Träumen

© Gunnar Buchheister

Träumen

„Das funktioniert nicht …!“ Seine Stimme ist schon beinahe schrill, und früher hätte mich diese Ansage wütend gemacht oder enttäuscht. Aber ich weiß, dass viele so denken.
„Jaah … Und ich sage dir, warum es so nicht funktioniert.“
Er sieht mich etwas erstaunt an. Damit hat er nun doch nicht gerechnet.
„Es funktionierte soo nicht, weil ihr denkt, dass es soo nicht funktioniert, ja, weil ihr denkt, dass es überhaupt nicht funktioniert. Ihr lasst es erst gar nicht an euch heran, weil ihr Angst habt, dass es doch funktionieren könnte.“
„Hmmm … Aber ich habe keine Angst. Wovor sollte ich denn Angst haben? Es sind doch nur Worte, eine kleine Geschichte. Nichts Großartiges! Was sollte mir daran Angst machen?“
„Doch du bist ein Schisser. Und du hast Angst. Und du verteidigst deinen Standpunkt, damit du gar nicht erst zulassen musst, dass die Geschichte dich berührt …“ Mehr muss ich nicht sagen.
Er murrt. Grummelig geht er nach draußen, trollt sich wie ein Hund, der etwas Schlechtes zu fressen bekommen hat. Draußen höre ich ihn gegen die Regentonne treten.
Ich werde ihm nicht hinterherlaufen. Der Geruch nach einer Zigarette dringt durch die Fensterritzen. Er ist noch da. Aber es spielt keine Rolle. Es ist überhaupt nicht wichtig, ob er wiederkommt. Wichtig ist, dass es immer wieder Menschen gibt, die ich erreiche, für die ich meine Träume schreibe.
Wichtig ist, dass immer einmal wieder ein Funken in das Dunkel fällt und bleibt. Ich schreibe das nicht für mich. Ich schreibe Träume für diejenigen, die die Dunkelheit dort draußen zu verschlingen droht. Ich möchte ihnen Öl schenken für die kleine Flamme, bevor sie von der Kälte, die uns allenthalben umgibt, erstickt wird. Und ich möchte neue Flämmchen anzünden, bei Menschen, die noch berührbar sind, die vielleicht gar nicht mehr wissen, dass sie eine dünne Stelle haben, wo sie noch nicht verhärtet sind. Diese möchte ich berühren und ihnen etwas geben, dass sie längst vergessen haben. Und ja, manchen macht es auch Angst, aber das ist nicht schlimm. Sie spüren aber etwas und es macht sie auch, bei aller Gegenwehr, neugierig. Ich weiß es, weil ich es oft genug erlebt habe.
Und so schreibe ich weiter, schreibe Träume in die Dunkelheit hinein. Flugblätter, die ich wie Herbstlaub in den Wind werfe, dass sie im Wind verwehen, irgendwo landen und gefunden werden. Und vielleicht ein Licht anzünden.
Manchmal sehe ich dieses Leuchten in Gesichtern, die mir in den Straßen begegnen, und dann will mein Herz frohlocken und treibt mich zurück in mein Kämmerlein, an meinen Schreibtisch, damit ich weiterschreiben soll. Träume schreiben, gegen die Kälte.


© Gunnar Buchheister


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Kommentare zu "Träumen"

Re: Träumen

Autor: Grafeneder Johann   Datum: 08.02.2026 18:34 Uhr

Kommentar: Lieber Gunnar

Du sitzt an deinem Schreibtisch, während die letzten Worte noch im Raum stehen. Die Zigarettenschwade des Zweiflers ist verweht, das Getrampel verhallt. In der Stille, die jetzt kommt, ist nur noch das leise Knistern der Seiten unter deinen Händen zu hören.

Draußen fängt es an zu dämmern. Das Licht wird blau und schwer, und irgendwo wirbelt ein Blatt über das Pflaster – eines von denen, die du ausgestreut hast. Vielleicht landet es unter einer Bank. Vielleicht in einer Manteltasche. Vielleicht bleibt es einfach liegen, bis der Regen es zu Erde wäscht.

Du schreibst nicht für die, die gegen Regentonnen treten.
Du schreibst für die, die heimlich hineinhorchen, welchen Ton sie gibt.

In deinem Kämmerlein wächst nicht nur das Geschriebene. Es wächst das Ungeschriebene mit. Die Stille zwischen den Zeilen. Die Möglichkeit, dass irgendwo, hinter irgendeinem Fenster, jemand aufblickt und merkt: Da brennt noch etwas. Da glimmt ein Funke, den die Kälte nicht erreicht hat.

Die Dunkelheit draußen wird niemals vollständig weichen. Das weißt du. Aber das heißt nicht, dass das Licht sinnlos ist. Es heißt nur, dass es geteilt werden muss. Dass es wandern muss. Von Seite zu Augen. Von Herz zu Herz. Von Traum zu wachem Atem.

Du legst den Stift hin. Er ist nicht leer. Er ist voll mit allem, was noch kommen wird. Mit Gesichtern, die du noch nicht gesehen hast. Mit Flämmchen, die sich noch nicht entzündet haben. Mit Briefen, die nie geschrieben werden, aber doch ankommen.

Draußen zieht jemand vorbei. Ein Schatten hinter dem Fenster. Vielleicht grummelt er immer noch. Vielleicht hat er die Zigarette ausgedrückt und spürt nun eine seltsame Wärme in der Brust – eine dünne Stelle, die er vergessen hatte.

Du musst es nicht wissen.
Du musst nur weiterschreiben.

Denn während du träumst, träumst du nicht allein.
Du nährst die stillen Feuer aller, die noch glauben,
dass ein Blatt im Wind
eine ganze Seele entzünden kann.

Und so sitzt du da –
der Hüter der Flämmchen,
der Sämann der Funken,
der Schreiber der unerlöschlichen Träume.

Die Nacht kommt.
Du zündest die Lampe an.
Nicht gegen die Dunkelheit.
Sondern für die,
die noch unterwegs sind.

Lg Johann

Re: Träumen

Autor: Gunnar Buchheister   Datum: 08.02.2026 22:48 Uhr

Kommentar: Danke, lieber Johann. Danke für diese wunderbare Reflexion. Ja, beim Schreiben dieses Textes kam mir wirklich die Idee, solche Blätter zu drucken und zu verteilen. Keine politischen Statements, keine Werbung für irgendetwas, kleine Texte, Minigeschichten, die ich als Funken in die Dunkelheit fliegen lasse. Die ich ein wenig vielleicht mit in den Büchertisch mische, beim Edeka "zufällig" auf dem Packtisch vergesse, oder bei der Sparkasse zwischen die Werbung mische.
Genauso, wie ich geschrieben habe, nicht um mir oder irgendjemandem etwas zu beweisen, sondern um vielleicht die dünnen Stellen, die noch da sind, zu berühren und zu halten, damit sie dünn bleiben. Und wenn vielleicht irgendwann einmal ein kleiner Zettel mit einem Danke da liegt, dann leuchtet mein Herz und ich werde erst recht so weiter machen.
Malinverno hat mich nicht darauf gebracht (die Idee habe ich schon länger), aber das Buch hat mir diese Vision gegeben, es wirklich umzusetzen.
Kein kleines Dorf in Mittelitalien, sondern ein kleines Dorf im Westerwald, wo sich seltsame Dinge zutragen, die niemand wirklich versteht.

Liebe Grüße
Gunnar

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