In Dunkelheit, in der schier unendlichen Tiefe des Raumes, aus dieser schmerzlichen Lautlosigkeit heraus, ertönt ganz leise fern monotones Klacken eines Metronoms. So fern und ist doch Dröhnen, das alles übertönt. Es gibt einen Walzertakt vor, einen Takt, der Musik erwartet, doch die Stille wird nicht gestört, nicht durch das Brennen der Kerze noch durch das im Takt sich wiegende Mädchen, tanzend langsam ist es mal nah mal fern. Es tanzt auf Bodenlosigkeit, und ihr rotes Haar weht im Fluß der Zeit. Bleich, im matten Schein des Wachslichts, taucht aus der dunklen Weite der Knochenmann, der weiße Schädel grinsend, das Gerippe im gleichen Takt sich wiegend wie das Mädchen, kommt er näher. Kühle Luft und der Duft von weißen Lilien umschmeichelt die Beiden, ein unsichtbares Tuch, und der Knochenmann umfaßt ihre Tallie, führt sie fort ins Dunkel, sie kehrt zurück. Werbend, betörend verführt er, schmiegt sich an, mit festem Griff die bleichen Finger um ihre Brust nehmen ihr den Atem. “Ach mein Geliebter, halt mich fester, mir ist so kalt”, flüstert das Mädchen in die Stille, und die Farbe will ihr aus dem Gesicht nicht weichen. Sie öffnet die Augen. „Oh nein! Wehe dir, laß von mir ab!“ gellt ihr Schrei ins tiefe Dunkel, und mit aller Kraft reißt sie die morschen Knochen von sich, wift sie fort. Sie ringt mit dem klappernden Torso im flackernden Schein. Ihe Haar aufgewühlt zu loderndem Feuer, gelöst ihr Gesicht in fiebrig geschürter Glut. Der Knochenmann will sich nicht geschlagen geben, sich noch einmal erheben, doch springt sie fest endschlossen auf ihn, mit nackten Füßen, wild, ihr feuerrotes Haar verwirbelnd, lodernd, funkensprühend. Triumphierend lacht sie, kehlig, gurgelnd von verschluckten Tränen der Verzweifelung, hysterisch. Die bleichen Knochen zertanzt, weht weißer Staub fort im Wind der Zeit. Die Kerze will nun heller brennen, da drängt durch bauschende Vorhänge der Morgen, das frühe Licht vermischt noch mit dem Duft der Nacht.


© Karl Maria Sprachlos


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