Ihr Gesicht ist Porzellan, wohlgeformt, unbewegt, ein blasser Teint, ein sanfte Nase, aufblühende Lippen von zartrosa und aprikose. Seidig hellblonde Locken hängen aus Haarschleifen quellend exakt bemessen auf das verzierte Kleid runter.
Ihre klaren großen Augen blicken leer. Der Mund ist stumm. Sie ist da, um bewundert zu werden. Sie bezaubert. Mit sachten Händen hingesetzt, bleibt sie in perfekter Haltung, wie für immer.
Sicherlich griffen patschige Kinderhände um die zerbrechlichen Arme, und zerrten an dem aufwändig bedruckten Stoff, doch du entdeckst keinerlei Anzeichen dafür. Du hast sie nicht auf dem staubigen Dachboden gefunden. Sie lag in Papier eingeschlagen in einer flachen Schachtel, versteckt ganz hinten im Wohnzimmerschrank.
Nun liegt diese Schachtel offen vor dir auf dem unbezogenen Bett im alten Kinderzimmer. Du wolltest eigentlich keine unnötige Zeit in deinem Elternhaus verbringen. Vorsichtig drehst du die Puppe. Die Jahre im Schrank gingen anscheinend spurlos an ihr vorbei. Unschlüssig betrachtest du sie und fragst dich, wozu du sie brauchen könntest, außer zur Erinnerung. Du solltest sie hierlassen. Das ist Kram, der nun wirklich keinen praktischen Nutzen hat. Schulterzuckend setzt du sie auf das unterste leere Regalbrett.
Du willst den Raum schon verlassen und streichst nochmal über ihre elfenbeinfeinen Finger, als dir plötzlich ein Gedanke kommt. Wenn Puppen Gefühle haben könnten, hypothetisch, welche wären es dann? Was sie wohl fühlte, als sie dir noch lebendig vorkam? Jetzt sitzt sie teilnahmslos da.
Ihre Augen mochten dir damals freundlich erscheinen, doch vielleicht verschleierte dieser starre Blick ihre Angst vor den drei kleinen lauten Riesen, die du und deine Geschwister für sie waren. Ihre Lippen mochten innerlich gezittert haben, du sahst nur das engelsgleiche Gesicht. Sie mochte kaum schlucken können vor Nervosität, aber konnte ja keinen Ton von sich geben. Deine Finger rissen an ihren Locken beim Frisieren. Ihre Beine mochten geschlottert haben, du hast sie dennoch zurechtgebogen. Der Körper, der immer steif war, schmiegte sich weich in deine Hände. Deine Fantasie ließ sie atmen. Temporäre Hilflosigkeit wäre nichts dagegen, sinnierst du.
Das Spiel verlieh ihr Persönlichkeit. Sie bewegte sich, wenn du sie bewegtest. Sie fühlte nichts, sie fühlte was du wolltest. Und sie beschwerte sich nicht, ganz egal wie lange sie in einer Ecke warten musste. Niemand hatte sie gefragt, ob ihr dieses Los gefiel. Und irgendwann, holtest du sie nicht mehr zum Spielen hervor.
Sie überstand alles ohne Kratzer. Welch ein Glück, für eine Puppe. Mehr könnte sie sich nicht wünschen. Du wirfst die leere Schachtel beim Hinausgehen in den Papierkorb, dann schließt du die Tür hinter dir.


© Robert Lier.scripts


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