Die Stimme der geheimnisvollen Frau war an diesem Abend noch klarer und noch heller. Jeder einzelne Ton vibrierte in so hoher, sanfter Frequenz, dass Millionen kleine Echos widerhallten, aus jedem Stamm, jedem Ast, jedem Blatt, jeder Wurzel und ja, sogar aus jedem lebenden Wesen im näheren Umfeld.
All abendlich wurden die Bewohner des nahe gelegenen Ortes angezogen von diesem erhabenen Gesang, und für einige Minuten war es so, als würde sie, die singende Schönheit aus dem Baum, wie sie liebevoll von ihnen genannt wurde, die Schwere ihres dumpfen Lebens aufheben. Äußerlich makellos, in vollkommener Erscheinung, wurde sie eines Tages, stets ihre Blicke auf das Meer gerichtet, in einem Baum sitzend entdeckt. Seither ward von niemandem mehr, der willens und fähig war dieses Lied zu fühlen, auch nur ein einziger Tag in Angst vor der Einsamkeit der Nacht verbracht.
Wie immer saß sie ganz oben, weit über den Lauschenden, in der voll ergrünten Krone des Baumes. Ihr Lied ging an diesem Sommerabend eine Liaison ein mit dem Meer, das sich nur wenige Schritte weiter zahm und besänftigt in kleinen Wogen an Land ziehen ließ.
Sie setzte soeben zum letzten Ton an, der beim Ausklingen alle Atem allen Lebens kurz über die Welt hinaus hob, als Äste und Zweige sich verbogen und brachen und sie mit einem stummen Schrei inmitten der Menschenmenge auf den Boden schlug.
Noch während des Falles, so schien es, hatte sie den Ton gehalten, und nun lag sie da, bewegungslos, ohne Bewusstsein, und niemand getraute sich wieder zu atmen.
Nach dem ersten großen Schrecken wuchs sogleich die Panik an und die entsetzte Menge lief hilflos durcheinander. Sie starrten den wunderschönen Körper immer wieder ängstlich an um ihn dann endlich vorsichtig aufzuheben und in den Ort zu tragen. In dieser Nacht schlief kein einziger, der Zeuge dieses furchtbaren Unglücks geworden war.
Der nächste Morgen brach an als wäre nichts geschehen, und sie, die Schöne aus dem Baum, war noch immer ohne Besinnung. Die Menschen waren erschüttert und hielten alle gemeinsam Wacht.
Der Tag verging ereignislos und die Augen des schönen Wesens blieben verschlossen.
Dann, kurz bevor die Sonne untergehen wollte, erklang das Lied, das die Menschen so sehr in ihr Herz geschlossen hatten. Alle schauten erschrocken auf das vollendete Gesicht der Schönen, doch sie war es nicht, die sang, ihr unerreicht perfekter Mund bewegte sich nicht, er schwieg.
Fassungslos blickten sich die Menschen gegenseitig in ihre ungläubigen Augen. Was war geschehen, wer wagte es, genau dieses Lied mit der Stimme der unbekannten Schönen aus dem Baum zu singen? Wie war es möglich?
Aufgebracht machten sich alle Bewohner des Ortes auf, um dem Gesang zu folgen. Sie eilten durch den Wald und hatten Laternen dabei. Sie kamen zu dem Baum an dem sie Tag für Tag ihrem Lied lauschten, doch an diesem Abend war niemand dort. Dennoch musste die Quelle des Gesanges in unmittelbarer Nähe sein, denn das Lied war klar und deutlich vernehmbar und so lieblich wie an allen Tagen zuvor. Weiter der Stimme folgend kamen sie zu einer kleinen Höhle, die zwischen dem Wald und dem Meer in einer Felswand dem Wasser zugewandt lag. Die Stimme wurde lauter je weiter sie sich näherten. Und der Unmut und die Missstimmung stiegen zeitgleich mit der Liebe und dem Wohlgefühl in ihnen an. Die Menschen betraten schimpfend und zeternd die Höhle. Dann blieben sie alle gleichzeitig stehen und verstummten.
Vor ihnen saß ein sehr kleines Wesen mit grünlicher Haut und schwarzen Haaren. Die übergroßen Augen von einem dünnen Häutchen überzogen wirkten grau und starr. Es war sehr hässlich anzusehen und es sang mit dieser unvergleichlich betörenden Stimme. Ein weiteres, viel kleineres Wesen dieser Art, das genauso grässlich anzusehen war, lag in den Armen des Größeren.
Die Menschen waren sofort einig, dass diese himmelsgleiche Stimme niemals dieser schrecklichen Kreatur gehören konnte. Sie forderten diese also auf, unverzüglich zurückzugeben, was sie der schönen Frau aus dem Baum vermeintlich gestohlen hatte. Doch die unansehnliche Gestalt sang unbeirrt weiter während sie ihren Nachkömmling in ihren Armen wiegte. Als das furchtbare Wesen der Aufforderung nicht nachkam, stürzten sich alle gleichzeitig auf die kleine, noch immer singende Gestalt und entrissen ihr als erstes ihre Brut. Sie erschlugen beide blitzschnell und warfen die leblosen Körper anschließend in das dunkle Wasser des Meeres. Dort nahm die See sie zärtlich an sich und trug sie fort, von Woge zu Woge.

Die wunderschöne Fremde aus dem Baum erwachte wieder, doch brachte sie keinen Laut hervor, denn sie war zeitlebens stumm gewesen, und das alles durchdringende und hebende Lied wurde niemals wieder gesungen.


© TEXT ELVA THALBACH / 2014


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Beschreibung des Autors zu "DAS WIEGENLIED"

Eine FABELhafte Kurzgeschichte



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