Es war eine mondhelle Nacht, als der 24-Jährige in der Stadt unterwegs war. Als er in die Kirchgasse einbog, fiel sein Blick auf den eingerüsteten Kirchturm, während er seine Bierdose schwenkte. Noch ein Kick fehlte, und die Nacht war perfekt. Er warf das Sicherheitsnetz zur Seite und stieg hoch. Ja, jetzt war er "der Kirche nah" und er würde Gott ein paar Takte sagen über das Leben. Als er auf halber Kirchturmhöhe war, wollte er diese Worte in die Nacht hinausschreien, aber es kam nichts aus seinem Mund heraus. Er hielt immer noch die Bierdose in der Hand und trank sie leer. Dann nahm er die Dose und schrieb damit Worte an Gott auf die Kirchturmwand.
Plötzlich wurde es laut auf der Kirchturmstraße, als ein Nachbarehepaar aus ihrem Haus trat und sagte, sie hätten die Polizei verständigt. Der junge Mann kam nicht vom Gerüst herunter, bis der Streifenwagen da war. Dann wurde er in Gewahrsam genommen.
Am nächsten Morgen fragten die Polizisten beim Pfarrer nach, ob er Anzeige erstatten wolle. Er wurde auch darauf hingewiesen, dass das Verfahren höchstwahrscheinlich wegen Geringfügigkeit eingestellt würde. Der Geistliche rieb sich den Bart und überlegte. ` Auch einen Rechtsanwalt einzuschalten würde mehr kosten, als ein Eimer Wandfarbe.´
Dann ging er hinaus und besaht sich den mit Sicherheitsnetzen verhangenen Kirchturm. Er ging immer näher heran, bis er den Alu-Schriftzug lesen konnte. Da stand: Ich halte Gericht: Gott ist für mich...


© Karin Schaffer


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