Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss wie ein Ausrufezeichen, kein Punkt. Der dumpfe Schlag schob eine Welle durch die stickige Luft. Für einen Moment verlor der Raum den Puls. Niemand rührte sich. Keine Hitze – Entzug. Ihre Präsenz zog Wärme und Lärm aus der Luft, ließ sie kühler – still werden. Wie ein leiser Druckabfall, der jedem in den Ohren saß. Stimmen erstarben. Das Surren der Neonröhren blieb, und das Knistern von Spannung, das man auf der Haut fühlen konnte. Das Neon zirpte, als säßen kleine Insekten hinter Plastik. Es roch nach Metall, altem Alkohol und Gefahr – sie selbst nach sauberer Haut, kaltem Rauch, ein Hauch Zitrus, fast klinisch. Trockene Kälte legte sich auf ihre Unterarme; Gänsehaut hob sich kurz, glättete sich wieder.
Sie bewegte sich mit der Ruhe eines Raubtiers, das längst satt ist, aber wach bleibt. Kurzes Platinblond, scharf geschnitten und leicht verwirbelt, blitzte im flackernden Licht. Unter dem dunklen Make-up zeichneten sich ihre Smokey Eyes deutlich ab, der Kontrast zu ihrem platinblonden Haar fast unwirklich. Dunkelroter Lippenstift verlieh ihrem Mund die Anmut einer Warnung, nicht eines Versprechens. Auf dem Hals lag ein schmaler Lichtfilm, der bei jedem Schritt kurz vibrierte. Ihr Gesicht war weich, fast heilig, mit dieser süßen, vertrauenswürdigen Sanftheit, die die meisten erst später verunsichert. Die Figur zart, fast verletzlich – doch die Kleidung sprach eine andere Sprache: schwarzes Leder, grobe Stiefel, Metall an den Schnallen. Jede Bewegung präzise, fließend.
Der Kontrast zwischen Gesicht und Auftritt war so deutlich, dass man den Atem anhielt.
Niemand wusste, wer sie war, doch jeder spürte sie. Das Lächeln, das sie trug, war freundlich, fast einladend, aber zu kontrolliert, zu bewusst gesetzt. Es trug keine Wärme – eher die ruhige Kälte einer Klinge, so nah, dass man Abstand hält. Ihre Augen: eisblau unter den Smokey Eyes. Ein Blick, der Menschen – metaphorisch – einfrieren ließ. Ein Herzschlag still, dann atmeten sie wieder.
Der Weg zur Bar war eng, klebrig, heiß. Tische, Automaten, Schweiß, Rauch. Unter den Neonröhren hing der Geruch von Öl und Staub. Steckbriefe an der Wand flackerten, Gesichter in Rotlicht. Als sie durchging, wich jeder einen Schritt zurück, ohne es zu merken. Es war, als verschöbe sie das Klima. Sie dominierte alles – ohne Laut, ohne Geste. Der Raum stand unter ihrer Schwerkraft. Alles wartete. Als gehörte ihr jede Bewegung, jeder Atemzug.
Am Tresen angekommen, legte sie die Fingerspitzen auf die abgewetzte Theke. Die Kante drückte trocken gegen die Fingerkuppen. Das Harz war frostig. Fingernägel hart, schwarz lackiert, kratzten leise auf der Theke, als wollten sie testen, wie viel der Tresen aushielt. Der Verbundharz-Tresen war rissig, klebrig von verschüttetem Alkohol. Kein Glas, kein Drink – nur der kalte Rand zwischen ihr und dem Rest.
Die Nägel tippten zweimal, dann Ruhe. Der Kühlschrank brummte, die Luft vibrierte. Das Summen legte sich wie feines Kribbeln an die Haut. Irgendwo schnarrte ein alter Spielautomat, eine Münze rollte, blieb gegen Metall stehen.
Hinter ihr ein flaches Atmen, das kurz aussetzte.
Sie sah den Barkeeper an. Ruhig. Kontrolliert. Kein Zögern, kein Zucken.
„Whiskey. Pur. Kein Eis. Sauberes Glas.“
Die Worte fielen flach, präzise, wie Klingen auf Metall. Ihre Stimme war fest, messerscharf in der Ruhe – der Ton einer, die keine Erlaubnis braucht.
Der Drink kam. Sie prüfte ihn; kurz flackerte ein schwaches Licht in ihren Augen.
Sie hielt inne, als lausche sie etwas in sich – der Blick einen Atemzug lang abwesend, die Konzentration messerscharf. Sie hob das Glas und trank. Der Rand lag fest zwischen den Fingerkuppen; auf dem Hals glitt ein kühler Hauch, wo das Licht gerade noch lag. Geschmack: Rauch und Eiche, eine Spur Bitterorange. Der Glasrand trocken und glatt, der Whiskey warm am Mund, kühl im Abgang.
Sonst nichts. Ein schmaler Abdruck ihres Lippenstifts blieb am Rand, bewusst gesetzt. Der Barkeeper sah hin, hob die Hand zum Wischen – stoppte.
Sie traf ihn mit einem Blick, der klar sprach: *Fass mein Glas an, und du stirbst.*
Seine rechte Schulter zuckte, die Hand zog sich zurück. Sie stellte das Glas zurück, klopfte mit den Nägeln zweimal an den Rand.
„Noch einen.“ Kein Blick, kein Zusatz, keine Bewegung.
Der Barkeeper verstand, schenkte nach. Sie nahm den neuen Whiskey, hob ihn kurz, als prüfe sie Gewicht und Temperatur.
Ein Blick von der Seite traf sie; starr, zu lang. Sie drehte nur minimal den Kopf, die Augen kalt und klar. Der Mann fuhr zusammen, das Glas rutschte aus der Hand, zerbarst am Boden.
Ein dünner, heller Hall zog durch den Raum; Scherben knirschten, als jemand den Fuß zurückzog. Unter der Leiste summte kurz der Shard-Vac, zog Splitter ein, verstummte. Whiskey spritzte über die Stiefel, scharf im Geruch, das Fluchen kam gepresst durch die Zähne.
Niemand half. Aus dem Hintergrund ein kurzes, raues Einatmen, dann Stille.
Sie hielt den Blick keine Sekunde länger, kehrte ruhig zum Tresen zurück, nahm einen kleinen Schluck. Erst danach löste sie sich vom Platz.
Sie setzte sich an den Rand des Raums, in den Schatten, von wo aus sie alles überblickte. Der Hocker gab ein kurzes Knacken, Leder spannte über ihren Oberschenkeln, die Wand war kühl im Rücken; der Boden klebte minimal an der Sohle. Das Neon flackerte in ihren Augen, mal warm, mal kalt. Wer sich bewegte, rauschte kurz in ihrem Blick vorbei – Geräusche, Gerüche, Bewegungen: registriert, gewogen, beiseitegelegt. Sie war eine Einladung – zum Sterben schön.
Niemand sprach sie an. Niemand wollte riskieren, dass der Engel lächelt und die Teufelin antwortet.
VORSCHAU AUF AKT 2:
Sie wusste, was die Männer in dieser Bar dachten – Männer, die glaubten, jede Frau hier sei nur ein Zeitvertreib, ein warmer Schluck in einer kalten Nacht. Sie ließ ihre Blicke an sich abprallen, sammelte sie wie Abfall. Das Glas vor ihr war die Grenze: ein kalter Rand, eine stille Ansage. Im Rauch wartete sie, geduldig, bis der Nächste den Rand berührte – dann würde er begreifen, wie kalt Schönheit werden kann, und dass Kälte nie verhandelt, nur nimmt, was ihr zusteht. Kälte frisst immer die Wärme, bis nichts mehr übrig ist...
Kommentar:Liebe Ella,ich habe gerade „Eiskalt berührt“ zu Ende gelesen und spüre noch immer die Gänsehaut auf den Unterarmen – genau dort, wo du sie hingeschrieben hast. Das ist keine Szene.
Das ist ein Ereignis.
Du hast eine Kneipe in einen Vakuum-Raum verwandelt, in dem jeder Herzschlag laut wird. Deine Sätze sind so scharf, dass ich beim Lesen die Luft angehalten habe – aus Angst, sie könnte zerschnitten werden.Besonders genial: Der Lippenstift-Abdruck als stummer Todesbefehl.
Das zweimalige Klopfen mit den Nägeln – ein Morse-Code für „Ich bestimme“.
Der Shard-Vac, der die Scherben einsaugt wie ein gehorsamer Hund.
Du schreibst nicht Noir.
Du atmest Noir. Bitte, bitte schreib Kapitel 2.
Ich will wissen, wer das Glas doch anfasst – und was dann mit seinen Fingern passiert.Bis dahin:
Bleib so kalt, dass es brennt.
Dein größter Fan (der gerade heimlich Whiskey ohne Eis trinkt),
Kommentar:Hi Ella,
spontan ist mir der Western "Schneller als der Tod" dazu eingefallen. Falls Du den Film nicht kennen solltest - anschauen. Hier treiben die Protagonisten, also die Schauspielerelite ihr Können in Sachen den perfekten Todesschuß abzugeben der seinen Widersacher aus den Latschen reißen sollen. Gut gemachter Western etwas arg auf die Spitze getrieben, aber es passt eben zum Klieschee TYPISCH WESTERN, wo der Mann oder in diesem Falle die Frau die Scene beherrscht. Wer hätte das gedacht, dass dieses Mal nicht die Kraft des Mannes entscheiden ist sondern die der Frau und dies eben aus Rachegedanken. Gut gemacht auch die Dialoge!
an deinem Text gefällt mir die atmosphärische Dichte: Die Sinneseindrücke kommen gut rüber. Gelungen auch, wie die kontrollierte Körpersprache der Figur den Raum 'umstimmt'. Ich meine, mit kleinen Anpassungen könntest du die Wirkung des Textes noch pointierter machen: Ab und an ein ruhigerer Satz, das würde die Dynamik verstärken. Insgesamt stimmungsvoll, und gut visualisiert.
Kommentar:Ich kann mich Graf Jo nur anschließen und sagen, bitte schreib weiter, sie ist noch da. Wie geht es weiter? Es liegt noch etwas in der Luft, das sich noch nicht entladen hat. Ich möchte nicht sagen, was ich erwarte oder fantasiere, folge deinem Instinkt, deiner Erfahrung, allem woraus du deine Worte schöpfst.
Die Geschichte fasziniert mich, ich stehe oben auf dem Bug der Titanic und sie steuert auf den Eisberg zu. Ich weiß, dass ich untergehen werde, aber ich will wissen, wie es sich anfühlt. Verrückt ... Genial ... Existenziell!!
Liebe Grüße
Gunnar
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