebt mich auf, beinahe dass ich schwebe, da schallt von Ferne her das Schlagen einer Autotür über die Heide. Unwillkürlich schaue ich in die Richtung, doch kann ich nur vage einen dunkleren Punkt ausmachen, nichts Genaues.
Dann schreit ein aufheulender Motor gequält über die Weite und der Punkt verschwindet im hellen Morgenlicht, löst sich direkt auf im flüssigen Gold, das bis über den Horizont in die Landschaft fließt.
Obwohl nichts mehr zu sehen ist, macht sich Neugier in mir breit. Etwas in mir sagt, ich solle hier bleiben. Möglicherweise würde ich doch nicht zurückfinden. In dieser Landschaft gäbe es keine Orientierungspunkte, an denen ich mich festhalten könne, doch ich gehe los.
Das Heidekraut ist noch feucht von der Nacht und meine Schuhe sind bald quittschig nass. Jeder Schritt macht ein saugendes Geräusch, und wenn ich nicht wüsste, dass es sich barfuß im Heidekraut nicht gut laufen lässt, hätte ich schon sehr bald meine Schuhe ausgezogen.
Nach einer Weile komme ich an einen Sandweg. Er scheint in die Richtung zu führen, in die ich mich auch orientiere. Im oberflächlich feuchten Sand sind Autospuren. Die feuchte Sandschicht ist aufgebrochen, der trockene Sand darunter quillt hervor, drängt den feuchten Sand beiseite, wirft ihn auf, wird zu Packeis an der Küste, wenn der Eisstrom ans Ufer drängt.
Ich folge der Spur und ziehe meine Schuhe aus. Der Sand unter meinen Füßen ist noch kalt von der Nacht, doch ich liebe dieses Gefühl des Sandes, diese Weichheit, die das Gehen etwas beschwerlicher macht, aber meine Füße umschmeichelt, dass ich die Langsamkeit gerne in Kauf nehme.
Die liebe Sonne wärmt mich und der Ärmel meiner Bluse trocknet und ebenso die Aufschläge um die Handgelenke. Das Licht ist hell und mit einer Hand decke ich das blendende Licht ab, kneife die Augen zusammen und halte Ausschau.
Dort, wo ich den Motor habe aufheulen hören, entdecke ich einen kleinen hellen Punkt. Noch scheint er weit entfernt oder sehr klein zu sein, doch das werde ich erkennen, wenn ich näher komme. Der Sand zu meinen Füßen hat schon ein wenig Wärme aufgenommen und umschmeichelt warm meine Füße. Nur wenn ich stehen bleibe und meinen Fuß in den Sand schiebe, ist gleich die Kälte der Nacht noch darunter. Aber noch brauche ich keine Kühlung. Und die Neugier auf diesen Punkt dort hinten, den ich mit dem Schlagen der Autotür und dem Aufheulen des Motors in Verbindung bringe, lässt mich vorwärtsgehen, nicht mehr innehalten, bis auf einen Moment, als ich besonders üppig blühendes Kraut zu meiner Seite entdecke. Einen Moment halte ich inne, dann gehe ich in die Hocke, knie mich in den feinen Sand und beuge mich hinab. Ein leicht honigsüßer Duft mit einem leicht medizinischen Unterton spielt um meine Nase. Eine Biene, die sich am frühen Morgen schon auf den Weg gemacht hat, summt vor meinem Gesicht und lässt sich von meiner Anwesenheit nicht stören.
Nach einer Weile stehe ich wieder auf, in der Hoffnung, dass sich der helle Fleck nicht verflüchtigt hat, doch er ist noch ganz genau an der gleichen Stelle wie zuvor.
Die Neugier ist noch drängender geworden und beschleunigt meine Schritte. Und auch wenn die Gräser in der Mitte des Weges ein wenig unangenehmer zum Gehen sind, nehme ich die Grasnabe, um schneller voranzukommen.
Bald wird der Punkt zu einer sitzenden Gestalt. Meine Neugier wird übermächtig, und auch wenn ich mir selbst sage, dass diese Gestalt keine Anstalten macht, zu gehen, werden meine Schritte immer weiter. Bald will ich anfangen zu laufen, als erwarte ich jemanden Bestimmten, aber es ist vielleicht doch die lange Zeit der Stille, die nun mit einem Mal diese drängende Sehnsucht weckt.
Erst als ich nahe genug bin, zu erkennen, dass es eine Frau ist, die auf einer Bank sitzt, verlangsamen sich meine Schritte. Ich sehe ihr weißes Kleid und einen breitkrempigen Strohhut, der einen Schatten wirft. Das Muster der feinen Löcher in der Krempe zeichnet ein Muster aus hellen Lichtpunkten auf ihr Gesicht.
Und als ich noch näher komme, bemerke ich ihr langes weißes Haar, das zu einem Knoten zusammengebunden unter der Hutkrempe hervorlugt.
Die Lichter liegen über einem Muster von feinen Falten, und ein jedes Fältchen in ihrem Gesicht erzählt mir eine eigene Geschichte.
Ich zögere.
„Darf ich?“
Ich zeige auf den Platz neben ihr.
Sie nickt still und der Hut wippt mit ihrem Kopf.
Lächelnd beobachte ich ihren wippenden Hut und setze mich.
Neben ihr steht ein Koffer, der seine besten Jahre schon hinter sich hat.
Es ist einer dieser alten Koffer aus Hartpappe mit einem lederbezogenen Metallgriff und Messingschlössern, die schon ein wenig ramponiert sind und von vielen Berührungen dunkle Patina angesetzt haben, an den Stellen, wo man sie bewegt, jedoch immer wieder blank poliert wurden.
Der Koffer selbst ist weiß lackiert, nur an manchen Stellen lugt unter der weißen Lackschicht aufgekratzt die braune Pappe hervor.
Wir sitzen still nebeneinander und ich spüre, dass sie mich unentwegt ansieht.
Mir ist das unangenehm, aber ich sage nichts.
Ich starre vor mich hin und überlege, was ich jetzt machen soll.
Da spüre ich ganz sachte ihre Hand, wie sie nach meiner tastet und sie schließlich sanft streichelt, um sie dann festzuhalten.
Ich kann nicht mehr anders, als sie anzusehen. Und ich sehe ihr direkt in diese graugrünen Augen. Diese Augen, die im Sommer immer diese Farbe hatten.
„Du bist auch alt geworden …“
„Das war die Stille. Sie wollte mich auch noch, aber ich bin gegangen …“
Ich spüre eine unmerkliche Bewegung.
„Wollen wir,                    ich meine,            wir könnten noch einmal“
Sie steht langsam auf. Nicht dass sie den Eindruck macht, es fiele ihr schwer, nein, es ist langsam, überlegt, ausgekostet …
„Ja?            Soll ich?“
Sie nickt bedächtig mit dem Kopf und ihr Strohhut wippt. Dann hält sie sich die Augen zu und dreht sich von mir weg.
„Bis zwanzig. Ja?“
Ich laufe los. Das Heidekraut kratzt an meinen Füßen, doch es stört mich nicht.
Ich stelle mich hinter den nächsten Wacholderbusch.    

„Zwanzig!“, ruft sie mit heller Stimme.

Ich höre ihre Schritte näherkommen und ich kann mir ein leises Kichern nicht verkneifen.
Der Strohhut lugt um die Ecke, bevor ihr Gesicht auftaucht.
Dann ihr strahlendes Gesicht, ihre Arme, mit denen sie mich zu sich zieht, fest an sich drückt und ihre überschwänglichen Küsse.
Und unser Lachen.
„Weißt du noch, was deine Mutter immer gefragt hat …?“


© Gunnar Buchheister


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Kommentare zu "Zwanzig"

Re: Zwanzig

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 05.07.2026 23:22 Uhr

Kommentar: Hallo Gunnar, vielen Dank für deine Nachricht und dass du die Geschichte mit mir geteilt hast! Ich habe „Zwanzig“ gerade gelesen – und ich muss sagen, sie hat mich richtig berührt. Du hast die Atmosphäre der Enge und der Stille unglaublich dicht und fast physisch spürbar gemacht. Man fühlt richtig, wie die Wände näher rücken und wie schwer die Luft wird. Und dann dieser langsame, vorsichtige Übergang hinaus in die Weite der Heide am frühen Morgen – das ist wunderschön gelungen. Die Sinneseindrücke (der Geruch der feuchten Erde, der Nachttau, das Licht, das langsam kommt, die Vogelstimmen) sind sehr lebendig und emotional. Man spürt die Befreiung körperlich mit. Besonders stark fand ich den Kreis, den die Geschichte schließt: von der erwachsenen, gealterten Frau, die aus ihrer selbstgewählten Stille ausbricht, zurück zu dem kindlichen Spiel, dem Lachen, den Küssen der Freundin. Diese Szene am Ende mit dem „Bis zwanzig“ hat etwas ungemein Zartes und zugleich Kraftvolles. Sie wirkt nicht sentimental, sondern wie eine echte, fast heilende Rückkehr. Das Thema „Stille als Erosion“ (die ja auch in deinem anderen Text eine Rolle spielt) wird hier sehr persönlich und poetisch umgesetzt. Es freut mich wirklich, dass du aus meiner Geschichte eine eigene Sprungschanze gemacht hast. Das ist genau der Sinn solcher Austausche. Du hast etwas ganz Eigenes daraus entwickelt – mit deiner Sprache und deiner Sensibilität für Stimmungen und innere Bewegungen. An ein paar Stellen habe ich meine Ursprünge wiedererkannt, aber sie sind bei dir deutlich weiter gewachsen. Kurz gesagt: Die Geschichte hat Seele. Sie ist ruhig, aber sie hallt nach. Wenn du magst, können wir gerne noch über einzelne Stellen oder mögliche Feinheiten sprechen. Ich bin gespannt, wie sie bei den anderen im Netzwerk ankommt. Liebe Grüße
Johann

Re: Zwanzig

Autor: Susanne Kamjunke   Datum: 06.07.2026 13:42 Uhr

Kommentar: Hallo Gunnar, du hast mit Genuss jeden einzelnen Eindruck ausgekostet. Diese Enge, die Stille, wenn die Kinder aus dem Haus sind kenne ich auch. Die Schönheit der Natur, die uns immer auffängt. Das Ende, an dem die Freundschaft, die Liebe zurückkehrt gibt deiner Geschichte einen besonderen Zauber.

Lieb Grüße, Susanne

Re: Zwanzig

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 08.07.2026 0:02 Uhr

Kommentar: Lieber Johann, liebe Susanne,
danke für eure Kommentare. Sie bedeuten mir viel. Vielleicht viel mehr als ihr denkt, weil es für mich kein Schulterklopfen ist, kein: "Du hast ne tolle Geschichte geschrieben", sondern es zeigt mir, dass ich einmal wieder zwei Menschen damit berühren konnte. Und das wiederum berührt mich selbst. Ich kann es nicht anders ausdrücken und vielleicht ist es ja auch genau so richtig. Denn es ist genau das, was ich mir wünsche. Menschen berühren, mit Worten, mit Bildern, mit Begegnungen und Geschichten, worin sich mancher mit seiner eigenen Geschichte wiederfinden darf.
Liebe Grüße
Gunnar

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